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DER SPIEGEL

ZEITGESCHICHTEVerhaften und vergessen

Stalins Geheimpolizei hielt 60 000 Menschen im ehemaligen KZ Sachsenhausen gefangen. Die meisten waren Opfer brutaler Willkür. Doch bis heute weigert sich Moskau, alle Unschuldigen zu rehabilitieren.
Moskaus Diplomaten schätzen die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Sachsenhausen in Oranienburg bei Berlin als Ort der Erinnerung. Die KZ-Baracken werden gepflegt, die Wachtürme in Stand gehalten. Kluge Ausstellungen informieren auch über das Schicksal der sowjetischen Häftlinge, die dort während des Zweiten Weltkriegs ermordet worden waren. Im vorletzten Jahr besuchte sogar der russische Außenminister Igor Iwanow die Anlage und weihte einen Gedenkstein aus dunklem Granit ein.
Doch seit kurzem ist die deutschrussische Gedenkharmonie gestört. Die Oranienburger Museologen und Historiker haben im vergangenen Dezember auf dem KZ-Gelände ein Museum eröffnet, das die Geschichte der Anlage während der sowjetischen Besatzungszeit zeigt: Bis 1950 ließ dort Stalins Geheimpolizei etwa 60 000 Menschen unter schrecklichen Bedingungen vegetieren. Jeder Fünfte starb.
An diesen Teil der Geschichte möchte allerdings die Regierung Russlands, Rechtsnachfolger der sowjetischen Supermacht, lieber nicht erinnert werden. Demonstrativ mied Botschafter Sergej Krylow die Eröffnung des neuen Museums. Aus Moskau dröhnte der Sprecher des russischen Außenministeriums, Alexander Jakowenko, in Sachsenhausen würden nun die Verbrechen Hitlers verharmlost.
Stalin, so der russische Ministeriale, habe lediglich die alliierte Entnazifizierungspolitik umgesetzt. Was damit gemeint ist, erklärt ein Diplomat der russischen Botschaft in Berlin: "Man kann nicht behaupten, dass in Sachsenhausen Unschuldige eingesessen hätten."
Die Überlebenden haben sich gegen diesen Vorwurf immer heftig gewehrt. Ihre Unschuld konnten sie allerdings während des Kalten Krieges nicht belegen. Doch inzwischen sind große Teile der sowjetischen Akten zugänglich, die Schätzungen ermöglichen. Danach hat weit mehr als die Hälfte aller Sachsenhausen-Häftlinge weder Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder andere NS-Taten begangen. Sie wurden jahrelang festgehalten, weil die Sowjets keine Entnazifizierungspolitik zuwege brachten.
Die Rote Armee hatte das KZ Sachsenhausen am 22. April 1945 erreicht. Im August 1945 übernahm die Geheimpolizei NKWD die Anlage. Auch die anderen Alliierten nutzten die Stätten des Grauens in Dachau oder Neuengamme zur Internierung von Deutschen.
Doch während etwa die US-Regierung ausgefeilte Pläne entwarf, wer zu verhaften und wie mit den Verhafteten zu verfahren sei, entschieden die sowjetischen Geheimpolizisten vor Ort weitgehend allein.
Sie kamen aus der Welt des Archipel Gulag und setzten fort, was sie in Sibirien gelernt hatten. Die Vernehmer schlugen zum Beispiel Wilhelm P. eine Rippe ein und ließen Hans R. stundenlang auf Flaschen sitzen, sie vergewaltigten Johanna S. und terrorisierten Walter P. mit einer Scheinexekution. Alles ohne Schuldbeweise.
Allein 30 000 Menschen, im Lagerjargon "Internierte" genannt, kamen im Laufe der Jahre ohne Verfahren oder Urteil in die Hölle von Sachsenhausen, unter ihnen der große Schauspieler Heinrich George. Dicht gedrängt, auf rohen Brettern liegend, dämmerten die Häftlinge in den kalten und feuchten Baracken vor sich hin, von Typhus, Tuberkulose und Hungerödemen geplagt. Für die tatsächliche NS-Vergangenheit der Internierten interessierte sich niemand.
Die Personalakten der Internierten sind in Moskau immer noch gesperrt. Doch als die zehn Speziallager in der DDR geschlossen wurden, beschrieben Geheimpolizisten für jeden eine zusätzliche Karteikarte. Der Dresdner Historiker Klaus-Dieter Müller hat die heute in Moskau lagernden Karten jetzt ausgewertet: In nicht einmal drei Prozent der Fälle sind Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit vermerkt.
Der Sachsenhausener Gedenkstättenleiter Günter Morsch ist dennoch vorsichtig mit Aussagen über Schuld und Verstrickung. "Wirkliche Klarheit", sagt Morsch, "können nur die vollständigen Personalakten bringen." Die meisten Internierten waren offenbar Mitläufer und kleine Funktionsträger, HJ-Führer und Ortsgruppenleiter. Schauspieler George hatte der Nazi-Propaganda gedient.
Der NKWD nutzte Sachsenhausen für viele Zwecke: Wehrmachtsoffiziere wurden dort monatelang weggesperrt, ehe man sie zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportierte. Russen und Polen, kurz zuvor noch Zwangsarbeiter im Dritten Reich, warteten auf ihren Abtransport. Kriminelle Rotarmisten büßten ihre Strafe ab. Mit Entnazifizierung hatte dies wenig zu tun.
Nicht einmal im Fall der 16 000 Sachsenhausener Häftlinge, anders als die Internierten durch Sowjetische Militärtribunale (SMT) verurteilt, lässt sich der russische Generalverdacht halten. Unter den Verurteilten waren zwar so üble Figuren wie der Euthanasie-Arzt Hans Heinze, mitverantwortlich für den Tod Tausender. Doch die Historiker der Gedenkstätte Sachsenhausen haben ermittelt, dass nur jeder fünfte SMT-Verurteilte wegen eines angeblichen oder tatsächlichen Deliktes aus der Nazi-Zeit belangt wurde.
In den Westzonen wurden NS-Mitläufer nach einer Überprüfung rasch entlassen. Stalins Entnazifizierungspolitik verlief hingegen chaotisch. Während kleine Parteigenossen in Sachsenhausen büßten, durften SS-Männer zu Hunderten nach Hause. Die Männer mit dem Totenkopf-Emblem galten als Kriegsgefangene: Waren sie gesund, mussten sie in der Sowjetunion Zwangsarbeit leisten, Arbeitsunfähige hingegen wurden oft entlassen.
Trotz der Aktenlage lehnt Russland es ab, eine Rehabilitierung der Internierten auch nur zu prüfen. Im Sommer vorletzten Jahres schrieb Kanzler Gerhard Schröder deshalb an Präsident Wladimir Putin, vor wenigen Monaten ermahnte auch Außenminister Joschka Fischer seinen Kollegen Iwanow, sich der Sache endlich anzunehmen - ohne Echo.
Wie schwer sich die einstige Supermacht mit ihrer stalinistischen Vergangenheit tut, erlebten die Oranienburger Historiker, als sie auf der Suche nach Ausstellungsstücken bei Erben von Geheimpolizisten anfragten. Die Tochter eines Lagerbürokraten beschimpfte eine deutsche Wissenschaftlerin etwa als "Spionin und Agentin".
Nur Dmitrij Kostjuchin, der als kleiner Junge im abgetrennten Wohnbereich des Lagers gespielt hatte, trennte sich vom Erbe seines Vaters, einst Lagerkommandant. Häftlinge hatten für Alexej Kostjuchin Kopien russischer Meisterwerke malen, Stühle zimmern und einen Esstisch hobeln müssen. Die Rückgabe der Möbel und des Bildes "Jäger bei der Rast" nach Sachsenhausen sei ein Stück "Wiedergutmachung", findet Kostjuchin junior.
Weshalb sein Vater die vielen unschuldigen Häftlinge nicht entlassen durfte, ist bis heute ein Rätsel. Lag es an dem Machtkampf zwischen dem Innenministerium und dem Ministerium für Staatssicherheit, beide zuständig für die Lager? Oder behandelten Stalins Bürokraten die ostdeutschen Häftlinge, wie sie es aus Moskau gewöhnt waren: willkürlich verhaften und vergessen?
Immerhin räumten sowjetische Stellen vor Ort ein, dass sie oft die Falschen festgesetzt hatten. Marschall Wassilij Sokolowski, Chef der sowjetischen Besatzungsverwaltung, schrieb am 4. Dezember 1946 aus Berlin an Stalin, in Ostdeutschland seien 35 000 Menschen inhaftiert, nur weil sie Volkssturmangehörige, einfache NSDAP-Mitglieder oder kleine Funktionäre waren. Der zuständige Abteilungsleiter im Innenministerium behauptete sogar, beinahe jeder dritte Häftling sei auf Grund einer Fehlentscheidung in den Lagern. Der Mann wurde abgelöst.
Fast alle wichtigen sowjetischen Stellen in Ostdeutschland drängten ihre Zentrale in Moskau, die Unschuldigen freizulassen. Stalins Reaktion ist nur in einem Fall bekannt. Statt den Häftlingen die Freiheit zu geben, verlangte der Generalissimus, 27 500 von ihnen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion zu deportieren. Ungefähr 5000 wurden schließlich abtransportiert, alle anderen waren zu schwach, um zu arbeiten.
Erst 1948, als sich die Gründung der DDR abzeichnete, durfte der Großteil der Internierten Sachsenhausen verlassen. Zwei Jahre später ließ Stalin alle Speziallager in Ostdeutschland schließen, die DDR-Justiz übernahm aus Sachsenhausen knapp 6000 Häftlinge, einige hundert behielt sich die Besatzungsmacht vor, alle anderen waren frei.
Kalte Krieger bezeichneten die "Speziallager" oft als "rote KZ"; auch viele Opfer des NKWD in Sachsenhausen verglichen ihre Lage mit der Situation der KZ-Häftlinge wenige Jahre zuvor. Doch während die SS Juden oder sowjetische Kriegsgefangene in Sachsenhausen zu Tausenden erschoss, lässt sich eine gezielte Mordabsicht der Sowjets bisher nicht belegen; kaum jemand wurde hingerichtet. Im Hungerwinter 1946/47 traf es zwar die Häftlinge am schlimmsten. Geheimpolizisten und Besatzungsbürokraten unterschlugen die Essensportionen für die Häftlinge und nahmen damit das Sterben Tausender in Kauf, doch geplant war es nicht. Als sich die Versorgungslage besserte, sank die Sterblichkeit deutlich.
Aus der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft, die mehrere tausend Überlebende vertritt, gibt es dennoch seit Jahren Forderungen nach einer Entschädigung durch Russland. Moskau hat allerdings bis heute nicht einmal die sowjetischen Gulag-Häftlinge entschädigt; für eine Klage vor russischen Gerichten fehlt jede Rechtsgrundlage.
Und politische Unterstützung können die Sachsenhausener auch nicht erwarten. Das Leid der deutschen NKWD-Opfer sei tragisch, argumentiert das Auswärtige Amt, aber es "hatte seine Wurzeln im vorausgegangenen NS-Unrecht". Die Bundesregierung werde daher keine "Initiativen gegenüber dritten Staaten ergreifen". KLAUS WIEGREFE
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 3/2002
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