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DER SPIEGEL

Der Bimbes-Kanzler

Am Anfang und am Ende der CDU-Affäre steht Helmut Kohl. Das Geld war ein Mittel für ihn, Abhängigkeit zu schaffen, persönliche Beziehungen stellte er höher als Gesetze - und wie Konrad Adenauer verachtet auch Kohl seinen Erben.
Nun ist auch der Geist Konrad Adenauers tot. Mit Wolfgang Schäuble, der vergangene Woche Platz machte für einen "sichtbaren, also auch personellen Neuanfang" in der CDU, ging der Kronprinz des Enkels des Alten. Sein Rücktritt beendete wohl endgültig nicht nur das System Kohl, sondern eine Ära. Die aber war bis zuletzt durchtränkt und geprägt vom Geist der westdeutschen Nachkriegsrepublik, die Konrad Adenauer schuf.
Helmut Kohl gehört seit mehr als einem halben Jahrhundert der CDU an, war 25 Jahre Bundesvorsitzender und 16 Jahre Kanzler. Bis zum Schluss beharrte er darauf, dass er selbst Schäuble als seinen Nachfolger ausersehen habe. Von Anfang an sah er sich in der Nachfolge des CDU-Mitbegründers Konrad Adenauer.
Kohl repräsentierte mit seiner Karriere die Kontinuität einer deutschen Gemütsverfassung, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Vom "Schwarzen Riesen" in Mainz über "Birne" in Bonn bis zum Kanzler der Einheit und Ehrenbürger Europas war Helmut Kohl sich selbst treu. "Ich bin im Prinzip natürlich der gleiche geblieben", pflegte er zu versichern. "Ich habe mich nicht verändert."
So ist es. Die persönliche Prägung aus Kriegskindheit, Nachkriegsjugend und katholischem Elternhaus machte ihn historisch unverwechselbar. Der Geist Konrad Adenauers imprägnierte ihn mit den Macht- und Feindbildern der autoritären und antikommunistischen Jahre des Kalten Krieges. Dazu kamen die fast hysterische Geld-Fixierung des Wirtschaftswunder-Deutschland und die Herrschaftsattitüden des Patriarchen Adenauer.
Das alles verdichtete sich in der Person Kohl zu einem mafiösen System von Abhängigkeiten, dessen selbstzerstörerischer und antidemokratischer Kern - obwohl immer empfunden und im SPIEGEL und anderswo oft beschrieben - erst im Rückblick ganz zu Tage tritt.

LIMBURGERHOF, ANFANG 1947

Schon den Einstieg in sein Politikerleben organisierte Kohl, so sein Biograf Klaus Dreher, etwas außerhalb der Normalität. Als im Pfarrhaus seines Mentors, des katholischen Pfarrers Johannes Fink, die Junge Union (JU) von Ludwigshafen gegründet wurde, war Kohl dabei - ebenso bei der Neugestaltung der Regularien.
Nach der Parteisatzung hätte er erst mit 18 in die CDU eintreten können, aber so lange wollte der 16-Jährige nicht warten. Also wurde die JU-Satzung geändert, bis sie auf ihn passte: Mitglied, hieß es in der neuen Ludwigshafener Satzung, könne werden, wer 16 Jahre alt sei. Ohne weitere Formalitäten, so Dreher, wurde er auf diese Weise Mitglied der Mutterpartei. Tatsächlich hatte der Gymnasiast Helmut Kohl damals schon mehr erlebt als viele Erwachsene heute in ihrem ganzen Leben. 15 Jahre alt war er, als er 1945, nach Kriegsende, in seine zerstörte Heimatstadt Ludwigshafen zurückkehrte. Baldur von Schirachs Nachfolger, der Reichsjugendführer Arthur Axmann, hatte den Hitlerjungen Kohl in Bayern auf den Führer eingeschworen - im April 1945, kurz vor dem Ende. Aber Helmut Kohl wollte nicht siegen, sondern überleben.
Für den nur wenig jüngeren Journalisten Jürgen Engert ist Kohl ein "deutscher Typus". "Organisieren" heiße sein Kennwort. Kohl zählt zu jenen Kindern, die der Krieg zu Halb-Erwachsenen machte, die Leichen ausbuddeln mussten und die Versorgung der Familie übernahmen. In gesetzloser Zeit schlug sich der Kinder-Halb-Soldat quer durch Deutschland, von Berchtesgaden bis Ludwigshafen. Er sah sich als Überlebenskämpfer an der Heimatfront, einer, der sich auskannte mit den Tricks und Tücken des Daseins. Engert über diesen Menschenschlag: "Er knüpfte ein Beziehungsgeflecht. Er wusste, wo was zu holen war. Er hatte den Überblick. Er war das spezifische Produkt einer spezifischen Zeit."
Der Typus Kohl, so Engert, wusste sich zu behaupten. In der gesetzlosen Zeit unmittelbar nach dem Krieg bestimmte er aus eigenem Ermessen, was richtig und falsch, was gut und böse war.
Diese angelernte Egozentrik trug ihn durch sein gesamtes politisches Leben. Immer mehr gewöhnte er sich an, sich als eine Art Retter zu betrachten. Bereits vor Antritt seiner Kanzlerschaft stellte er sich vor als ein Mann, der den Dienst auf sich nehme, einen "Saustall" auszumisten. Er versprach, den "sozialistischen Dschungel-Staat", in dem "das Faustrecht herrscht" und "geistige Verwahrlosung", zurückzuführen in eine bürgerliche Gemeinschaft, in der "das blanke ICH wieder aufgeht in dem WIR des Volkes".

MAINZ, MÄRZ 1966

Helmut Kohl hat es geschafft. Auf dem Parteitag der rheinland-pfälzischen CDU wird er zum neuen Landesvorsitzenden gewählt. Er löst Peter Altmeier ab, dem nur noch das Amt des Ministerpräsidenten bleibt. Bundesweite Aufmerksamkeit erringt der damals 35-jährige Kohl, weil es ihm gelungen ist, den Parteipatriarchen Konrad Adenauer als Gastredner zu gewinnen. Jahrelang lagen auf dem Grab des Alten in Rhöndorf immer frische Blumen. Stets stammte einer der Sträuße von Helmut Kohl.
Der junge Unions-Politiker aus Ludwigshafen, der mit dem Fahrrad zu den Kundgebungen der großen Alten zu radeln pflegte, die aus der Weimarer Republik in den demokratischen Neubau Bundesrepublik hineinragten, war von Anfang an von Adenauer fasziniert. Häufig hat er den Alten besucht, als der streitlustige Greis längst unter dem Druck seiner Parteifreunde das Kanzleramt geräumt hatte und in Rhöndorf grollend seine Memoiren schrieb.
Adenauer mischte sich zwar in den Mainzer Diadochenkampf nicht ein. Er lobt Altmeier, weil der immer zu den "Treuen und Zuverlässigen gehört" habe. Aber er führt auch Kohl als legitimen Nachfolger ein: "Nun tritt Herr Kohl an seine Seite." Das sei "eine andere Generation, aber keine unsympathische Generation". Fortan tat Kohl so, als habe ihn der Alte zu seinem Enkel ernannt.
Der "Rheinische Merkur" pries den neuen Landesvorsitzenden als einen Reformer, der bei dem Wort "konservativ" nicht nervös und gereizt hochgehe: "Es scheint, dass dieser Nachdenkliche, die Strömungen der Zeit vorurteilslos prüfende Mann sich deutlicher zu Wertzielen aus der Tradition der Partei Adenauers bekennen wird - wenn er dazu stärker genötigt wird." Und weiter: "Im Stil wie in der Sache ein Adenauer-Schüler."
Das ist im Rückblick klarer zu erkennen als damals. Denn in der Partei des Patriarchen war Kohl in den frühen Jahren des Aufstiegs immer der Jüngste, und so trat er auch auf. Es waren die Jahre, in denen er sich den Beinamen "Walz aus der Pfalz" und "schwarzer Riese" erarbeitete: Wo der stürmische junge Mann mit seinen Gefolgsleuten von der Jungen Union auftauchte, gab es regelmäßig Krach in den Versammlungen.
Und doch blieb der Hoffnungsträger der verkrusteten Adenauer-Partei immer der deutsche Biedermann. Mit Stichworten wie Vaterland, Heimatliebe, Pflichtgefühl, "Stolz auf die kulturellen Leistungen unseres Volkes", Gewissenhaftigkeit, Fleiß, Maßhalten umschreibt Kohl - damals wie heute - eine seit Kaisers Zeiten ungebrochene deutsche Bürgermentalität, die "den Staat" - welchen auch immer - gehorsam verinnerlicht.
Das brachte er aus dem Elternhaus mit, dessen politisches Klima vom Zentrum geprägt war. Auch in den theoretischen Schriften des Zentrums, der Partei des politischen Katholizismus, der Vater Hans Kohl nahe stand, haben Begriffe wie Autorität, Gehorsam und Gemeinschaft ihren Platz. Und an nationalistischem und wilhelminischem Getöse ist auch dort seit Beginn des Ersten Weltkriegs, in dem sich Vater Kohl auszeichnet, kein Mangel.
Mit diesem geistigen und rhetorischen Rüstzeug war der Enkel Adenauers für die Zeit des Wirtschaftswunders und des Kalten Krieges gewappnet. Er musste sich nicht verbiegen. Seine Bewunderung für die autokratische Figur aus Rhöndorf war echt.
Im Namen und unter Berufung auf den Alten tradiert Kohl eine Werte-Welt des 19. Jahrhunderts. Das Misstrauen gegenüber der Herrschaft des Volkes blieb in den herrschenden Schichten, den "staatserhaltenden", wie Kohl und Adenauer zu sagen pflegten, auch in der zweiten deutschen Demokratie lebendig.
Anscheinend glauben - wie noch jetzt am Beifall der ehrenwerten Hamburger Handelskammer abzulesen - so genannte "herrschende Kreise" noch heute Besitzrechte am Staat zu haben. Im Misstrauen gegenüber dem offenen demokratischen Staat und den unzuverlässigen Massen hält sich die Überzeugung, gesetzliche Regelungen seien nur für die anderen da.
So künden die "Kriegskassen" der Union, die jetzt entdeckt wurden, nicht nur von einem "unausgeräumten Keller mit Vorräten aus dem Kalten Krieg", wie Gustav Seibt in der "Berliner Zeitung" vermutete, sondern vor allem von einem latenten Bürgerkriegs-Denken, das sich jederzeit zu "übergesetzlichem" Handeln berechtigt fühlte.
Die Art, wie Kohl und sein früherer Innenminister Manfred Kanther diese antidemokratische Mentalität und die damit verbundenen Gesetzesbrüche als eine Frage der Ehre behandeln, erinnert an die Geisteshaltung einer Kriegerkaste, die im wilhelminischen Deutschland den Ton angab. Beide Männer führen sich auf, als hätten sie im Dienste einer ehrenwerten Sache heroische Opfer gebracht.

MAINZ, MAI 1969

Helmut Kohl hat immer gern "wir" gesagt. "Wir" gegen "die" war stets seine Methode, die Welt zu sortieren. Irritierend wirkt dabei sein vereinnahmender Sprachgebrauch. Mal pflegte er als CDU zu sprechen, mal als Landes- oder Bundesregierung, mal als Deutschland - und je öfter er von sich im Plural redete, desto majestätischer klang diese Formel: "Wir haben das Steuer übernommen", "wir haben die Zukunft im Blick", "wir sind nicht den bequemen Weg gegangen". Einst waren "wir" die "Kohlianer" in Mainz, dann der freie Westen, zuletzt waren "wir" das christliche Abendland, der Fußballweltmeister oder ein Wirtschaftsstandort.
Nach diesem Innen-Außen-Schema hat Kohl zeit seines politischen Lebens Gefolgschaft organisiert. "Wir" - das war in den besten Zeiten die ganze Union, heute sind "wir" die richtige CDU, seine. "Die", das waren alle potenziell gefährlichen Elemente. Und zur Verteidigung der eigenen Wagenburg ging Macht allemal vor Recht.
So hat Helmut Kohl immer getickt. Schon als Kind habe er es geschafft, Leute um sich zu scharen, berichtet seine Schwester Hildegard Getrey. Am ersten Schultag brachte Helmut einen Trupp Jungs mit nach Hause, die er bis dahin gar nicht gekannt hatte. Das waren von da an seine Freunde. Von ihnen verlangte der kleine Knirps auch beim Spiel Gefolgschaft: Wenn er sich in ein Laken hüllte und einen Kaffeewärmer als Mitra auf den Kopf stülpte, dann war er der Bischof - die anderen mussten die Schleppe tragen.
Seit dem 19. Mai 1969 regierte Helmut Kohl in Mainz als Ministerpräsident mit dem Gepränge eines Fürstbischofs. Die Grundzüge des Systems Kohl waren schon damals klar erkennbar, erinnert sich sein Biograf Klaus Dreher. Die Trinkgelage im Keller der Staatskanzlei wurden ebenso legendär wie die "Scherze", mit denen er sein Gefolge quälte und demütigte. Nachts befahl er seinem Kultusminister Bernhard Vogel, auf dem Tisch zu tanzen ("Mach de Aff"), oder er jagte ihn, obwohl er wusste, dass Vogel nicht schwindelfrei war, auf einen Hochsitz.
Kohl, der stets den Chef gab, bemühte sich immer, den Kreis seiner Gefolgsleute zu erweitern. In seinen Mainzer Jahren war er stets als Headhunter in eigener Sache unterwegs. Er ließ sich Namen nennen und holte dann über verschiedene Mittelsmänner Einschätzungen ein. Bevor er aber selbst zu einem abschließenden Urteil kam, lud er die Kandidaten zum Gespräch unter vier Augen in den Keller der Staatskanzlei nach Mainz, in Bonn in den Kanzlerbungalow. Bei schweren, süßen Weinen erkundete er nicht nur ihre Trinkfestigkeit, sondern auch ihr Weltbild.
So knüpfte Kohl in seinen mehr als 50 Unionsjahren ein verlässliches Netz von Gefolgsleuten, wob ein System von Verbindlichkeiten, das er auch nach seiner Kanzlerzeit weiter pflegte. Er sammelte vorwiegend solche Freunde um sich, von denen er sich Hilfe bei der eigenen Karriere versprach. Biograf Dreher: "Sie mussten sich in die Gruppe einordnen, keinen übertriebenen Ehrgeiz entwickeln, verschwiegen und diskret und außerdem zuverlässig sein."
Kohl war immer misstrauisch. "Es ist unglaublich", staunt ein Parteifreund, "was der alles weiß, was dem alles zugetragen wird." Dieses Wissen benutzt er als Waffe. Helmut Kohl hat seine Informationen zu einem bedrohlichen Machtschatz aufgetürmt. Er vergisst nichts, er vergibt nicht. Der direkte Zugang zu Menschen ist die Methode, mit der Kohl sich die Welt erschließt.
Nicht dass "der Dicke" wirklich ein Menschenkenner wäre. Er nähert sich anderen instinktgelenkt auf der Gefühlsebene, wittert Sympathie oder Abneigung. Für die Wünsche und Schwächen seiner Mitmenschen, für ihre Schläue, ihre Energie und ihre Sentimentalität hat er ein feines Gespür. Auf dieser emotionalen Ebene setzt er ein Wechselspiel gegenseitiger Abhängigkeiten in Gang. Diese Beziehungen gliedern sich hierarchisch.
Doch wehe dem, der - wie einst Kurt Biedenkopf oder Heiner Geißler - die Stirn besaß, sich aus der Kohl-Kumpanei zu lösen. Der wurde als Verräter geächtet. Zuletzt traf Angela Merkel des Kanzlers Zorn. Als die Generalsekretärin das Ehepaar Kohl vor ein paar Wochen in Berlin traf, war es die Gattin, die die Exkommunikation besorgte: "Du bist doch auch nicht anders als alle anderen", zischte Hannelore Kohl.
Dass solche Bannflüche lange wirken, kann sich die mögliche Schäuble-Nachfolgerin vom ehemaligen schleswig-holsteinischen CDU-Landtagsabgeordneten Trutz Graf Kerssenbrock erzählen lassen, der es wagte, die Barschel-Affäre so rückhaltlos aufklären zu wollen wie jetzt Angela Merkel den Parteispenden-Skandal. Der "Süddeutschen Zeitung" berichtete er unlängst von seinen Erfahrungen: "Wer den Kopf rausstreckt, wird abrasiert, das war das System Kohl. Zur Stabilisierung und Beherrschung dieses Systems hat er sich ein Feindbild gebastelt, das unsere Spitzenpolitiker der sechziger und siebziger Jahre bis zur Psychose gepflegt haben."

BONN, JUNI 1973

Als Helmut Kohl in der Bonner Beethovenhalle zum CDU-Vorsitzenden gewählt wurde, sah er, wie später noch oft, drohend "eine andere Republik" heraufziehen. Die kulturelle und politische Studenten-Revolte von 1968 und ihre Folgen betrachtete Kohl, je länger die "Sozen", wie er zu sagen pflegte, regierten, als desto staatsgefährdender.
Dieser CDU-Vorsitzende, das hat der PDS-Fraktionschef Gregor Gysi unlängst im Berliner Reichstag richtig gesehen, war tatsächlich eine massive Verkörperung der Bonner Republik: Nicht nur stehe kein anderer deutscher Politiker so eindeutig für die Verquickung von Politik und Geld, sondern Kohl sei auch aufgewachsen im Geiste jenes militanten Antikommunismus, der, so Gysi, "für die alte Bundesrepublik identitätsstiftend war". Kein Wunder, dass er mit dem Slogan "Freiheit statt Sozialismus" 1976 seinen ersten Bundestagswahlkampf gegen Helmut Schmidt führte. Nicht, dass er wirklich geglaubt hätte, ausgerechnet der stramme Hanseat Schmidt wäre ein Handlanger des Kreml gewesen. Ihm diente die Feind-Verteufelung vor allem als Machtvehikel.
Mit der missionarischen Rigorosität des Glaubenskämpfers gegen den Kommunismus verfolgte der oberste Christdemokrat Helmut Kohl zeitlebens alle, die seine eigene Vorstellung von der Bundesrepublik zu stören drohten: die 68er wie die Terroristen, die Grünen, die Alternativen, die emanzipierten Frauen, im Grunde alle Sozialisten, und in Wahrheit auch die liberalen Widersacher in der eigenen Partei - von Rita Süssmuth bis Richard von Weizsäcker.
Das war noch immer Rache für 68. Die hessische CDU, angeführt vom Django Alfred Dregger und assistiert von dessen Gehilfen Manfred Kanther, hatte sich in den frühen siebziger Jahren in einer Art bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzung mit den Hausbesetzern und Straßenkämpfern der Frankfurter Szene und ihren intellektuellen Vordenkern der Frankfurter Schule gesehen. Mit dem Aufstieg solcher schrillen Figuren wie Joschka Fischer oder Daniel Cohn-Bendit in die demokratischen Institutionen fühlten sich die angeblichen Verteidiger von Recht und Ordnung moralisch-politisch zum Widerstand herausgefordert.
Mitte 1983 hieß es in der vom Kohl-Gefährten Bruno Heck herausgegebenen Streitschrift "Die politische Meinung" unter der Überschrift "Hitler, Bonn und die Wende": "Die Rebellion von 1968 hat mehr Werte zerstört als das Dritte Reich. Sie zu bewältigen ist daher wichtiger als ein weiteres Mal Hitler zu überwinden."
Diese Wende hatte Helmut Kohl im Sinn, wenn er immer wieder ein anderes "geistig-moralisches Klima" ankündigte. Helmut Kohl, der geistig-militante Führer der Bundesrepublik Deutschland? Jawohl, so sah er sich, ohne Wenn und Aber. Das seien "Kategorien, auf die nur verfällt, wer den politischen Gegner als Feind ansieht, wer die demokratische Auseinandersetzung nicht als harte, aber friedliche Konkurrenz begreift, sondern als Überlebenskampf, in dem alle Mittel recht sind", empört sich erschrocken Günther Nonnenmacher, einer der Herausgeber jener bürgerlichen "FAZ", die lange die Kohl-Politik kritiklos unterstützt hatte.

BONN, 1. OKTOBER 1982

Helmut Kohl ist Kanzler, endlich nicht mehr nur Adenauers Enkel, sondern auch sein Nachfolger. Als er sein Aquarium aufgebaut hat, die Fahne neben dem Schreibtisch drapiert und die Strickjacke in Griffnähe, fühlt sich der Pfälzer zu Hause im Bonner Kanzleramt.
Was er den Deutschen in seiner Regierungserklärung anbot, klang wie ein Leben im Heimatfilm: Wärme, Zuversicht, Optimismus, Kindersegen und ein Volk in der Pflicht.
Er meinte es so. Als lebe er in vormodernen Zeiten, bot sich Helmut Kohl - der sein Volk ins neue Jahrtausend führen wollte - als Abbild einer Welt dar, die es nur in nostalgischen Träumen gibt. "Der Staatsmann ist für ihn der Vater von Haus und Gesinde. Der Staat ist für ihn eine Superausgabe des elterlichen Hauses in Friesenheim", erläuterte sein früherer Regierungssprecher, der "Bild"-Kolumnist Peter Boenisch: Hohenzollernstraße 89, Ludwigshafen. Das war kein Scherz. Am Ende hieß das Haus Europa.
Helmut Kohl hat seine Herkunft nie vergessen. Sie prägt sein politisches Denken und Handeln bis heute. Es war "ein typischer kleiner Beamtenhaushalt wie Millionen andere", zitieren ihn seine Biografen Werner Filmer und Heribert Schwan. "Die Wertskala war eindeutig christlich. Dass man national war, verstand sich von selbst."
Die nahezu heilige Familie muss zugleich als Keimzelle und als Modell für den Staat herhalten. Das ist deutsch, abendländisch, christlich, frei - das historisch legitimierte "Gute" schlechthin. Alles was diese Idylle stört, wird entweder verleugnet und verdrängt oder "dem Bösen" angelastet, und dazu gehören eben außer den Nazis "immer auch" die Kommunisten.
Mit der Heimat im Herzen erfuhr der Pfälzer die Welt. Gestützt auf Oggersheimer Erkenntnisse wusste er, was richtig und falsch, was gut und böse war. Ludwigshafener Weisheiten wie "Soz bleibt Soz, auch wenn er mit dem Zylinder ins Bett geht", kann ihm bis heute niemand nehmen. Keine Überzeugung hat er öfter ausgesprochen und konsequenter gelebt als jene, dass alles, was im privaten Leben gut ist, auch in der Politik taugt. Und umgekehrt.
Die scheinbare Einfalt dieses Lebensentwurfs hat viele Beobachter dazu verführt, den suggestiven Sog des schlichten Musters zu unterschätzen. Aber die Macht zur Definition seiner Umwelt war immer die wichtigste Voraussetzung für die robuste Herrschaft dieses Kanzlers. Nicht wie die Welt ist, sondern wie man sie sehen muss, erzählt er den Deutschen.
Und nirgendwo hat dieses System so zuverlässig gegriffen wie in der CDU. Deshalb ist diese Partei immer mehr für Helmut Kohl gewesen als eine bloß politische Interessen-Union. Die Familie alten Stils zur Keimzelle eines neuen "Klimas der Mitmenschlichkeit und Geborgenheit in unserem Lande" zu machen, das war für Kohl "moderne, progressive Politik".
Längst haben auch seine einst treuesten Gefolgsleute begriffen, was die scheinbare Idylle verbarg: "Unter Helmut Kohl ist die Partei der Versuchung zum Opfer gefallen, sich einer zweifellos imponierenden Führungspersönlichkeit bis an die Grenze der Entmündigung anzuvertrauen und sich auf diese Weise zu entlasten", sagt Ministerpräsident Kurt Biedenkopf heute.
Die CDU wurde sprachlos. In einem Vierteljahrhundert formte der Vorsitzende seine Partei zu einem zugleich höfischen und männerbündlerischen Gebilde, in dem die Kategorien Kameradschaft und Dankbarkeit den rationalen Diskurs, die kritische Auseinandersetzung, letztlich die innerparteiliche Demokratie ersetzten. "Sachfragen", so der CDU-Bundestagsabgeordnete Eckart von Klaeden, wurden "zuallererst als Ableitung der großen Loyalitätsfrage begriffen".
Dünnhäutiger Argwohn, abtaxieren, ob man mit jemandem kann oder nicht, über den Tisch ziehen, ins Abseits stellen, ausspielen und draufhauen, das waren die Kategorien der innerparteilichen Kommunikation. Kohl misstraute nicht nur der Öffentlichkeit, sondern auch seiner eigenen Parteifamilie. Je länger er residierte, desto höher wurden die Podien auf den Parteitagen. Der Parteichef und Kanzler sprach von oben auf die Seinen herab, und er redete in Bildern. Der rationale und kontroverse Diskurs, wie ihn Kohls Heidelberger Hochschullehrer Dolf Sternberger verstanden hat, blieb ihm unheimlich. Ein "gesundbeterisches Dauergespräch" - so der Althistoriker Christian Meier - erstickt jede ernsthafte Diskussion im Ansatz. Seinem Historikerkollegen Hans-Ulrich Wehler fällt zur Beschreibung solcher Politik nur der Begriff "Gehirnleere" ein.
Dafür inszenierte Helmut Kohl seine Macht in gefühlsmächtigen Bildern. Als Kanzler in der Mediendemokratie hat er den Gebrauch politischer Symbolik bis über die Grenze vorbedachter Irreführung ausgeweitet. "Symbolische Politik ist eine kriegswirtschaftlich erdachte Strategie der Kommunikation gegen die Adressaten", schreibt der Politologe Thomas Meyer, "sie höhlt politische Kultur von innen aus. Sie täuscht Partizipation vor, wo sie die verhindert. Sie entzieht sich dem Diskurs."

MAINZ, 18. JULI 1985

Nur ein "Blackout", wie Heiner Geißler die flattrige Falschaussage seines Chefs entschuldigend charakterisierte, rettete Kanzler Kohl vor dem Kadi. Von dem illegalen Treiben der "Staatsbürgerlichen Vereinigung e. V.", die ihn seit 1964 mit Spenden versorgte, hatte er angeblich nichts gewusst - eine glatte Lüge. Die staatsanwaltliche Ermittlung, die Otto Schily durch eine Strafanzeige ausgelöst hatte, wurde eingestellt, weil man Kohl keinen Vorsatz zur Lüge nachweisen konnte. Doch dass dem CDU-Chef in seinem gesamten politischen Leben, wie er jetzt bekennt, "persönliches Vertrauen wichtiger als rein formale Überprüfungen war und ist", war schon damals erkennbar.
Auch das hat Helmut Kohl von seinem Vorbild Adenauer gelernt: Zimperlichkeit im Umgang mit Gesetzen und Verfassung kann hinderlich sein, wenn es gilt, politische Gegner zu erledigen. In einem SPIEGEL-Titel über die bedingte Abwehrbereitschaft der Bundeswehr entdeckte der erste Kanzler der Bundesrepublik 1962 einen "Abgrund von Landesverrat". Staatsanwälte und Polizei rückten in die Redaktionen ein, verhafteten den Herausgeber Rudolf Augstein. Der Anschlag auf die Pressefreiheit löste einen Sturm der Entrüstung aus. Lax entschuldigte sich der CSU-Innenminister Hermann Höcherl, da sei manches wohl "außerhalb der Legalität" gelaufen.
Helmut Kohl hat diese Lehren nicht vergessen. Stieß seine Regierung mit ihren politischen Wünschen an die Grenzen der Verfassung, wurde der "Staatsnotstand" beschworen, wie 1992, als die Zahl der Asylsuchenden ständig weiter anstieg.
Wenn jetzt nicht gehandelt werde, behauptete der damalige Kanzler, "stehen wir vor der Gefahr einer tief gehenden Vertrauenskrise gegenüber unserem demokratischen Staat". "Die Seele der Bundesrepublik" sah Fraktionschef Wolfgang Schäuble bedroht. Nur die pingelige FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger spielte nicht mit. Sie ließ ihren Regierungschef wissen, das Grundgesetz stehe "nicht unter einem allgemeinen Krisenvorbehalt".
Helmut Kohl sah das lockerer. Wer denkt wie er, wer sich auch noch als mächtiger Regierungschef im vereinten Deutschland gegen die Reste der verblichenen SED "mit dem Rücken zur Wand" stehen sah, der glaubte sich auch berechtigt, im Kampf gegen die PDS schwarze Kriegskassen anzulegen. Es ist aber die eigene Haltung, die den Ausnahmefall suggeriert, nicht der Gegner. Denn genau dieselbe Erklärung hatte Kohl schon 1967 zur Hand, als er um NPD-Wähler warb: "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Vaterlandsliebe ist das Gebot der Stunde."
Bei dem Versuch, hinderliche Gesetzesfesseln abzustreifen, berief er sich stets auf dasselbe traditionelle Muster. Es galt, sich irgendwelcher Feinde zu erwehren, realer oder erfundener, die angeblich den Bestand der Demokratie gefährden.
Auch der damalige BDI-Präsident Fritz Berg forderte 1970 in einem Schreiben an 55 Industrieführer Hilfe im "Kampf gegen Radikalismus und Kollektivismus". Der Feind war die demokratisch gewählte Regierung Willy Brandts. "Das Gebäude des Staates ist gefährdet", hieß es in dem Brief.
Auf Helmut Kohl konnte die "Der-Staatsind-wir"-Fraktion der Ton angebenden Kreise immer bauen. So vor allem in den siebziger Jahren, als in Teilen der politischen und gesellschaftlichen Eliten der Republik Panik ausbrach, weil Staatsanwälte auf der Suche nach illegalen Parteispenden mit Durchsuchungen begannen. Geld wollten die Spender aus der Wirtschaft nur noch gegen Amnestie herausrücken. Helmut Kohl werde sich "persönlich darum kümmern", dass ihnen kein Leid geschehe, beruhigte damals Uwe Lüthje, der Gehilfe des CDU-Schatzmeisters, die Gönner. Horst Weyrauch, Kohls Hüter der schwarzen Kassen, bedrängte die Finanz- und Justizbehörden, die Verfahren niederzuschlagen.
"Das Gleichgewicht der politischen Parteien" werde gefährdet, so die Argumentation der Kohl-Gehilfen, wenn vor der Bundestagswahl 1976 gegen die Hauptbetroffenen, CDU und FDP, ermittelt werde. "Schwerer Schaden für die Bundesrepublik" sei zu befürchten. Auch das ominöse Wort, das immer bemüht wird, wenn es eng wird, stellte sich hurtig ein: übergesetzlicher Notstand. Natürlich ging es nur um das brutalst-hehre Motiv, wie es jetzt auch Manfred Kanther auftischt: "um die Funktionsfähigkeit der Demokratie".

BERLIN, 3. OKTOBER 1990

Die Deutsche Einheit, die Helmut Kohl mit feuchten Augen vor dem Reichstag feierte, sicherte ihm nicht nur seinen Platz im Geschichtsbuch. Der Weg dahin hat sich auch in den Kontoauszügen der Regierung niedergeschlagen. Geld gehörte zur diplomatischen Grundausstattung des Staatsmannes Kohl.
Dass die Kasse stimmen muss, hatte Kohl schon in frühester Kindheit verinnerlicht. Mutter Cäcilie "drehte jeden Groschen dreimal um, ehe sie ihn ausgab", schreibt Biograf Dreher. Zum Wochenmarkt gleich um die Ecke sei sie vorzugsweise am frühen Nachmittag gegangen, weil dann die Bauern ihre Ware zu Ramschpreisen verhökerten - eine lehrreiche Erfahrung für den kleinen Helmut, den die Mutter manchmal zu ihren Einkäufen mitnahm. Geld nannte sie "Bimbes", und seit der Skandal publik wurde, hat die pfälzische Wortschöpfung Eingang ins Wörterbuch der Umgangssprache gefunden.
Immer war Geld im Spiel, wenn der Kanzler seine großen historischen Taten vollbrachte. Mit Milliarden, die er den Russen zahlte, erkaufte er den Rückzug der russischen Armee aus der ehemaligen DDR. Milliarden überwies er den Amerikanern, um die Deutschen aus dem Golfkrieg herauszuhalten. Den misstrauischen Franzosen bot er den Verzicht auf die D-Mark zu Gunsten des Euro an: als Preis für das vereinte Europa.
Geld gab auch den Ausschlag bei den entscheidenden Wahlen 1990. Die Deutschen wollten die Wiedervereinigung, argumentierte er damals im kleinen Kreis, aber wenn's um "Bimbes" gehe, höre der Patriotismus auf. Also ließ er die Wähler im Westen glauben, die Wiedervereinigung werde sie nichts kosten. Und den Ostdeutschen versprach er die D-Mark zum Umtauschkurs von 1:1.
Dass er persönlich käuflich gewesen sei, unterstellen ihm nicht einmal seine schärfsten Gegner. Aber dass die 25-jährige Herrschaft über seine Partei auf der Macht des Geldes beruhte, ist unbestritten. Kein anderer Chef der Bundestagsparteien kümmerte sich so sehr um die Details der Geldbeschaffung
Sein großes Vorbild war, auch was den "Bimbes" angeht, Konrad Adenauer. Ungeniert ließ sich der Alte seine Wahlkämpfe von der Industrie finanzieren. Adenauer bedachte - wie später der Enkel - ganze CDU-Landesverbände mit Dotationen, um sie auf seine Linie zu bringen. Über seinen Gehilfen Hans Globke ließ er das Geld verteilen. Erst nachdem Adenauer als Kanzler abgedankt hatte, geriet sein Günstlingssystem in Verruf. Und es war Helmut Kohl, der damals das große Wort führte. Es sei "doch skandalös", wie die Union sich finanziere, wetterte er im CDU-Bundesvorstand: "Wenn jemand eine Dissertation schriebe über das innere Gefüge der CDU, dann könnte er klar nachweisen, dass die CDU keine demokratische Partei ist."
Nun konnte - nach Ablauf der Archiv-Sperrfristen - der Göttinger Historiker Frank Bösch Einblick in jenes "innere Gefüge" der CDU nehmen, das der junge Kohl damals so lautstark anprangerte, ehe er es, als Parteichef, selbst übernahm.
"Das Finanzgebahren der Ära Kohl", schrieb Bösch nach Auswertung der alten Vorstandsprotokolle, "ist in gewisser Weise ein Relikt jener Praxis, die sich bei der CDU in den fünfziger Jahren einspielte. Der zweite große Unionsvorsitzende hielt am überlieferten Spendenwesen fest."

BERLIN, 15. FEBRUAR 2000

Mag auch das von Helmut Kohl durchtränkte Klima nur langsam umschlagen, das pubertäre Sozialgefüge der Parteifamilie CDU noch eine Weile weiterbestehen, personell und sichtbar, wie Schäuble sagt, ist die Ära Kohl mit einem Triumph der Selbstzerstörung zu Ende gegangen. Des ewigen Kanzlers auserwählter Nachfolger konnte sich aus dem mafiosen Sog des Patriarchen nicht befreien.
Wolfgang Schäuble, sein rächender Ziehvater Kohl wird es mit Genugtuung vermerkt haben, war so konsequent "auf Null" gebracht worden, wie es Vorbild Adenauer einst mit seinem Nachfolger Ludwig Erhard versucht hatte. Und, zusätzlicher Gag der Geschichte: Die durch Helmut Kohl verkörperte Nachkriegszeit endete genau mit jenem Tag, als der Parlamentspräsident Wolfgang Thierse die erste Rechnung für die Spenden-Affäre präsentierte.
Seither dümpelt die stolze CDU am Rande der Pleite. So bestätigte sich das inoffizielle Leitmotto der Adenauer-Republik am Ende an der Partei ihres Schöpfers: "Haste was, biste was."
Von Jürgen Leinemann, Paul Lersch und Hartmut Palmer

DER SPIEGEL 8/2000
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