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DER SPIEGEL

KAUFHÄUSERVerschlungene Pfade

Das Berliner KaDeWe, Top-Haus des Hertie-Konzerns, wurde mit 120 Millionen Mark um- und ausgebaut -- zum größten Kaufhaus auf dem Kontinent. Spezialität: Delikatessen für Gourmets.
Drei Sätze nur, aber markig wie ein Tagesbefehl: "Berliner", so schallte es aus seitengroßen Zeitungs-Anzeigen, "zwei Tage müßt Ihr noch irgendwie ohne Euer KaDeWe * zurechtkommen."
Notlösung:, Wie wär's also mal wieder mit dem Zoo*, der Nationalgalerie* oder dem Langen Lulatsch*?"
Und dazu die Fußnote: "* Für Nicht-Berliner: Die mit * gekennzeichneten Begriffe gehören zu Berlins attraktivsten. Sehenswürdigkeiten."
Deutschlands wohl sehenswürdigstes Warenhaus, 1907 als "Kaufhaus des Westens" eröffnet, heute lieber als "Kaufhaus der Weltstadt" bezeichnet, feierte in der letzten Woche das Ende eines 120-Millionen-Umbaus: mit dem Prunk und Personal eines Staatsakts.
Eine Militärkapelle schmetterte den Fridericus-Rex-Grenadiermarsch, uniformierte Pagen mit feierlichen Allongeperücken standen Spalier, über einen roten Läufer schritt der Bundespräsident, und hinter Absperrgittern drängelten sich die Berliner wie in den besten Jahren der Berlinale.
Drinnen, in der geräumten Stoff-Abteilung, servierte der "KaDeWe-Party-Service" annähernd 2000 Gästen fast 2000 Liter Champagner und rund 40 000 Edel-Häppchen: " Maximal können wir auch 5000 Personen beköstigen."
Denn das Kulinarische ist von jeher der Stolz des KaDeWe; die um ein Drittel vergrößerte Lebensmittelabteilung schlägt jetzt alle Rekorde: fünfmal so groß (5100 Quadratmeter) wie Käfer in München, dreimal so groß wie die größten von Horten: nur Tokios "Mitsukoshi Nihombashi" bietet angeblich noch etwas mehr.
"Unsere eigentliche Stärke", erläutert KaDeWe-Chef Heinz Seemann, "ist das besondere Einkaufserlebnis, das unsere Kunden haben."
Manchmal wohl auch das Erlebnis der Ratlosigkeit: Vor 1500 Käsesorten und 250 verschiedenen Salamis erblassen mitunter auch ausgepichte Gourmets; und von der Vielfalt der Krustentiere und Mittelmeerfische im Salzwasserbecken zeigen sich selbst Grzimek-Adepten verwirrt.
Für Denkpausen auf den verschlungenen Konsumpfaden, die an halben Ochsen und "Real Elephant Meat in Provincial Sauce" (15 Mark), an japanischem Whisky und türkischen Quitten vorbeiführen, ist gesorgt. Zwanzig Imbißstände locken mit luxuriösen Snacks auf harte Barhocker: mit Lachs und Kaviar (25 Gramm Beluga Malossol 19,50 Mark), mit Austern, getrüffeltem Gänseleberparfait (18 Mark), aber auch mit Rumpsteak und Knackwurst (drei Mark).
Drei berühmte Gourmet-Adressen Frankreichs haben im KaDeWe Dependancen, in denen ehrgeizige Feinschmecker die "Soupe de truffes" (11,50 Mark) des Lyoner "Nouvelle Cuisine"-Papstes Paul Bocuse oder die schwebeleichten Mousses und Cremes des Zuckerbäckerstars Gaston Lenôtre probieren können; schließlich hält auch das Pariser Delikatessengeschäft Fauchon seine Spezialitäten feil.
"Lenôtre hat uns versichert", rühmt Seemann, "daß die Baguettes, die wir hier nach seinem Rezept backen, besser sind als seine eigenen in Paris." Bislang kamen täglich 12 000 aus den KaDeWe-Öfen: "Aber damit waren wir meist mittags schon ausverkauft wir verdoppeln jetzt die Produktion."
Ihr Alkohol-Angebot veredelten die Kaufhaus-Manager durch Ersteigerung rarer Flaschen auf Auktionen. So kamen verstaubte Sammlerstücke wie ein 1874 er Chateau Lafitte Rothschild (1500 Mark) oder ein Brandy Napoleon 1820 (3750 Mark) in die Vitrinen; der Cognac war schon eine Stunde nach Eröffnung wieder verkauft.
"Das Sortiment ist non plus ultra", mußte der Münchner Feinkosthändler Gerd Käfer, bislang der bevorzugte Lieferant der besseren Gesellschaft, nach seiner Rückkehr aus Berlin zugeben: "Mir g'fallt mei' Laden nun gar nicht mehr so sehr."

DER SPIEGEL 15/1978
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