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DER SPIEGEL

Früher war alles schlechterGenitalverstümmelung

Unbeschnitten. Nice Leng'ete ist eine Heldin. Als sie im Alter von acht Jahren beschnitten werden sollte, in ihrem Dorf in Kenia, rannte das Massai-Mädchen davon und versteckte sich die ganze Nacht, auf einem Baum. Später weigerte sich das Kind nicht nur immer wieder, sich dem Ritual zu unterwerfen; es überzeugte mit den Jahren die Stammesältesten und mit ihnen die ganze Gemeinde, dieser jahrhundertealten Praxis abzuschwören, bei der die Genitalien der Mädchen verletzt oder abgeschnitten werden, im Glauben, erst dies mache sie zu Frauen. Nice Leng'ete ist heute 27 Jahre alt, reist um die Welt, erzählt ihre Geschichte als TED-Talk oder der "New York Times", aber vor allem kämpft sie zu Hause weiter. Weltweit sind rund 200 Millionen Frauen und Mädchen Opfer von Genitalverstümmelung. Aber, so sagt Unicef, der Anteil der Neubetroffenen sinkt seit drei Jahrzehnten. In den rund 30 Ländern, in denen repräsentative Daten vorliegen, ist heute noch jedes dritte 15- bis 19-jährige Mädchen (37 Prozent) beschnitten, Mitte der Achtzigerjahre war es jedes zweite (51 Prozent). Die Richtung der Entwicklung stimmt also, aber sie verläuft noch zu langsam: Die Bevölkerung wächst schneller, als die Beschneidungsraten sinken, sodass die absolute Zahl der Opfer weiterhin steigt. Am Dienstag, dem 6. Februar, ist der Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung, und Unicef glaubt, die Praxis bis zum Jahr 2030 besiegen zu können. Es wird noch viele Frauen wie Nice Leng'ete brauchen, damit das gelingt. guido.mingels@spiegel.de

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DER SPIEGEL 6/2018
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