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DER SPIEGEL

WARENHAUS-DIEBSTÄHLE / HANDELButter unterm Seidentisch

Der Verkäufer Erich Ruhk vom Seidenlager im Berliner "Kaufhaus des Westens", dem KaDeWe, war im Begriff, ein Stoffpaket zur Kasse 3 zu bringen, da sah er im Schatten eines Pfeilers die Etagenaufsicht, den Herrn Juckenburg, der die Bewegungen des Seidenverkäufers mit Interesse verfolgte.
Ruhk zögerte einen Augenblick, und als er gerade überlegte, wohin er sich wenden solle, wurde er von Juckenburg angesprochen. Ruhks Ausrede, er habe das Paket einer Kundin nachbringen wollen, war wenig glaubwürdig. Unter dem Ladentisch des Seidenlagers fanden sich ein Pfund Butter und ein Portemonnaie.
Da gab Rúhk in seiner ersten Verwirrung zu, sein Stoffpaket sei für die Butterverkäuferin aus der Lebensmittelabteilung des KaDeWe, die geschiedene Frau Monika*), 35. Monika legte im Personalbüro ein tränenreiches Geständnis ab. Kurze Zeit später bestieg Ruhk zusammen mit fünf Kolleginnen im Hof des KaDeWe die Grüne Minna. Ein regelrechter Ringverein aus Warenhausangestellten war damit geplatzt, der monatelang Waren im Wert bis zu 2000 Mark täglich herausgeschleust hatte.
Diese Szene spielte sich am 19. Mai 1954 ab. Aber erst nach Abschluß der Generalinventur wird sich feststellen lassen, wie hoch die Verluste, die das KaDeWe im Jahre 1954 durch Diebstähle hatte, über dem Üblichen liegen.
Mit einem Diebstahlsverlust von 0,3 Prozent vom Umsatz rechnet jedes Warenhaus ohnehin, und zwar durch Warenhausdiebe, die sich als Käufer tarnen, vornehmlich in Zeiten der Hochkonjunktur.
Im Gedränge vor dem Lederlager wühlt zum Beispiel eine Frau unschlüssig in einem Stapel von Briefmappen, Geldbörsen und Handtaschen, den die Verkäuferin vor ihr auf der Theke aufgeschichtet hat. Sie findet
nichts Passendes und wendet sich zum Gehen, da wird sie kurz vor dem Ausgang von einer Frau in Hut und Mantel mit der stereotypen Redewendung "Würden Sie bitte mitkommen" angesprochen.
Die Kundin ist zu überrascht, um sich zur Wehr zu setzen, sie folgt der Hausdetektivin ins Büro und gibt ihr die Geldbörse heraus, die sie in ihrer Einkaufstasche verschwinden ließ. Die Formalitäten wickeln sich schnell, diskret und präzise ab; Feststellung der Personalien, Unterschrift auf einem Zettel mit dem Text, daß die Kundin eine Geldbörse unrechtmäßig in ihren Besitz bringen wollte, und die Verpflichtung, das Kaufhaus nicht mehr zu betreten.
In den turbulenten Adventswochen, zu Ostern, Pfingsten und in der Zeit der Sommer- und Winterschlußverkäufe verstärkt die Direktion des KaDeWe ihre "D-Kontrolle" durch zusätzliche Kräfte. Nur den Verkäuferinnen sind die drei fest angestellten weiblichen Hausdetektive bekannt, das Publikum kann sie nicht von den anderen Käuferinnen unterscheiden.
Erfahrene Hausdetektive, durch jahrelanges Training geschult, können fast auf Anhieb professionelle Warenhausspezialisten, die von Stadt zu Stadt reisen, von Gelegenheitsdieben unterscheiden. Sie finden die Frauen, die das Haus mit der Absicht zu stehlen betreten, oft schon aus der Masse der Kundinnen am Eingang heraus und verfolgen sie, wenn sich ihr Verdacht verstärkt, eine Stunde und länger.
Daß sich nun aber unter den Angestellten des Warenhauses selbst eine Diebstahls-Organisation bildete, wie es im KaDeWe geschah, ist einigermaßen neu. Der KaDeWe-Verein hatte seine Stützpunkte in den verschiedensten Abteilungen der riesigen Kaufburg, obwohl er im Verhältnis zu der über tausend Mann starken Belegschaft des Hauses nicht groß war.
Wie ein Lauffeuer hatte sich an jenem 19. Mai die Nachricht "Im Personalbüro sitzt die Kriminalpolizei" in den vier Stockwerken des KaDeWe verbreitet. Die Verkäuferinnen der Lebensmittelabteilung alarmierten ihre Kolleginnen an den Seifen- und Parfümerietischen. Von da aus
lief die Neuigkeit zur Warenausgabe im Erdgeschoß über das Stofflager zum Lederstand. Noch ehe der Fahrstuhlführer im vierten Stock ankam, waren die Serviermädchen im Erfrischungsraum unter dem Dach informiert.
Aber dennoch blieb, wenn auch nur im internen Betrieb des weitläufigen Warenhauses spürbar, eine ungewohnte Spannung zurück, eine Nervosität, die darauf schließen ließ, daß die Blitzaktion am Nachmittag des 19. Mai noch weitere Kreise ziehen würde.
In bestimmten Abteilungen lichteten sich die Arbeitsplätze, alte Gesichter verschwanden, neue tauchten auf Kommentare wurden nicht gegeben, aber die Verkäuferinnen wußten ohne zu fragen, daß eine Kollegin, die vor dem nächsten Ersten von einem Tag zum andern ihre Sachen packte, "ein Ding gedreht" hatte.
Es setzte eine Welle von fristlosen Entlassungen ein, von Kündigungen und, wenn es glimpflich abging, Versetzungen in andere Berliner Filialen der "Vereinigten Kaufstätten GmbH.", zu der das KaDeWe gehört: zu Wertheim, Hertie, Held oder Bilka ("Billige Kaufhäuser").
Der Leiter der D-Kontrolle, Herr Leibnitz, verließ das KaDeWe, bei über zwanzig Verkäuferinnen wurden Haussuchungen durchgeführt. Manche der Betroffenen wußten, worum es ging, manche waren auch ahnungslos und überrascht, wie etwa die Kassenkontrolleurin Gerda, an deren Warenausgabe die D-Kontrolle einen Coupon gestohlenen Stoffes gefunden hatte. von dem Gerda nicht zu wissen vorgab, wie er dorthin gekommen sei.
Gerda war einen Tag nach der Polizeiaktion während der Kaffeepause zur Personalchefin Fräulein Jonas zitiert worden. Die Jonas ist eine 68jährige strenge Dame, die bereits fünfzig Jahre im KaDeWe arbeitet und von den Verkäuferinnen wegen ihrer Unnahbarkeit "Königin-Mutter" genannt wird. Wenn sie jemand ins Personalbüro bestellte, so geschah das erfahrungsgemäß nur selten aus einem erfreulichen Anlaß, sondern meistens wegen mehrmaligen Zuspätkommens, einer Differenz in der Kasse oder wegen einer Kundenbeschwerde.
Gerda erfuhr im Personalbüro, daß sie entlassen sei und daß man bei ihr eine Haussuchung durchführen wolle. Eine Hausdetektivin begleitete sie in ihre Wohnung in einem Hinterhaus, vier Treppen hoch. Dort lüftete die D-Kontrolle Betten und Matratzen, entleerte systematisch Schrank und Kommode und verteilte Kleider, Schuhe. Wäsche und Geschirr auf die umstehenden Möbel.
Gerda stand daneben: "Ick war jerührt. Et sah aus bei mir wie in Russisch-Polen." Für sämtliche im KaDeWe gekauften Artikel konnte Gerda Kassenzettel vorweisen, die sie wie alle Verkäuferinnen sorgfältig in einer Schublade aufhob. Die Sachen wurden zwar beschlagnahmt und mitgenommen, ihr hinterher aber wieder zugestellt: ein schwarzer Seidenstoff, ein Paar Sockenhalter, ein Kamm mit Etui, ein Paar Strümpfe und Shorts.
Nur für drei Kärtchen mit Perlmutt-Blusenknöpfen, die im Schubfach der Nähmaschine lagen, fand sich weder in der Wohnung noch in der Registratur des Warenhauses ein Beleg. "Die Knöppe sind mein Unterjang jewesen", sagt Gerda heute. Sie hatte sie einmal von einer Verkäuferin geschenkt bekommen und wollte ihre Kollegin nun nicht verpetzen.
Wegen dieser Knöpfe saß Gerda fünf Monate später - am 19. Oktober 1954 - neben fünf Mitgliedern des sogenannten "Schmuggelrings im KaDeWe" auf der
Anklagebank des erweiterten Schöffengerichts Berlin-Moabit. Zu Protokoll gab sie, daß sie verheiratet sei, zwei schulpflichtige Kinder habe - eins davon unehelich - zwölf Berufsjahre nachweisen könne und im KaDeWe von einem Anfangsgehalt von 180 Mark in drei Jahren über eine Erhöhung (198 Mark) auf 210 Mark brutto gestiegen sei. Sie wurde zu fünfzig Mark Geldstrafe oder ersatzweise zehn Tagen Haft verurteilt.
Die Zentralfigur des Prozesses, der zeigte, durch welche ausgeklügelten Tricks und auf welchen mannigfaltigen Wegen die Defizite in der Jahresbilanz eines Kaufhauses zustande kommen können, war aber jener 59jährige Verkäufer am Seidenlager, Erich Ruhk. Ruhk, ein untersetzter, bieder aussehender Mann, wurde - wie das in Kaufhäusern meistens üblich ist - erst drei Monate probeweise als Aushilfe eingestellt und bekam dann, da er zuverlässig und umgänglich erschien, einen Vertrag. Er war ein Jahr fest angestellt und genoß das Vertrauen der Direktion.
Ruhk, der sich als Ostflüchtling ausgab, war geschieden, hauste in einer dürftigen Zweizimmerwohnung und gab als Monatsgehalt 210 Mark netto zu Protokoll. (Richter: "Und dafür sind Sie sechzig Jahre alt geworden?")
Die schlechten sozialen Verhältnisse hätten ihn gezwungen, sagt Ruhk, sich das Leben auf Kosten des KaDeWe etwas angenehmer zu gestalten.
Es fing ganz harmlos an. Zuerst verkaufte er an Kolleginnen hochwertige Ware als "fehlerhaft" zu einem Drittel des Originalpreises. Dafür verlangte er später von ihnen das gleiche Entgegenkommen und zog so langsam einen größeren Kreis des Verkaufspersonals im KaDeWe in sein privates Sparsystem. Man setzte sich gegenseitig die Preise herunter, dann wurde man kühner und überlegte sich, wie die Kontrollen des Hauses unauffällig zu umgehen seien.
Es gibt verschiedene Kontrollsysteme im KaDeWe. Eine wesentliche Kontrollmöglichkeit ergibt sich allein schon aus dem straff gegliederten personellen Aufbau des Betriebes, der sich stufenartig nach oben hin verjüngt. Jede Stufe hat ihre besonderen Befugnisse und Rechte gegenüber der nächst unteren.
Ein Heer kleiner, mittlerer, oberer und höchster Vorgesetzter teilt das schwer übersehbare Personalgefüge in kleine Kader auf. Ganz unten rangieren die Lehrlinge, die eine dreijährige Lehrzeit ableisten müssen, dann kommen die Aushilfen ohne Vertrag, denen bis zum dritten Monat von einem Tag zum anderen gekündigt werden kann, dann die Verkäuferinnen mit Durchschnittsgehältern von zweihundert bis zweihundertachtzig Mark brutto, die an Einzeltischen, in quadratisch zusammengerückten Karrees oder in Gruppen an den größeren Lagern arbeiten.
Über der Verkäuferin rangiert der (männliche oder weibliche) Substitut, der ein etwas höheres Gehalt bekommt und den aufsichtsführenden Abteilungsleiter oder Einkäufer vertreten kann, der wiederum die Substitute kontrolliert. Für jedes Stockwerk gibt es eine besondere Etagenaufsicht, über dem gesamten Personal wacht der Personalchef.
Eine andere Kontrollmöglichkeit ergibt sich aus dem Dienstreglement des KaDeWe, das sich nicht wesentlich von dem anderer großer Kaufhäuser unterscheidet. Um neun Uhr morgens wird geöffnet, um zehn vor neun müssen die Verkäuferinnen und Verkäufer im Hause sein.
Sie gehen durch den Personaleingang in den Kellerraum, wo ihre Spinde sind, die
sie abschließen können. Dann nehmen sie vom Markenbrett ihre Kontrollnummer, nach der ihre Zeit gestoppt wird, und werfen sie in einen Kasten. Bei zweimaliger Verspätung werden sie dem Personalbüro gemeldet. Handtaschen dürfen nicht mit nach oben genommen werden.
Um Punkt neun Uhr müssen die Verkäuferinnen und Verkäufer an ihrem Lager sein, das sie während der Tischzeit und der Kaffeepause umschichtig verlassen dürfen.
An bestimmten Tagen und zu bestimmten Stunden können sie mit einem Kaufschein, auf den es zum Teil 15 Prozent Rabatt gibt, im Hause ihre Einkäufe machen. Mit der Ware kommen sie nicht in Berührung. Sie wird ihnen erst abends beim Verlassen des Hauses in fertig gepackten Paketen von der Kaufkontrolle gegen Zahlungsabschnitte ausgehändigt.
Hin und wieder werden, in unregelmäßigen Zeitabständen, Taschenkontrollen und Leibesvisitationen durchgeführt, einmal in vierzehn Tagen, einmal in der Woche oder an zwei Tagen hintereinander. Jede Verkäuferin muß vor dem Verlassen des Hauses an einer Schnur ziehen; leuchtet ein grünes Licht auf, kann sie durchgehen, bei rotem Licht muß sie in eine Kabine, wo die Kontrollaufsicht ihre Kleider abtastet und den Inhalt der Handtasche prüft.
Zu der Zeit, zu der Erich Ruhk im KaDeWe sein individuelles Sparsystem auszubauen begann, kam ihm der glückliche Umstand zu Hilfe, daß die Verkäuferinnen immer schon vorher wußten, wann solche Kontrollen waren. Hausdetektive flüsterten an bestimmten Tagen über die Theke: "Kinder, heute ist Taschenkontrolle."
Es dauerte aber nicht lange, und Ruhk machte sich von dem "Achtung, Kontrolle!"-Warndienst unabhängig, indem er Kauf- und Tauschgeschäfte ganz offiziell abwickelte. Die Verkäuferinnen der Stoffabteilung waren im Besitz alter Kassenblöcke, über deren Scheine sie nicht nach laufenden Nummern abzurechnen brauchten.
Nun war es ein leichtes, durch ein unauffälliges Kennzeichen einen Kassenzettel in doppelter Ausfertigung - Original und Kopie - zu markieren, um dann,
wie gewöhnlich, den regulären Preis für die abgeschnittenen Stoffe aufzuschreiben, einer bestellten Kundin den Originalzettel in die Hand zu drücken und die Kopie mit der Ware zur Warenausgabe zu schicken.
Soweit lief alles seinen normalen Gang. Der Betrug begann damit, daß die Kundin ihren Zettel nicht an der Kasse abstempeln ließ, sondern ihn, ohne zu bezahlen, an der Warenausgabe vorzeigte, wo ihr auf das Kennzeichen hin der Stoff ausgehändigt wurde.
Diese fingierten Käufe wickelten sich gewöhnlich an Kasse 3 (Parfümerie- und Waschsachen) ab, deren Bedienung durch kleine Präsente ins Vertrauen gezogen war.
Die Bedienung war 46, Witwe ("das KaDeWe war mein Lebensinhalt"), hatte sechzehnjährige Zwillinge zu ernähren, von denen eines, ein Mädchen, wie sie vor Gericht angab, im gleichen Jahr konfirmiert und von einem gesunden Kind entbunden worden war.
Beliebter aber und noch ungefährlicher war die Methode, Angehörige oder Bekannte von außerhalb als angebliche Kunden zum Seidenlager zu bestellen, die sich dann größere Posten abschneiden ließen, aber nur Kassenzettel mit Fünfzig-Pfennig-Beträgen erhielten. Sie gingen mit diesem Zettel zur Kasse, bezahlten ordnungsgemäß und bekamen dann von der Bedienung an der Warenausgabe umfangreiche Stoffpakete ausgehändigt.
Allmählich sprach es sich beim KaDeWe-Personal herum, daß man bei Erich Ruhk billig Stoffe kaufen konnte. Ruhk: "Die Damen kamen immer an meinen Stand und suchten sich aus, was sie haben wollten." Eine der ersten, die kam, war die Butterverkäuferin von der Lebensmittelabteilung, Monika.
"Im Mai 1953 habe ich für sie einen Coupon Seide, den Meter zu 11,80 Mark, ohne Kassenzettel zur Seite gelegt", erzählte Ruhk vor Gericht. "Die Kassenbedienung holte ihn ab, nahm ihn mit zu ihrer Kasse 3 und gab ihn auf ein Stichwort an eine Schwester der Butterverkäuferin heraus, die ihn zu einer festgesetzten Zeit abholte."
"Als Gegenleistung", erzählte die Kassiererin von Kasse 3 vor Gericht, "gab mir
Monika dafür zwei- bis dreimal Butter auf meine trockenen Stullen, manchmal auch ein bißchen Käse." Ruhk wiederum bekam ein halbes Pfund Butter, und so war der erste Ring geschlossen.
Als nächste Interessentin meldete sich bei Seidenverkäufer Ruhk Frau Frieda, 45, vom Lederlager, die sich, zu Gegendiensten gern bereit, für zwei Geldbörsen und eine Brieftasche "fünf Meter Brokat, Seidenstoffe und etwas Lavabel" abschneiden ließ. Diesmal deponierte Ruhk, der seine Taktik gern änderte, das Stoffpaket bei der Gepäckaufbewahrung am Bahnhof Zoo, wo es am nächsten Tag von Frau Frieda abgeholt wurde.
Allmählich vergrößerte sich der Kreis in Ruhks Seidenlager, in den auch die in günstiger Nähe arbeitende 42jährige Verkäuferin vom Wollager, genannt "Wolljule", aufgenommen wurde. Ruhk: "Ich habe zu ihr im Vorbeigehen gesagt, suchen Sie sich doch auch mal Stoffe aus bei mir. Sie tat das dann auch." Die "Wolljule" ("Meine Ehe wird nun wohl geschieden werden") gab vor Gericht zu. sie habe nachmittags drei Meter Lavabel in ihrem Garderobenschrank aufbewahrt und abends durch die Kontrolle geschmuggelt.
Mit der Zeit erfreute sich der von dem Seidenverkäufer erfundene bargeldlose Einkauf einer solchen Beliebtheit, daß auch die Angestellten anderer Berliner Filialen der Vereinigten Kaufstätten G. m. b. H. daran partizipieren wollten. Es kam vor, daß einige Freundinnen und Verwandte von KaDeWe-Verkäuferinnen, die in anderen Häusern der Gesellschaft arbeiteten, an ihren freien Nachmittagen das KaDeWe aufsuchten und es, ohne einen Pfennig bezahlt zu haben, mit gefüllten Einholtaschen wieder verließen. Als Gegenleistung versprachen sie, die KaDeWe-Angestellten bei einem Besuch ihres Hauses ebenso zu bedienen.
Bis zu jenem 19. Mai lief das Ringgeschäft ohne Störung An diesem Tage aber stolperte Seidenverkäufer Ruhk, der schon etwas zu sicher geworden war, über einige unvorhergesehene Zwischenfälle. Ein Verkäufer und eine Verkäuferin einer fremden Abteilung beobachteten, wie er ein Stück Stoff abschnitt und unter die Theke legte. So konnte dann die Etagen-Aufsicht, Herr Juckenburg, im rechten Moment zur Stelle sein und zupacken.
Bei der polizeilichen Aufnahme der Personalien gab Ruhk zur Überraschung der KaDeWe-Direktion ein Geheimnis preis, das er bei seiner Einstellung gehütet hatte: Der freundliche ältere Seidenverkäufer war bereits neunmal vorbestraft, siebenmal zu Gefängnis wegen Betruges, Unterschlagung, Diebstahls und versuchter Erpressung. 1936 wegen Rückfalldiebstahls zu vierzehn Monaten und 1946 wegen Amtsanmaßung und besonders schweren Betruges zu fünfzehn Monaten Zuchthaus.
Für seine Tätigkeit im KaDeWe verurteilte ihn das Schöffengericht Berlin-Moabit zu weiteren dreizehn Monaten, diesmal wegen fortgesetzten Rückfalldiebstahls und fortgesetzter Hehlerei.
Die Verkäuferinnen, die ihm auf den Leim gegangen waren, müssen nun sehen, wie sie trotz dieses Flecks in ihren Papieren im Beruf weiterkommen, die geschiedene 35jährige Monika vom Butterstand, die Kassenkontrolleurin Gerda mit zwei Kindern, zwölf Berufsjahren und 210 Mark brutto, die 46jährige Witwe von Kasse 3 mit den 16jährigen Zwillingen und dem Enkelkind oder die "Wolljule", deren Ehe nun wohl geschieden werden wird.
*) Die Namen der Verkäuferinnen sind - im Gegensatz zu ihrer Geschichte - nicht authentisch.

DER SPIEGEL 5/1955
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