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DER SPIEGEL

GROSSBRITANNIENHolmes und das Rätsel der Auktion

Ein mysteriöser Todesfall überschattet die Versteigerung des Nachlasses von Sir Arthur Conan Doyle, des Schöpfers von Sherlock Holmes. Von Matthias Matussek
Schließlich treffen sie doch noch alle zusammen in diesem mit roter Seidentapete ausgeschlagenen Raum des Auktionshauses "Christie''s" in Londons King Street. Die Bewunderer Sir Arthur Conan Doyles (1859 bis 1930). Sammler-Profis und -Amateure, kühle Sucher und fiebernde Schatzjäger. Und natürlich: Die Träumer, Tüftler und Exzentriker, die Sherlock-Holmes-Aficionados.
Rund hundert von ihnen waren die große Marmortreppe hinaufgepilgert. Da war die laszive Blasse, die schwarze Strümpfe sehen ließ, in die Vögel eingewirkt waren. Der korpulente Schwitzer, der sich den Nacken mit einem Taschentuchknäuel betupfte. Der Alte im Nadelstreifenanzug, der sich hinten auf seinen Schirm stützte, auf den Schultern den frischen Schneefall vermutlich adliger Schuppen.
Alle? Nun, nicht alle. Ein Fluch liegt über dieser Auktion.
Der berühmteste aller Holmes-Forscher, Richard Lancelyn Green, der sie angeblich bis zuletzt zu verhindern versucht hatte, war zwei Monate zuvor unter rätselhaften Umständen tot aufgefunden worden. Auf seinem Bett, erdrosselt mit einem Schnürsenkel, der mittels eines hölzernen Kochlöffels eng gedreht war, umgeben von Plüschtieren. Der Inspektor mochte Mord nicht ausschließen.
"Das mit den Plüschtieren würde ich nicht so ernst nehmen", sagt ein Sherlockianer. "Wer hat so was nicht im Bett?" Nun ja. Aber die Todesart ist außerordentlich. In Holmes'' Abenteuern wird sie nur kurz erwähnt, einer seiner Gegenspieler ist ein routinierter Garotteur.
Green hatte also tragisch verloren auf ganzer Linie, die Auktion findet statt, und die großen Leuchttafeln im Saal zeigen, was gesteigert wird in Pfund, Euro, Dollar und Yen.
Green, der an einer dreibändigen Doyle-Biografie saß und befürchtete, dass dessen Nachlass in alle Winde zerstreut würde, hatte dunkel von Amerikanern gesprochen, die ihn aus dem Weg schaffen wollten. Und prompt sind es Amerikaner, die an diesem Nachmittag die größten Stücke wegkaufen. Die können 205 851 Euro hinblättern, für die "Southsea-Notizbücher" des jungen Arztes Conan Doyle.
"Das sind keine von uns", sagt ein Sherlockianer. "Einfach nur Leute mit Geld."
Jahrzehntelang hatten die Preziosen in ein paar Kartons in einer Londoner Anwaltskanzlei gelagert, lahm gelegt in einem bitteren Erbenstreit zwischen Doyle-Tochter Jean und deren Schwägerin. Einiges ist mittlerweile in der British Library. Der weitaus größere Teil kommt an diesem Frühlingsnachmittag bei Christie''s unter den Hammer.
"Es ist alles korrekt", sagt eine Christie''s-Angestellte vor dem Auktionsraum. "Green hat uns sogar geholfen." Wahrscheinlich hat sie es ein paar Mal zu oft in Zweifel hineingesagt, in dunkle Sherlockianer-Gesichter. Ihr Lächeln ist wie ein Rollkommando. Klagen Sie ruhig, sagt dieses Lächeln, meinetwegen, wir sehen uns vor Gericht.
Einem wundervollen Höhepunkt strebt die Auktion gleich am Beginn zu. Da ist ein Zettel, groß wie eine Krämerquittung, auf dem mit ungelenker Hand geschrieben steht: "... und das Erste, was wir sahen, war ein prima Bengal Tiga." Mit männlichen Worten, die er weiß wo abgelauscht hatte, hatte der sechsjährige Conan Doyle seine erste abenteuerliche Jagdgeschichte notiert.
Ach, diese Auktion ist ein Zauber, eine Séance. Sie entrollt Interessen und Leidenschaften einer Biografie, die den Humus bildete für eine Schöpfung, wie sie noch heute lebendiger nicht sein kann. Für Sherlock Holmes eben, den Meister der
Deduktion, den Verstandesgiganten mit Lupe und Pfeife, der Serienmörder zur Strecke bringt, der sich aus Frauen wenig macht, die klassische Musik liebt und regelmäßig Kokain spritzt.
Holmes ist lebendiger als Doyle, auch um diese Schauer-Rivalität geht es hier. Holmes-Gesellschaften gibt es in so gut wie jedem Land dieser Erde. Schon Doyle nahm Geschenke für Holmes entgegen. Und Holmes weigerte sich zu sterben. Er ist Doyle entwachsen in diesen 56 Kurzgeschichten und 4 Romanen.
Sherlockianer sind nicht immer Doyle-Fans. Sie nehmen ihm etwa die spiritistischen Experimente übel, die sie als Foul an der Vernunft sehen. Dennoch, sie brauchen ihn. Schließlich ist Holmes dem Geist Doyles entsprungen, und um dessen kühnen Lebensbogen geht es an diesem Nachmittag.
Da sind Gedichte des Jesuitenschülers, das Medizin-Diplom, Briefe und Billetts von frühen Seereisen, Skizzen zu einem Ritterroman. Dann die Ansichten aus dem Burenkrieg, Pamphlete aus den erfolglosen Kandidaturen fürs Parlament. Forensische Arbeiten. Die Briefe an seinen Bruder, nach Punjab und Peking, hinaus in ein Reich, in dem die Sonne nicht unterging.
Ein exemplarisches Leben im Empire kommt an diesem Nachmittag unter den Hammer.
Da ist Stück 36, eine Notiz, die in kräftigen, schwungvollen Bögen geschrieben ist: "Habe einen merkwürdigen Traum gehabt, über Queen Victoria, die sich darüber beklagte, dass ich nicht höflich zu ihr gewesen sei ..."
Draußen lärmen die Zeitungen von neuen Sex-Skandalen und Beckhams Tätowierung, und drinnen ist es einfach zu schwer, zu entscheiden, wer den Preis für Doyles feinen Traum gerade in die Höhe treibt, der nervöse Graue, der sich die Nase reibt, oder die blasse Laszive, die sich jetzt zu ihrem Nachbarn neigt.
Fest steht, dass es hier drinnen um prachtvolle Exzentrik geht und nicht um dröhnende Vulgaritäten.
Die Notiz gehört zu einem Konvolut über den Spiritismus. All diese Manuskripte über Poltergeister, über Feen und "Erscheinungen, die ein bisschen düsterer sind als Feen", Ausläufer der Schauerromantik, in der die praktische Vernunft der Briten um die Jahrhundertwende Urlaub von sich selbst nahm.
Der Mann mit der entstellten Lippe, der Hund von Baskerville, Professor Moriarty, das Verbrechergenie - sie sind bei der Auktion in Zigarettenbildchen der Zeit vertreten, als Gegenwelt zum kolonialen Krämerladen, der bereits begann zu wackeln.
Holmes hat die reichen Klienten der Londoner Dünkelgesellschaft durchaus mit Zynismus behandelt, und natürlich schlug das liberale Herz Doyles dahinter. Der Holmes-Zyklus begann überhaupt erst mit dem Arzt Dr. Watson, der, zerschossen im Afghanistan-Krieg, versucht, sich im grausamen Dschungel Londons über Wasser zu halten.
Noch lieber als über Holmes und Watson sprach Doyle über das Leben nach dem Tode, aus spiritistischer Sicht. Und an diesem Nachmittag funktioniert die Séance. Doyle lebt, für zwei Stunden. Und die Amerikaner? Sie geben leutselig Interviews und sehen gar nicht aus wie Garotteure.
Einige Tage später wird das Leben des unglücklichen Richard Lancelyn Green beschworen. Seine Familie hat auf ihr Landgut in Poulton Hall geladen, das in die Zeit vor die normannische Eroberung zurückreicht. Eine Andacht, und danach, so ein Anwesender, "ein wunderbares Sommerfest mit Liedern und Lesungen".
Und jeder Menge Spekulationen. Green, der spleenige Millionär, war ein Sherlockianer von Rang. Er besaß eine Erstausgabe der "Study in Scarlet", Briefe, eine Injektionsnadel aus jener Zeit samt siebenprozentiger Lösung.
Das Rätsel um seinen Tod ist nicht gelöst, auch die Auktion hat keine Aufschlüsse gebracht. Greens Schwester zweifelt den Selbstmord an. "Er hätte einen Brief hinterlassen, einen umfangreichen."
Auch Professor Owen Dudley Edwards mag nicht an einen Selbstmord glauben. Da gäbe es Ungereimtheiten. Er hatte Wein zum Dinner. Doch als er tot aufgefunden wurde, stand eine Flasche Gin neben seinem Bett. "Er würde das nie zusammen trinken, keiner würde das tun."
Nein, alle Indizien sprechen gegen Selbstmord. Holmes würde das auch so sehen.
Nicholas Utechin, ebenfalls mit Green befreundet, hält das alles für Blödsinn. Für ihn steht Selbstmord außer Frage. Im Ernst? Mit einem Schnüsenkel selbst stranguliert? "Ja." Er hatte noch wenige Stunden vor Greens Tod mit ihm gesprochen. "Er machte einen ziemlich verwirrten Eindruck, die Auktion machte ihm fürchterlich zu schaffen."
Aber bringt man sich um, weil Manuskripte versteigert werden? Ein abenteuerlicher Gedanke. Ob Sherlock Holmes da mitgegangen wäre? "Nun", beharrt Utechin, "es ist das Einzige, was Green beschäftigt hat." Keine Anhaltspunkte für Depressionen, andere Lebenskrisen? "Nein."
Vor Jahren hatte Utechin ein Interview mit dem Doyle-Erben Charles Foley geführt, in dem dieser, das glaubte Green gehört zu haben, davon sprach, dass man Doyles Nachlass einem Museum übergeben solle. Diese Äußerung könne, so meinte Green, die Auktion eventuell doch noch verhindern, und er hatte Utechin gebeten, sich die ungeschnittene Fassung des Interviews noch einmal vorzunehmen. Utechin hatte es getan - und nichts gefunden.
"Green war über diese Nachricht äußerst niedergeschlagen." Mehrmals habe er Utechin gefragt, ob er ihm glauben könne. Utechin seufzt. Green, sagt er, war an diesem Tag wirklich völlig hinüber vor Angst und Paranoia.
Utechin spricht wie einer, der enorm stolz auf seinen Verstand ist. Und der nur Mitleid haben kann mit solchen, die ihn verloren haben, und das schließt den guten Richard Lancelyn Green mit ein.
Auf der Gedenkfeier im Garten der Familie liest er aus einem seiner Bücher. Er liest über Sherlock Holmes, der ein realer Charakter ist und doch über der Realität steht.
Und es klingt wie ein Epitaph für einen Freund.
* Links: The Adventures of Sherlock Holmes , USA 1939; rechts: bei einem Dinner der Sherlock Holmes Society im Januar.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 23/2004
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