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DER SPIEGEL

KommentarIm Genasium

Erbguttests sind gefährlich – vor allem, wenn es um die Intelligenz und Bildung unserer Kinder geht.
Mediziner schwärmen, dass sie dereinst jedem Patienten eine für ihn maßgeschneiderte Therapie werden anbieten können. »Präzisionsmedizin« nennen sie das. Noch ist die Vision kaum übers Stadium der Träumerei hinausgekommen, da meldet sich bereits der nächste Fantast: Aus England kommt der Vorschlag, in den Schulen die »Präzisionsbildung« einzuführen. Per Gentest sollten die Gaben jedes Schülers ermittelt und dann seine Ausbildung darauf zugeschnitten werden.
Die Idee stammt von Robert Plomin, Englands berühmtestem Intelligenzforscher. Er fühlt sich beflügelt von Durchbrüchen seines Forschungsfelds: Nach Jahrzehnten vergeblicher Suche fangen die Genforscher an, im Erbgut so etwas wie Intelligenzgene zu identifizieren. Zuletzt durchforsteten sie das Genom von rund einer Million Probanden. Plomin berichtet, sie hätten dabei mehr als 1000 Orte im Erbgut dingfest gemacht, die einen Einfluss auf unsere Intelligenz haben. Dieser ist allerdings eher gering; alle 1000 zusammen können gerade einmal 10 Prozent der Intelligenzunterschiede zwischen den Menschen erklären.
Doch was anfangen mit solch einer Erkenntnis? Antworten werden nicht leicht zu finden sein. Vorschläge wie jener von Plomin helfen dabei nicht. Gefährlich ist nicht nur, dass er den Gentests so viel Macht über das Leben unserer Kinder zubilligt, sondern auch, dass er den Irrglauben an deren Aussagekraft nährt.
Gentests zur Grundlage für Bildungsentscheidungen zu machen ist absurd. Wer wissen will, wie intelligent sein Kind ist, für den gibt es eine Alternative zum Gen-Orakel: den IQ-Test. Dafür reichen Stift und Papier. Und vor allem: Der Aussagewert ist um ein Vielfaches höher.
Von Johann Grolle

DER SPIEGEL 15/2018
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