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DER SPIEGEL

„Wir sind nicht die Letzten von gestern“

Aus den Nachrichten der Deutschen Welle erfuhr der ehemalige Oberaufseher des Vernichtungslagers Sobibor, Gustav Franz Wagner, daß er entdeckt worden sei. Daraufhin stellte er sich der brasilianischen Polizei. Fast 33 Jahre lang hallen Geheimdienste und Polizei nahezu aller europäischer Staaten und Israels ihn vergebens gesucht.
Zwei Autos halten vorschriftswidrig direkt an der Straßenecke, zwei Männer steigen aus und sprechen mit einem Wartenden. Nach kurzem Gespräch steigt der frierende Passant in einen der beiden Wagen, beide Autos fahren ab. Bei dem Mann im Auto sitzen Silvio Pereira Machado und Clide Gaia da Costa, Beamte von "Dops", der brasilianischen Geheimpolizei.
Der Mann, der frierend fast eine halbe Stunde an der Straßenecke gewartet hatte, heißt Gustav Franz Wagner, 66.
Eine fast 33 Jahre dauernde Jagd etlicher Geheimdienste und der höchsten Polizeidienststellen fast aller europäischer Länder war aus, Gustav Franz Wagner, ehemals Lager-Spieß des Vernichtungslagers Sobibor, hatte sich der brasilianischen Polizei gestellt.
Der österreichische Nazi-Jäger Simon Wiesenthal war dem Wagner besonders lange auf (der Spur gewesen. Doch zum Erfolg führte ihn schließlich nur ein Zufall:
In Itatiaia, einem von Rio de Janeiro 120 Kilometer entfernten Nest, hatte am 21. April eine Party stattgefunden. Ort: das Hotel "Tyll" in der Via Dutra. Die Party sollte drei Tage dauern, das ganze Wochenende. Die Einladung war mit Maschine geschrieben. Briefkopf: Deutschvölkische Gemeinschaft (DVG). Oben in der Mitte der Einladung als Emblem: der Hoheitsadler des Dritten Reiches. Anstelle des Hakenkreuzes ein nach oben gerichteter Pfeil. Text der Einladung:
Geehrter Freund! Hiermit laden wir Sie ein -- so wie voriges Jahr -- zum Treffen der Freunde des 20. April am 20. April hier zu erscheinen. Wir erwarten Gäste aus aller Welt. Wir werden viel Zeit und Ruhe haben, um gemütlich zusammen zu sein Das große Mittagessen wird am Sonnabend, dem 22. April, hier im Hotel "Tyll" stattfinden. Wir werden auch Erklärungen von anderen Freundeskreisen hören, welche wie wir nicht die Letzten von gestern, aber die Ersten von morgen sein wollen -- vielleicht aber auch die Ersten von heute auf dem Wege für eine gerechtere, kraftvollere Zukunft unseres Volkes. Mit einem herzlichen Ahoi, Alfredo Winkelmann.
Diese Einladung des DVG-Chefs Alfredo Winkelmann ging an Deutsche in ganz Brasilien, sie wurde aber auch in Deutschland erhört: Hans-Werner Schütte, Mitglied der "Freiheitsbewegung des deutschen Reiches", kam mit Frau Renate-Gisela aus Norddeutschland angereist. Er erlebte, unfreiwillig, Zeitgeschichte.
Die komplette Liste der Teilnehmer des Treffens in Itatiaia:
1. Emil Joachim Arrand aus Panama; 2. Richard Otto Weinert aus Guanabara;
3. Gertrud Lotte Weinert, seine Frau; 4. Josef-Adolf Krall aus Sao Paulo; 5. Margarete Krall, seine Frau; 6. Adolf Winkelmann aus Itatiaia; 7. Adalgisa Winkelmann, seine Frau; 8. Catarina di Monaco, Säo Paulo; 9. Günter Meindl aus Mairipora; 10. Guilermo Wolfgang von der Heyde
aus Santa Catarina;
11. Ruth Sehäffer aus Curitiba; 12. Johann-Hermann Geiser aus Rio de
Janeiro;
13. Frederico Eisenbecher aus Santos; 14. Manfred Ricardo Kurt Roeder aus
Bremen:
15. Hans-Werner Schütte aus Niedersachsen;
16. Renate-Gisela Schütte, seine Frau.
Alfredo Winkelmann in maßgeschneiderter schwarzer Uniform -- "Ist so praktisch wegen der vielen Taschen" -- und Ehefrau Adalgisa im Dirndl-Kleid empfingen die Gäste. Die Winkelmanns sind Eigentümer des Tagungshotels "Tyll".
Um 18 Uhr erhielten die Kämpfer "für eine kraftvollere Zukunft unseres Volkes" unerwarteten Besuch von sieben weiteren Personen -- Beamten des Geheimdienstes "Dops". Sie erklärten die ganze Gesellschaft für vorläufig festgenommen.
Der Grund für die Festnahme war für die Gäste niederschmetternd, nämlich so ziemlich das Schlimmste, was einem in Brasilien widerfahren kann: Ein anonymer Anrufer hatte Polizei und Presse mitgeteilt, daß um diese Zeit und an diesem Ort ein geheimes Treffen von Kommunisten stattfinden werde.
Da half kein Zetern: Die Ausweise der Anwesenden wurden eingesammelt, die Räume durchsucht. Und als man in der Aktentasche eines Josef Adolf Krall, 62. Büromaterial-Fabrikant aus Sao Paulo, eine geladene Pistole, Fabrikat Walther, Kaliber 7,65 Millimeter, plus 50 Schuß Munition fand, schritten die Polizisten auch noch zur Leibesvisitation.
Nach zwei Stunden aber wurden die Ausweise zurückgegeben, Polizei und Presseleute zogen ab. Was man gefunden und beschlagnahmt hatte, war bei weitem nicht so schlimm wie ein kommunistisches Pamphlet -- Exemplare und Bestellisten von Büchern wie: "Der internationale Jude" für 33 Mark, "Die Geheimwaffen des Dritten Reiches" für 16 Mark, "Sind wirklich sechs Millionen gestorben?" für 22 Mark, "Zitate des Führers" -- mit losen Blättern "um Einrahmen für fünf Mark, "Mein Kampf" (zwei verschiedene Ausgaben).
* Links: Hotelbesitzer Winkelmann; 4. v. links: Waffenbesitzer Krall.
Weiter: Schallplatten "Die Fahne hoch" und "Deutsche Lieder", Hakenkreuz-Aufkleber (100 Stück fünf Mark), und dann Poster, gedruckt in gotischen Lettern: "Kauft nicht bei Juden", "Deutschland erwache", "Die Juden sind unser Unglück" und "Der Tag der Vergeltung naht!"
Bestellen konnte man dieses eindeutig nichtkommunistische Material bei: P. O. Box 54 A, Liverpool/West Virginia, USA.
Kurz bevor die Polizisten abzogen, sagte Hotelier Winkelmann zur Polizei: "Wir haben auch das letzte Jahr diese Feier hier gehabt. Dies ist eine ganz legale Sache. Ich bin Antikommunist. Ich habe einen Brief einer hochgestellten Persönlichkeit. welcher mir bestätigt, daß ich Brasilien in einer schweren Zeit geholfen habe . . . Wir arbeiten hier daran. Deutschland wieder aufzubauen und die großen Lügen der Geschichte zu zerstören."
Als Abzeichen trugen fast alle Teilnehmer des Treffens ein kleines Emblem, welches drei Fackeln zeigt. Die Photographin vom "Jornal do Brasil" wollte so ein Abzeichen photographieren, wagte sich aber nicht so nahe an den Mann heran, der dieses aufgesteckt hatte, so daß das Abzeichen in Großaufnahme sichtbar wäre. Sie photographierte einen ihr unbekannten Teilnehmer der Feier, welcher das Abzeichen gut sichtbar auf dem Sakko-Revers trug.
Am 24. April brachte das "Jornal do Brasil" einen Bericht über die Aufbauarbeit an Deutschland im brasilianischen Itatiaia. Neben Photos von Winkelmann und Frau erschien auch das Bild jenes der Photographin vom "Jornal do Brasil" unbekannten Mannes.
Ein Exemplar der Ausgabe vom 24. April kam in die Israel-Redaktion des "Jornal do Brasil" nach Tel Aviv zum dortigen Korrespondenten Mario Chimanovitch, den gerade der Nazijäger Simon Wiesenthal besuchte. Chimanovitch zeigte ihm das Blatt mit dem Bericht über das Itatiaia-Treffen.
In Wien meinte Wiesenthal, aufgrund von Bildvergleichen und Gutachten von Gesichtsforschern in dem einzelnen, der Photographin unbekannt gebliebenen Teilnehmer des Nazi-Treffens den von ihm schon lange in Brasilien vermuteten Gustav Franz Wagner zu erkennen.
Also alarmierte Wiesenthal Nachrichtenagenturen und die Botschaften der an Wagner interessierten Länder.
In fast allen brasilianischen Blättern erschien das besagte Photo nun riesengroß und diesmal mit dicken Balkenlettern: Gesucht, Gustav Franz Wagner. Polizisten und Reporter suchten Winkelmann in Itatiaia auf. Der aber konnte oder wollte sich an den Mann nicht erinnern.
Auf der Fazenda Sao Jorge in Sao Pedro, 15 Kilometer von der Kleinstadt Atibaia, etwa 80 Kilometer von Sao Paulo entfernt, hörte am 27. Mai um sieben Uhr früh ein großer Mann mit grauen Haaren die "Deutsche Welle": Gustav ("Gustl") Franz Wagner. Die Nachrichten begannen mit der Meldung, daß sich der österreichische Kriegsverbrecher Gustav Franz Wagner, der auf einem Photo identifiziert worden sei, in Säo Paulo oder Umgebung versteckt halte.
Nach den Nachrichten packte Wagner einen kleinen Koffer, sagte seiner noch schlaftrunkenen Lebensgefährtin Hertha adieu und verließ das Haus, das ihm sein Arbeitgeber Horacio Casal und dessen junge deutsche Frau Ulrike zur Verfügung gestellt hatten. Wagner wohnte dort seit 20 Jahren unter seinem richtigen Namen. Jetzt fuhr er im Autobus nach Sao Paulo.
Eine Stunde später fiel die Presse in Atibaia und den umliegenden Fazendas ein. Denn jeder aus der Umgebung hatte den Mann gekannt. Allerdings: Das Bild, das ihn zeigen sollte, stellte ihn gar nicht dar, sondern jenen zufällig photographierten Teilnehmer des Nazi-Treffens bei den Winkelmanns.
Wagners Lehensgefährtin Hertha, 61, protestierte denn auch gegenüber Journalisten: "Aber das ist er doch gar nicht -- sie haben sich im Namen geirrt." Der Name freilich stimmte, der Mann auch, nur das Bild nicht.
Horacio und Ulrike Casal, bei denen Wagner für 2500 Cruzeiros (etwa 300 Mark) pro Monat arbeitete, etwa Betonpfeiler für Zäune fertigte, waren um diese Zeit in ihrer Wohnung in Sao Paulo. Am Sonntagabend läutete das Telephon heim Anschluß 247-34 13 in Sao Paulo, der Frau Karin Milz gehört, der Mutter von Ulrike Milz, verheiratete Casal.
Es war 21.00 Uhr. Am Telephon war Gustav Franz Wagner. Er bat Frau Milz, sie möge ihm doch sagen, bei welcher Polizeidienststelle er sich melden könne. Er wolle nicht "irgendeinem kleinen Beamten, der vielleicht obendrein noch Jude ist", in die Hände fallen.
Karin Milz fragte Wagner, wo er sich befinde. Wagner: "An der Ecke Barao de Jaceguai und Jesuino Maciel -- im Stadtteil Campo Belo. Frau Milz: Er solle genau dort bleiben. Dann informierte sie einen ihr bekannten hohen Beamten der "Dops".
Einige Minuten nach 22.00 Uhr war Wagner bereits im "Dops"-Hauptquartier im Stadtteil Luz in Sao Paulo.
Er gab sofort zu, Gustav Franz Wagner zu sein. Alle seine Papiere waren auf seinen richtigen Namen ausgestellt. Weiter gab er bei den ersten Einvernahmen auch zu, Oberscharführer bei der SS gewesen zu sein. Er verneinte aber, den Mann auf dem Photo zu kennen, das Wiesenthal auf seine Spur gebracht hatte. Er sei auch nie in Itatiaia gewesen, kenne Winkelmann und die anderen Teilnehmer des ominösen Treffens im Hotel "Tyll" nicht.
Man fragte ihn schließlich, ob es in Sobibor, dem Ort, an dem Wagner Kriegsverbrechen begangen haben solle, vielleicht einen zweiten Wagner gegeben habe. Auch dies verneinte Wagner.
Die brasilianische Polizei wollte nämlich nicht recht glauben, daß ein Mann, der unter seinem richtigen Namen lebte und sich obendrein selber stellte, dessen Bild auch noch mit dem des Gesuchten gar nicht übereinstimmte, ein als Kriegsverbrecher gesuchter Mann sei.
Was Sobibor anging, behauptete Wagner, dort sei kein einziger Jude getötet worden, weder von ihm noch von anderen. Er selber war in Sobibor angeblich nur mit der Herstellung von Baracken betraut. Ergebnis: Die Polizei war der Meinung, daß man den richtigen Wagner noch nicht verhaftet habe, der Festgenommene trage möglicherweise nur denselben Namen.
In der Stadt Goiania, 900 Kilometer von Säo Paulo entfernt, sah Stanislaw Szmajzner, 50, das nun echte Bild der Zeitungen. Er flog mit der nächsten Maschine nach Säo Paulo.
Szmajzner, ein polnischer Jude, war als 14jähriger Junge eineinhalb Jahre in Sobibor gewesen, einer der wenigen Sobibor-Insassen, die den Krieg überlebten.
"Wie geht es dir, Gustl?" begrüßte Szmajzner den einstigen Lager-Spieß Wagner hei der Gegenüberstellung. Wagner wollte ihn im ersten Moment nicht erkennen, überlegte dann aber und beging einen seiner größten Fehler. "Ja, ja, ich erinnere mich gut an dich. Ich habe dich doch aus dem Transport herausgeholt, und ich habe dir sowie deinen zwei Freunden, die auch Goldschmiede waren, das Leben gerettet."
"So", sagte Szmajzner, "und meine Schwester, meine Mutter, mein Vater und meine Brüder? Wenn du sagst, du hast mir das Leben gerettet, dann hast du ja auch gewußt, daß andere sterben mußten." Wagner gab keine Antwort.
Nach dieser Gegenüberstellung vor der Presse mußten die brasilianischen Behörden wohl oder übel die offizielle Auslieferungshaft über Wagner verhängen. Wagner: "Ich habe verloren. Und als guter Verlierer füge ich mich in mein Schicksal."
Auf die Frage, warum er sich gestellt habe, antwortete Wagner: "Wenn mich die Israelis erwischen und verschleppen, ist das das Schlimmste." Die ihm vorgeworfenen Verbrechen leugnete er noch immer.
Auch Karin Milz, Schwiegermutter des Wagner-Arbeitgebers Casal, traut Wagner "das nicht zu". Denn: "Er hat doch nie den Versuch gemacht, versteckt zu leben. Er spricht so wahnsinnig schlecht Portugiesisch."
Außerdem aber meldet Karin Milz Zweifel an der Geschichte an: "Und überhaupt, sechs Millionen Juden umbringen, wie ist das technisch möglich?"
Tochter Ulrike Casal, geborene Milz: "Es ist unvorstellbar. Er war ein freundlicher, nur lächelnder, guter Mann. Spaßmacher, kinderfreundlich. Er erzählte Schneewittchen und die sieben Zwerge."
Mittlerweile kennt man auch den Mann, dessen Bild tagelang auf den Titelseiten unzähliger Tageszeitungen der ganzen Welt erschienen war und von dem man glaubte, daß es Wagner sei:
Bei der Gegenüberstellung in Säo Paulo.
Es ist der deutsche Staatsbürger Hans-Werner Schütte aus Norddeutschland.
Er war auf dem Treffen der "nicht Letzten von gestern, aber Ersten von morgen" in Itatiaia gewesen und ist schon längst wieder in Deutschland. Schütte: "Alles das war eine Falle von diesem unheilvollen Wiesenthal, den Wagner festzunehmen. Die Reporter halfen ihm bei dieser Operation. Aber unsere Freunde in Brasilien haben schon Maßnahmen ergriffen. So wird das nicht bleiben. Herr Winkelmann hat mir gesagt, er werde einen Brief an Coronel Rulem schreiben, den Pressechef des Präsidenten Geisel. Winkelmann hat große Freunde in der Regierung."
Besonders unverständlich findet Schütte, daß er mit Wagner verwechselt wurde: "Als ob das möglich wäre. Ich bin nur 1,74 Meter groß, und Wagner ist fast zwei Meter hoch. Dieser arme Mann' der hatte ein ruhiges Gewissen. Der ist unschuldig' da bin ich ganz sicher."
Wagner wurde mittlerweile in die brasilianische Hauptstadt Brasilia überstellt. Er sitzt im Gebäude der Superintendencia Regional de Policia Federal im Stadtviertel Do Sul.
Er fühlt sich nicht mehr so wohl wie in den ersten Tagen, als er verhaftet wurde. Der Herzspezialist Dr. Geraldo Hideu Osanai hat ihm Bettruhe verordnet; gegen Herzbeschwerden verschrieb er ihm täglich lO0 Milligramm Aldomet und 50 Milligramm Higroton.

DER SPIEGEL 24/1978
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