Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

ZeitgeschichteKohl belog Ostdeutsche

•  Ex-Kanzler Helmut Kohl hat Jahre vor seinem Tod intern eingeräumt, die Öffentlichkeit über den Zustand der "neuen Bundesländer" im Osten belogen zu haben. Das zeigt die Abschrift eines Gesprächs zwischen Kohl und Beratern am 22. Oktober 1999. Es geht darin um sein berühmtes Wahlkampfversprechen 1990, aus den neuen Ländern würden "in drei, vier Jahren blühende Landschaften". Tatsächlich erlebte jedoch der Osten Deutschlands die schwerste Wirtschaftskrise seit 1945. Rückblickend erklärte Kohl, sein Wahlkampfversprechen sei ein "Fehler" gewesen. Er habe "natürlich" gewusst, dass die DDR-Wirtschaft "marode" sei. O-Ton Kohl: "Wir haben die miese Lage bewusst nicht – das war nicht zufällig, wir haben darüber diskutiert – wir haben bewusst, wie wir glaubten, psychologisch richtigerweise, die Negativzahlen nicht hochgespielt." Er habe das Selbstwertgefühl der Ostdeutschen nicht schädigen wollen, erklärte er seinen Vertrauten. Noch in seinen "Erinnerungen" von 2007 behauptet er dagegen, Opfer der SED-Propaganda geworden zu sein. Die DDR-Führung habe ihn und die Welt "über die wahre Wirtschaftskraft des DDR-Sozialismus hinweggetäuscht".
Von KLW

DER SPIEGEL 22/2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung