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DER SPIEGEL

KINODie heilige Sünderin

Neil Jordan hat Graham Greenes berühmten Roman „Das Ende einer Affäre“ verfilmt: die autobiografisch gefärbte Geschichte eines Ehebruchs in den Zeiten der V-2-Raketen.
Die Geliebte der Londoner Bombennächte war klein, stämmig, arm und unscheinbar. Luftschutzwart Dorothy Glover waltete zwar mutig mit Feuerpatsche und Stahlhelm, doch was Graham Greene sonst noch an ihr fand, blieb den Freunden unerfindlich. Immerhin liebte Dorothy - wie Graham - die Gefahr, sie war ein guter Saufkumpan, und zur Verlängerung der Lust drückte sie dem Schriftsteller auch mal eine brennende Zigarette im Handteller aus.
Die Geliebte der Nachkriegszeit war ganz anders, viel jünger als Dorothy, steinreich und schön: Lady Catherine Walston, Amerikanerin, gehörte durch Heirat zum britischen Landadel und kam zu ihren Rendezvous gern per Flugzeug. Sie hatte sich 1946 von Graham Greenes Roman "Die Kraft und die Herrlichkeit" zum Katholizismus bekehren lassen und den Autor, dem sie noch nie begegnet war, zu ihrem Taufpaten erkoren. Auf diesem ungewöhnlichen Wege hoffte Catherine ein Verhältnis mit Greene zu beginnen, was nach dem ersten Treffen auf Anhieb gelang.
Nur, was prädestiniert den Hollywood-Star Julianne Moore ("Magnolia") dazu, die Geliebte der Londoner Bombennächte zu verkörpern? Mit der unansehnlichen Dorothy Glover hat die Schauspielerin nichts gemein. Ihr lieblicher Leib, auf dem Filmregisseur Neil Jordan ("The Crying Game") seine Kameras gern verweilen lässt, sowie ihr Gesicht erinnern an die andere, die Geliebte der Nachkriegsjahre - Lady Catherine Walston.
Das ist auch richtig so. Denn für den Roman aus der Zeit des Londoner Blitz, "Das Ende einer Affäre" (1951), hatte der Wirklichkeitsausbeuter Greene sich einen Personentausch ausgedacht: Die tapfere Dorothy landete im Keller des Vergessens, wogegen Lady Catherine, Greenes Patenkind aus dem Propeller-Set der Nachkriegsjahre, rückwirkend nach London versetzt wurde - als Protagonistin seiner Kriegsromanze in Moll.
Im kleinbürgerlichen Clapham, das von Hitlers V-Waffen gepeinigt wird, hat Catherine sich in die Beamtengattin und fromme Ehebrecherin Sarah Miles verwandelt. Und sich selbst porträtierte Greene im Schriftsteller Maurice Bendrix, Sarahs eifersüchtigem Liebhaber. Ralph Fiennes ("Der englische Patient") ist für die egomane Rolle wie geschaffen; er strahlt rastlose, auf der Haut brennende Begierde aus.
Neil Jordan filmte ein unentwegt triefendes London. Ruß und Regen rinnen über die Gesichter, Nebel und Verdunkelung lasten auf den Seelen. Doch die außerehelich Liebenden ziehen die Erschütterungen der Bombentreffer dem Entwarnungssignal vor, das immer das Ende der Umarmungen bedeutet. Sarah Miles muss dann nach Hause - zu ihrem Henry, dem Hahnrei. Stephen Rea verkörpert ihn als melancholischen Staatsdiener, der seine Hörner mit Würde und Hundeblick trägt.
Aber dieser Ehemann hat kein erotisches Eigengewicht, um im Dreieck ein ebenbürtiger Dritter sein zu können. Für Maurice Bendrix ist Henry Miles keine Konkurrenz, nur weiß er das nicht. Wie zwei nebeneinander aufgebahrte Sarkophage würden ihr Mann und sie selbst die Nächte verbringen, notiert Sarah in ihrem Tagebuch. Dieses wird später - in Bendrix' Auftrag - von einem rührend naiven Privatdetektiv entwendet, der stets seinen kleinen Jungen als Lehrling dabeihat.
Erst dann dämmert dem Eifersüchtigen, wer sein wahrer Nebenbuhler ist, der Dritte im Liebesdreieck: nicht der gehörnte Ehemann, sondern der liebe Gott. Kein Geringerer als der Allmächtige ist dabei, Bendrix die geliebte Frau auszuspannen.
Wieder hat Greene sich schamlos bei der Wirklichkeit bedient, Personen und Motive virtuos vermischt. Die ehebrechende Sarah ist die Tochter eines Juden und einer Katholikin, die ihr Baby für alle Fälle heimlich hatte taufen lassen. Darum ist Sarah, obwohl sie hiervon keine Ahnung hat, der allein selig machenden Kirche und deren Gott zugedacht. Je mehr sie sündigt, desto mächtiger zieht es sie zu den Römisch-Katholischen hin.
Im wahren Leben hatte die Konvertitin Catherine neben ihrem Verhältnis mit Greene zahllose Affären, auch einige mit katholischen Priestern. Anders als Sarah hatte sie zwar keinen Juden zum Vater, doch ihr millionenschwerer toleranter Gatte, Baron Harry Walston, entstammte einer jüdischen Familie, die einst Walstein hieß. Als Greene den Roman "To Catherine with love" widmete, fühlte Harry/Henry sich bloßgestellt und war wütend. Der Autor bekam eine Weile Hausverbot.
Ralph Fiennes wirbelt durch die Lüfte: Der Einschlag einer V-2 hat die Liebenden unterbrochen, der Schriftsteller wird von der Explosionswelle gepackt und zwei Etagen tiefer zu Boden geschmettert. Nackt taumelt Sarah durch die Trümmer, findet den leblosen Geliebten und richtet ein verzweifeltes Gebet an den Himmelsvater.
In einer Art frommen Kuhhandels bietet sie an, das ehebrecherische Verhältnis sofort zu beenden, wenn der Herrgott dafür ihrem Liebhaber das Leben schenkt. Als der Totgeglaubte tatsächlich die Treppe heraufkommt, ist Sarah nicht überrascht. Sie kehrt dem bestürzten Bendrix den Rücken zu und findet endgültig zu Gott.
Die Mirakel der wunderwirkenden Sarah folgen im Film nicht immer dem Roman. Für die Gestalt eines rationalistischen Predigers mit einem hässlichen Geburtsmal hat Jordan keine Verwendung. Dafür verpflanzt er das blutrote Mal auf die Wange des kleinen Detektiv-Lehrlings, der auf Sarah angesetzt wurde. Der übermüdete Junge weckt Mitleid bei der Schönen, die sich um ihn kümmert. Zum Abschied küsst Sarah das Kind aufs Geburtsmal. Bald darauf, als der Herrgott Sarah zu sich holt, ist der Junge von der Entstellung befreit. (Im Roman wird die grässliche Wange des Rationalisten durch Sarahs Kuss geglättet.)
Ist das nicht eine hanebüchene Erbauungsgeschichte, Katechese auf Kolportageniveau? So hätte es wohl jener gnadenlose Kollege Greenes gesehen, der schon "Das Herz aller Dinge" verrissen hatte: Greenes "besoffene, geile oder kriminelle Katholiken sind gewöhnlichen Sterblichen immer überlegen, denn nur sie wissen wirklich um Gut und Böse", höhnte George Orwell.
Doch die schiere Könnerschaft Graham Greenes bewirkt, dass prinzipiell Ungenießbares zu großer Literatur gerät. Die sinnliche Gottsucherin Sarah ist eine seiner überzeugendsten Romangestalten - und "Das Ende einer Affäre" nicht nur ein packendes, sondern ein ergreifendes Buch.
In den dreißiger Jahren war Greene Filmkritiker des "Spectator", viele seiner Romane waren "kinematografisch" konzipiert, fast alle sind verfilmt worden. Neben einem Meisterwerk wie "Der dritte Mann" verblassen die anderen Greene-Filme freilich. "Das Ende einer Affäre" wurde schon 1954 gedreht, ohne Filmgeschichte zu machen. Auch Neil Jordan hat ein Problem: Seine Darstellerin Moore, für ihre Rolle immerhin für den "Oscar" nominiert, kann Sarahs mystische Natur nicht glaubhaft machen.
Besser als die fromme Sünderin könnte Julianne Moore wohl deren Vorlage verkörpern: Lady Catherine Walston. Sie, die Gebet und Promiskuität nahtlos zu verbinden wusste, wurde wohl nur katholisch, um der Sünde mehr Lust abzugewinnen.
"Lady Catherine ist fest entschlossen, der Keuschheit aus dem Weg zu gehen", klagte Reverend Vincent Turner, SJ. Das heißt, der Pater beklagte sich nicht wirklich, denn er gehörte zu den Begünstigten. CARLOS WIDMANN
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 9/2000
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