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DER SPIEGEL

IdentitätKrach im Kiez

 Die CSU lässt Kreuze aufhängen, der Zentralrat der Juden warnt Kippaträger. Dazu der ewige Streit ums Kopftuch – der Kampf um religiöse Symbole ist ein Kampf um die Leitkultur dieses Landes.
Kiez. Das klingt ein bisschen nach Folklore, nach Heimat. Nach Hoffnung auf ein gutes Leben im Kleinen, auf ein richtiges im falschen, die Sehnsucht nach Geborgenheit und Nachbarschaft, danach, dass die Welt eigentlich eine Welt aus lauter Kiezen sein müsste, in der sich die Menschen kennen und mögen, und wenn sie sich mal nicht so sehr mögen, was ja vorkommen kann, einander auf jeden Fall in Ruhe lassen.
Der Helmholtzkiez in Prenzlauer Berg ist eines der bekanntesten Viertel Berlins. Den Helmholtzplatz, der diesem Kiez, dieser Ecke der Stadt, den Namen gibt, nennen die Berliner Helmi, was sich nett anhört und gemütlich. Hier findet sich das global fühlende Berlin der Offenheit und Toleranz, es ist ein Zentrum eines universalen Lebensstils, wo die Leute ganz selbstverständlich Deutsch oder Englisch sprechen und im Zweifel eher Englisch. Und seitdem vor ein paar Jahren der Helmi sogar von Ratten befreit wurde, kann man sich in diesem Viertel so wohl fühlen wie ein Weltbürger im paradiesischen Safe Space, der für die Härten des Lebens und für die Konflikte dieser Welt nur ein Kopfschütteln übrighat.
Dann aber wagte am Dienstag vorvergangener Woche, an einem frühsommerlichen Abend gegen 20 Uhr, Adam Armoush ein interessantes Experiment. Armoush ist ein 21-jähriger Israeli, seine Familie hat arabische, jüdische und christliche Wurzeln, er lebt erst seit drei Jahren in Deutschland, seit einem Monat in Berlin, kommt aus Haifa und studiert Tiermedizin. Er hat jüdische Freunde, und eigentlich ist er in der verfeindeten Welt des Nahen Ostens eine Figur des Ausgleichs. Ein Bekannter hatte ihm eine Kippa geschenkt, ihm aber auch gesagt, dass es gefährlich sei, sie offen auf den Straßen Berlins zu tragen, was Adam nicht glauben wollte.
Also machte er sich zusammen mit einem Freund und der Kippa auf dem Kopf auf den Weg Richtung Helmholtzplatz. Er hatte ihn fast erreicht, als er auf drei arabische junge Männer traf, die begannen, ihn zu beschimpfen. Armoush nahm sein Smartphone, und das Video, das er nun drehte, ist schon jetzt ein zeitgenössisches Dokument deutscher Geschichte.
Einer der Männer, ein 19-Jähriger aus Syrien, schlägt mit seinem Gürtel auf Adam ein. Immer wieder ruft der Syrer: Jehudi, Jehudi. Jude, Jude. Immer wieder holt er aus, sie ringen miteinander, die Bilder wackeln, die Stimme Adams ist zu hören: "Ich filme dich, ich filme dich." Irgendwann kommt ein Mann und drängt den Angreifer weg. Adam ruft ihnen hinterher: "Du wirst sehen: Jude oder nicht Jude, du musst damit klarkommen." Keine 50 Sekunden dauert das Video. 47 Sekunden nur, aber schon nach wenigen Stunden am selben Abend entwickelt es seine ungeheure Kraft. 47 Sekunden, die vieles, wenn nicht alles infrage stellen.
Denn ist nicht auch Deutschland so etwas wie ein Kiez inmitten dieser globalisierten, aufgeregten Welt? Ein Kiez, in dem sich die Menschen gut eingerichtet haben, weil es hier ein bisschen ruhiger und geordneter zugeht als draußen auf dem Globus, wo die Flüchtlingsströme durch die Wüsten und über die Meere ziehen, wo Bomber fliegen, wo Giftgas die Menschen tötet, und wenn das nicht passiert, so bebt doch zumindest die Erde.

In Deutschland lebte man in der Hoffnung, dass hierzulande gar nichts mehr bebt, hat eine Kanzlerin gewählt, die seit 2005 darauf achtet, dieses Land fernzuhalten von allen Beben und Stürmen der Weltgeschichte; ein freundliches Land, weltoffen, liberal, sogar bereit, wie im Sommer 2015, fast eine Million Flüchtlinge aufzunehmen. Willkommen im Kiez!
Doch nun gibt es Krach in diesem Kiez, was auch damit zu tun hat, dass die Religionen, die in dieser säkularisierten Kiezrepublik namens Deutschland irgendwann eigentlich nur noch Folklore waren, die ein bisschen Lebenshilfe boten oder für Kitaplätze sorgten, dass diese Religionen plötzlich wieder eine mächtige Rolle spielen auf der Welt.
Und so kommt es, dass, wer darüber reden möchte, was dieses Land heutzutage ausmacht, heute über die Kippa redet, über das Kreuz und über das Kopftuch, auf den ersten Blick Symbole für unterschiedliche Weltreligionen, auf den zweiten Blick Symbole für die Identität dieses Landes – oder zumindest für die Suche nach einer solchen Identität.
Zu sagen, was genau diese Identität sein könnte, fällt vielen Deutschen schwer. Die Werte des Grundgesetzes, klar, die gehören dazu, das versteht sich von selbst. Aber darüber hinaus? Ist die Mülltrennung dabei, wie neulich in einem Leitfaden von Pro Asyl für Flüchtlinge stand? Die deutsche Pünktlichkeit, unsere sprichwörtliche Effizienz?
Vermutlich können die allermeisten sich darauf einigen, dass die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus Teil der deutschen Identität ist. Der Holocaust ist der schwarze Schlund der deutschen Geschichte, diesen nicht länger schamvoll beschwiegen zu haben, sondern zum zentralen Element der Erinnerungskultur gemacht zu haben, ist eine Leistung, die das freiheitlich gesinnte Deutschland für sich reklamiert. Gibt es ein Wort, das deutscher ist als das Wort Vergangenheitsbewältigung?
Der Mord an den europäischen Juden ist das letzte Tabu. Wer an diesem Tabu rüttelt, stellt sich außerhalb der Gesellschaft. Das gilt auch für die AfD. Kein anderer Satz unter seinen Provokationen hat Björn Höcke so geschadet wie der, dass das Holocaustmahnmal in Berlin ein Denkmal der Schande sei.
Aber kann man von Einwanderern aus fremden Ländern verlangen, dass sie sich auch dieses Stück deutscher Leitkultur zu eigen machen? Was hat ein muslimischer Familienvater mit dem Holocaust zu schaffen? Warum sollte er seine Kinder zu einer Besichtigung des Konzentrationslagers Auschwitz schicken? Für die meisten der knapp fünf Millionen Muslime, die in Deutschland leben, ist der Holocaust die Tat der anderen.

Vielleicht war es eine naive Idee von Adam Armoush, mit der Kippa auf die Straße zu gehen. Vielleicht war es nur ein dummer Zufall, ein absurdes Missverständnis, wenn irgendwo in Berlin ein Araber einen anderen Araber für einen Juden hält, der er gar nicht ist, nur weil er eine Kippa trägt. Vielleicht hätte man das Video auch abtun können als bedauerlichen Einzelfall. Oder als Shakespeare-Drama: Jude oder nicht Jude? Oder eher noch als Komödie. Aber Adams 47 Sekunden entwickelten eine ganz andere suggestive Wirkungskraft: Juden werden in Berlin auf offener Straße von Antisemiten verprügelt.
Diese 47 Sekunden sind ein Stich ins Herz einer aufgeklärten, modernen, liberalen Nation. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, hat inzwischen davor gewarnt, mit Kippa auf die Straße zu gehen. Noch ein Stich ins Herz einer aufgeklärten Nation.
Doch diese 47 Sekunden sind auch deshalb ein Stich in das Herz einer offenen und toleranten Gesellschaft, weil der junge Mann aus Syrien ausgerechnet zu jenen gehört, die 2015, im Jahr der Flüchtlingskrise, nach Deutschland kamen.
Der Name des Täters vom Berliner Helmholtzkiez ist Knaan S. Zwei Tage nach dem Vorfall stellte er sich der Polizei, er wurde dem Haftrichter vorgeführt, es gibt eine Strafanzeige wegen gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung. Seine Familie soll palästinensische Wurzeln haben. Knaan wohnt in einem Flüchtlingsheim am Berliner Stadtrand, sein Beziehungsstatus auf Facebook: ledig. Er spielt Fußball beim SV Stern Britz 1889 e. V. Als Hintergrundbild bei Facebook hat er ein Foto einer propalästinensischen Demonstration vor dem Brandenburger Tor eingestellt. Ein Foto zeigt einen jungen Mann, der mit Sturmgewehr und Panzerfaust posiert. Bei YouTube gibt es ein kurzes Video, das Knaan zusammen mit dem in Berlin lebenden Palästinenser Nathmi Abu S. gemacht hat und in dem es heißt, dass Knaan der Polizei erklären wolle, was geschehen sei. "Wir sind nicht feindlich gegenüber Juden", steht unter dem Video. Was aber genau passiert ist, das wird nicht erzählt.
Wahrscheinlich liegt die verstörende Brisanz dieser 47 Sekunden darin: Weil vor mehr als 70 Jahren Deutschland die Juden in Zügen in den Tod geschickt hatte, holte die Bundesrepublik 2015 syrische Flüchtlinge in Zügen in die Freiheit. Die Willkommenskultur hatte viele Ursachen, sie war auch der Versuch der Nachfahren der NS-Täter, endgültig Buße abzulegen, der Versuch einer Wiedergutmachung, die nun allerdings das produziert, was nicht mehr sein darf, weder in Berlin noch sonst irgendwo in Deutschland: Antisemitismus.
Zumal sich in den vergangenen Wochen die Meldungen häuften über einen muslimischen Antisemitismus in Deutschland. An mehreren Berliner Schulen, so erfuhr man, waren jüdische Schüler gemobbt worden. Bei der Verleihung des Echos, des wichtigsten Preises der deutschen Musikindustrie, ebenfalls in Berlin, war es Mitte April zu einem Eklat gekommen, weil die Rapper Kollegah und Farid Bang, die mit antisemitischen Texten provozieren, ausgezeichnet worden waren. Zwei Wochen brauchte es nur, und der wichtigste deutsche Musikpreis schaffte sich selbst ab.

Es ist ganz schön kompliziert geworden. Gewissheiten gehen verloren, alte Kämpfe werden neu aufgeführt. In Bayern, so beschloss es der bayerische Ministerrat unter der Führung von Ministerpräsident Söder, sollen nun im Eingangsbereich eines jeden bayerischen Dienstgebäudes wieder Kreuze hängen. Und so sieht, wer zum Glaskasten geht, in dem die Pförtner der Bayerischen Staatskanzlei sitzen, neuerdings ein Kreuz rechts an der weißen Wand. Angebracht hat es der bayerische Ministerpräsident persönlich, am vergangenen Dienstag nach der Sitzung seines Kabinetts. Vor laufenden Kameras. Künftig soll das Kreuz in Bayern einen ähnlichen Status haben wie die weiß-blauen Flaggen vor den Behördengebäuden. Laut Kabinettsbeschluss ist es ein Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Identität Bayerns, das "grundlegende Symbol christlich-abendländischer Prägung". Söder sagte, es sei nicht "Zeichen einer Religion", sondern entspreche vielmehr dem "Vergewisserungswunsch der Menschen nach ihrer Identität".
Dass sie das Kreuz weniger als religiöses Symbol versteht, sondern als politisches, weltanschauliches Zeichen, hat die CSU immer wieder gezeigt. Als ginge es darum, ein markiges Signal für Helmut Kohls geistig-moralische Wende abzufeuern, ließ der damalige CSU-Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann 1983 in einer spektakulären Geste persönlich die Fördergelder für Herbert Achternbuschs satirischen Film "Das Gespenst" kürzen, weil der bayerische Regisseur darin als Jesus auftrat, der vom Kreuz steigt und auf dem Münchner Viktualienmarkt nach "Scheiße" verlangt. Blasphemie, gewiss.
Zimmermanns Aktion war damals ein Ausdruck offensiven Kulturkampfes, heiß diskutiert, von Intellektuellen als Zeichen eines reaktionären Rückwärtskurses empfunden, von den katholischen Pfadfindern und auch vom späteren Papst Joseph Ratzinger hingegen unterstützt.
Es dauerte nur ein paar Jahre, bis die bayerische Staatsregierung den gekreuzigten Heiland das nächste Mal für eine symbolpolitische Aktion nutzte: In jedem Volksschulklassenzimmer des Landes hatte laut Verordnung ein Kreuz zu hängen. Anfang der Neunziger, der Union war gerade Konkurrenz von rechts erwachsen, Franz Schönhubers Republikaner waren auf dem Vormarsch, da klagten Eltern gegen diese Vorschrift. Das Bundesverfassungsgericht erklärte sie später im sogenannten Kruzifix-Beschluss für verfassungswidrig und nichtig. 1995 war das, da waren die Republikaner fast schon erledigt.

Man könnte es für bloße Folklore halten, wenn Markus Söder das christliche Kreuz nun wieder für eine symbolpolitische Aktion missbraucht. Lederhosen, Maßkrüge, Blasmusik, das Kruzifix, ist doch alles irgendwie bayerisch, was soll's.
Doch Söder bedient sich damit bei der äußeren Rechten, die in ihrem Kampf um das Abendland besonders auch die Insignien und Bräuche der christlichen Kultur einsetzt – oder zumindest die Symbole, die sie für irgendwie abendländisch hält. Besonders aktiv war in diesem Kampf zuletzt Erika Steinbach, bekannt geworden als Vertriebenenfunktionärin, lange bei der CDU, heute gilt sie als AfD-nah. Mal ärgerte sich Steinbach bei Twitter darüber, dass Karstadt Osterhasen aus Schokolade auf dem Kassenzettel als Traditionshasen auflistet; mal darüber, dass der Weihnachtsmarkt im schleswig-holsteinischen Elmshorn "Lichtermarkt" heißt. Ein Sturm der Empörung zog auf im Netz, Dutzende Hassmails erreichten den Bürgermeister von Elmshorn, auch, weil das Engelchen auf dem Plakat für den Lichtermarkt ein schwarzes Kind war.
Schlimm, aber irgendwie auch lächerlich? Könnte man meinen, doch die Proteste haben ein Vorbild, Kampagnen wie die von Steinbach haben in Frankreich den rechtsradikalen Front National groß gemacht, mal geht es dort um traditionelle Krippenfiguren, mal um Schweinefleisch in der Schulmensa.
Mit dem Kreuz hat das auf den ersten Blick nicht mehr allzu viel zu tun. Doch es geht um mehr als nur um den rechten Glauben. Kippa, Kreuz und Kopftuch sind die Symbole eines Kulturkampfes um die Identität einer Gesellschaft, die sich in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten ebenso verändert hat wie in Frankreich oder anderen europäischen Ländern. 22,5 Millionen, also mehr als jeder Fünfte hierzulande, hat ausländische Wurzeln, und so ringen wir darum, wer wir sind, wer wir waren und wer wir sein wollen.
Der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière hatte eine feste Vorstellung davon, was wir nicht sein wollen: "Wir sind nicht Burka", schrieb er 2017 in einem "Bild am Sonntag"-Beitrag zur Leitkulturdebatte. Es wäre wohl leicht, de Maizières Satz als populistisch abzutun, als Versuch, die Leser Thilo Sarrazins, der abschätzig von "Kopftuchmädchen" sprach, für die CDU zu gewinnen. Vielleicht war es auch so gemeint.
Doch die Sache mit der Burka ist ein bisschen komplizierter. Einerseits steht sie für den Islam, andererseits für ein Frauenbild, das nicht dem des aufgeklärten westlichen Feminismus entspricht. Sind Burka und Kopftuch überhaupt religiöse Symbole oder bloß Relikte eines vormodernen, patriarchalischen Hinterwäldlertums? Während jüngere Feministinnen nicht pauschal gegen das Kopftuch sind, wenn die Frau es aus freien Stücken trägt, hat sich Alice Schwarzer von jeher dagegen ausgesprochen. Nach der Kölner Silvesternacht 2015/16 behauptete sie, die islamische Ideologie rechtfertige Gewalt gegen Frauen, und bezeichnete den Islamismus als "Faschismus unserer Zeit".
Deutsche, die in anderen Kulturen, Religionen oder Ländern Faschisten am Werke sehen, sollten generell noch mal nachdenken, bevor sie sich derartig äußern, schon klar. Doch die Geschichte des politischen Islam ist auch eine Geschichte der Unfreiheit. Die ideologische Renaissance des konservativen Islam begann mit der iranischen Revolution 1979, es folgte der Mordaufruf gegen Salman Rushdie 1989 wegen seines Buchs "Die satanischen Verse". War das Buch blasphemisch? Dass wir Blasphemie auszuhalten haben, ist eine zentrale Errungenschaft der Moderne.
1751 drohte das bayerische Strafgesetzbuch bei wiederholter Gotteslästerung noch mit Enthauptung. Die Bayern sind heute weiter, aber nicht alle islamisch geprägten Staaten.
Wäre das Kopftuch ein Symbol für diesen Islam? Oder eher eine Projektionsfläche für die Angst vor dem Fremden? Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage sagt mehr als jeder vierte Deutsche, der Islam sei etwas, "das einem Angst macht". 2010 meinten sogar 73 Prozent der Deutschen, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Horst Seehofer, gerade neuer Bundesinnenminister geworden, erklärte im März in einer seiner ersten Amtshandlungen, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, schon aber die knapp fünf Millionen Muslime, die hier im Land leben. Angela Merkel widersprach ihrem Minister. Die Muslime gehörten zu Deutschland, der Islam aber auch.

Es ist nun auf die Wochen genau 50 Jahre her, dass dieses moderne Deutschland, das hier gerade mit sich selbst ringt, erfunden wurde. Es waren die April- und Maitage im Jahr 1968. Am 11. April war Rudi Dutschke von einem Hilfsarbeiter niedergeschossen worden, die Springer-Presse hatte gehetzt: "Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt!" Ostern tobten Straßenschlachten in Berlin, Ende Mai wurden die Notstandsgesetze verabschiedet, was die Aktivisten der Apo mit dem Ermächtigungsgesetz der Nazis im Jahr 1933 verglichen. Es war der Aufstand der Kinder gegen ihre Väter, eine kulturelle Rebellion gegen das Deutschland der Nazis, gegen die Spießigkeit und Unoffenheit einer Gesellschaft. Die 68er haben viele Irrwege beschritten und Absurditäten produziert, den Terror beispielsweise oder die Neigung zum K-Gruppentum, es gab große obsessive Kräfte, und doch wurde damals der Grundstein für das Deutschland von heute gelegt.
Ein demokratisches, ein freies Land, das den Antifaschismus zur Staatsräson gemacht hat, genauso wie die Freundschaft und Solidarität mit Israel und den Juden. Ein Land der angestrebten Gleichberechtigung, das versucht, seine Minderheiten genauso zu schützen wie die Natur. Ein Land, das friedlich sein und Gutes tun will. Ein Land, das im Prinzip ziemlich in Ordnung ist.
Das historische Jahr 1968 ist nicht zu denken ohne die historischen Jahre zuvor, nicht ohne die Jahre 1933 und 1945, nicht ohne die Naziverbrechen, nicht ohne den Holocaust. Wer heute von der christlich-jüdischen Kultur spricht, kann also auch nicht im Ernst so tun, als hätte es die antisemitischen Pogrome und Morde an Juden über Jahrhunderte hinweg nicht gegeben. Wer von der christlich-jüdischen Kultur spricht, macht das vor allem, weil es sich spätestens seit Auschwitz vollends verbietet, das Judentum aus der europäischen Zivilisationsgeschichte auszuschließen.
Die Erkenntnis, wie systematisch dieser Mord an den europäischen Juden betrieben wurde, war eine der entscheidenden Vorbedingungen des Jahres 1968. Der breiten Öffentlichkeit vermittelte sie sich erst mit dem Auschwitzprozess, der 1963 begann, ausgerechnet im Römer in Frankfurt am Main – an dem Ort, wo einst die Festbankette aus Anlass der Krönung der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches stattgefunden hatten. Nun wurde hier wieder Geschichte geschrieben. Der Auschwitzprozess führte dazu, dass junge Deutsche sich ernsthaft und in großer Zahl mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandersetzten. "Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren" lautete der berühmte Slogan protestierender Studenten in Hamburg. Was so viel hieß wie: Das Bürgertum hat mit dem Nationalsozialismus paktiert, die alten Würdenträger haben ihre Autorität verloren. Das galt auch für die Kurie, schließlich hatte der Papst zu den Verbrechen Hitlers geschwiegen. Die frühe Bundesrepublik unter dem CDU-Kanzler Konrad Adenauer war noch ein katholisch geprägter, patriarchalischer Staat. Mit der Liberalisierung nach 1968 nahm der Einfluss der damals größtenteils konservativen Kirchen ab. Heute sind viele der evangelischen Landeskirchen, ja sogar katholische Bistümer, ebenso sozialdemokratisiert wie die CDU unter Angela Merkel.
Die 68er haben eben gesiegt. Angela Merkel ist die erste Frau an der Spitze der Regierung, sie hat die Schwulenehe ermöglicht, und sie war es auch, die 2015 die Flüchtlinge aus Budapest in Zügen nach Deutschland holte. Das britische Magazin "The Economist" titelte – übrigens genau in der Woche, als Kollegah den Echo bekam: "Cool Germany". Deutschland sei so offen und vielfältig geworden, so wirtschaftlich erfolgreich und politisch stabil, dass es sogar als Modell für den Westen schlechthin taugen könnte. Man würde es gern glauben wollen.

In seinem gerade erschienenen Buch "Gab es 1968? Eine Spurensuche" schreibt der Münchner Soziologe Armin Nassehi, neben der Dauerreflexion und der Dauermoralisierung sei die Popkultur die dritte große Erbschaft dieses Jahres, vor allem aber auch das ästhetische Mittel, um sich von der Dauerreflexion entlasten zu können und trotzdem progressiv und gegenkulturell zu sein. Ein bisschen weniger soziologisch ausgedrückt: Wer Pop hört, steht auf der richtigen Seite, muss dabei aber nicht nachdenken. Besser könnte man das Dilemma hinter dem Echo-Skandal um Kollegah und Farid Bang kaum ausdrücken.
Als der Echo 1992 erstmals verliehen wurde, ging es der Phono-Akademie darum, "deutsche Musik" zu fördern. Das waren damals Herbert Grönemeyer, die Scorpions, auch Pe Werner, falls sich noch jemand an sie erinnert, sie bekamen damals den Preis. Dass 26 Jahre später zwei Rapper namens Kollegah und Farid Bang auf der Echo-Bühne standen, hat durchaus etwas mit der gesellschaftlichen Liberalisierung zu tun, die 1968 begann. Das Land ist heute multikulturell. Doch anders, als es sich manche 68er oder die ihnen nachfolgenden Grünen erträumt haben mögen, ist dieses Multikultiland kein Paradies, über dem der Regenbogen leuchtet. Es ist ein Land, in dem die Konflikte um die nationale Identität auch im Pop ausgetragen werden. Ein Land, in das auch die Konflikte zwischen Juden und Muslimen gehören, importierte Konflikte – aus Nahost.
Dass Farid Bang seinen Körper mit dem von "Auschwitz-Insassen" verglich, war eine Entgleisung. Im eigentlichen Sinne antisemitisch war, dass Kollegah bei anderer Gelegenheit in einem Video einen Diener des Teufels mit Davidstern zeigte. Der importierte muslimische Antisemitismus ist dem traditionellen mitteleuropäischen Antisemitismus in solchen Momenten ziemlich nah.
Es gab mal eine Zeit, da war das Kreuz in der säkularisierten Welt des Pop bloß noch ein modisches Accessoire. Doch der Streit um die Identitäten hat die Popkultur längst erreicht.

50 Jahre nach der Geburt dieses neuen Deutschlands sieht sich der grüne liberale, freiheitliche und kulturell dominierende Mainstream in diesem Land infrage gestellt wie noch nie. Von Politikern, die eine Rückkehr zu christlichen Werten fordern. Von den Folgen muslimischer Einwanderung, die die Integrationskräfte dieser Gesellschaft womöglich überfordern. Von den Populisten der AfD, die am liebsten die zwölf Jahre Terrorherrschaft vergessen würden. Von den Dämonen der Vergangenheit, die überall wieder hervordampfen. Von der weltweiten Rückkehr der Autokraten, die den Westen und seinen Universalismus ablehnen. Von dem Schock, den die vergangenen Wochen auslösten, weil dieses Land alles richtig machen wollte, gegenüber Juden genauso wie gegenüber den muslimischen Einwanderern, und nun erfahren muss, dass die heile Welt so nicht existiert, wie man es sich erhoffte.
Aber auch davon, dass nicht nur die eigene universelle Logik ihre Grenzen findet, sondern dass auch die Identitätspolitik, eine Erfindung der 68er, plötzlich Konflikte hervorruft, die kaum zu bändigen sind. Das Recht auf völlig individualisierte Lebensstile und der Anspruch darauf, dass diese schützenwert sind, können ja nicht nur für den Kiez am Helmholtzplatz gelten, sondern müssen auch für die übrig gebliebenen Bewohner eines Dorfes in Sachsen gelten, wo sich niemand genderfluid nennt, man statt Englisch nur Sächsisch beherrscht und die meisten auch noch AfD wählen.
Was also gehört zu Deutschland? Was ist das, dieses Wir, das uns zusammenhält: Atheisten und Juden, Christen und Muslime, Linke und Rechte, West- und Ostdeutsche, Bayern und Niedersachsen, Großstädter und Dorfbewohner? Und wer entscheidet und aus welchen Gründen darüber, wer alles nicht mitmachen darf: Gehören deutsche Antisemiten zu Deutschland? AfD-Politiker? Gettomachos, die über Frauen nur als Bitches rappen und Frauen mit Kopftuch daten? Muslimische Einwanderer, die auf ihr Recht bestehen, nichts mit dem Holocaust zu tun zu haben? Katholische Fundamentalisten, die auf Anti-Merkel-Demonstrationen "Widerstand, Widerstand" brüllen? Wahrscheinlich muss man all das ertragen. Man kann ja anderer Meinung sein.
Das Kreuz, das Kopftuch und die Kippa, sie alle muss man frei zeigen können, jederzeit, wann und wo man will, in welchem Kiez auch immer, auf dem Helmholtzplatz, beim Hip-Hop-Konzert, sogar in der Bayerischen Staatskanzlei.
Sie sind Symbole für unsere freiheitliche Demokratie.
‣ Lesen Sie auch auf Seite 64 die Kolumne Leitkultur von Alexander Osang.
Von Laura Backes, Jan Fleischhauer, Jan Friedmann, Lothar Gorris, Sebastian Hammelehle und Jérôme Lombard

DER SPIEGEL 18/2018
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