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DER SPIEGEL

Die Augenzeugin„Sehr lebendig“

Die DDR existiert nicht mehr, wohl aber die Jugendweihe: Anja Gladkich, 37, ist Geschäftsführerin eines Vereins, der regelmäßig solche Feiern in Berlin und Brandenburg veranstaltet.
•  "Unsere Jugendweihefeiern finden an verschiedenen Orten statt, in Theatersälen, im Kino, in Kulturzentren. Sie beginnen meist mit einem bunten Musikprogramm mit Poetry-Slammern oder Rappern, wir bemühen uns um eine Mischung aus emotionalen und auflockernden Texten. Dann hält ein Vertreter der Gesellschaft eine Festrede, häufig ein Bürgermeister oder ein Abgeordneter. Anschließend werden die Kinder in Gruppen auf die Bühne gebeten und erhalten eine Urkunde vom Redner. Von uns gibt es ein Buch und einen Blumenstrauß. Das machen in der Regel jüngere Kinder, symbolisch für den Abschied von der Kindheit. Der zweite Teil ist ein Mitmach- und Partyprogramm und soll die Teilnehmer schwungvoll in ihre Familienfeiern geleiten.
Hier in Berlin und Brandenburg gibt es unzählige kleine Vereine, die solche Feiern anbieten. Auch in anderen ostdeutschen Bundesländern ist die Jugendweihe nach wie vor sehr lebendig. Unser Verein Jugendweihe Berlin/Brandenburg ist gemeinnützig und wurde 1990 gegründet, um die Tradition fortzusetzen. Derzeit haben wir rund 80 ehrenamtliche Helfer in unseren Regionalgruppen. 2015 gab es einen kleinen Einbruch, aber seitdem sind die Teilnehmerzahlen stetig gestiegen. Das liegt bestimmt auch daran, dass wir das Prozedere an die heutige Zeit und an die Wünsche der Kinder angepasst haben.
Mit einer bestimmten Weltanschauung oder gar mit Parteipolitik hat das alles nichts zu tun, unser Verein ist unabhängig. Während es in der DDR noch das Ziel war, die Kinder auf den Staat einzuschwören, setzen wir uns heute dafür ein, den Jugendlichen den Weg in die Gesellschaft zu ebnen. Sie werden Teil der Gesellschaft und sind nicht mehr länger nur Zuschauer. Insofern ist es eine moderne Fortführung dieser Tradition, die lange vor der DDR entstanden ist: Die Jugendweihe gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts."
Von Aufgezeichnet von Vivien Krüger

DER SPIEGEL 24/2018
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