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DER SPIEGEL

So gesehenWahre Liebe

Was wir nie über deutsche Altkanzler wissen wollten
Es war eine Woche der ganz großen Gefühle, kanzlertechnisch. Während die amtierende Kanzlerin um ihr politisches Überleben bangte, flatterten aus dem Universum der Altkanzler zwei Zeitschriftentitel auf den Schreibtisch. Auf dem ersten Maike Kohl-Richter ganz in Schwarz, im Heft eine Fotostrecke der Witwe im Haus in Oggersheim, das sie offenbar in eine persönliche Helmut-Kohl-Gedenkstätte verwandelt hat: gigantische Porträts auf Fotos und in Öl, von seinem Schreibtisch im Souterrain ist die Rede, von seinen Trophäen. Sie lässt sein Grab per Videokamera überwachen. Sie hat sich im Haus eingemauert wie in einer Gruft, als wollte sie sich selbst lebendig begraben. Warum sie nach Kohls Tod Sohn und Enkeln nicht die Tür geöffnet habe? Aus "Angst um die Stille".
Auf dem zweiten Cover das Gegenprogramm: die Turtelbilder des letzten Altkanzlers mit seiner neuen koreanischen Lebensgefährtin in einem Park in Seoul – "Wird sie seine 5. Ehefrau?" – und den intimen Details seines neuen Glücks – "In Marburg lernte sie, wie man Bratkartoffeln zubereitet".
Die gute Nachricht: Der deutsche Altkanzler ist eine begehrte Spezies. "Ja, es ist Liebe!" Die schlechte: zweimal Gefühle für die Kamera, zweimal zudringliche Bilder, viel zu nah dran, zweimal der Kampf um Image und Deutung, zweimal Fremdschämen. Geht das wirklich nicht anders? Frau Merkel, wenn Sie Altkanzlerin sind, verschonen Sie uns!
Von Christiane Hoffmann

DER SPIEGEL 4/2018
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