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DER SPIEGEL

HERBERT WEHNERDer rechte Verteidiger

(s. Titel)
Punkt eins der Londoner Tagesordnung hätte das Thema Wiedervereinigung sein müssen. Aber Adenauer war nur an einem Ersatz für die geplatzte EVG interessiert; er verlor kein ernsthaftes Wort über die deutsche Frage. So verpaßten die neun Außenminister ihre Chance, eine günstige Ausgangsposition für Verhandlungen mit der vierten Besatzungsmacht zu schaffen."
Nach einigen Zügen aus seiner überdimensionalen Pfeife, die er nur aus dem Mund nimmt, wenn er photographiert wird, fährt der Sprecher dieser Sätze fort:
"Die Russen warten aber auf solche Verhandlungen. Eine Analyse der sowjetischen Politik ergibt: Moskau fürchtet, daß eine westdeutsche Aufrüstung die Kriegsgefahr intensiviert. Um diese Entwicklung zu verhindern, sind die Sowjets durchaus zu Kompromissen bereit, auch über die deutsche Einheit.
"Darin braucht man keine Friedensliebe zu sehen; eines jedoch ist sicher: Die Russen möchten nicht, daß der nächste Krieg ihr letzter sei."
Der Mann, der sich seines Urteils über die sowjetische Politik derart sicher ist, wurde vom Redakteur des sowjetzonalen "Deutschlandsenders", SED-Geßner, im September 1951 so beschrieben:
"Er ist augenblicklich in Berlin. 1,78 Meter groß, kräftig - früher war er hager - , hat Haare mit rötlichem Schimmer, ein verbissenes Gesicht, raucht Pfeife. Seine Adresse: Hamburg 13, Beim Schlump 36. Sein Geburtsort Dresden, sein Alter 45 Jahre. Jetzt Mitglied des sozialdemokratischen Parteivorstandes, engster Mitarbeiter Dr. Schumachers ..."
Mit diesen Worten leitete Geßner einen als "Steckbrief" aufgemachten Funk-Kommentar ein, der später auch als Flugblatt verteilt wurde. Dies war einer der vielen Versuche der Kommunisten, den SPD-Bundestagsabgeordneten Herbert Wehner, Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Gesamtdeutsche und Berliner Fragen, aus der Politik auszuschalten.
Kein Zweifel, für die Kommunisten ist
Herbert Wehner ein unbequemer Mann. Es gibt in Westdeutschland keinen zweiten Politiker, der aus eigener Erfahrung das Repertoire ihrer strategischen und taktischen Möglichkeiten so intim kennt wie Wehner. Keinen, der so gut weiß, wo ihre Grenzen liegen.
Herbert Wehner hatte in den Tagen vor der Londoner Konferenz in mehreren Anläufen versucht, die Regierungsfraktionen im Bundestag für eine außenpolitische Debatte zu gewinnen:
"Wir verstehen, daß es die Bundesregierung nicht wünschen kann, vor dieser Konferenz über Einzelheiten der Verhandlungen mit anderen Regierungen hier öffentlich zu sprechen. Aber über die Grundlinien, um die diese Verhandlungen geführt werden und geführt werden sollen, muß und kann doch in diesem Hause gesprochen werden ...
"Nach Beendigung des Zeitabschnitts, der durch die Auseinandersetzungen über den Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft und über den Generalvertrag gekennzeichnet war, besteht - hoffentlich müssen wir nicht schon sagen: bestand - die Möglichkeit zu einem neuen Start für die Behandlung der Außenpolitik auch hier in diesem Hause und in unserer Bundesrepublik.
"Wir halten die Debatte heute auch für notwendig, weil die Frage geklärt werden soll, ob diese Chance zu einem neuen Start genützt oder ob sie verdorben werden soll, indem wieder vollendete Tatsachen geschaffen werden, über die man sich dann hinterher auseinandersetzen muß ..."
Präsident D. Dr. EHLERS: "Zur Tagesordnung wünscht das Wort Herr Abgeordneter Dr. Krone."
Dr. KRONE (CDU/CSU): "Herr Präsident! Meine Damen und Herren! ... Der Herr Bundeskanzler hat das Vertrauen der überwiegenden und überwältigenden Mehrheit dieses Hauses für seine Politik, auch für die Außenpolitik.
(Beifall bei den Regierungsparteien.)
Wir haben das Vertrauen, daß er diesem Votum entsprechend auch die Verhandlungen in London führen wird. Wir können uns Ihrem Antrag nicht anschließen."
(Beifall bei der CDU/CSU.)
So blieb das Parlament stille. Konrad Adenauer entwickelte sein Londoner Grundsatzprogramm in öffentlicher Rede in Offenbach, Erich Ollenhauer verteilte in Bonn an Journalisten das Manuskript, das er im Bundestag vorgetragen hätte, wenn Herbert Wehner dort mit seinem Begehr durchgedrungen wäre.
Heißsporne waren über die Ausschaltung der Sozialdemokratie von öffentlicher parlamentarischer Diskussion so erbittert, daß sie finstere Aktionspläne wälzten: Durch Massenversammlungen müsse das Volk aufgerüttelt werden, und der Bruch zwischen Koalition und Opposition sei nun aller Welt drastisch sichtbar zu machen. Aber es rührte sich nichts. Genau so wie sie ihre propagandistische Chance zum Zeitpunkt des Pariser EVG-Bankrotts verpaßt hatte, verharrte die SPD in Untätigkeit,
diesmal allerdings mit mehr Berechtigung als beim EVG-Bankrott. Propagandabegleitung zur Londoner Konferenz hätte ihr als Dolchstoß in Adenauers Rücken ausgelegt werden können.
Ein realistisches Programm für die deutsche Einheit hat sie auch jetzt nicht öffentlich präsentiert, obgleich sie mit Herbert Wehner einen Mann im Vorstand hat, der ein solches Programm ausarbeitete und der weiß, wo man im Falle X ansetzen müßte und wie die deutsche Demokratie mit den Machthabern des Ostens und ihren getarnten Winkelzügen fertig werden kann. Gleichviel wie sich die Politik der Kommunisten jeweils präsentiert und obendrein den Anschein zu erwecken sucht, sie könne allemal auch anders - Herbert Wehner hat diese Winkelzüge im innersten Kreis der KPD einst selber mitexerziert.
Am 2. Juli 1953 sprach Wehner im Essener "Kaiserhof" vor dem Rhein-Ruhr-Club zum Thema "Möglichkeiten einer deutschen Wiedervereinigung nach dem 17. Juni 1953". Nach dem Vortrag stand der Vertreter einer katholischen Jugendzeitschrift auf: Er habe erfahren, Wehner sei Mitglied des Kominform gewesen. "Sind Sie denn nun inzwischen von einem Saulus zu einem Paulus geworden?" Wehner: "Nein."
Das war eine mißverständliche und jedenfalls ungeschickte Antwort, die den
"Rheinischen Merkur" und die "Kölnische Rundschau" denn auch zu hurtigen Aha!-Kommentaren inspirierte, die aber jedem verständlicher sein mußte, der Wehners eckige verbiesterte Unverbindlichkeit erlebt hat.
Im Ernst, Herbert Wehner sieht seinen Weg aus der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) über das Zentralkomitee der KPD in den Vorstand der SPD als folgerichtige Entwicklung: "Der Weg eines Sozialisten, der seine Aufgabe darin sieht, eine aktive deutsche Arbeiterbewegung aufzubauen und mit der Internationale zu politischem Effekt zu vereinigen."
Die sehr bemerkenswerte Differenz zwischen gestern und heute: Als Wehner 1927 zur KPD ging, glaubte er, die internationale Arbeiterbewegung würde nur in enger Anlehnung an die staatliche Realität der Sowjet-Union politisches Gewicht haben.
19 Jahre später, nachdem Wehner im Moskauer Führungszentrum selber erlebt hatte, wie die Sowjets die Bruderparteien zu Funktionären ihrer Außenpolitik degradierten, kehrte er zur sozialistischen Bewegung zurück.
Zwischen diesen beiden Daten lag eine Lebensspanne, die aufregender und allerdings auch schillernder war als die Karriere irgendeines Ministers oder Parlamentariers hierzulande.
Herbert Wehner kommt aus dem gelobten Land der deutschen Sozialisten. Die Schneiderin Antonie Wehner, geborene Diener, gebar dem Schuhmacher Richard Wehner am 11. Juli 1906 in Dresden das erste Kind: Herbert.
Als Vater Richard im August 1914 in den Krieg marschierte - das Dienstzeit-Photo hatte neben Wilhelm Liebknecht und August Bebel allezeit einen Ehrenplatz in der guten Stube - , brachte die kranke Mutter die Familie zunächst mit 42 Mark je Monat durch.
Bald aber mußte Sohn Herbert mitverdienen. Er kam mit neun Jahren als Laufbursche zu einem Tischlermeister: Zwei Mark Wochenlohn.
Sein großer Wunsch war die Schriftsetzer-Lehre, der traditionelle Start so manches arrivierten Sozialisten. Daraus wurde nichts. Statt dessen bekam er 1921 ein Stipendium für einen dreijährigen Ausbildungslehrgang zum Verwaltungsdienst. Man gab ihm zwar das Reifezeugnis, aber die Verwaltungslaufbahn blieb ihm dennoch versperrt.
Herbert lernte bei der Dresdner Maschinenfabrik Hille kaufmännisches Rechnen und Buchführung. 1926 wechselte er zu einer Berliner Anzeigenagentur und saß ein Jahr später, wieder in Dresden, bei Zeiss-Ikon als Kalkulator auf dem Kontorschemel. Inzwischen hatte ihn jedoch längst die Politik gepackt. Sie war denn auch der Grund, daß Zeiss-Ikon den hitzigen jungen Mann kurzerhand auf die Straße setzte: "Sie Agitator!"
Zum Nürnberger Arbeiterjugendtag im Juli 1923 tippelte er, mangels Bargeld. Dort begegnete er zum erstenmal uniformierten Nationalsozialisten. Abends hockten die jugendbewegten Sozialisten im Gestühl der
St.-Lorenz-Kirche und hörten ein Konzert. Für den Chorknaben Herbert Wehner von der Dresdner Erlöserkirche war das der angemessene Höhepunkt des Arbeiterjugendtages.
Die Begeisterung hielt nicht lange an; durch die Berliner Generallinie erhielt sie ihren ersten Dämpfer. Im Herbst 1923 schickte der Reichspräsident Genosse Friedrich Ebert Reichswehrverbände nach Sachsen, die den anstößigen Linksdrall der sächsischen Parteifreunde ein bißchen zur Mitte zurückbiegen sollten. Darüber kam es in der sächsischen SAJ zum Bruch. Eine Minorität, mit ihr Herbert Wehner, schied aus und suchte als sogenannte Freie Gruppe zunächst Anschluß an die Syndikalistische Arbeiterföderation und an den linken Einzelgänger Mühsam.
Erich Mühsam, nach dem verunglückten Münchner Räte-Experiment zu einer Festungshaft verurteilt, amnestiert, später im NS-KZ umgebracht, galt damals als "Anarchist". Sein Bekanntenkreis reichte von Lenin über den marxistischen Theoretiker Leviné, den Geldreformer Silvio Gsell, den Nationalbolschewisten Ernst Niekisch bis zum Pour-le-mérite-Literaten Ernst Jünger. Sein Programm hieß paradoxerweise "Linke Sammlung". Mühsam brachte ab 1926 in Berlin die Zeitschrift "Fanal" heraus. Herbert Wehner, zwanzigjährig, half ihm dabei.
Vorher aber hatte Wehner es selber bereits als Herausgeber und Schriftleiter versucht. Die linksoppositionelle Monatsschrift des Neunzehnjährigen führte den anspruchsvollen Titel "Revolutionäre Tat". Ein Kommentar zur ersten Hindenburg-Wahl 1925 brachte ihm denn auch ein Strafverfahren vor dem Reichsgericht ein. Nur die Hindenburg-Amnestie bewahrte ihn vor dem Gefängnis.
Im Jahre 1927 entscheidet sich Herbert Wehner nun "nach langem Hin und Her" für die KPD, "um aktiv arbeiten zu können". Er avanciert erstaunlich schnell:
* 1928 Bezirkssekretär Ostsachsen der Roten Hilfe,
* 1929 Sekretär Ostsachsen der Revolutionären Gewerkschafts-Opposition,
* 1930, mit 24 Jahren, stellvertretender politischer Sekretär des KPD-Bezirks Sachsen, sächsischer Landtagsabgeordneter und stellvertretender Vorsitzender der Landtagsfraktion.
Trotzdem: Das Politbüro der KPD war unzufrieden mit Wehner. Man beschuldigte ihn der "Fraktionsmacherei" - nur, weil er guten Kontakt zu den Mitgliedern hatte. Im übrigen war (und ist) es Prinzip, Sekretäre niemals längere Zeit in ihrem Heimatbezirk zu beschäftigen. Wehner wurde in Dresden abgelöst und nach Berlin versetzt, "zur Disposition beim Zentralkomitee der KPD".
Der Gemaßregelte fiel die Treppe hinauf. Ernst Thälmann, Deutschlands KP-Chef, attachierte ihn dem technischen Sekretariat des Zentralkomitees und sich selber als ständigen Begleiter. Stalin hatte dem Genossen Thälmann in Moskau ein Privatissimum über Führerauslese gehalten: "Intelligenz ist wichtig, Loyalität aber viel wichtiger. Unbedingte Treue macht sogar Beschränktheit wett." So der gewitzte Polytechniker der Macht. Es fiel "Teddy" Thälmann nicht schwer, sich in der Beschränktheit zu üben, und so saß er denn auf dem ersten Stuhl des Berliner Karl-Liebknecht-Hauses. Als Wehner sich nun in Berlin meldete, verlangte Thälmann vom Politbüro: "Den will ich haben, der gehört wenigstens zu keiner Clique."
Ernst Thälmann und Herbert Wehner harmonierten miteinander, obwohl Wehner nur sehr ungern Skat spielt. Der grobschlächtig biedere Hamburger Transportarbeiter Thälmann verkörperte den selbstbewußten Proletarier; er war ein Idol der knallroten Massen. "Teddy" nahm zwar vor jedem öffentlichen Auftritt zunächst hinter den Kulissen Schlips und Kragen ab und krempelte die Hemdbrust nach innen, doch man glaubte ihm seine Worte. Wehners kleine Sorge auf solchen Versammlungstourneen: Thälmann war unausstehlich, wenn nicht jeder Stuhl im Saal besetzt war.
Soweit der bürokratisch reglementierte Dienst im Karl-Liebknecht-Haus es zuließ, studierte Wehner damals mit Eifer ökonomische Doktrinen. Dieses Selbststudium ersetzte die Universität und war gleichzeitig Ausgleichssport gegen die Apparat-Atmosphäre.
Hindenburgs Regierungsauftrag an Hitler traf die KPD, die nach Kräften an der Zerstörung des Staates von Weimar mitgearbeitet hatte, einigermaßen ratlos. Der Apparat wurde auf Untergrund umgeschaltet; das System der illegalen Arbeit war vorher probehalber vom internen Nachrichtendienst der Partei durchgespielt und, obwohl überzentralisiert und viel zu schwerfällig, von Thälmann sanktioniert worden. So kam es nach dem 30. Januar 1933 zunächst zu einem enormen Leerlauf von Kurierverbindungen, Treffs und verdeckten Telephonanrufen.
Ernst Thälmann behielt die politische Führung. Seine Direktiven und die Berichte an ihn gingen über die Anlaufstelle Wehner, an die ein umfangreicher Post-, Kurier-, Druck-, Vervielfältigungs- und Versandapparat angehängt war.
Als am 26. Februar 1933 der Reichstag brannte, saß Herbert Wehner bei Aschinger am Bahnhof Friedrichstraße und bemühte sich vergeblich, Ernst Torgler, den Fraktionsvorsitzenden der KPD im Reichstag, von der Auffassung abzubringen, der eben zum Chef der Geheimen Staatspolizei ernannte preußische Oberregierungsrat Rudolf Diels sei ein Mann der Linken.
Wenige Minuten, nachdem Wehner Torgler verlassen hatte, hörte er die Ausrufer der Extrablätter: "Der Reichstag brennt! Torgler Brandstifter!" Wehner stürzte ins Aschinger zurück, aber Torgler war schon weg und auch telephonisch nicht mehr zu erreichen. Der KPD-Fraktionschef hatte sich entschlossen und war nicht mehr davon abzubringen, zur Polizei zu gehen, um sich bei Diels darüber zu beschweren, daß er mit der Geschichte in Verbindung gebracht werde. Die Polizei hatte ihn trotzdem kurzerhand eingesperrt.
In den nächsten Tagen wurden die Kommunisten en masse verhaftet. Von diesem Zeitpunkt an suchte die Parteizentrale ständig nach Ersatzleuten, die den immensen Blutverlust ausgleichen, den zerstörten Apparat neu aufbauen und Zeitungen und Flugblätter drucken und verteilen sollten. Das war ziemlich mühsam, weil die desillusionierten Genossen in hellen Scharen bei SA und NSBO unterschlüpften.
Anfang März 1933 schickte Moskau einen Kurier nach Berlin. Sepp Schwab, deutscher Vertreter in der Komintern-Exekutive, lief Wehner an. Er kam mit Weisungen für Thälmann.
Am Nachmittag des Tages, an dem Schwabs Treff mit Thälmann verabredet war, führte Wehner den Komintern-Emissionär mit Thälmanns Mitarbeiter Birkenhauer zusammen, und zwar in einem Bierlokal am Wittenbergplatz, das Birkenhauer vorgeschlagen hatte.
Wehner entdeckte am Nebentisch einen Mann, der sich für die Genossen sichtlich interessierte. Die drei waren kaum wieder auf der Straße, als neben ihnen ein Überfallwagen scharf bremste. Die Polizeimannschaft sprang ab. Wehner und Schwab gelang es, im Menschengewühl der dicht belebten Augsburger Straße zu entkommen.
Am Abend dieses Tages aber wurde Ernst Thälmann, und zwar in Birkenhauers Gesellschaft, in seiner Ausweichwohnung von der Polizei hopp genommen*).
Mit Thälmanns Abgang kam nun Walter Ulbricht nach vorn. Ulbricht machte damals
in einer Atmosphäre betrübter Niedergeschlagenheit einen erstaunlich frischen Eindruck. Seine unbestrittene Überlegenheit über die Konkurrenten in der Parteispitze verdankte er unermüdlichem Fleiß. Er kümmerte sich um jedes Detail und war stets besser informiert als alle anderen.
Seine Mitarbeiter und Untergebenen - Ulbricht hatte Untergebene nötig - hielt er pausenlos in Bewegung, kontrollierte unnachsichtig ihre Arbeit und schurigelte sie, wie ein Korporal. Wehner: "Seine Kritik wirkt wie eine Säge. Er verbrauchte ganze Kader und erzog furchtsame Nachbeter." Thälmann über Ulbricht: "Er ist ein Bürokrat, aber er wird nie gegen mich kämpfen."
Neben Ulbricht schob sich Wilhelm Pieck. Als preußischer Landtagsabgeordneter und - seit 1932 - Mitglied des KP-Politbüros hatte sich Pieck bis dahin auf kommunalpolitische Aufgaben beschränkt und im übrigen ein bequemes Leben bevorzugt. Jetzt entwickelte er unversehens persönlichen Ehrgeiz. Da Moskau ihn für integer hielt, repräsentierte er die KPD-Auslandsleitung, zunächst in Paris, später in Moskau.
Pieck und Ulbricht gingen ihre Liaison nur ein, weil sie beiden nützlich war. Gemein hatten sie im Grunde nur den Respekt vor Moskau und den Spott auf ihren legitimen Parteichef Thälmann, der nun im KZ saß. So befahl Ulbricht dem Wehner, "die Leute, die mit Teddy herumgesoffen haben", aus der sogenannten Landesleitung in Berlin zu entfernen.
Als Wehner sich bei Wilhelm Pieck über die dubiose Haltung eines prominenten Genossen in der Haft beschwerte, hörte Pieck nur mit halbem Ohr hin und glaubte, es sei von Thälmann die Rede: "Das überrascht mich gar nicht. Von Teddy war doch nichts anderes zu erwarten."
Zwischen Herbert Wehner, der in Berlin geblieben war, und der Auslandsleitung Pieck-Ulbricht kam es sehr bald zu Konflikten. Man stritt sich über die Technik der illegalen KP-Arbeit. Wehner hatte einige Genossen veranlaßt, in der Deutschen Arbeitsfront Fuß zu fassen und dort ohne laute Propaganda Anhänger zu werben. Zu
den Vertrauensrätewahlen im Frühjahr 1934 hatte er die Parole lanciert: "Wählt die besten Arbeiter!" Der Erfolg war, daß nicht nur DAF-Funktionäre in die Vertrauensräte kamen; der Nachteil war, daß die Nationalsozialisten nie wieder frei wählen ließen.
Die Pariser Auslandsleitung der KPD dagegen hatte ganz andere Vorstellungen von der "konspirativen Arbeit". Sie wünschte dramatische Propaganda-Aktionen - Wehner: "Kampagnenraserei"; solche Aktionen gaben zwar farbige Berichte nach Moskau her, hatten aber keinerlei politische Wirkung und kosteten außerdem ungeheure Verluste.
Als Wehner in Paris Bericht erstattete über die illegale Deutschland-Arbeit, bekam er anderthalb Stunden Redezeit. Diskutiert wurde nicht. Unter der Hand jedoch ließ man ihn wissen, seine Position sei "oppositioneller Frontgeist"; er beabsichtige offenbar, die Auslandsleitung abzuhängen
- so etwas habe man in der polnischen Partei auch schon beobachtet, aber sehr schnell vereitelt. Schließlich wurde Wehner allen Ernstes gefragt, ob es denn nicht möglich sei, am 1. Mai 1934 auf dem Tempelhofer Feld gegen Hitler zu demonstrieren.
Seine Erfahrungen im politischen Untergrund, die Herbert Wehner in fast allen europäischen Ländern gemacht hat, wertet er heute aus. Sie sind der Grund, daß er für den Widerstand der Sowjetzonen-Bevölkerung bessere Möglichkeiten sieht, als sie in Bonn und Westberlin halbamtlich propagiert werden: "Das Modell ist der lautlose, aber wirkungsvolle Kampf der Norweger gegen die deutsche Besetzung. Dort wurde von niemandem verlangt, ein Held zu sein. Trotzdem haben sich die Norweger millimeterweise Bewegungsfreiheit verschafft.
"Man muß den Widerstand so breit wie möglich und sozusagen legal führen. Voraussetzung
ist, daß die Bundesrepublik demokratische Energien auf die Sowjetzone überträgt. Die einfachste Gebrauchsanweisung für den Widerstand lautet: Nicht sagen (zum Beispiel), ''Der Neue Kurs der SED war von Anfang an Schwindel. Kein Wunder, wenn er nicht eingehalten wird''. Sondern: Man muß den Leuten in der Zone, auch den kleinen SED-Funktionären, Mut machen, auf der Basis des Neuen Kurses mit den führenden Funktionären zu diskutieren. Etwa so: ''Ihr habt uns diese Produktionssteigerung und jene Preissenkung versprochen. Wir fordern, daß ihr euer Programm verwirklicht.''
"Den Mitgliedern und Funktionären der sowjetzonalen Gewerkschaften muß man
sagen, sie sollten die Statuten ihrer Organisation sorgfältig lesen. Auf der Grundlage dieser Satzungen könnten sie, in ständiger Diskussion mit der Spitze, wenigstens einen Teil ihrer propagierten Rechte realisieren. Solche Argumente wären für die Opponenten ungefährlich und könnten trotzdem die Diktatur stellenweise aufweichen."
Von der Gestapo ständig mit Steckbriefen gehetzt, entging Wehner anläßlich eines Unfalls seiner Taxe nur dadurch den Häschern, daß er im nahen Berliner Post-Stadion untertauchte. Er war nicht allzu böse, dem Meisterschaftsspiel Schalke 04 - 1. FC Nürnberg zusehen zu müssen. Wehner war aktiver Fußballer gewesen und meldete sich noch 1951, als die Bundestagsfraktionen eine Fußball-Elf etablieren wollten, für den rechten Verteidigerposten.
Herbert Wehners nächstes Abenteuer im Dienst der KPD spielte 1935 in Prag. Die KPD-Auslandsleitung war für kurze Zeit von Paris nach Prag übergesiedelt. Hier tiftelte man in Verhandlungen mit innerdeutschen Illegalen moderne Kampfmethoden aus und bestellte eine neue Vier-Mann-Landesleitung für Berlin. Einer der vier war Wehner, der dann jedoch nicht in Berlin, sondern in Moskau wieder auftauchte.
Das kam so: Die tschechischen Kommunisten hatten bald nach dem 30. Januar 1933 einen Kurier nach Berlin geschickt: Sie würden, im Gegensatz zu den Prager Sozialdemokraten, KPD-Emigranten nicht beherbergen und unterstützen. Die deutschen Kommunisten sollten in ihrem Land bleiben und kämpfen*).
Wehner fand daher in Prag keine abgesicherte Unterkunft. Ein emigrierter Genosse nahm ihn mit auf seine Bude in ein obskures Prager Vorstadthotel. Hier wurde Wehner von der Polizei bei einer nächtlichen Razzia aufgestöbert und festgesetzt.
Nach vier Wochen Untersuchungshaft im Prager Zentralgefängnis war die Gefahr, an die Gestapo ausgeliefert und in Deutschland unters Beil zu kommen, überstanden. Liberale Prager Abgeordnete hatten interveniert,
den KPD-Funktionär nach Warschau abzuschieben. Von Warschau nach Moskau war es dann nur noch eine Tagesreise.
Herbert Wehners erster Moskau-Besuch endete glimpflich, sogar mit einem Avancement. Béla Kun, Ungarns verjagter KP-Tyrann, hatte sich zwar alle Mühe gegeben, den unerwünschten deutschen Genossen möglichst schnell wieder mit einem Auftrag für Paris loszuwerden. Aber Wehner nahm trotzdem am VII. Plenum (Weltkongreß) der Komintern teil. Nach einem zeremoniellen Eiertanz Wilhelm Piecks kam er sogar in der Plenar-Debatte zu Wort.
Hinterher schickte Molotow seinen Sekretär, der sich nach Wehners Personalien
erkundigte. Molotow hatte sich darüber gewundert, daß jemand vor dem Komintern-Plenum frei gesprochen und nicht vorsichtig vom Blatt abgelesen hatte.
Auf den vielen Kongressen, an denen Wehner teilnahm, lernte er, daß die Sowjets zuweilen auch in der Öffentlichkeit genau das sagen, was sie meinen. Wehner: "In eine ellenlange Resolution werden zwei, drei Sätze verpackt. Diese Parolen sind mehr als Propagandabluffs, sie formulieren die sogenannten Perspektiven, bindende Weisungen. Sie legen die künftige Politik fest.
"Wenn Mikojan auf dem letzten SED-Parteitag in Berlin erklärte: ''Die Völker der Sowjet-Union sind aufrichtig daran interessiert, daß sich das deutsche Volk bald zusammenschließt. Eines der Mittel, die die Lösung der Deutschlandfrage fördern, ist die Annäherung zwischen Ost- und Westdeutschland'', dann muß die SED diesen Kurs halten.
"In der Zeit der Illegalität fragte ich Ulbricht einmal, welche Vorschläge er für die Deutschland-Arbeit nach Moskau schicken werde. Ulbricht antwortete: ''Hältst du mich wirklich für so dumm, daß ich irgend etwas vorschlage, ehe ich weiß, was die drüben wollen?''
"Auf dem SED-Parteitag erklärte Ulbricht: ''Die volksdemokratische Ordnung ist für Deutschland selbstverständlich nicht geeignet.'' Mit anderen Worten: Die Sowjets betreiben heute in Deutschland eine Politik der offenen Tür, eine Chance für uns, die wir entschlossen nutzen sollten.
"Wenn es uns nämlich gelingt, die Auseinandersetzung zwischen Demokratie und volksdemokratischer Diktatur offen zu führen und in den wirtschaftlichen, kulturellen, wissenschaftlichen und sportlichen Bereichen ein Maximum von möglichst normalen Beziehungen zwischen den Deutschen beider Teilstaaten herzustellen - : Dann haben wir die Grundlage der deutschen Wiedervereinigung. Es mag simpel klingen, aber ich glaube es."
Das Moskauer Ergebnis 1935: Wehner wurde ins Zentralkomitee der KPD gewählt.
Nach diesem aufsehenerregenden Erfolg fuhr er mit luxemburgischem Paß über Polen, CSR, Schweiz und Frankreich nach Holland und Dänemark. Von hier aus und später in Deutschland, mit Schwerpunkt Ruhrgebiet und Berlin, wurde die illegale Arbeit neu aufgedreht.
Als General Franco mit seinen Marokkanern 1936 in Spanien landete, sammelte Wehner in Paris die ersten hundert KPD-Freiwilligen. Sie kamen als "Centurio Thälmann" an der katalanischen Huesca-Front ins Feuer. Alsbald erschien André Marty, von Moskau mit Aufstellung und Führung der Internationalen Brigaden beauftragt, und verbot dem Deutschen jede Beziehung zu seinen Landsleuten an der Front.
Wehner: "Unangenehmere Gespräche habe ich nur noch mit Adenauer geführt." Marty argwöhnte, die "Centurio Thälmann" sei ein Instrument der Gestapo.
Danach reiste Wehner ein zweites Mal nach Moskau. Er sollte dort, wie Ulbricht es ausdrückte, "Rede und Antwort stehen". Der Sachverhalt: Wehner hatte ein für Deutschland bestimmtes Flugblatt Ulbrichts beanstandet.
Doch ehe es zur zweiten Moskau-Reise kam, hatte Wehner in Paris eine Unterredung mit dem Genossen Münzenberg. Aus ihr wurde im späteren Moskauer Untersuchungsverfahren gegen Wehner die Hauptbelastung gebastelt.
Münzenberg lieferte der KPD in reichem Maße Geld und Ideen. "Der einzige, der aus einer Mark zwei machen kann", lobte
man ihn in Moskau. Die Massenblätter "Die Welt am Abend" und "Berlin am Morgen" und die Zeitschrift "Der Rote Aufbau" gehörten ihm. Münzenberg verstand es aber auch, vermögenden Leuten die Banknoten auf nette Art aus der Tasche zu ziehen.
Dieser Münzenberg lud nun Herbert Wehner in Paris zum Essen ein, um mit ihm ein Memorandum durchzugehen, das er anschließend in Moskau vorlegen wollte. Sein phantastischer Plan: Die deutschen Emigranten sollten sich auf breiter Basis politisch zusammenschließen - "bis zur Bayerischen Volkspartei" - und die Freunde in den Regierungen draußen dafür gewinnen, alle Beziehungen zu Deutschland abzubrechen und so Hitler völlig zu isolieren. Zusammen mit Litwinows Politik der kollektiven Sicherheit werde der absolute Boykott, war Münzenberg überzeugt, Hitlers Herrschaft ohne Krieg "erdrücken".
Münzenberg: "Wenn ich in Moskau an Stalin herankomme, haben wir gewonnen. Wenn nicht, dann ist alles verloren." Aber die Moskauer Genossen wollten nichts von Münzenbergs Patentlösung wissen, und Stalin ließ ihn nicht vor, Komintern-Generalsekretär Dimitroff jedoch konnte den Münzenberg mit dem Komintern-Posten "Propaganda" trösten.
Nun hatte Münzenberg eine feine Witterung für Gefahren und keine Neigung, in Moskau umzukommen. Unter dem Vorwand, er müsse seine Geschäfte in Paris abwickeln und sein Herzleiden in Böhmen auskurieren, eiste er sich mit einer befristeten Ausreiseerlaubnis von Moskau los. Er ließ sich dort nie wieder sehen*).
Statt Münzenberg wurde nun Ulbricht nach Moskau zitiert. Man warf ihm vor, seine unleidlichen Allüren seien schuld
an Münzenbergs Bruch mit der Partei. Aber Ulbricht passierte nichts.
Münzenberg muß sich allerdings seinen Moskauer Dispens auch damit erkauft haben, daß er aus seinem Deutschland-Memorandum einen "Fall Wehner" fabrizierte und die NKWD dadurch von sich ablenkte. Jedenfalls wurde Herbert Wehner, als er nach Moskau gefahren war, um sich wegen des Ulbrichtschen Flugblattes zu rechtfertigen, mit einem Fragebogen empfangen, dessen 42 Fangfragen sich meist auf das Pariser Gespräch Münzenberg-Wehner bezogen. Den Rest hatte Ulbricht angedient.
Das Untersuchungsverfahren gegen Wehner lief von Anfang 1937 bis Mitte Juli 1938. Während dieser Zeit wohnte er, monatelang in seiner Bewegungsfreiheit behindert, im Moskauer Hotel "Lux". Im Dezember 1937 wurde er nachts, trotz Grippe, aus dem Hotel zum zweiten NKWD-Verhör in die Lubjanka gebracht. Die obligate erste Frage hieß: "Zu welchen Trotzkisten hatten Sie Verbindung?"
Darauf antwortete Wehner nur, er sei in diesem Haus schon vor neun Monaten danach gefragt worden. Mehr als damals könne er auch heute nicht sagen. Nach Rückfrage bei der Zentrale mußten die NKWD-Leute bestätigen, daß Wehners Angaben über ein erstes Verhör stimmten. Aus dem zweiten Verhör kam nicht mehr heraus.
Dem Delinquenten Wehner wurde erst im September 1938 von Dimitroff offiziell eröffnet, daß das Verfahren gegen ihn abgeschlossen sei. Die Beschuldigung habe sich zwar als grundlos erwiesen, Wehner möge aber dennoch verstehen, daß die gefährdete Sowjet-Union sich mit allen Mitteln sichern müsse.
Der Wehner-Ankläger Ulbricht übte "Samokritika" (Selbstkritik): Er sehe ein, falsch gehandelt zu haben, und werde sich nicht noch einmal zu "solchen Schritten" treiben lassen.
Herbert Wehner wurde wieder in den Apparat eingebaut, zunächst als Referent
beim politischen Sekretär des Komintern-Exekutivkomitees, dann in der Propagandaabteilung, in der Redaktion der Zeitschrift "Die Kommunistische Internationale" und als Mitarbeiter des Moskauer Rundfunks.
Schon sein zweiter Funk-Kommentar ging daneben. Nach dem deutschen Einmarsch in der Tschechoslowakei März 1939 hatte Wehner über die prekäre Lage Danzigs sprechen wollen. Der Auslandsredakteur von Radio Moskau klärte ihn auf: "Die deutschen Hörer können zu der Auffassung kommen, die Sowjet-Union halte in der Danzig-Frage denselben Kurs wie der englische Imperialismus: Antifaschismus um jeden Preis kann leicht zur Provokation werden."
Nach Stalins Hitler-Pakt befahl man den deutschen Kommunisten in Moskau, russische Sprache und Geschichte der KPdSU (b) zu studieren. Außerdem schärfte man den deutschen Genossen ein, daß die Sowjet-Union, nicht die KPD, mit Hitler verbündet sei. Andererseits dürften aber die "legalen" Möglichkeiten, Sowjet-Propaganda in Deutschland zu treiben, nicht durch "primitiven Antifaschismus" gestört werden.
In dieser Lage wurde Wehner die ziemlich komplizierte Aufgabe gestellt, ein Manifest aller kommunistischen Parteien auszuarbeiten. Sein Entwurf, in dem von "Verbrüderung der Arbeiter im Waffenrock" die Rede war, fand nicht den Beifall Manuilskis, der damals politischer Sekretär der Komintern-Exekutive, später Außenminister und Uno-Vertreter der Ukraine war.
Manuilski wendete ein, für die Verbrüderung sei es noch zu früh. Außerdem solle man vorsichtig damit sein, die Arbeiterschaft anderer Länder von der Schuld am Kriege freizusprechen. Es könne eine Zeit kommen, in der man auch die Arbeiter draußen "zur Verantwortung ziehen" müsse.
Herbert Wehner grübelte Tag und Nacht: Wie aus den Zweideutigkeiten und Widersprüchen Moskaus herauskommen, wie die Handlungsfreiheit zurückgewinnen?
Der Absprung gelang im Frühjahr 1941 mit Hilfe Dimitroffs. Wehner wurde von der Komintern nach Stockholm beordert, mit dem Auftrag, den KPD-Apparat in Skandinavien, der einige undichte Stellen zur Gestapo aufwies, "unfamiliär" zu überprüfen. Danach sollte er in Berlin eine neue Parteizentrale aufbauen.
Wehner hatte mit sich andere Pläne als Moskau. Er dachte nicht daran, die alte zersetzte Parteiorganisation wieder zu flicken: "Ich suchte Kontakt mit Gleichgesinnten, egal welcher Richtung oder Gruppierung sie angehört hatten. Sie sollten die Zellen einer neuen unabhängigen Arbeiterbewegung bilden, die sich nach dem Krieg gegen den korrumpierten Apparat behaupten könnte."
Schließlich setzte Stockholms Kriminalpolizei Wehner im Februar 1942 fest. Er saß acht Verhörwochen in einer engen Gefängniszelle; mal drohte man, ihn der Gestapo auszuliefern, mal versprach man, ihn freizulassen, falls er der Polizei helfe, die nach Deutschland führenden Verbindungslinien aufzudecken.
Resultat: In erster Instanz ein Jahr Gefängnis, in zweiter Instanz, nach Einspruch der Anklage, ein Jahr Zuchthaus. Begründung: "Spioneri" mittels "underrättelseverksamhet för främmande makts räkning" (Nachrichtenbeschaffung für fremde Rechnung).
Die Richter argumentierten: "Versuch, die Regierung eines mit Schweden freundschaftlich verbundenen Landes (Deutschlands) zu stürzen. Mithin Gefährdung der schwedischen Freiheit und Neutralität."
Gegen die Beschuldigung des "underrättelsseverksamhet" hatte Wehner vorgebracht,
die KPD sei eine deutsche Partei: "Mein Verhältnis zum deutschen Volk verbietet mir, trotz aller Gegnerschaft gegen die Regierung Hitlers, eine Tätigkeit auszuüben, die als Spionage zu qualifizieren wäre."
Heute, bei der Abwehr des SED-Regimes, das in der Anwendung seiner Terrormethoden durchaus nicht wählerisch ist, möchte Wehner nach wie vor die Erkenntnis vergangener Zeiten berücksichtigen: Spionage und Sabotage korrumpieren den politischen Widerstand.
Wehner: "Natürlich müssen wir zur Bevölkerung drüben engen Kontakt halten, sie laufend informieren. Aber abenteuernde Außenseiter sollten aus dieser Arbeit herausbleiben. Der sogenannten Justiz der Benjamin und Melsheimer würde dann wenigstens der Vorwand zum Terror fehlen - jedenfalls soweit bis heute noch westdeutsche oder Westberliner Stellen im Spiel sind.
"Ich hatte eine gemeinsame Erklärung vorgeschlagen: Alle westdeutschen und Westberliner amtlichen Stellen, Parteien, Gewerkschaften, Bünde und Gruppen verpflichten sich, keinerlei Spionage oder Sabotage in der Sowjetzone zu betreiben. Wer sich danach trotzdem auf einen westlichen Auftrag berufen hätte, würde sich damit selber als Agent der Besatzungsmächte dekuvriert haben."
Wehners Vorschlag wurde in Bonn abgelehnt.
Stockholms Rådhusrätt (Amtsgericht) folgte 1942 dem Plädoyer des Staatsanwalts: Konspiration im Auftrage der Komintern sei gleichzusetzen mit Spionage für Rechnung einer ausländischen Macht.
So endete Herbert Wehners Funktionärs-Odyssee hinter schwedischen Zuchthausmauern. Wie in der Dresdner Jungrevolutionärszeit las er seinen Lieblingsautor Kierkegaard; mit seinem Zuspruch und in der Sicherheit der Zelle machte Wehner Bilanz und gab seine zweideutige Position endgültig auf: Er schrieb die KPD ab. Viele deutsche Genossen in Schweden machten es ihm nach; heute sind sie, wie er, Sozialdemokraten.
Aus dem Zuchthaus wurde Herbert Wehner ins Internierungslager überstellt. Vom Lager aus schloß er dann die haltbarste Freundschaft seines Lebens. Lotte Burmester, die Witwe eines in Hamburg ermordeten
KP-Funktionärs, hatte selber zwei Jahre im Gefängnis gesessen. Schwer herzkrank, war sie 1935 haftunfähig in Freiheit gesetzt worden und 1937 nach Schweden entkommen.
Lotte Burmester schickte Wehner Lebensmittel und Bücher ins Lager. Nach der Internierungshaft heirateten sie. Seither hilft Frau Lotte nicht nur beim täglichen Auswerten der Zeitungen. Sie ist auch der einzige Mensch, der Herberts unverbindlichen Habitus - "Ich bin kein Mann, auf den, wie aufs Licht, die Motten fliegen" - auflockern und mildern kann.
Wehners Karriere in der SPD führte ebenso schnell und steil nach oben wie seine KPD-Laufbahn. Oktober 1946 Partei-Eintritt in Hamburg, April 1947 Außenpolitischer Redakteur des sozialdemokratischen "Hamburger Echo". Heute fungiert er mit dienstlich nüchterner Gewissenhaftigkeit im
* Bundestagsausschuß für Gesamtdeutsche und Berliner Fragen (Vorsitzender),
* Bundestagsausschuß für auswärtige Angelegenheiten,
* Bundestagsausschuß für Fragen der europäischen Sicherheit, in der
* Gemeinsamen Versammlung der Montan-Union, im
* Ausschuß für politische Angelegenheiten und Außenbeziehungen der Montan-Union (Vizepräsident),
* SPD-Bundesvorstand Bonn,
* Bundestagsfraktions-Vorstand der SPD,
* Außenpolitischen Ausschuß der SPD,
* Arbeitskreis Außenpolitik der SPD-Bundestagsfraktion (Vorsitzender),
* SPD-Arbeitskreis für europäische Zusammenarbeit,
* SPD-Ausschuß für programmatische Grundsätze,
* SPD-Landesvorstand Hamburg,
* SPD-Kreisvorstand Hamburg-Harburg.
Außerdem hat Wehner die SPD bislang auf allen Kongressen und Konferenzen der Internationale vertreten.
Der Terminkalender dieses parlamentarischen Schwerarbeiters gleicht einem verzwickten Kursbuch.
Das Pensum an Tagungen, Versammlungen und Sitzungen läßt keine Stunde frei für Spekulationen über den "geistigen Standort" der SPD, wie sie von minderbeschäftigten Genossen jetzt vielfach versucht werden. Ihn interessiert vor allem die konkrete politische Aufgabe. Sein Beitrag zur Parteireform: "Wen''s juckt, der soll nicht die Partei kratzen."
Die Vielzahl der Ämter, das anspruchsvolle Engagement in Partei und Parlament entsprach nicht Wehners ursprünglicher Absicht. Nach Deutschland zurückgekehrt, wollte er eigentlich als Journalist selbständig
arbeiten: "Dann ist alles umgekehrt gekommen, mit Rabatt."
Und zwar so: Dr. Kurt Schumacher, Exerziermeister der Nachkriegs-SPD, zitierte Wehner im Frühjahr 1949 nach Hannover. Die beiden disputierten und wurden rasch Freunde. Schumacher drängte: "Die Geißelung war stark genug. Jetzt mußt du nach vorn."
Trotzdem war Wehner niemals Schumachers Protegé. Seinen Aufstieg verdankte er vielmehr seinem sächsischen Fleiß. Diese Anstrengung richtete sich gegen die KPD.
Im Hamburger Hafen, wie in allen Häfen der Welt, dominierten nach 1945 die Kommunisten. Der Ex-KP-Mann wurde ihr meistgehaßter Gegenspieler.
Der Erfolg der vielen Betriebsversammlungen Wehners im Hafenbezirk ist abzulesen - nur zwei Beispiele - an den Betriebsratswahlen der Howaldtswerke und der Deutschen Werft, die vorher Domänen der KPD gewesen waren.
* Howaldtswerke Dezember 1950:
SPD 15 (1948: 4)
KPD - (9)
Parteilose - (2)
* Deutsche Werft Mai 1951:
SPD 7 (1948: 1)
KPD 6 (9)
Parteilose 3 (3)
Die Kommunisten waren noch nie zimperlich, wenn es darauf ankam, politische Gegner zu erledigen. Bei ihren mühseligen Versuchen, Herbert Wehner "abzureiben", ihn zu "fischen", boten Pankow und die KPD denn auch buchstäblich jedes Mittel auf.
Das Zentralkomitee der KPD schickte den Mainzer Sekretär Wilhelm Prinz nach Hamburg. Prinz hatte sich in Rheinland-Pfalz bereits seine Sporen als "harter Mann" verdient. In Hamburg - so verlangte der Parteiauftrag - sollte er als "ständiger Vertreter des Zentralkomitees der KPD" das "Hauptfeuer" auf Wehner richten (SPIEGEL 36/1954). Die KPD-Propagandamaschine produzierte pornographisch aufgeputzte Pamphlete.
Zum Höhepunkt dieser aufwendigen vorbereitenden Verleumdungs-Kampagne trat Ex-Soldat Oberbichler in Hamburg an. Dieser Oberbichler war im Kriege von einem Feldgericht verurteilt und in eine Strafeinheit nach Norwegen versetzt worden. Von dort war er nach Schweden desertiert, wo die Polizei ihn einlochte, und zwar
im gleichen Internierungslager, in dem auch Wehner saß.
Deserteur Oberbichler war kein aktiver Kommunist; er gehörte zu jener Sorte Menschen, die Karl Marx Lumpenproletariat genannt hat und auf die der KPD-Apparat immer dann zurückgreift, wenn - ohne Parteibuch - Spezialaufträge auszuführen sind. Oberbichlers makabre und gut honorierte Hamburger Mission: "Kontakt mit Wehner."
Sagt Herbert Wehner: "Der Plan war klar. Hätte man mich irgendwo mit eingeschlagenem Schädel gefunden und Oberbichler
als Täter verhaftet, dann hätten die Interessenten sehr rasch eine Erklärung parat gehabt: Zwei Gangster. Politische Motive hätte kaum jemand vermutet. Die KPD wäre draußen geblieben."
Als die Kriminalpolizei den Oberbichler schnappte, trug er Pistole und Messer bei sich. Er gestand und verpfiff seine Auftraggeber.
Die zweite Aktion gegen Wehner wurde von Pankow inszeniert. Ein Kommando der Abteilung K 5 des sowjetzonalen Staatssicherheitsdienstes rückte in Hamburg an. Ehe noch die Kriminalpolizei die Ankunft der fünf SSD-Beamten auf dem Hamburger Hauptbahnhof signalisierte, stand der erste K 5-Mann schon, an der Vorzimmerdame des "Hamburger Echo" ohne Anmeldung vorbei, in der Tür zur politischen Redaktion.
Sein Pech, daß er nicht dem außenpolitischen Redakteur Wehner, sondern dem Innenpolitiker Alfons Penk jovial auf die Schulter klopfte: "Mensch, Herbert, alter Junge, wie geht''s dir?" Er merkte nicht, daß dieser "alte Junge" Wehner so unähnlich wie nur möglich war. Von Penk schließlich an Wehner verwiesen, stotterte er: "Donnerwetter, du mußt dich aber mächtig verändert haben, Herbert. Damals in Dresden warst du doch viel kleiner, finde ich." Man verabredete einen Treff, zu dem dann zwar die Hamburger Kripo, aber nicht der Pankower K 5-Anfänger erschien. Die SSD-Männer gaben nicht auf. Monatelang standen sie Posten vor Wehners Wohnung, von Hamburger Kriminalpolizei beschattet.
KPD-Prinz, der 1949 die Parteifeme gegen Wehner anführte, später aber im Ostberliner SSD-Arrest mit der Partei brach, sagt heute: "Für mich ist der Aufenthalt in Hamburg ziemlich riskant. Die Zonengrenze ist nur 30 Kilometer weg, mit dem Taxi eine knappe Stunde."
Unterdes waren einige christliche Zeitungen nicht abgeneigt, an der kommunistischen Wehner-Kampagne zu profitieren.
Als der KPD-Abgeordnete des ersten Deutschen Bundestages, Oskar Müller, früher KZ-Kapo, vor dem Plenum eine Erklärung gegen Wehner verlesen wollte, wurde er von Präsident Ehlers abgewiesen. Müller verschickte dann einen Brief mit dieser Erklärung. Zwei westdeutsche Blätter mochten es sich nicht versagen, dieses Schriftstück im Auszug abzudrucken: der "Rheinische Merkur" und die "Kölnische Rundschau".
Vor der Bundestagswahl am 6. September 1953 kursierte das Gerücht, "Sowjet-Experte" Wehner habe mit Karlshorst Verbindung aufgenommen. Das gehe aus Berichten hervor, die dem Bundeskanzler vorlägen.
Am 10. Oktober 1953 schrieb Wehner an Bundeskanzler Konrad Adenauer:
... verfolge ich die Absicht, Ihnen, Herr Bundeskanzler, klarzumachen, welche ehrenrührigen Behauptungen unter Berufung auf angeblich Ihnen vorliegende Berichte lanciert worden sind. Ich hätte es dankbar begrüßt, wenn Sie dem durch solche Fälschungen zu Unrecht Verleumdeten Gelegenheit gegeben hätten, sich Ihnen gegenüber zur Sache zu äußern, und wenn dadurch hätte vermieden werden können, daß verleumderische Gerüchte unter Berufung auf Mitteilungen aus Ihrer Umgebung eine Rolle spielen konnten.
Kanzler Konrad Adenauer hat diesen Brief bis heute nicht beantwortet, er hat nicht einmal den Eingang bestätigt.
Die Differenzen zwischen dem rheinischen Bundeskanzler und dem sächsischen Vorsitzenden des Gesamtdeutschen Bundestagsausschusses sind so alt wie der Streit, wie Deutschland am schnellsten und sichersten wiedervereinigt werden könnte.
Konrad Adenauer hält auch heute noch - nach London - nichts von einer Deutschland-Konferenz der vier Besatzungsmächte. Herbert Wehner zitiert Schumacher: "Es geht nicht darum, die Viererkonferenzen abzuschaffen, weil man wegen der Hartnäckigkeit des politischen Gegners verzweifelt ist. Es geht darum, sie nicht als Instrument in der Hand der Sowjets zu lassen, sondern sie zu einer Waffe der Demokratie zu machen."
Als die Außenminister sich im Februar auf der Berliner Konferenz kaum die Mühe gemacht hatten, zu verbergen, daß keinem der vier an einer annehmbaren Lösung gelegen sei, sah der Bundeskanzler sich in seinen Erwartungen bestätigt. Ausschußvorsitzender Wehner aber appellierte öffentlich an die Verhandlungspartner, mindestens das Minimalprogramm zu vereinbaren:
* Verwaltungseinheit Berlins.
* Sicherung der Verkehrslinien in und nach Berlin.
* Auflockerung der Zonengrenzsperre.
* Schrittweise Angleichung der Währungen.
Jetzt, zur Londoner Konferenz, warnte Wehner: "Wer den Irrtum begeht, heute nach Lösungen zu suchen, die die Unmöglichkeit, mit den Sowjets zu verhandeln, sozusagen als gegeben voraussetzen, wird nicht einmal Notlösungen zustande bringen. Er trägt nur zur Vermehrung der gegenwärtigen Schwierigkeiten bei. Die Grundfrage ist nicht: Wie bewaffnet man die Bundesrepublik, sondern: Was kann unternommen werden, um die Sowjet-Union zu Verhandlungen über die europäische Sicherheit und die deutsche Einheit zu veranlassen?"
Gegen den Leerlauf der deutschen Frage empfiehlt Wehner: "Es ist jetzt endlich an der Zeit, zu untersuchen, welche Möglichkeiten die drei westlichen Besatzungsmächte und die Bundesrepublik anstreben können, um die Grundlagen für eine friedliche Lösung der deutschen Frage in Verhandlungen mit der vierten Besatzungsmacht zu schaffen. Zu diesem Ziel muß man sich über einen Zeitplan verständigen, der Etappen zum schrittweisen Abbau von Hindernissen gegen die Wiedervereinigung, zur Annäherung der beiden deutschen Teilstaaten und zur Normalisierung ihrer Beziehungen vorsieht."
So vorbereitet wünscht sich Wehner schließlich eine neue Viererkonferenz, warnt jedoch davor, "alles auf die Karte einer einzigen Konferenz zu setzen". Das Rezept für diese Verhandlungen: "Wenn die Westmächte nicht offen eingestehen wollen, daß ihr Wiedervereinigungs-Versprechen Betrug ist, dann müssen sie den Sowjets klarmachen: Sicherheitsplan nur gegen freie Wahlen in ganz Deutschland!"
Für den Zwischenzustand bis zum Abschluß eines Friedensvertrages mit dem wiedervereinigten Deutschland möchte Wehner die deutschen Interessen mit denen
der Besatzungsmächte nach diesem Plan aufeinander abstimmen:
* "Vereinbarung der Vier, die unverzügliche Aufnahme Deutschlands in die Organisation der Vereinten Nationen zu empfehlen;
* "Vereinbarung der Vier, jedem Versuch zu widerstreben, Deutschland in einen Militärblock einzugliedern oder als Glacis für militärische Operationen der einen oder anderen Seite vorzubereiten;
* "Vereinbarung der Vier und der deutschen Regierung über Begrenzung und Kontrolle der Polizeikräfte in allen Teilen Deutschlands;
* "Vereinbarung der Vier und der deutschen Regierung über die Unverletzbarkeit des deutschen Territoriums und des Territoriums der angrenzenden Länder."
Herbert Wehner hat keine gesamtdeutschen Illusionen. Er glaubt nicht, daß Patentlösungen wie mit Zauberkraft auf die Besatzungsmächte wirken, auch dann nicht, wenn er selber solche Lösungsvorschläge formuliert:
"Um es ganz deutlich zu machen: Deutsche Politik, die zielbewußt auf die Wiedervereinigung hinarbeitet, kann nicht nur Außenpolitik, sondern muß zu einem wesentlichen Teil Innenpolitik sein.
"Bislang haben wir uns dazu verleiten lassen, in völkerrechtlichen Kategorien zu denken. Wir haben uns an der Staatlichkeit der beiden Teile Deutschlands blind gestarrt. Aus dieser Als-Ob-Situation müssen wir jetzt endlich heraus und den Mut aufbringen, die besatzungsmäßige Zwangslage zu durchlöchern. Wir müssen den Stachel der deutschen Frage ins Fleisch der Zufriedenen treiben, der Zufriedenen drinnen und draußen."
Was Herbert Wehner an konkreten Vorschlägen - mit Hinweis auf Lenins Rezept: Teilforderungen stellen, um Teilerfolge zu erzielen - zu offerieren hat, sieht so aus:
* Verbilligter Urlauberverkehr Ost-West und auch West-Ost über die Zonengrenze.
* Gesamtdeutsche Sportmeisterschaften und Nationalmannschaften.
* Austausch unpolitischer Zeitschriften und Zeitungen über die Postzeitungsliste.
* Auswahl und verbilligter Vertrieb der zehn besten Bücher des Jahres durch gesamtdeutsches Gremium.
* DM-West und DM-Ost sollen durch Westkredite einander angeglichen werden.
* Wissenschaftliche Forschungsergebnisse sollen wechselseitig veröffentlicht werden.
* Abstimmung zwischen den Exportbemühungen von Bundesrepublik und Sowjetzone.
* Aussprache zwischen Ost- und Westgewerkschaften, z. B. über beiderseitige Arbeits- und Lebensbedingungen.
Der letzte SPD-Parteitag im Juli 1954 hat Herbert Wehners Wiedervereinigungsprogramm ziemlich lässig behandelt. Am Tagungsort Berlin wagte man nicht, die Dinge beim Namen zu nennen.
Die Delegierten in der Ostpreußenhalle am Funkturm erhitzten sich statt dessen, zwei Jahre zu spät, an der Frage: Ob und unter welchen Bedingungen soll die SPD der westdeutschen Wiederbewaffnung zustimmen? 1952 in Dortmund, als dieses Thema aktuell war, war der Parteitag der Frage ausgewichen.
Diesmal einigte man sich, die Entscheidung, die seit 1952 überfällig ist, abermals auf den nächsten Parteitag zu verschieben.

WIE ES ZUR DEUTSCHEN TEILUNG KAM
Das erste große Gespräch über die deutsche Teilung fand am Sonntag, dem 28. November 1943, (in Teheran) nach dem Abendessen statt. Churchill und Stalin saßen auf einem Sofa.
"Wollen wir einmal überlegen, was das Schlimmste wäre, das uns passieren könnte", meinte Stalin. Er antwortete selbst: "Der Wiederaufstieg Deutschlands." Dabei erinnerte er Churchill an den raschen Wiederaufstieg Deutschlands nach dem Versailler Vertrag. Auch diesmal werde es so kommen, falls nicht eine "starke Körperschaft" errichtet würde, die das verhindern könnte. Auf die Frage Churchills, wie rasch wohl Deutschland wieder auf der Bildfläche erscheinen werde, erwiderte Stalin: "In fünfzehn bis zwanzig Jahren."
Churchill schien das viel zu rasch. Man müsse dafür sorgen, daß Deutschland wenigstens fünfzig Jahre lang unschädlich bleibe.
Stalin schlug dann tiefgreifende Kontrollen in einem besiegten Deutschland vor. Doch widerlegte er sich selbst mit dem Hinweis auf frühere Erfahrungen, die ja zeigten, daß das alles nichts nütze.
Da nun brachte Churchill seinen eigenen Teilungsplan vor. Preußen sollte isoliert werden, Bayern, Österreich und Ungarn sollten zu einer Art Donauföderation zusammengefaßt und besser behandelt werden als Preußen.
"Das ist alles recht und gut. Aber es reicht nicht aus", entgegnete Stalin.
An diesem 28. November 1943 erwähnte Stalin zum ersten Male die Oder als künftige polnische Westgrenze.
Eden, der sich im Laufe des Abends zu den beiden Regierungschefs gesellte, verstieg sich zu der Erklärung, daß ihn das mit Hoffnung erfülle und ermutige.
Das widersprach so offensichtlich dem eigenen Interesse der Westmächte, daß Stalin mißtrauisch wurde. Er fragte mißmutig, ob etwa der Verdacht bestehe, Rußland wolle ganz Polen auffressen.
Darauf Eden - plötzlich sehr vorsichtig - , er könne ja nicht wissen, wieviel von Polen die Sowjets verzehren würden. Was wollten sie eigentlich noch übriglassen?
Darauf Stalin, die Russen wünschten kein Gebiet, das anderen Völkern gehöre, vielleicht mit Ausnahme eines Stücks von Deutschland, das sie sich abbeißen würden.
Eden erwiderte, daß Polen seine Verluste im Osten durch Gebietsgewinne im Westen ausgleichen sollte.
Stalin entgegnete ausweichend, Churchill rundete das Gespräch mit einem Taschenspielerkunststück ab. Er legte drei Zündhölzer als Dreieck zusammen und schob sie nach Westen. So deutete er an, wie dieser Landtausch aussehen könnte.
Am 1. Dezember 1943 wurde die deutsche Teilung eingehender besprochen. Präsident Roosevelt legte den amerikanischen Plan vor, der sieben voneinander getrennte Gebiete Deutschlands vorsah. Die strategisch und wirtschaftlich bedeutsamen Teile wollte Roosevelt internationalisieren.
Das Wort "Europäisierung" war damals noch nicht erfunden. Kiel, der Kieler Kanal und Hamburg sollten den einen Teil, das Ruhrgebiet und die Saar den
anderen Teil bilden. Sie sollten den Vereinten Nationen überantwortet, sie sollten "unoisiert" werden.
Das übrige Deutschland wollte Roosevelt in fünf Teile aufsplittern: 1. Preußen, 2. Hannover und Nordwestdeutschland, 3. Sachsen und Leipziger Bezirk, 4. Hessen-Darmstadt, Hessen-Kassel und Hessen südlich des Rheins, 5. Bayern, Baden und Württemberg.
Die entscheidende Wendung gab Churchill dem Gespräch. Deutschland teilen, meinte er, sei nicht schwer. Aber verhindern, daß die Teile Deutschlands sich wieder zu einem staatlichen Ganzen zusammenfänden, das sei das eigentliche Problem. Wörtlich schreibt Churchill in seinen Denkwürdigkeiten aus dem zweiten Weltkrieg: "Ich erklärte, daß die Teile Deutschlands, wenn sie, so wie der Präsident es vorschlägt, zerstückelt werden, sich wieder vereinigen würden, falls sie nicht größeren Kombinationen zugeteilt würden. Es drehe sich nicht so sehr darum, Deutschland zu teilen, als vielmehr darum, den abgeschnittenen Stücken Leben einzuhauchen und sie zufrieden zu machen, daß sie nicht mehr vom Reich abhängen. Selbst wenn das nur für fünfzig Jahre erreicht würde, wäre das schon eine Menge."
Diese Betrachtungen Churchills bekunden eingehende Überlegungen über die Struktur Europas nach dem Kriege. "Größere Kombinationen" nennt Churchill in Teheran den engeren Zusammenschluß von Staaten, der für die Nachkriegszeit bedeutsam werden sollte. Die wesentliche Aufgabe dieses Zusammenschlusses sieht Churchill darin, die Wiedervereinigung Deutschlands zu verhindern. Die Teile Deutschlands sollten eine neue Loyalität, neue wirtschaftliche und materielle Interessen im Rahmen "größerer Kombinationen" finden.
Churchill sieht das Problematische dieses Teilungsplanes. Von Dauer werde er nicht sein. Fünfzig Jahre, meint er, brauche das Experiment aber nur zu dauern, dann sei schon "eine Menge erreicht". Auf fünfzig Jahre wurde ein Jahrzehnt danach die Laufzeit der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft angesetzt. Auf fünfzig Jahre lautet die Laufzeit des französischen Wirtschaftsabkommens mit der Saar, das die deutsche Teilung im Westen vertieft. Zahlen gewinnen in der Politik ein magisches Eigenleben.
Welche Könnerschaft in Völkerpsychologie aus diesem Teilungsplan spricht! Staaten lassen sich ja nicht dadurch zerlegen und neu gründen, daß jemand mit der Schere eine Landkarte zerschneidet und mit Kleister die Stücke anders zusammenklebt. Staaten beruhen auf dem Staatsbewußtsein. Das Staatsbewußtsein wurzelt in Gefühlen, Loyalitäten, Interessen.
Das alles berührt Churchill. Diese deutschen Gebietsstücke sollen "zufrieden" sein, sollen gar nicht mehr nach einem geeinten deutschen Staatswesen Ausschau halten, sie sollen sich satt und zufrieden in "größere Kombinationen" einfügen. Sie sollen in Zusammenschlüssen mehrerer Staaten unter Verzicht auf deutsche Einheit und Freiheit etwas "Größeres" erreichen. Sogar die gefährliche und doch eindrucksvolle Sucht des Deutschen nach "Größerem", dieses Streben über sich selber hinaus, hat der alte Meister der Machtpolitik erfaßt
und seiner Skizze überstaatlicher Zusammenschlüsse zugrunde gelegt ...
Das französische Veto gegen jegliche Zentralinstanz in Deutschland wurde im Herbst 1945 wirksam. Die Vereinigten Staaten, Großbritannien und die Sowjet-Union hatten ihre Teilungspläne zurückgestellt. Die Einheit Deutschlands sollte gewahrt bleiben. Einheitliche Gewerkschaften für ganz Deutschland errichtet werden.
Aber im November 1945 zeigte sich, daß der französische Einspruch unüberwindlich war.
Präsident Truman entsandte einen Sonderbeauftragten, Byron Price, nach Deutschland, um die kritische Lage zu studieren. In seinem Bericht an den Präsidenten heißt es: "Die Vereinigten Staaten müssen sich entscheiden, ob die von der französischen Regierung ausgeübte Obstruktion, die zu einer völligen Lähmung des Viermächtekontrollrats in Berlin geführt hat, zugelassen werden soll. Sie würde den Grundzügen der alliierten Deutschland-Politik zuwiderlaufen" ...
Die tatsächliche Trennung Mitteldeutschlands von West- und Süddeutschland läßt sich insofern nicht zeitlich genau festlegen, als ja in der ersten Zeit der Besatzung sämtliche Zonen fast hermetisch voneinander abgeschlossen waren. Offensichtlich wachten die vier Besatzungsbehörden eifersüchtig und diktatorisch über ihre Zonen. Doch die Entwicklung in Mitteldeutschland zweigte von West- und Süddeutschland ziemlich bald ab. In Mitteldeutschland wurden bereits am 25. Juli 1945 elf zentrale Verwaltungsstellen für die gesamte sowjetische Besatzungszone errichtet.
Auf der Potsdamer Konferenz wurden die Westmächte schon davon informiert. Sie wußten also, daß die Sowjet-Union sowohl parteipolitisch als administrativ mit klarer Zielsetzung in Deutschland stand. Die Gefahr einer Bolschewisierung Mitteldeutschlands, die Drohung des Kommunismus konnte niemand übersehen. Wenn sich die Mächte in der folgenden Zeit dennoch an den Ereignissen in Mitteldeutschland zu desinteressieren begannen, dann kaum aus bloßer Bündnistreue gegenüber dem östlichen Partner, sondern mindestens auch aus Gleichgültigkeit gegenüber der Zerreißung Deutschlands.
Am 30. Juni 1946 trat eine förmliche Sperrung der Zonengrenze zwischen dem sowjetischen Besatzungsgebiet und den drei westlichen Zonen in Kraft. Die Verordnung trägt die Unterschrift aller vier Mitglieder des alliierten Kontrollrats. Von hier ab führt der Weg ständig bergab.
In den folgenden Jahren bekannten sich zwar die Mächte immer erneut zur Wiedervereinigung Deutschlands, immer wieder zum Grundsatz der deutschen Einheit. Aber ursprüngliche Motive der deutschen Teilung schwingen in manchen Worten und Taten noch immer mit. So kann sich Deutschland der Schicksalsfrage nicht entziehen, ob es seine Entscheidungsfreiheit abtreten, "größeren Kombinationen" beitreten und sein Geschick den anderen Mächten anvertrauen darf, solange es zerrissen und zerstückelt ist.
Auszug aus Wilhelm Wolfgang Schütz: "Die Stunde Deutschlands"; Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart; 140 Seiten; 4,80 Mark.
*) Birkenhauer wurde Dezember 1933 aus dem KZ entlassen und Ende der dreißiger Jahre in der Sowjet-Union hingerichtet.
*) KP-Chef Gottwald rückte übrigens im Herbst 1938 mit seinem Politbüro von Prag nach Moskau aus, ehe noch deutsche Truppen das Sudetenland besetzt hatten. Später wegen des erstaunlichen Widerspruchs zwischen Theorie und Praxis gerügt, wußte Gottwald eine Erklärung: Die Kader zwar müßten bleiben und kämpfen, das Politbüro aber müsse weg, um seine Handlungsfreiheit zu behalten.
*) Münzenberg ist seit Sommer 1940 spurlos verschwunden. Seine Freunde sagen, NKWD-Offiziere hätten ihn auf der Flucht vor den Deutschen in den Pyrenäen geschnappt und umgebracht.

DER SPIEGEL 41/1954
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