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DER SPIEGEL

SPIEGEL-Gespräch  „Mama, es ist vorbei“

Rennfahrer Nico Rosberg und Eishockeyspieler Christian Ehrhoff beendeten ihre Karrieren auf dem Zenit ihres Erfolgs. Was hat sie dazu getrieben? Und wie fühlt sich das Leben jetzt an?
Monaco im Mai. Im Foyer des Hotels Le Méridien Beach Plaza treffen sich zwei ehemalige Weltklassesportler. Der eine hat 20 Jahre auf dem Eis verbracht, der andere 20 Jahre im Cockpit von Rennautos. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs zogen sie sich aus dem Profisport zurück. Völlig unerwartet für Fans, Freunde und Familie.
Nico Rosberg, 32, saß mit 17 als seinerzeit jüngster Fahrer der Motorsportgeschichte in einem Testwagen der Formel 1. Elf Jahre lang fuhr Rosberg im Schatten von Teamkollegen wie Michael Schumacher und Lewis Hamilton, bevor er 2016 endlich Weltmeister wurde. Fünf Tage nach dem Triumph gab er seinen Rücktritt bekannt.
Christian Ehrhoff, 35, lernte Eishockey bei den Krefelder Pinguinen. In der nordamerikanischen National Hockey League (NHL) war er später kurzzeitig der bestbezahlte Verteidiger der Welt. Ehrhoff vertrat Deutschland bei sieben Weltmeisterschaften und vier Olympischen Spielen. Vier Wochen nach dem Gewinn der Silbermedaille von Pyeongchang beendete er seine Karriere.

SPIEGEL: Herr Ehrhoff, Herr Rosberg, wie findet man sich nach zwei Jahrzehnten im Profisport im normalen Alltag zurecht?
Ehrhoff: Einen richtigen Tagesablauf habe ich in diesen zwei Monaten noch nicht entwickelt. Ich kann meine Frau nun besser unterstützen, bin an den Wochenenden zu Hause, das ist eine ganz neue Erfahrung. Ich versuche, ein wenig Zeit zu finden für ein paar Hobbys, Golf und Tennis. Ich will erst mal den Kopf freikriegen, mich ins neue Leben reinfühlen.
Rosberg: Witzig. Genau das habe ich damals auch gesagt, in Kopie. Und jetzt, nur anderthalb Jahre später, bin ich in einer komplett anderen Lebensphase. 18 Monate machen einen Monsterunterschied aus.
Ehrhoff: Das kann ich mir vorstellen.
Rosberg: Es braucht einfach Zeit. Ich habe nur dafür gelebt, das nächste Ding zu gewinnen. Jeden Tag trainieren, noch besser werden, Ernährung, Fitness, Verletzungsprophylaxe, das wird zur Identität. Es ist nicht einfach, wenn das plötzlich wegfällt.
SPIEGEL: Sind Sie in ein Loch gefallen?
Rosberg: Loch klingt zu extrem, das nicht, aber man durchlebt schwierige Phasen, muss sich erst mal finden – und einen neuen Sinn.
SPIEGEL: Wie lange hat dieser Prozess gedauert?
Rosberg: Der dauert noch an, aber ich habe einen Riesenschritt gemacht. Ich pflege meine Sponsoren und habe mir ein cooles neues Team aufgebaut, mit dem ich neue Projekte angehe, um in der Businesswelt Erfolg zu haben.

Die Bedienung kommt an den Tisch. Rosberg fragt nach Karottensaft. Haben sie nicht. Also Tomatensaft. "Spicy?", fragt die Kellnerin, "No, no, no", sagt Rosberg. "And some purple chips." Er zeigt zur Bar, auf der Kelche mit Trüffelkartoffelchips stehen. Ehrhoff bestellt Espresso und stilles Wasser.

SPIEGEL: Wie sieht Ihr Zeitplan aus, Herr Ehrhoff?
Ehrhoff: Die nächsten sechs Monate will ich mich auf nichts festlegen, was nicht heißt, dass ich ratlos auf dem Sofa sitze. Ich habe das Glück, machen zu können, wozu ich Lust habe. Das können nicht alle Profisportler nach ihrer Karriere. Die meisten hören ja auf, haben sich nicht vorbereitet und müssen dann irgendwas machen.
Rosberg: Ich erlaube mir mal, einen Tipp zu geben (lacht).
Ehrhoff: Klar, gern.
Rosberg: Geh raus und rede mit Menschen, die dich interessieren. Das hat mir enorm geholfen. Da finden sich ganz neue Wege. Und gerade jetzt nach deinem Erfolg hat jeder Zeit für dich.
SPIEGEL: Abseits des Erfolgs, was hat Ihnen beiden der Sport gegeben?
Rosberg: Er hat enorm zu meiner persönlichen Entwicklung beigetragen. Ich habe natürlich gelernt, wie man mit Druck umgeht, wie man mit anderen Menschen klarkommt, was Teamgeist bedeutet. Aber auch, dass ich besser werde, wenn ich mich ins Unangenehme stürze, wie zum Beispiel vor vielen Menschen zu reden.
Ehrhoff: Die Lebenserfahrung, die ich jetzt mit 35 habe, hätte ich in keinem anderen Beruf sammeln können. Ich habe in vielen Städten im Ausland gelebt. Als junger Spieler musste ich mich erst zurechtfinden, als Führungsspieler später vorneweg gehen.
SPIEGEL: Was waren besondere Momente Ihrer Karriere?
Ehrhoff: Mit einem Team etwas zu gewinnen, das gibt einem viel. Wie jetzt bei Olympia. Schon die Qualifikation war sehr emotional.
SPIEGEL: Sie gewannen das entscheidende Spiel gegen Lettland mit 3:2.
Ehrhoff: Wir standen unter großem Druck, schließlich ging es auch um Fördergelder für den Verband. Das Leuchten in den Augen der Jungs, die zum ersten Mal dabei sein konnten. Und dass wir das am Ende noch krönen konnten mit dem historischen Triumph, das ist wunderschön.
SPIEGEL: Schöner als der Gewinn der deutschen Meisterschaft 2003 mit Krefeld, Ihrem Heimatverein?
Ehrhoff: Das war auch unheimlich groß. Der Verein wartete seit 51 Jahren auf eine Meisterschaft. Und dann haben wir es echt geschafft. Damals war ich 20 und dachte, das geht jetzt so weiter.
Rosberg: Das habe ich in dem Alter auch gedacht.
SPIEGEL: Woran erinnern Sie sich?
Rosberg: Der erste Sieg hier zu Hause in Monaco, 2013, das war das beste Wochenende meiner Karriere. Und dann der WM-Gewinn natürlich. Ich bin mir nicht sicher, ob ich so intensive Emotionen noch einmal erleben werde. Das sind Dimensionen (schüttelt den Kopf) – crazy, völlig crazy.
SPIEGEL: Was verursacht solche Höhen?
Rosberg: Die Arbeit, die da drinsteckt. Bei meinem letzten Rennen, 2016 in Abu Dhabi, da kamen in den letzten zwei Runden Bilder aus den vergangenen 20 Jahren hoch. Wäre da etwas schiefgegangen, wäre alles für die Katz gewesen.
SPIEGEL: Was hätten Ihre Eltern dazu gesagt?
Rosberg: Meine Mutter war immer voller Liebe, ihr war völlig wurscht, ob ich gewinne oder Letzter bin. Mein Vater war auch unterstützend, aber erwartungsvoller. (Keke Rosberg wurde 1982 Formel-1-Weltmeister –Red.) Ich habe ihm als kleiner Junge immer zugeschaut und mir gesagt, das muss ich auch machen eines Tages.
SPIEGEL: Welche Rolle haben Ihre Eltern gespielt, Herr Ehrhoff?
Ehrhoff: Sie hatten mit Eishockey nichts zu tun, mein Vater kann nicht mal Schlittschuh laufen. Mit 17 habe ich morgens in Krefeld trainiert und abends in Duisburg, da mussten mich meine Eltern zweimal am Tag hin- und herkutschieren. Ihnen habe ich am meisten zu verdanken.
SPIEGEL: Eishockey und Rennfahren sind beides risikoreiche Sportarten. Hatten Ihre Eltern Sorge um Sie?
Ehrhoff: Meine Mutter konnte meine Spiele nicht im Fernsehen gucken, sie hatte zu große Angst um mich. Ihr ist wahrscheinlich der größte Stein vom Herzen gefallen, als ich aufgehört habe.
Rosberg: Meine Mutter hat meine Rennen auch nicht geguckt. Als ich zurückgetreten bin, habe ich zu ihr gesagt: "Mama, du brauchst nie wieder Angst zu haben in deinem Leben, es ist vorbei" (lacht).
SPIEGEL: Wie gefährlich haben Sie selbst Ihren Beruf empfunden?
Ehrhoff: Wir riskieren auf dem Eis nicht unser Leben, aber natürlich nehmen wir langfristige Verletzungen in Kauf. Aber darüber denkt man nicht nach. Ich hatte nie Angst, mich zu verletzen.
SPIEGEL: Dabei hätten Sie mit 19 fast ein Auge verloren.
Ehrhoff: Ja, ich habe einen Schläger ins Auge bekommen, auf der Netzhaut ist eine Narbe zurückgeblieben. Deswegen sehe ich links schlecht. Es stand für mich aber nie zur Debatte, deswegen aufzuhören.
Rosberg: Und das hat dich nicht beeinträchtigt auf dem Eis?
Ehrhoff: Nein, das rechte Auge hat alles übernommen.
Rosberg: (hebt das "Reserviert"-Schild vom Tisch hoch) Kannst du das mit links nicht lesen?
Ehrhoff: Nein, nur mit rechts.
Rosberg: Das ist ja krass.
SPIEGEL: Sie erlitten 2015 zudem zwei Gehirnerschütterungen.
Ehrhoff: Die waren problematisch. Ich war zweimal hintereinander sechs Wochen außer Gefecht. Als ich nach der zweiten Verletzung vom Eis ging, dachte ich, das könnte der letzte Moment meiner Karriere sein.
SPIEGEL: Herr Rosberg, Sie wurden vor mehr als zehn Jahren bei einem Unfall ausgeknockt.
Rosberg: Ja, das war in der Formel 3. Die Bremse hat versagt, und ich bin voll in die Bande geflogen am Ende der Start-Ziel-Geraden. Aber ich habe Glück gehabt.
SPIEGEL: Haben Sie gesundheitliche Probleme durch Ihren Sport?
Rosberg: Die Wirbelsäule hat schon einiges abbekommen. Ein paar Wehwehchen, aber das kann auch das Alter sein.
SPIEGEL: Sie sind 32!
Ehrhoff: Ab 30 geht das los (lacht).
Rosberg: Das ist so.
Ehrhoff: Bei mir ist es auch der Rücken. Ich muss weiter Krafttraining machen, sonst kriege ich da Probleme.
SPIEGEL: Was waren die Tiefpunkte Ihrer Karrieren?
Rosberg: Ich hatte einige, besonders in den letzten Jahren gegen Lewis. Ich habe einmal die WM verloren im letzten Rennen der Saison, nachdem ich fast das ganze Jahr geführt hatte. Sich danach mit der Familie im Arm zu liegen, und alle weinen – boah. In unserem Sport weiß man ja auch nie, ob man noch eine Chance bekommt, denn man ist sehr vom Auto abhängig.
Ehrhoff: Ich habe 2011 mit Vancouver das Stanley-Cup-Finale verloren, im entscheidenden Spiel um die NHL-Meisterschaft. Da stehst du am Ende einer Saison nach 107 Spielen mit leeren Händen da und musst zusehen, wie der Gegner feiert.
SPIEGEL: Wie fühlt sich das an?
Ehrhoff: Erst mal war da totale Leere. Aber als ich nach dem Spiel meine Familie gesehen habe, bin ich in Tränen ausgebrochen. Du hast das Gefühl, auch die Erwartungen der anderen enttäuscht zu haben.
Rosberg: (nickt) Ich kann diesen Moment exakt nachempfinden.
SPIEGEL: Wie ist es dann, die Schlagzeilen am nächsten Tag zu lesen?
Ehrhoff: Ich habe mich nie darum geschert, was über mich geschrieben wurde, auch nie was gelesen. Außer jetzt bei Olympia.
Rosberg: Für mich gab es nur Familie und Rennsport. Keine News, kein Facebook, kein Instagram. Zwischenzeitlich hatte ich nicht mal ein Handy. Absoluter Fokus.
SPIEGEL: Braucht man den besonders, wenn der größte Konkurrent, Lewis Hamilton, im eigenen Team fährt?
Rosberg: Das ist schon echt kompliziert.
SPIEGEL: Kann man so eine Situation lösen?
Rosberg: Nein. Man hat 1300 Leute im Team, die zwei Rennautos bauen. 650 sind Nico-Fans, 650 sind Lewis-Fans, das zieht sich hoch bis zu den Chefs.
SPIEGEL: Haben Sie noch Kontakt zu Hamilton?
Rosberg: Fast gar nicht, obwohl wir im gleichen Haus wohnen. Jetzt ist der Pool wieder offen, da sieht man sich ab und zu. Früher ist er auch mal zum Burgeressen vorbeigekommen, das hat aber aufgehört.
Ehrhoff: (grinst) Er isst ja kein Fleisch mehr, vielleicht deshalb.
SPIEGEL: Sie sind auch Vegetarier.
Rosberg: Echt? Hat dir das was gebracht?
Ehrhoff: Ich habe den Eindruck, dass es mir bei der Regeneration geholfen hat.
Rosberg: Als ich gefahren bin, habe ich auf alles verzichtet: kein Gluten, keine Laktose, keine Fruktose, kein Industriezucker.
SPIEGEL: Haben Sie das beibehalten?
Rosberg: (greift in die Chips-Schale) Nein, jetzt ist mir alles egal (beide lachen). Aber Mann, der Körper verwandelt sich. Unglaublich! Ich habe meinem Vater, der ein bisschen Bauch hat, früher gesagt, ich werde mich nie gehen lassen – habe ich alles zurückgenommen.
SPIEGEL: Herr Ehrhoff, auch Sie hatten mit Konflikten in Ihren Teams zu kämpfen. Wie sind Sie als Kapitän damit umgegangen?
Ehrhoff: Ich war eher ein ruhiger Typ, der mit gutem Beispiel voranging. Aber wenn ich mal laut wurde, wussten die anderen, dass es ernst ist.
SPIEGEL: Wie greifbar waren Sie für Ihr Team, Herr Rosberg?
Rosberg: Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, weil ich wusste, wie viel Energie meine Mechaniker investiert haben. Deren Familien haben darunter gelitten, wenn die mal wieder Tag und Nacht an dem Auto gebastelt haben, das ich am Ende gefahren bin. Deshalb: Meine Rennsportfamilie am Ende hängen zu lassen, das war mit das Heftigste für mich.
SPIEGEL: Inwiefern?
Rosberg: Ich hatte bei meinem Rücktritt noch zwei Jahre Vertrag und wusste, wie sehr ich mein Team in Schwierigkeiten bringe. Alle anderen Fahrer standen bereits unter Vertrag.
SPIEGEL: Warum sind Sie dann zurückgetreten?
Rosberg: Einmal Weltmeister zu werden, das war mein Kindheitstraum. Ich hatte mein Ziel erreicht. Die Überlegung, mehr Zeit für die Familie zu haben. Es war perfekt, es ist alles zusammengekommen. Als ich dann beim letzten Rennen über die Ziellinie fuhr, war mir klar: Ich mache das.
SPIEGEL: Das klingt nach einer einsamen Entscheidung.
Rosberg: Total. Ich habe es meiner Frau erst kurz vor der Verkündung erzählt und meinen Eltern nur eine SMS geschickt.
SPIEGEL: Sie haben sie nicht angerufen?
Rosberg: Ich habe mich nicht getraut. Ich hatte es auch meinem besten Freund erzählt, der mein größter Fan war. Der war am Boden zerstört und meinte: Jetzt weiß ich, wie sich meine Schwester gefühlt hat, als sich Take That aufgelöst hat (beide lachen). Ich war kaputt danach. Wenn mein Kumpel schon so reagiert, was wird dann wohl mein Vater sagen?
SPIEGEL: Was stand in der SMS?
Rosberg: "Mama, ich hör auf, bitte sag es dem Papa, ich melde mich später mal" (klatscht lachend in die Hände). Das war super.
SPIEGEL: Wie war es bei Ihnen?
Ehrhoff: Ähnlich. Ich hatte seit Beginn der letzten Saison überlegt, wann der richtige Zeitpunkt wäre. Körperlich habe ich mich noch super gefühlt, aber vom Kopf her war ich fertig, es hat sehr viel Kraft gekostet, sich mental immer wieder aufs Neue auf Spiele vorzubereiten. Aber ich wollte unbedingt noch einmal bei Olympia dabei sein. Als ich dann in Pyeongchang ankam, wusste ich: Nach der Saison ist Schluss.
SPIEGEL: Am 25. März schieden Sie mit den Kölner Haien in den Play-offs aus. Das war Ihr letztes Spiel.
Ehrhoff: Danach saß die Mannschaft stumm in der Kabine, und ich habe kein Wort rausbekommen. Ich habe es den Jungs dann nach und nach erzählt. Dabei kamen mir schon die Tränen. Zu Hause habe ich dann einen Post für Instagram verfasst und meiner Frau vorgelesen, das war auch noch mal sehr emotional. Ich war erleichtert, als der dann raus war.
SPIEGEL: Das war sechs Wochen vor Beginn der Eishockey-WM. Es gab negative Reaktionen, eine Überschrift lautete: "Ehrhoff lässt das Nationalteam im Stich". Was denken Sie, wenn Sie so was hören?
Rosberg: Da brauchst du jetzt gar nichts zu sagen, ich rede mal für dich. Das ist doch komplett scheiße. Was er für unser Land geleistet hat in all den Jahren und jetzt bei Olympia – das hat es doch überhaupt noch nie gegeben, oder?
Ehrhoff: Nein, das war der größte Erfolg des deutschen Eishockeys.
Rosberg: Der größte Erfolg der deutschen Eishockeygeschichte. Come on, guys, was wollt ihr denn noch?
Ehrhoff: Ich verstehe das auch nicht.
Rosberg: Habt ihr danach eigentlich schön gefeiert?
Ehrhoff: Na ja, so richtig ausgelassen war das nicht. Wir mussten noch in der Nacht wieder zum Flughafen, und drei Tage später stand das nächste Ligaspiel an.
SPIEGEL: Haben Sie das Finale gesehen?
Rosberg: Nein. Aber ich bin auch so was von raus. Aus allem. Mit zwei kleinen Töchtern bleibt kaum Zeit für anderes. Hast du auch Kinder?
Ehrhoff: Ja, drei Töchter, neun, sieben und dreieinhalb. Wie alt sind deine?
Rosberg: Zweieinhalb und acht Monate.
Ehrhoff: Oh, das ist noch viel Arbeit.
Rosberg: Heute früh um zwei kam meine Frau und sagte: Es geht nicht mehr. Die Kleine hat nur geweint. Also: Boxenstopp, fliegender Wechsel, ich habe übernommen.
SPIEGEL: Stichwort Boxenstopp. Juckt es Sie heute, wenn Sie Formel 1 schauen?
Rosberg: Ich genieße die Rennen, aber ich finde es schön, dass ich jetzt als TV-Experte zu dieser Show beitrage – ich habe ja ein Insiderwissen, das nur wenige haben.
SPIEGEL: Und wie ist es mit Eishockey?
Ehrhoff: Die Play-off-Spiele habe ich mit einem weinenden Auge verfolgt, aber eher weil ich selber nicht so weit gekommen bin. Spannend wird es, wenn ich zum ersten Mal als Zuschauer in einer Halle bin. Mal sehen, ob ich das Gefühl bekomme, dass ich eigentlich mitspielen sollte.
SPIEGEL: Also eine Rückkehr ist für Sie beide kein Thema?
Ehrhoff: Für mich ist das ausgeschlossen.
Rosberg: Kommt darauf an. Wenn Ferrari das Angebot verdoppelt, muss ich noch mal überlegen. Nein, ich bin komplett erfüllt.
SPIEGEL: Was sind Ihre nächsten Ziele?
Rosberg: Die Mobilität zu fördern. Ich bin Investor in der Formel E, dort werden Motoren entwickelt, die später alle auf der Straße fahren werden. Ich bin bei Autos zu Hause, finde Themen wie Nachhaltigkeit und grüne Mobilität sehr spannend. Dazu will ich meinen Teil beitragen.
SPIEGEL: Herr Ehrhoff, ist es bei Ihnen noch zu früh, über Ziele zu reden?
Ehrhoff: Ich möchte schon weiter im Eishockey bleiben. Der Sport hat mir so tolle Momente ermöglicht, da möchte ich etwas zurückgeben. In welcher Form das sein wird, muss sich noch zeigen. Und ich möchte auch als Unternehmer meine Erfahrungen machen. Ich habe mit zwei Freunden ein Physiotherapie- und Fitnesszentrum aus der Insolvenz übernommen, das versuchen wir wieder anzuschieben.
SPIEGEL: Herr Rosberg, weil Sie jetzt schon viel länger raus sind: Was vermissen Sie am wenigsten aus dem Sportlerleben?
Rosberg: Meine Torturmaschine für die Nackenmuskulatur.
SPIEGEL: Ihre Torturmaschine?
Rosberg: Ja, die steht in meiner Garage. Da sitzt man drin wie in einem Rennwagen. An dem Helm sind Ketten mit Gewichten befestigt. Dann geht es los, in alle Richtungen. Ekelhaft. Ich schwöre, da setze ich mich nie wieder rein.
SPIEGEL: Herr Ehrhoff, Herr Rosberg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Über die Autori n

Antje Windmann ist seit 2010 Redakteurin beim SPIEGEL. Im November 2017 wechselte sie vom Deutschland-Ressort in den Sport, um zu verstehen, was Menschen antreibt, permanent an ihre Grenzen zu gehen.

Über den Autor

Thilo Neumann, Jahrgang 1985, lernte an der Henri-Nannen-Journalistenschule. Nach dem Gespräch mit Nico Rosberg nahm er sich vor, seiner Mutter wieder öfter SMS zu schicken. Die Zwischenbilanz: ausbaufähig.
Das Gespräch führten die Redakteure Thilo Neumann und Antje Windmann.
Von Thilo Neumann und Antje Windmann

DER SPIEGEL 21/2018
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