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DER SPIEGEL

„Ich war die Ahnfrau aller Groupies“

Nein, das ist diesmal wirklich kein Bluff", sagt sie mit einem Augenzwinkern, als wär"s doch einer. Das gehört zu ihrem Stil. Nun aber hat sie ihr Testament tatsächlich gemacht, "ernsthaft und unwiderruflich, um wenigstens noch eine Schlagzeile zu liefern Zur Disposition stand ein Superlativ: die berühmteste, wertvollste und originellste Privatsammlung moderner Kunst. Und Peggy selbst, die Sagenhafte, wird sich nun aus der Öffentlichkeit zurückziehen "bis zu meinem Nachruf".
Noch wird sie fallweise vermißt. Daß bei der Biennale-Eröffnung manchen Presse-Profis ihr Fehlen mehr auffiel als viele Anwesenheiten, hat sie gefreut, "obwobl es selbstverständlich war". Als sie dann doch einmal vorbeischaute, kurz und eher befremdet, erkannte sie niemand. Das schmerzte, und die einst als "Jahrhundertmuse" Gefeierte konstatierte: "Für dieses Jahrhundert ist die Kunst tot."
Wenn die Dame Guggenheim von Kunst spricht, meint sie immer sich selbst und nicht ganz zu Unrecht: Für gut ein halbes Jahrhundert war sie der bunteste Paradiesvogel dieser farbenfrohen Szene, und ein Vierteljahrhundert lang bestimmte sie auch nachdrücklich, was als moderne Kunst zu gelten habe, war sie -- so "Newsweck" -- für eine Generation die "godmother of art". zu deutsch: die Patin.
Heute hört sie das Wort nicht mehr gern, graut ihr bei der Vorstellung, daß viele Künstler nur deshalb höhere gesellschaftliche Weihen erhielten, weil sie ihre Wände und fallweise auch Betten zierten. "Ich bin doch in das Ganze nur hineingestolpert wie Alice in das Wunderland."
Streckenweise hört sich ihre Biographie wirklich an wie das Abenteuer des verschreckten kleinen Mädchens: Als Peggy mit dem betuchten Namen dreizehn war, ging Papa samt der "Titanie" unter, und die Millionenerbin wuchs daraufhin so behütet weiter, "daß der Komplexvorrat bis heute reicht". Mit zwanzig ließ sie "aus reiner Langeweile" ihre Nase in die berühmte Knollenform bringen, und mit dreiundzwanzig fand sie "die Jungfräulichkeit so lästig und beengend", daß sie sieh kopfüber in die Pariser Bohème stürzte.
Paul Klee hat sie damals porträtiert und besonders ihr Herz betont. Platz darin fanden außer ihrem "formalen Ehemann", dem Allround-Künstler Lawrence Vail: Marcel Duchamp, Kandinsky, Arp, Brancusi, Yves Tanguy, Victor Brauner und "viele andere weniger Prominente", aber auch Leonor Fini und Jean Cocteau, bei welchem sie sich begnügte, ihm beim Opiumrauchen zuzusehen. Peggy genoß ihre Rolle als Enfant terrible des Großkapitals, renommierte zur Freude aller Zeitungen und zum Schrecken ihrer Sippschaft mit "der größten Künstlersammlung der Zeit". "Ich war wohl die Ahnfrau aller Groupies", meint sie nun, nur: "Sinnlich war ich eigentlich nie. Ich glaubte, das der Welt schuldig zu sein.
Auf die Idee, daß sie auch Kunstwerke sammeln könne, brachte sie erst Samuel Beckett, als sie schon vierzig war. "Er war leider schwul" und leitete ihren Tatendrang behutsam auf Objekte um. Mit einer langen Einkaufsliste. die ihr der Kritiker Sir Herbert Read bei einem kurzen Verhältnis hinterließ, begann Peggy zu sammeln, gründlich wie in der Liebe und mit Guggenheimscher Fortune. Sie kaufte, als die Nazis Paris bedrohlich näherrückten, "jeden Tag ein Kunstwerk und bekam alles für ein Butterbrot". Als sie sich dann samt Schätzen in die USA absetzte, war das teuerste Stück ihrer Kollektion der leibhaftige Max Ernst.
Bekanntlich hat er ihr das nicht gedankt. Kaum hatte sie als seine Ehefrau eine Galerie eröffnet, brannte er mit einer Jungmalerin durch -- "aber im Grunde hat er nie jemand anderen geliebt als sich selbst".
Eine dankbarere Investition war ihre Sammlung. An ihrem Wertzuwachs gemessen, waren selbst die Guggenheimschen Aktien Nieten. Und Peggy entdeckte weiter: den Mobile-Bastler Calder, der ihre Gunst durch ein silbernes Bettgestell gewann, und Jackson Pollock, dessen Exklusiv-Managerin sie war.
Schließlich kaufte sie am Canale Grande zu Venedig einen weißmarmornen Spekulationstorso des achtzehnten Jahrhunderts, den Palazzo Venier dei Leone, ließ ihn liften (hydraulisch) und auch ihr Gesicht, arrangierte ihre Sammlung und sitzt seitdem dort wie ein amerikanisches Monument des Trostspruchs für arme Leute, daß Reichtum nicht glücklich macht.
"Glücklich war ich nie", beharrt die nun Achtundsiebzigjährige" die "lieber sechsundsiebzig" wäre, und: "Ich bin wohl zu intelligent, Alter für eine Gnade zu halten. Es ist nur widerlich, häßlich, unappetitlich, und die wenigen Einsichten sind bitter."
Hingebungsvoll wie einst brilliert sie nun in der Rolle der Vieille terrible, kunstvoll verschlampt, virtuos verbittert. Den berühmten absehraubbaren Pimmel des Marini-Reiters vor ihrem Palazzo hat sie anschweißen lassen -- "So was ist für mich nun völlig nutzlos." Manchmal streichelt sie ihn doch noch, maliziös lächelnd, und nur, um Photographen zu ärgern, die just dann nicht schußbereit sind.
Ihre gesammelten Schätze schaut sie schon lange nicht mehr an, und die Besucher, die dreimal wöchentlich für zwei Stunden durch den statuengespickten Garten und die kunstbehängten Salons pilgern dürfen, findet sie "abscheulich und zum Kotzen". Nun ja, das Respektsverhalten von Kunstpilgern zu Kunstsammlern hat sich geändert. Mischt sich die alte Dame manchmal unauffällig unter das Publikum, passiert ihr fast regelmäßig, daß sie rüde zur Seite geschubst wird. Sie nimmt das symbolisch und sitzt daher während der Besuchszeiten meist in einem angeschlossenen Seitenraum, regungslos, auf eine weiße Wand starrend. Die nun noch ihr Leben teilen -- ein gutmütiger Däne als Sekretär und ein ausgewachsener Negerknabe als Butler machen sich deshalb schon Sorgen. Doch solange Peggy noch auf die Lira genau die Einnahmen aus dem Katalogverkauf kontrolliert, ist das Schlimmste wohl nicht zu befürchten.
Ihr Leben lang hat sie "das Überlegene" gesucht, und dieses Wort geistert als Füllsel durch ihre Konversation. Deshalb warf sie sich in den Kunstbetrieb, und als ihre Kinder radfahren lernten, erkannte sie, die stets Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht hatte, "daß auch sie mir überlegen waren Sohn Sindbad Vail blieb beim Vater -- "no contacts". Tochter Pegeen wurde Malerin. Seit sie vor neun Jahren aus dem Leben schied, beließ Mama ihre Bilder in einem Gedenkraum im Keller, den sie seitdem nicht mehr betrat.
"Meinen geliebten Kindern" ist eine Marmortafel im hinteren Teil des Gartens gewidmet, wo sich kein Kunstwerk tummelt und die Dame des Hauses nie ihren Fuß hinsetzt. Hier ruhen ihre Hunde, unter anderem ein Sir Herbert und eine frühverstorbene Pegeen. Seit zehn Jahren werden Todesfälle nicht mehr registriert. Mit Liselotte von der Pfalz teilt die Dame die Ansicht, "daß Treue, vor allem im Bett, nur bei Hündchen zu finden ist". Zwei alte Shi-Tzu-Hundejungfrauen wärmen das ihre.
"Entweder liebte ich Sex oder Geist. Beides zusammen habe ich nie getroffen, und so habe ich mich für Hunde als den dritten Weg entschieden." Die Zweibeiner, die sie liebte und fütterte, wurden ihr nicht nur durch den Lauf der Zeit genommen. Die meisten ent-
* Von Victor Brauner.
flohen dem Damokles-Schwert ihrer Zunge, und als Beckett in Venedig weilte, wagte er sich trotz oder wegen Einladung nicht über den Canale Grande. "Menschen vertragen nicht, daß man über sie ehrlich redet. Ich kann das über mich allerdings auch nur, wenn ich betrunken bin."
Natürlich gibt es auch noch Augenblicke des Triumphes. Wie eine Sternheimsche Erbtante genoß sie die Gier der institutionellen Erbschleicher: des Louvre, der einst ihre Sammlung "nicht erhaltenswert" befunden hatte, der Tate Gallery, die ihr immerhin den Metallwert der Skulpturen zugestand, und der Stadt Venedig, die Peggy zu ihrer Ehrenbürgerin erklärte, alle schwängerte sie mit Hoffnungen, um dann zu verkünden, sie wolle sich dereinst samt Kunstwerken in einer Pyramide beisetzen lassen.
Nun bat sie sich doch anders entschieden. Das Guggenheim-Museum New York -- "das mit Abstand häßlichste Bauwerk der Welt" -- wird sie beerben, unter der Bedingung, daß alles in Venedig bleibt, wie es ist. "Seitdem gibt es wieder ein paar Menschen, die mich mögen."
Bestimmt gibt es mehr. Als wir gerade auf die Terrasse kommen, stürzt ein französischer Kunstkritiker auf sie zu, übersprudelnd vor Bewunderung: "Was für ein reiches Leben!" Die Jahrhundertmuse ist darauf nicht gefaßt. Einen Augenblick lang klappt der schockrote Mund auf. "Wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich alles anders machen", knurrt die Dame und streift mit einem müden Blick ihre Hundert-Millionen-Sammlung. Dann dreht sie sich um und sagt, ganz Image: "Junger Mann, wenn man ein paar Affären hatte, bleibt auch einiges hängen."
Von Hans-Georg Behr

DER SPIEGEL 40/1976
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