Schrift:
Ansicht Home:
DER SPIEGEL

Großmann und die HVA: Die „Hauptverwaltung Aufklärung“ (HVA) der DDR galt als einer der besten Geheimdienste der Welt. Nach dem legendenumwobenen Chef Markus Wolf übernahm 1986 dessen langjähriger Stellvertreter Werner Großmann die Leitung des SpionagedienstesSolide Arbeit beim Klassenfeind

In seinem Buch „Bonn im Blick“ schildert Ex-Chef Werner Großmann die Tätigkeit der HVA.
Großmann und die HVA: Die "Hauptverwaltung Aufklärung" (HVA) der DDR galt als einer der besten Geheimdienste der Welt. Nach dem legendenumwobenen Chef Markus Wolf übernahm 1986 dessen langjähriger Stellvertreter Werner Großmann die Leitung des Spionagedienstes.
Am 1. April 1952 verabschiede ich mich in Dresden von meiner Frau Brigitte und meiner kleinen Tochter Ingrid. Ich fahre nach Berlin. Dort soll ich eine Schule des Zentralkomitees der SED besuchen, um mich auf eine verantwortliche Position im Staat oder in der Partei vorzubereiten.
Bei der Ankunft in der Schule in Berlin-Niederschönhausen muss ich meinen Personalausweis und andere Dokumente abgeben. Erst als ich einen neuen Personalausweis erhalte, der auf einen anderen Namen ausgestellt ist, kann ich mein Erstaunen nur mühsam verbergen. "Du heißt jetzt Olldorf", sagt der Kaderinstrukteur fast nebenbei und schärft mir ein, niemand meinen wirklichen Namen zu nennen.
Eingedenk meines Versprechens, meiner Frau sofort zu schreiben, erkundige ich mich nach der Postadres-
se. Ist es Belustigung oder Ärger, was ich im Gesicht meines Gegenübers sehe? Er nennt mir jedenfalls eine Schließfachnummer. "Briefe, die du abschicken möchtest, gib im Sekretariat der Schule ab." Öffentliche Briefkästen, so sagt er mir, darf ich nicht benutzen, Telefonate nach Hause gibt es nicht.
Einmal in Fahrt, setzt der Kaderinstrukteur seine Belehrung fort. "In Briefen darfst du keine Adresse oder Telefonnummer der Schule angeben, nichts über den Schulbetrieb, die Lehrer und andere Kursanten berichten." Das wiederum leuchtet mir fast ein, denn das Zentralkomitee muss sich ja vor dem Klassenfeind schützen.
Erst als die ersten Vorlesungen über nachrichtendienstliche Theorie und Praxis beginnen, wird mir klar, wo ich bin. Und ein bisschen verstehe ich nun, dass es notwendig ist, uns konspirativ zu verhalten.
Ab September 1953 verlassen die Kursanten des ersten Lehrgangs nacheinander die Schule. Ich bin nun Mitarbeiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes, aus dem ein Jahr später die Hauptverwaltung A im Ministerium für Staatssicherheit wird. Unsere Aufgabe ist klar. Wir sollen einen funktionsfähigen, effektiven Nachrichtendienst aufbauen, gleichzeitig in gegnerische Dienststellen eindringen und dabei Informationen gewinnen.
Deshalb beschäftigen wir uns in den folgenden Jahren hauptsächlich damit, Residentenehepaare in die Bundesrepublik einzuschleusen und zu positionieren. Wir wählen sorgfältig aus, denn außer Einsatzbereitschaft, Mut und Entschlossenheit verlangt dieser Einsatz Lernvermögen, Geduld und Ausdauer.
Da unsere Kundschafter nicht mehr unter Klarnamen ausreisen, sondern wir sie mit dem Namen eines realen Menschen ausstatten, müssen sie nicht nur eine zweite Biografie verinnerlichen, sie müssen sie auch leben können. In der Regel wechseln sie auch den Beruf. Niemand dürfen sie einweihen, auch nicht die engsten Verwandten. Ihr Leben wird komplett umgestülpt: Das jeweilige Ehepaar gibt sein vertrautes Umfeld auf und nimmt ein für andere schwer überschaubares fiktives Arbeitsverhältnis auf. Oder es verschwindet bei Nacht und Nebel.
I
Unser wichtigstes Ziel ist es, eine Quelle im Bundeskanzleramt zu installieren. Im Gegensatz zu anderen Regierungsämtern und Ministerien bekommen wir von dort nur wenige Informationen. In den anderen Bereichen ist schon solide Arbeit geleistet worden. Das Auswärtige Amt ist von uns blendend besetzt. Dort sitzen drei wichtige Kundschafter. Mit Dr. Hagen Blau treffe ich mich in der DDR und im Ausland - aus Sicherheitsgründen niemals in Nato-Staaten -, Ludwig Pauli begegne ich nur in der DDR. Persönliche Kontakte mit Klaus von Raussendorff behält sich Markus Wolf vor.
Hagen Blau studiert in den späten fünfziger Jahren in West-Berlin Japanologie. Er liest marxistische Literatur, beschäftigt sich mit sozialdemokratischem Gedankengut und schließt sich den Jungsozialisten an. Er ist Mitglied eines SPD-Kreisvorstandes in Berlin und betätigt sich im außenpolitischen Arbeitskreis des Berliner SPD-Vorstands. Er gehört zu den Linken in seiner Partei.
SPD-Mitglieder, mit denen er politisch übereinstimmt, sprechen ihn an. Er weiß nicht, dass sie in unserem Auftrag handeln. Sie sagen zu ihm: "Komm mit nach Ost-Berlin, wir kennen dort interessante Gesprächspartner." Nach einigen Treffen geben sich die HVA-Mitarbeiter zu erkennen. Schnell haben sie gemerkt, dass Hagen Blau keine Quelle sein wird, die einfach nur Informationen liefert. Der junge Mann hat eine feste politische Meinung, die gar nicht so weit entfernt ist von der ihren.
Blau erklärt sich bereit, mit uns zusammenzuarbeiten. Seine Gesprächspartner aus der HVA spüren: Wenn wir dem Geld anbieten, finanzielle Zuwendungen zur Grundlage der Zusammenarbeit machen, bricht er sie unwiderruflich ab.
1961 bewirbt sich Hagen Blau im Auswärtigen Amt. Als promovierter Japanologe, mit umfassenden spezifischen Kenntnissen und Fähigkeiten auf anderen Gebieten wie Sprachen, Politik und Geschichte, sieht er sich als geeigneter Experte für den diplomatischen Dienst. Dies und sein selbstbewusstes Auftreten, seine Erscheinung, seine perfekten Umgangsformen überzeugen den künftigen Arbeitgeber. Durch seine analytischen Fähigkeiten und seine prägnante Art zu formulieren,wird er schnell zu einem gefragten und geschätzten Mitarbeiter im Auswärtigen Amt. Erst Attaché, dann Vortragender Legationsrat und schließlich stellvertretender Botschafter in Colombo, Sri Lanka.
Seine Talente, die ihm diese diplomatische Karriere ermöglichen, prägen auch Hagens Berichte an uns. Er sieht sich nicht als Spion. Er will mit seiner Arbeit dafür sorgen, dass der Kalte Krieg nicht zum heißen eskaliert, dass die Politik dem Menschen dient, dass Ost und West sich annähern. Nur deshalb beschafft er Materialien, die er unter anderem in den BRD-Botschaften in London, in Japan, in Wien und in der Bonner Zentrale des Auswärtigen Amtes in die Hand bekommt.
Seine Informationen tragen dazu bei, dass schließlich die so genannten Ostverträge unterschrieben werden, die beiden Seiten gerecht werden. Er, viele andere Kundschafter und wir arbeiten nicht gegen diese Verträge, sondern sorgen mit dafür, dass sie unter Dach und Fach kommen. Unsere Informationen geben der DDR-Partei- und Staatsführung Denkanstöße.
Natürlich helfen wir, dass sich nicht allein die BRD-Option durchsetzt, aber das entspricht genau unserem Auftrag. Wir verblüffen besonders während der Vorbereitung des Moskauer Vertrages im Jahre 1970 unseren sowjetischen Verbindungsoffizier, der bass erstaunt ist, dass wir alle Verhandlungspositionen der Gegenseite schon vorher kennen.
Im Jahre 1979, ich bin schon stellvertretender HVA-Chef, treffe ich Hagen Blau in Stockholm. Er arbeitet zu dieser Zeit als Vertreter des Gesandten in der Botschaft der Bundesrepublik in Wien. Wir sprechen unbehelligt in einer konspirativen Wohnung. Beide werden wir unruhig, als der SPIEGEL ein paar Monate später mit einem Titelbild erscheint, auf dem Markus Wolf genau vor dem Haus in Stockholm zu sehen ist, in dem Hagen und ich uns getroffen haben.
Zwar ist nun der Nimbus Wolfs zerbrochen, ein "Mann ohne Gesicht" zu sein, doch uns interessiert etwas anderes: Wurde das Haus schon während unseres Treffens beobachtet? Wir recherchieren und erfahren, dass der HVA-Resident in Stockholm vor dem Besuch Markus Wolfs einen solchen Wirbel veranstaltete - er ließ die Wohnung renovieren und neu möblieren -, dass interessierte Stellen etwas merkten.
Werner Roitzsch, der über all die Jahre direkt mit Hagen arbeitet und für ihn verantwortlich ist, wird ihn nach der Wende verraten. Auch wenn Hagen nie zu ihm ein so enges persönliches Verhältnis aufbaute wie zu Volker M., trifft ihn dieser Verrat schwer.
I
Im Bundeskanzleramt gibt es, als ich 1967 die Abteilung I übernehme, keine Quelle. Daran arbeiten wir nun mit Hochdruck. Aus der Führungsspitze der CDU bekommt die HVA bisher von Adolf Kanter wertvolle Informationen. "Fichtel", so sein Deckname, ist unser dienstältester Kundschafter. Er kommt noch aus der Parteiaufklärung, einem von der westdeutschen KPD gegründeten und von der SED gesteuerten Aufklärungsdienst.
"Fichtel", 1925 geboren, gehört nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Mitbegründern der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in Rheinland-Pfalz. Aus Karrieregründen tritt er aber 1949 der Jungen Union bei und wird Kreisvorsitzender. Helmut Kohl, zu dieser Zeit Mitglied des Bezirksvorstandes der Jungen Union, gehört seitdem zum engeren Bekanntenkreis von "Fichtel". Zu seinen engsten Freunden zählt auch der Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch.
1967 gerät "Fichtel" plötzlich in große Schwierigkeiten. Der Bundesrechnungshof beschuldigt ihn, als Direktor des Europa-Hauses Gelder zweckentfremdet zu haben. An für uns wichtige Informationen kommt er nun nicht mehr heran.
Später gelingt ihm ein Comeback. Er wird stellvertretender Leiter im Bonner Büro des Flick-Konzerns. Durch seine engen Beziehungen zum Vorstandsvorsitzenden Eberhard von Brauchitsch und vor allem zum Kanzleramtsminister Philipp Jenninger entwickelt er sich wieder zu einer wertvollen Quelle. Er knüpft mit an dem engen Beziehungsgeflecht, das den Flick-Konzern mit Parteien und Regierungsämtern verbindet. Weil er sogar über die Vergabe der Spenden des Konzerns mitentscheidet, kommt er in die komfortable Lage, Vertrauensperson für jede Seite zu sein. Dabei erfährt er vieles.
Wir bekommen höchst interessante politische Informationen, können umfassend und genau das Zusammenspiel von Kapital und Politik beobachten und belegen. Die Akte über geflossene Parteispenden und auch über die jeweiligen Empfänger schwillt an. Ob die Schmiergelder nun in privaten Portemonnaies verschwinden oder in Parteikassen sickern, kann auch "Fichtel" nicht feststellen.
Zu unserem Erstaunen spielen bei den späteren staatsanwaltlichen Ermittlungen und dem Gerichtsverfahren der Vorsitzende der CDU, Helmut Kohl, und der Chef der FDP, Hans-Dietrich Genscher, nicht die ihnen zukommende Rolle. Das entspricht nicht unserer Aktenlage. Weil wir unsere Quelle schützen wollen, aber auch aus politischer Rücksichtnahme, behalten wir unser Wissen für uns. Selbst die Partei- und Staatsführung der DDR erfährt nichts darüber. Auch diese Akten vernichten wir beim Exodus der gesammelten Informationen im Jahre 1989/90.
I
1969, als Brandt Bundeskanzler wird, ruft mich Markus Wolf in sein Zimmer. Offensichtlich will er mir etwas sehr Wichtiges mitteilen. Doch vorher verpflichtet er mich zur größten Geheimhaltung. Ich erfahre, dass die HVA völlig unerwartet über eine Spitzenquelle im Bundeskanzleramt verfügt. Willy Brandt habe seinen Persönlichen Referenten Guillaume, einen Kundschafter von uns, einfach aus der SPD-Parteizentrale mit in sein neues Amt genommen.
Unser Kundschafter, geführt von Kurt Gailat, Leiter des Referats SPD in der Abteilung II, befindet sich nun in einer exponierten Stellung, die gar nicht angestrebt worden war. Wieder eine der Unwägbarkeiten geheimdienstlicher Arbeit. Nun ist strengste Konspiration notwendig. Je weniger von diesem Vorgang Kenntnis haben, desto sicherer ist unser Mann im Zentrum der Macht. Als zuständiger Leiter der Abteilung I, die das Bundeskanzleramt als Hauptobjekt bearbeitet, muss mich Wolf in Kenntnis setzen, dass es diese Quelle gibt. Wir dürfen Günter Guillaume durch keine unserer Aktivitäten gefährden. Mit dem gesamten Vorgang habe ich sonst nichts zu tun. Erst mit und nach der Verhaftung des Kundschafterehepaares erfahre ich weitere Zusammenhänge und Hintergründe.
Die muss ich nun kennen, denn ich soll die Haltung von Bundeskanzler Helmut Schmidt zu einem geplanten Austausch Guillaumes sondieren. Auf der Suche nach einer geeigneten, einflussreichen Persönlichkeit, die das Thema bei Schmidt ansprechen könnte, kommen wir auf Berthold Beitz, den Aufsichtsratsvorsitzenden der Fried. Krupp GmbH. Das ist der richtige Mann.
Der stellvertretende Außenhandelsminister der DDR, Heinz Behrendt, den ich sehr gut kenne und der über einen guten Draht zu Berthold Beitz verfügt, vermittelt einen Termin. So kommt es zu einem Mittagessen zu dritt im Prinzessinnenpalais Unter den Linden in Berlin. Beitz hört sich meine Bitte an und verspricht, den Bundeskanzler bei passender Gelegenheit zu fragen, ob er einen Austausch unterstützen werde. Schmidts Antwort werde er mir mitteilen, wenn er in einigen Wochen während eines Ostseetörns mit seinem Segelboot in Stralsund anlegt.
Vier Wochen später begrüße ich Berthold Beitz im Hafen der kleinen Hansestadt am Strelasund. Wir fahren mit meinem Lada landeinwärts. In einem einsam gelegenen Landgasthof kehren wir ein und plaudern bei Bockwurst und Kartoffelsalat. Schmidts Antwort ist kurz und knapp. Er ist gegen einen Austausch. Guillaume soll seine Strafe absitzen. Berthold Beitz segelt weiter.
Ich hatte die Angelegenheit schon vergessen, als sich Beitz wieder bei mir meldet. Er äußert einen ganz privaten Wunsch. Er möchte seinen Geburtsort besuchen, sein Vaterhaus sehen und auf die Gräber seiner Eltern einen Blumenstrauß legen. Ich soll ihn begleiten. Also machen wir uns auf den Weg. Wir fahren nach Zemmin, einem kleinen Dorf im Bezirk Neubrandenburg. Im Garten seines Vaterhauses entdeckt Beitz eine alte Handwasserpumpe. Er möchte das verrostete Ding als eine Erinnerung an seine Kindheit haben. Auch das erledigen wir. Die Pumpe gelangt aus dem kleinen Garten im kleinen mecklenburgischen Zemmin in den großen Park der Villa Hügel in Essen.
I
Die Unzufriedenheit in der DDR-Bevölkerung wächst Anfang des Jahres 1989 und weitet sich im Sommer dramatisch aus. Die Partei- und Staatsführung ist hilf- und konzeptionslos. Sie ist außer Stande, politisch wirksam zu agieren. Ende Oktober beginnen wir in den einzelnen Abteilungen, die ersten Akten zu minimieren. Im Klartext: Ich weise an, Akten zielstrebig zu vernichten. Wir rechnen vom ersten Tag an damit, dass aufgebrachte Bürgerrechtler in unser Gebäude eindringen. Aber nicht sie sind gefährlich, sondern die Agenten anderer Geheimdienste, die unter anderer Flagge segeln und gezielt Material suchen.
Als im Dezember der Zentrale Runde Tisch nachdrücklich fordert, die Verkollerungsanlage stillzulegen, erteilt uns die Regierung eine entsprechende Weisung. Uns bleiben nur noch die Schredder - eine sehr mühevolle Arbeit. Sie schnipseln rund um die Uhr. Laufen sie heiß, stellen sie die Mitarbeiter in Kühlschränke. Dann stopfen sie das zerschredderte Papier in Säcke. Inzwischen sind die Apparate wieder arbeitsbereit. Nur wenige nutzen die Gelegenheit, entwenden Material und schlagen daraus Kapital. Für viele Kundschafter im Operationsgebiet wird das verhängnisvolle Folgen haben.
Als noch verhängnisvoller erweist sich die CIA-Aktion "Rosewood", die nach wie vor im Dunkeln liegt. Genaues weiß niemand, doch viele spekulieren und fabulieren, besonders die Medien. Bis in den August 1993 hinein brüstet sich Staatsminister Bernd Schmidbauer, bundesdeutschen Diensten sei es gelungen, Akten der HVA zu beschaffen. Am 9. August berichtet jedoch der SPIEGEL, die Unterlagen stammten vom US-Geheimdienst CIA. Das Eigenlob des 008 im Bundeskanzleramt verstummt.
Wir von der HVA gewöhnen uns an die bittere Wahrheit, dass die CIA mit ihrer Aktion "Rosewood" unsere Akten in die Hand bekam. Die Folge: Eine größere Anzahl Kundschafter wird enttarnt, bei weitem nicht die in den Medien genannten 200 bis 2000. Eines der prominentesten Opfer ist unsere Quelle in der Nato, Rainer Rupp (Deckname "Topas" -Red.). Bis zum heutigen Tag ist nicht klar, wann, wo und wie die CIA zugreifen konnte und wie viel sie in die Hand bekam.
I
Im August 1990 kündigt sich über einen Mittelsmann Volker Foertsch, Leiter der Abteilung Operative Beschaffung im BND, zu einem Gespräch mit mir in Ost-Berlin an. Am 30. August wollen wir im Tierpark spazieren gehen. Punkt zwölf Uhr preschen zwei schwarze Limousinen heran, fahren forsch auf den Gehweg und halten vor dem Eingang. Ich stehe unter einem großen Baum, Foertsch kommt auf mich zu. Er fragt mich, ob ich abgesichert werde. Ich antworte ihm, dass die HVA aufgelöst und ich allein zu diesem Treffen gekommen sei. Das kann er von sich nicht behaupten.
Foertsch fällt nicht mit der Tür ins Haus. Das wundert mich nicht, denn wir wollen uns während dieses ersten Treffens erst einmal kennen lernen. In zwei unabhängig voneinander gesprochenen Sätzen glaube ich einen Zusammenhang zu erkennen. Foertsch sagt: "Die Zeit ist gekommen, um über Zusammenarbeit zu sprechen." Später stellt er fest, dass der BND eine zunehmende Aktivität der CIA in der Bundesrepublik bemerke. Letzteres würde seinen Dienst künftig mehr beschäftigen als die Aktivitäten des ehemaligen KGB.
Unser Rundgang durch den Park ist präzise nach 90 Minuten zu Ende. Foertsch lädt mich zu einem weiteren Gespräch Ende September nach München ein, und er gibt mir eine Telefonnummer. Als wir uns verabschieden, klickt auf einmal der Auslöser eines Fotoapparates. Woher kommt plötzlich der Fotograf? Foertsch hat ihn offensichtlich nicht bestellt, denn der zuckt zusammen und versucht, sich wegzudrehen. Ein Pressemann ist es auch nicht, denn in der Folgezeit erscheint in keiner Zeitung ein Bild. Wer sammelt hier Beweise?
Das Gespräch zwischen mir und Volker Foertsch wirft lange Schatten. Im Sommer 1997 stehen plötzlich zwei BND-Mitarbeiter vor meiner Wohnungstür in der Grevesmühlener Straße 18. Frau Wagner und Herr Dietz wollen sich mit mir unterhalten. Ich soll ihnen helfen, einen Maulwurf zu enttarnen, den sie in der unmittelbaren Führungsspitze des BND vermuten. Die betreffende Person habe früher für die HVA gearbeitet und sei dann von den Russen übernommen, allerdings für längere Zeit schlafend geführt worden.
Oha, denke ich, den müsstest du ja kennen. Doch es sitzt weder eine noch nicht enttarnte Quelle in Pullach, noch haben wir einen Kundschafter an Moskau übergeben. Ich vermute, dass der BND einer aktiven Maßnahme der russischen Aufklärung aufgesessen ist. Ich entsinne mich, dass Anfang der neunziger Jahre General Jurij Drosdow, der damalige Leiter der illegalen Linie in der sowjetischen Aufklärung, so etwas in die Öffentlichkeit gestreut hatte. Wer wärmt also die alten Kamellen wieder auf und warum?
Ich ahne bereits, wen der Bundesnachrichtendienst im Visier hat, und frage meine Gäste nach ihrer zuständigen Abteilung. Dachte ich es mir doch, sie kommen aus der Abteilung 5. Und der Leiter der Sicherheitsabteilung ist Volker Foertsch. Die sind ihrem eigenen Chef auf der Spur! Ich äußere meine Gedanken natürlich nicht, aber mein Interesse ist geweckt. Meine Frau und ich stimmen zu, uns mit den BND-Leuten im September noch einmal zu treffen, wenn wir einige Tage im bayerischen Bad Birnbach verbringen.
Zum verabredeten Termin sitzt der Referatsleiter der beiden mit am Tisch. Er fragt, ob ich noch einmal mit Herrn Foertsch sprechen möchte. Das elektrisiert mich, ich sage zu. Verdächtigen die nun ihren Chef wirklich, und wollen sie Beweise erarbeiten, wenn ich mit ihm rede?
Weder Frau Dietz und Herr Wagner noch der Referatsleiter melden sich bei mir, um einen Termin für das angebotene Gespräch zu vereinbaren oder abzusagen. Höchst unprofessionell. Monate später lese ich in den Zeitungen die ersten Meldungen über einen Maulwurf im BND. Jurij Drosdow soll in seinen Memoiren "Notwendige Arbeit" mitgeteilt haben, dass schon im Jahre 1972 "D-104 Skorpion" aus dem BND angeworben worden sei.
Die Aufregung ist groß. BND-Präsident Hansjörg Geiger suspendiert den Ersten Direktor im Bundesnachrichtendienst Foertsch, der als Chef der Abteilung Sicherheit/Abwehr Doppelagenten jagen sollte. Die Bundesanwaltschaft eröffnet ein Ermittlungsverfahren und lässt den Panzerschrank des Verdächtigen mit brisantem Material räumen.
Nach neun Monaten ist die Luft raus, Foertsch kehrt in seine Diensträume zurück. Der Verdacht habe sich entkräftet, teilt die Leitung des Bundesnachrichtendienstes mit. Das Bundeskanzleramt ernennt schließlich den 63-Jährigen zum Leiter der internen BND-Schule. Mit dieser Aktion blamiert sich der BND bis auf die Knochen.
© Verlag Das neue Berlin, Berlin 2001. Großmanns Erinnerungen erscheinen am 15. Februar unter dem Titel "Bonn im Blick. Die DDR-Aufklärung aus der Sicht ihres letzten Chefs". 320 Seiten; 34 Mark. * In Berlin anlässlich der Beerdigung Günter Guillaumes am 19. April 1995.

DER SPIEGEL 6/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung