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DER SPIEGEL

Der Mann mit dem Blues

Ortstermin: Hans-Olaf Henkel will die Welt retten - und präsentiert in Berlin sein neues Buch.
Auf den Bildern sieht er verletzlich aus, als hätte man einem Kurzsichtigen die Brille weggenommen, so blinzelt er durch seine randlosen Gläser. Auf dem Buchcover sieht man ihn schlipslos, mit gefalteten Händen, auf der Rückseite trägt er Jeans und steht vor einer Mao-Skulptur: Hans-Olaf Henkel, der Rebell.
Straff, sehr schlank, sehr aufrecht zeigt sich derselbe Herr an diesem Abend, mit hellem Anzug über sehr geraden Schultern und einem Haarschnitt, wie ihn die Männer in den vierziger Jahren trugen: hinten weit hochrasiert, vorn etwas länger. Er begrüßt seine Gäste, ein paar Journalisten, "haben Sie mein Buch gelesen? Das andere? Müssen Sie aber. Damit Sie mich richtig verstehen". Das andere hieß "Die Macht der Freiheit" und war seine Autobiografie.
Das neue heißt "Die Ethik des Erfolgs" und verspricht "Spielregeln für die Globalisierung". Ein paar kurze Kritiken sind schon erschienen, nicht nur positive; "Schnellschüsse", sagt Henkel verächtlich. Von Leuten, die nicht richtig lesen können und die nicht verstehen wollen, dass Globalisierung "schon vom Ansatz her Ethik" ist.
Man wartet noch auf den Laudator, hier in diesem Salon unter dem historischen Kaisersaal am Potsdamer Platz in Berlin. Der Autor hat sich Lothar Späth erbeten, Edmund Stoibers Kompetenzmann für Wirtschaft und Arbeit und sonst noch alles Mögliche, und es ist eine nette kleine Pointe, wenn der über Erfolg und Ethik spricht: War da nicht mal was mit Luxusreisen auf Unternehmenskosten? Mit einer Traumschiffaffäre, die Späth seinen Job als baden-württembergischen Ministerpräsidenten gekostet hat? Macht nichts. Ist lang vorbei.
Als Späth kommt, kommen auch die Kameras. Späth saugt die Aufmerksamkeit an, als er sich, etwas unpünktlich, zum Podium hin bewegt. Er sagt, dass Hans-Olaf Henkel in seinem Buch "ganz Hans-Olaf Henkel" sei. Dass er beim Lesen gemerkt habe, wie schön es doch in "freier Wildbahn" als Unternehmer sei, wo man sagen dürfe, was man wolle, und nicht jede Silbe kontrollieren müsse. Ein wichtiges Buch, sagt Späth. Ein Anti-Gleichmacher-Buch. Ein Chancen-Buch. Eines, nun ja, das die Globalisierung mit einer "ethischen Dimension" verknüpft, ein wenig zögerlich sagt er das und zeigt ein spitzes Späth-Lächeln, so, als ob er selbst nicht ganz begreift, was das soll. Erfolg ist ja was Schönes. Warum auch noch behaupten, dass der prinzipiell moralisch sei?
Warum - nun ja, vor allem wohl, weil Hans-Olaf Henkel das jetzt braucht. Henkel, das ist ja nicht nur ein ehemaliger IBM-Manager, der BDI-Präsident wurde und damals als "Rambo in Nadelstreifen" auffiel, als Scharfmacher im Namen der Industrie. Er ist auch einer, von dem man seit ein paar Jahren ganz andere Töne hört. Dass er mit Fidel Castro Zigarren rauche. Dass er eine überlebensgroße Mao-Jacke als Skulptur besitze. Dass er vom Jazz träume, lieber ein Charlie Parker geworden wäre als ein BDI-Chef, und im Kopf habe er zwar Wirtschaftsdaten, im Blut aber immer den Blues. Er habe nicht nur was geleistet, das war seine Botschaft, sondern er sei auch ein interessanter Mensch.
Jetzt aber will er nicht mehr nur ein interessanter, sondern auch ein guter Mensch sein, jetzt folgt Phase drei im öffentlichen Selbstentwurf. Ein "Patriot" will er sein, der einen Beitrag leistet, "dass sich Deutschland verändert", oder eigentlich ja die ganze Welt. Maßlos ärgert er sich, dass irgendwelche "Gutmenschen", die sich für die Schwachen einsetzen und von denen er "nicht weiß, was die zum Wohle des Landes beitragen", dass die in der öffentlichen "Ethik-Rangliste" höher stehen als ein Unternehmer. Der sich noch entschuldigen müsse für seinen Erfolg.
Er scheint sie zu hassen, diese Leute, die er als Gutmenschen begreift: Wer den "unumkehrbaren" Ausstieg aus der Atomenergie betreibt, will in seinen Augen "eine ,Tausendjährige Republik' der neuen Ideologie". Wer die Globalisierung kritisiert, erinnert ihn "an die 68er-Straßenkämpfer, in gewisser Weise sogar an die frühen Nationalsozialisten". Und wenn ihn jemand kritisch auf solche Sätze anspricht, dann poltert er: "Ich lasse mir das Vergleichen nicht verbieten."
Überhaupt lässt er sich nicht gern etwas verbieten; "Freiheit" ist sein Lieblingswort. Er will Rebell und gleichzeitig Weltretter sein, will den ganz großen Wurf, und da steht er nun an diesem Abend und muss mit ansehen, wie Lothar Späth so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dieser Späth, der einen Kopf kleiner ist als Henkel, dessen Anzug nicht so gut sitzt wie seiner und dem man ansieht, dass er gern isst. Sie sind dieselbe Generation, der 62-jährige Henkel und der 64-jährige Späth, sie kennen sich seit 17 Jahren; süchtig nach Aufmerksamkeit alle beide, aber doch sehr verschieden in der Ausprägung ihrer Sucht.
Späth wuselt, ist allgegenwärtig, wirkt immer noch wie einer, der einfach glücklich ist, dass er ganz oben mitspielen darf und das auskostet, solange er kann. Henkel dagegen, straff und scharf und hanseatisch - das ist einer, der findet: Macht steht mir zu. Und noch viel mehr. Sie profitieren voneinander, in Momenten wie diesem, sie laden sich gegenseitig mit Bedeutung auf. Aber warum wirkt das immer wieder so ironisch, dieses Lächeln, mit dem der Laudator des Abends auf den zu lobenden Autor blickt?
Vor Jahren schon, Henkel war BDI-Präsident und verbal wieder mal ausfallend geworden, sagte der Jenoptik-Chef Späth: "Ich verstehe überhaupt nicht, warum der Henkel so reinhaut." Jetzt hat der Henkel es wieder getan. Wem es wohl nützt? BARBARA SUPP
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 35/2002
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