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DER SPIEGEL

AUTOMOBILEJede Summe

Das Zusammenraffen von Oldtimer-Autos führte zum Ruin eines Unternehmens: Eine Buchdokumentation beleuchtet die Hintergründe der Schlumpf-Pleite von Mülhausen.
Tagelang harrten die beiden Brüder auf gepackten Koffern in ihrer belagerten Villa im elsässischen Thann-Tal aus. Als knüppelschwingende Gendarmen am dritten Tag ihnen den Fluchtweg bahnten, schrie die aufgebrachte Menge: "Laßt euch hier nie wieder blicken!"
Kleinlaut machten sich die beiden verbiestert blickenden, weißhaarigen alten Herren davon -- nicht "ins Gefängnis", wie die Belagerer gefordert hatten, sondern nach dem sicheren Basel, um sich dort hinter ihrer schweizerischen Staatsbürgerschaft zu verschanzen.
Verfolgt von den eigenen Arbeitern, lösten sich die Brüder Fritz und Hans Schlumpf von einer seltsamen Hinterlassenschaft. Zurück blieben, im Oktober letzten Jahres, eine 100-Millionen-Pleite durch den Zusammenbruch der Schlumpfschen Textilfabriken bei Mülhausen und im nordfranzösischen Roubaix, rund 6000 Arbeitslose als unmittelbare Folge, und 427 Oldtimer- und Klassiker-Autos als zumindest mittelbare Ursache des unternehmerischen Desasters.
Heute, ein Jahr nach der Flucht der beiden Industriellen, mutet die Schlumpf-Pleite fast noch grotesker an als zu Beginn. Die Brüder, bedroht von einem in Frankreich erlassenen Haftbefehl, "trauen sich nicht aus der Schweiz raus", denn -- so der deutsche Automobil-Historiker Halwart Schrader -- "der Vorwurf des betrügerischen Bankrotts wird nach wie vor erhoben".
Die Hintergründe der Affäre beleuchtet eine jetzt erschienene Bilddokumentation über "Die Automobile der Gebrüder Schlumpf"*. Autor Schrader legte laut Verlagsmitteilung dar, wie die Schlumpf-Brothers "ihre Fabriken bankrott gehen" ließen, "weil sämtliche
* Haiwart Schrader: "Die Automobile der Gebrüder Schlumpf. Schrader & Partner GmbH. München: 184 Seiten; 49,50 Mark.
Konzern-Erträge" in eine Sammlung alter Autos gesteckt wurden. Die "Oldtimer-Besessenheit zweier Exzentriker" sei "zum Politikum für ein ganzes Land" geworden.
Just die mühsam gesammelten Auto-Raritäten aber, darunter 1122 besonders wertvolle Bugattis, sind dauernd in Gefahr, als Konkursmasse wieder in alle Winde verstreut zu werden. Rund 100 Millionen Franc verlangen die Gläubiger. Auf zumindest 80 Millionen schätzen Fachleute die blechernen Greise.
Vor allem die Autos des -- 1947 verstorbenen -- Automobilkonstrukteurs Ettore Bugatti hatten bei den Schlumpfens, insbesondere Bruder Fritz, die Sammelwut entfacht. Fritz Schlumpf über die Bugatti-Wagen: "Diese Autos sind alle im Elsaß gebaut worden. Dahin müssen sie auch wieder zurück." Die im elsässischen Molsheim in kleinsten Auflagen montierten Renn-, Sport- und Tourenwagen Ettore Bugattis bildeten von jeher begehrte Objekte der Sammler aus aller Welt. Die Gebrüder Schlumpf blieben bei ihnen freilich bis vor 20 Jahren unbekannt.
Zielstrebig waren Hans Schlumpf, der 1904 geborene Banker, und Fritz Schlumpf, der 1906 geborene Makler, zunächst mit dem Aufbau ihres Firmen-Imperiums beschäftigt. Durch geschicktes Operieren an der Börse gelang es ihnen, im Jahre 1938 die Kammgarnspinnerei in Malmerspach zu erwerben. Mit den Besetzern aus dem Osten kamen sie offenbar gut klar. "Noch heute", schrieb Schrader, werde es den Schlumpfs übel vermerkt, "daß sie während der Besatzungszeit sowohl die Schweizer als auch die Hakenkreuz-Fahne" zeigten.
Ein Jahr nach der Befreiung geriet der Name Schlumpf wegen eines blutigen Skandals in die Schlagzeilen. Fritz Schlumpfens Ehefrau Paula, damals 40, wurde zu acht Jahren Haft verurteilt: In ihrer Pariser Wohnung hatte sie ihren Liebhaber -- einen griechischen Finanzmakler -- erschossen.
Den gehörnten Ehemann irritierte das alles kaum. Er scheffelte weiter Geld mit Bruder Hans. Innerhalb weniger Jahre brachten die beiden die Spinnereien Erstem, Gluck & Cie. in Mülhausen, eine Weberei bei Roubaix, ein Hotel und eine Sektkellerei in ihren Besitz.
Die Sammelleidenschaft des Autofans und Ex-Rennfahrers Fritz Schlumpf erwachte offenbar erst um das Jahr 1956, dann freilich um so heftiger. Der Elsässer erregte, wie Sehrader notiert, bald den Neid "engagierter Bugattisten", denn "er kaufte ganze Autosammlungen -- wenn es sein mußte, per Blankoscheck -, sofern sich nur ein paar Bugattis darunter befanden".
Bugatti-Besitzer trafen Absprachen, um wenigstens einige Exemplare vor dem Verschwinden in Schlumpfs geheimen Privat-Museumssälen zu bewahren. Vergebens -- Schlumpfens Agenten schlugen überall zu.
"In seiner Sammelwut", klagte der Straßburger Automobil-Historiker und Bugatti-Experte Paul Kestler über Schlumpf, "zahlte er jede Summe und trieb damit die Preise hoch!" Als die Bugatti-Fabrik im Jahre 1963 an den Industriekonzern Hispano-Suiza fiel, erwarben die Schlümpf-Brüder das Inventar. Dazu zählten Schraubstöcke mit dem Bugatti-Emblem, rund 20 Wagen, darunter Bugattis persönliches Luxus-Gefährt, eine "Royale". Mit diesem Prunkauto war der Konstrukteur im Jahre 1944, nach dem Abzug der Deutschen, in Paris eingezogen.
Als 1964 die 30 Bugattis der berühmten Shakespeare-Sammlung in den USA zu kaufen waren, duldete Schlumpf selbstverständlich keinen Konkurrenz-Bieter. Mit dieser Beute, die er per Sonderzug von Marseille in seinen Restaurationsbetrieb nach Mülhausen transportieren ließ, hatte Fritz Schlumpf die wertvollste Bugatti-Sammlung der Welt zusammengerafft.
Sogar einzelnen Bugatti-Besitzern in den Ostblockstaaten setzte Schlumpf erfolgreich zu. Einmal, in Prag, konnte er einen "Bugatti 46" nicht gegen Bargeld erwerben. Aber als Schlumpf dem tschechischen Besitzei seinen neuen Mercedes-Benz 300 vor die Tür stellte. war das Geschäft perfekt.
Das Textilgeschäft der Brüder zerfaserte unterdes. Der Maschinenpark veraltete, die Schlumpf-Spinner wurden allmählich von der Konkurrenz überrundet. Bald mußten sich die Arbeiter mit kargeren Löhnen als ihre Kollegen bei anderen Firmen bescheiden.
Obwohl sich der Konkurs der ausgehöhlten Firma bereits abzeichnete, stellte Fritz Schlumpf, der sich von seinem Bruder hauptsächlich durch überdimensionale "Koteletten" abhob, noch rund 100 Arbeiter ein -- für den Ausbau seines Museums. Die kostbaren Autos ließ er durch bewaffnete Wächter hüten.
Als die Schlumpf-Arbeiter Anfang Oktober 1976 mit Streiks und Demonstrationen eine "regelrechte Schlumpf-Revolution" (Schrader) entfachten, den Werksherren in ihrer Villa gar Strom und Wasser absperrten, war der Konzern schon längst nicht mehr zu retten. Nun erst durften Reporter -- als erstes ein Dreierteam der "Autozeitung", Köln -- die bis dahin verschlossene Gruft der Bugatti-Hinterlassenschaft in Augenschein nehmen. Die Kölner Redakteure photographierten, Stück für Stück, als einzige alle Automobile der Gebrüder Schlumpf. Die Gewerkschaft hatte es erlaubt.
"Die Schlumpfs", so meinte jüngst Autor Halwart Schrader, "können von Glück sagen, daß die Gewerkschaftler auf die Autos aufpassen und den Nachtwächter spielen." Die Gewerkschaftler halten eine Bugatti-Sammlung zusammen, von der die Schlumpf-Arbeitslosen behaupten: " Die Autos gehören uns."

DER SPIEGEL 44/1977
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