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DER SPIEGEL

Wenn alle Dämme brechen

Amerikas Golfküste versank in den Fluten von Hurrikan „Katrina“. Die Katastrophe von New Orleans, durch stümperhafte Rettungsversuche verschärft, brachte die zerrissene Gesellschaft des Südens zum Vorschein: Wer kein Geld für die Flucht hatte, bangte um sein Leben.
Das alles scheint ein Alptraum aus Afrika zu sein - Szenen wie aus einer Bürgerkriegsmetropole à la Liberia oder Kongo: brennende Häuser, dazwischen überflutete Straßen, durch die Leichen treiben. Im Tiefflug knattern Militärhubschrauber, schwerbewaffnete Nationalgardisten patrouillieren auf Panzerwagen durch verlassene Geschäftsviertel, in dem fensterlose Hochhäuser wie dunkle Ruinen in den Himmel ragen. Auf den Stelzen-Highways über der Wasserwüste schleppen sich Kolonnen von Flüchtlingen dahin - Monrovia am Mississippi.
"Wir müssen Sie warnen: Das sind keine Bilder, wie wir sie aus einer amerikanischen Großstadt zu sehen gewohnt sind", erschreckt eine CNN-Moderatorin ihre Zuschauer. Denn unter der gnadenlosen Sonne, die schon am zweiten Tag nach der Sturmkatastrophe die zerstörte Küstenregion im tiefen Süden der USA aufheizt, sterben Babys und alte Menschen - auf der Straße und vor laufender Kamera.
Ein alter Mann hat sich von einer Brücke gestürzt, seine Leiche bleibt auf dem Pflaster liegen. Einer Großmutter, die im Rollstuhl auf der Flucht gestorben war, haben Helfer eine Decke übergeworfen und dann die Leiche am Straßenrand stehen lassen.
Eine andere Frau sitzt apathisch auf dem Mittelstreifen eines Highways, neben sich den Leichnam ihres Mannes. Die Polizei, die auch nicht weiterwusste, hat den leblosen Körper lediglich zur Seite geschoben, wo er nun hinter einer kleinen Mauer im Schatten liegt. Dann, berichtet die Frau, seien die Polizisten einfach weitergezogen. "Szenen wie aus einem Entwicklungsland", klagt Kiersta Kurtz-Burke vom Charity Hospital aus New Orleans.
"Katrina" war ein Monstersturm, dessen riesiger Wolkenwirbel fast den ganzen Golf von Mexiko eingenommen hat. Eine Woche nachdem der Hurrikan über die Küste von Louisiana und Mississippi hinweggefegt ist, liegt die Hafenstadt wie erstarrt in einer stinkenden Kloake aus Chemie, Exkrementen und aufgedunsenen Leichen. Weil die Polizei nicht alle Toten sofort bergen kann, werden einige Leichname mit Peilsendern versehen. Sie sollen später aus den Fluten gezogen werden. "Waterworld" nennen die Überlebenden zynisch die apokalyptische Kulisse aus umgestürzten Containern, Autowracks, geborstenen Glasfassaden oder Apartmentblocks, abrasiert bis auf die Grundmauern. "Waterworld", wie in dem Hollywood-Katastrophenfilm.
Dazwischen irren Obdachlose umher, verstörte Überlebende auf der Suche nach Lebensmitteln und Medikamenten. "Helft uns, helft uns", skandieren sie, wenn ein Hubschrauber vorbeifliegt. Manche malen ihre Hilferufe auf die Dächer der Häuser.
Recht und Ordnung sind in der Stadt untergegangen. Untergegangen wie ganze Stadtviertel, die das Pech hatten, unter dem Meeresspiegel zu liegen. "Eine Stadt verfällt dem Wahnsinn", schreibt die örtliche Zeitung "The Times Picayune". Wut, Trauer und Frustration über die scheinbar endlos verzögerte Hilfe schlägt um in Hass und besinnungslose Aggression.
Im historischen "French Quarter", wo der Sturm die Rollgitter der Läden eingedrückt hat, suchen Überlebende nach Wasser und Lebensmitteln. Anderswo stehlen die zurückgebliebenen Anwohner Flachbildschirme, Uhren, stapeln Jeans und Sneakers auf überquellende Einkaufswagen. Das Shopping-Zentrum von Oakwood geht in Flammen auf, nachdem Plünderer in dem Komplex Feuer gelegt haben.
Die Gangs von New Orleans, die auch schon vor der Katastrophe ganze Straßenzüge beherrscht haben, räumen zu Hunderten Waffenläden aus oder zwingen Mitbürger mit vorgehaltener Pistole, ihre Autos abzugeben - und oft genug kann die Polizei nur hilflos zusehen, wenn Ladenbesitzer zur Selbstjustiz übergehen. "Du stiehlst - ich schieße", warnt ein Schild vor einem Geschäft. Kathleen Blanco, die Gouverneurin von Louisiana, hat sich diesen Satz sogar zur Maxime auserkoren. Sie
droht nach den Plünderungen in den Nächten vergangener Woche den Dieben mit gezielten Todesschüssen.
Und dann geraten selbst die Retter in Not: Ein Polizei-Lkw mit Lebensmitteln wird überfallen und entführt. In den Krankenhäusern, die ihren Betrieb so gut es geht aufrechterhalten, verschwinden die Notstromaggregate. Im Zentrum von New Orleans muss ein Rettungshubschrauber abdrehen, als er bei dem Versuch, Verletzte aus einem Hospital zu evakuieren, unter Beschuss gerät. "Wir versuchen zu überleben", sagt Polizei-Captain Michael Pfeiffer, der auch eine Woche nach Beginn der Katastrophe noch keinen Überblick über die Zerstörung seiner Stadt hat - das Kommunikationssystem seiner Behörde war schon während des Sturms zusammengebrochen.
Seitdem haben Dutzende Polizisten ihre Posten verlassen und sind - wie zuvor vier Fünftel der 500 000 Einwohner - aus der Stadt geflohen. Andere haben, von Chaos und Anarchie entnervt, den Dienst quittiert. Hunderte, vielleicht Tausende Tote habe es gegeben, befürchtet Bürgermeister Ray Nagin und wendet sich mit einem "verzweifelten SOS-Ruf" an die Behörden in Washington. Im Radio verliert er am Freitag die Nerven: "Es kotzt mich an - ich brauche mehr Truppen und mehr Hilfe. Sie schicken mir nur ein paar Scheiß-Busse, dabei wissen sie gar nicht, was hier unten los ist. Ich hab die Schnauze voll."
Es ist nicht irgendeine Stadt, die da vor den Augen eines entsetzten, immer noch wie erstarrten Amerika in den Wassern versinkt wie ein zweites Atlantis. Es ist die Traumstadt dieses Volkes schlechthin: New Orleans, "The Big Easy", die "Große Leichtlebige" - dahin zog es die Amerikaner bisher immer, wenn sie im Süden einen Hauch von Sünde erleben wollten, und den Rest der Welt, der glauben mochte, es gäbe in den USA einen Ort des funktionierenden Multikulturalismus, des weitgehend harmonischen Zusammenlebens von Schwarzen, Latinos und Weißen.
Was für eine Metropole: so fiebrig in den ausgelassenen Tagen des Mardi Gras, so feurig in den Jazz-Kneipen des French Quarter, so frivol, dass man in den Straßen nach den Worten des Autors Walker Percy gute Aussichten hat, "mehr Nonnen und nackte Frauen zu sehen als sonstwo".
Platz der Dichter, Platz der Musiker, Platz der Lieder- und Filmemacher. Eine der katholischsten Städte des Südens und doch - oder gerade deshalb - mit ihren Feten wie dem "Dekadenz-Festival des Südens" Sodom und Gomorrha näher als all die andern. Tennessee Williams lässt seine "Endstation Sehnsucht" hier im French Quarter spielen. Henry Miller nennt New Orleans den "angenehmsten Ort des Landes", den einzigen in den USA, "in dem man sich fühlen kann wie ein zivilisierter Mensch". Eine Kurtisane sei diese Stadt, schreibt ihr berühmter Verehrer William Faulkner. "Eine Kurtisane, deren Reiz der Gereifte mächtig verspürt, deren Reiz der Junge unfehlbar erliegt."
Der Spaßfaktor war hier zwischen Bourbon Street, Royal and Canal Street, den Cajun-Restaurants und Kreolen-Garküchen groß geschrieben, er war New Orleans' Standortvorteil Nummer eins. Zehn Millionen Gäste strömten zuletzt jährlich in das Touristen-Eldorado, dessen Werbemotto lautet: "Let the good times roll - Lass es krachen!" Während die Region als Zentrum der Erdöl-Industrie trotz größerer Vorkommen nicht entfernt an Texas herankommt; während die propagierte Ansiedlung neuer Hightech-Firmen eher schleppend vorankam, putzte sich die Stadt als Anziehungspunkt für Kongresse und Erholungstrips immer erfolgreicher heraus.
In und um das pittoreske French Quarter entstanden neue Attraktionen. Die bittere Ironie aus heutiger Sicht: Meist hatten sie etwas mit Wasser zu tun. Die Stadt genehmigte neue Raddampfer für die Fahrt auf dem "Ol' Man River", dem Mississippi, verschönerte das berühmte Aquarium; neben den Spielcasinos auf dem Fluss wurde 1999 auch der erste Glücksspiel-Palast auf festem Stadtboden eingeweiht.
Was immer die Stadt in den letzten Jahren tat, um ihre Attraktivität weiter aufzupolieren, es konnte über eines nicht hinwegtäuschen: New Orleans war - schon
vor der großen Flut - eine zweigeteilte Stadt. Dem kleinen und feinen French Quarter mit seinen sündhaft teuren Restaurants standen große, verwahrloste Stadtviertel gegenüber, in denen die überwiegend schwarze Bevölkerung am Existenzminimum und oft darunter dahinvegetierte. Die Arbeitslosigkeit von New Orleans erreichte in diesen Vierteln über 50 Prozent, was die Stadt zu einer der ärmsten Metropolen der USA machte.
Eine Stadt, deren Geschichte reich ist an Katastrophen - sehr vorhersehbaren und ziemlich unerwarteten. Schon ihr Aufbau im feuchtheißen, von Ungeziefer verseuchten Sumpfgebiet widerspricht dem gesunden Menschenverstand. Gier war ihr Geburtshelfer, Täuschung ihr Lebenselixier: Ein schottischer Betrüger verkaufte dieses angeblich von Goldadern durchzogene "Paradies" etwa um 1716 an französische Investoren. König Ludwig XV. ließ zwei Jahre später eine Kolonie im Sumpfland gründen, sie von Sklaven ausbauen. Es folgten die Spanier als Herren des Außenpostens, dann wieder die Franzosen. Feuersbrünste zerstörten in diesen Jahren zweimal fast die gesamte Stadt. 1803 verkaufte Napoleon dann New Orleans mitsamt dem gesamten Mississippi-Gebiet für 15 Millionen Dollar an die Amerikaner - der "Louisiana Purchase".
Anfang des 19. Jahrhunderts nahm New Orleans zwar als Baumwollhafen einen raschen Aufschwung, blieb aber stets anfällig für die extrem ungesunden klimatischen Bedingungen. Während Gelbfieber so gut wie überall in den Vereinigten Staaten bereits gebannt war, schlug die Seuche in den Louisiana-Sümpfen noch einmal grausam zu. Mehr als 8000 Menschen starben beim Ausbruch der Krankheit 1853 am "Yellow Jack".
Mit Washington hatten die Südstaatler schon immer ihre Schwierigkeiten. 1861 beschloss Louisiana die Trennung von der Union, wurde im Bürgerkrieg militärisch besiegt und litt zwölf Jahre unter der Besatzung der Nordstaaten-Truppen. Viele Bürger von New Orleans weigerten sich, den Treueeid auf die Vereinigten Staaten abzulegen. Eisenbahnverbindungen ins Hinterland sorgten für einen Aufschwung. In den "Goldenen Jahren" des Jazz blühte das kulturelle Leben auf. Aber auch in diesen Jahren blieben die regelmäßigen Überschwemmungen in der Stadt nach großen Regenfällen Thema Nummer eins. 1928 wählten die Louisianer mit Huey P. Long einen demokratischen Gouverneur, der versprach,
"den Wohlstand zu teilen" - und die Dämme zu befestigen. Viele sagen, damals sei zum letzten Mal ernsthaft am Schutz der Stadt gearbeitet worden. Ihr Untergang in den Fluten ist deshalb kein Ereignis, das Experten überraschen konnte. Ganz im Gegenteil: Selten wurde ein Desaster so detailliert vorhergesagt wie das jetzige von New Orleans. Was Fachleute sich ausmalten, war nichts anderes als die angekündigte Chronik einer Katastrophe.
"Weggespült" nannte ein Autorenteam der "Times Picayune" seine fünfteilige Serie über das unvermeidliche Desaster, das New Orleans ereilen werde: "Es ist nur eine Frage der Zeit." Und Satz für Satz stellten sich diese drei Jahre alten Voraussagen in der vergangenen Woche als schrecklich wahr heraus.
Da waren die Evakuierungspläne, die klaffende Lücken aufwiesen und ausgerechnet die Einwohner vergaßen, die nicht aus eigener Kraft die dem Untergang geweihte Stadt verlassen konnten. Da waren überforderte Behörden, die nicht wussten, von woher Wasser und Lebensmittel kommen sollten, mit denen die von den Fluten Eingeschlossenen am Leben erhalten werden könnten. Und schließlich gab es da noch Dämme rund um die ständig tiefer in den Torfuntergrund versinkende Stadt, die ihrer Aufgabe längst nicht mehr gewachsen waren.
Als das Wasser des Lake Pontchartrain vom Norden her die Stadt geflutet hatte, waren alle Vorhersagen erfüllt: "Es gibt keinen Platz, wohin das Wasser aus dem Stadtkessel ablaufen könnte", hieß es schon 2001. "Dann", so schrieb das Nachrichtenmagazin "Time" im vorigen Jahr prophetisch, "könnten die Ereignisse wirklich hässlich werden: Was am Ende noch von der Stadt übrig bleibt, mag kaum noch die Mühe lohnen, sie zu erhalten."
Es waren nicht nur Journalisten, die das Unheil voraussahen. Ein Hurrikan über New Orleans, urteilte im Frühjahr 2001 die nationale Zivilschutzbehörde "Federal Emergency Management Agency" (Fema), gehöre zu den drei größten Bedrohungen des Landes. Die beiden anderen waren ein Terroranschlag in New York und ein Erdbeben in Kalifornien.
Wie eine tiefe Schüssel liegt New Orleans eingezwängt im Delta des Mississippi zwischen dem Fluss und dem riesigen Pontchartrain-See. An der tiefsten Stelle liegt die Metropole fast zwei Meter unter dem Meeresspiegel. Nur weil 22 gigantische Pumpstationen, die pro Minute Tausende Kubikmeter Wasser absaugen können, die Stadt vor Grund- und Regenwasser schützten, konnte New Orleans bis zur Ankunft von "Katrina" überleben. "Ich will gar nicht daran denken, was ein Sturm hier anrichten kann", erklärte noch in diesem Frühjahr Walter Maestri, der Leiter des örtlichen Katastrophenschutzes.
Der Monster-Hurrikan der höchsten Kategorie fünf war am vergangenen Montagmittag knapp am Stadtzentrum von New Orleans vorbeigerast, nachdem er zuvor schon in Florida Tote und Verwüstungen hinterlassen hatte. "Böen in Orkanstärke über den meisten Teilen von Südost-Louisiana", warnte das Nationale Wetterbüro in einem Bulletin, nachdem Windgeschwindigkeiten von bis zu 256 Kilometern gemessen wurden.
Dann fiel "Katrina" über andere Golfstaaten her. Im Bundesstaat Mississippi wurde ein 100 Kilometer langer Küstenstreifen von sechs Meter hohen Flutwellen überrollt, mindestens 110 Menschen starben, Hunderte Häuser und Geschäfte wurden zerstört. Besonders betroffen waren die Städte Biloxi und Gulfport - wegen ihrer schwimmenden Kasino-Schiffe beliebte Reiseziele; im Nachbarstaat Alabama stand die Stadt Mobile drei Meter unter Wasser.
Zum Ende der Woche wagte niemand eine Bilanz, doch "Katrina" dürfte sich als die wohl schlimmste Naturkatastrophe in der Geschichte der USA erweisen: Eine Fläche, so groß wie zwei Drittel Deutschlands ist betroffen, Schätzungen sprechen von über 1000 Opfern, die Schäden an Hab und Gut werden von Versicherungen auf bis zu 25 Milliarden Dollar taxiert.
In Wahrheit dürfte die Summe beinahe doppelt so hoch sein, denn Hausbesitzer sind oft unzureichend oder gar nicht gegen Flutschäden versichert. Noch bis zum Wochenende waren fast zwei Millionen Menschen ohne Strom. Ölplattformen sind stillgelegt oder zerstört, der Hafen von New Orleans - wichtig für den Getreideumschlag und Ölimport - ist auf Wochen unbrauchbar (siehe Seite 120).
Nun ist die schöne Leichtlebige versunken, eine Geisterstadt, in der meterhoch die schlammigen Fluten stehen. Suchtrupps schlagen die Dächer der überschwemmten Häuser ein. "Wir richten uns nach dem Geruch, wie die Hunde", beschreibt Doug Cope, einer der Leichensucher, die grausame Aufgabe.
Obgleich das Desaster so präzise vorhergesagt worden war, ist viel zu wenig getan worden, um die Menschen zu schützen. "Verwirrt und überwältigt" hätten die Behörden reagiert, kommentierte "USA Today", Amerikas größte Tageszeitung. Und langsam, so als könnten sie gar nicht glauben, dass die stärkste Macht der Erde hilflos und gelähmt dem Desaster gegenüberstand, breitete sich eine Welle von Zorn über das Land aus. "Wir haben immer gesagt, es passiert, wir haben um Hilfe gebeten und gebettelt. Alle haben immer
ja, ja, ja gesagt und nichts ist geschehen", klagt Katastrophenschützer Maestri. Eine "nationale Schande" sei das verspätete Eintreffen der Hilfe, empört sich sein Kollege Terry Ebbert.
Das Versagen der Behörden wurde offenbar, sobald der Kessel von New Orleans voll gelaufen war. Zwischen 50 000 und 100 000 Einwohner hatten den Evakuierungsaufruf nicht befolgt, sondern harrten weiterhin in New Orleans aus, ohne Essen und mit wenig Wasser. "Hier gibt es weder einen Plan A noch einen Plan B", stammelte ein NBC-Reporter fassungslos.
So verheerend sei Amerika noch nie von den Naturgewalten heimgesucht worden, gab der sichtlich schockierte US-Präsident George W. Bush zu Protokoll. Der Vorwurf von Maestri trifft auch ihn. 2002 hatte Bush den Chef der für den Deichbau zuständigen Behörde gefeuert, der Kongressabgeordnete unterstützt hatte, weil sie ein 188 Millionen Dollar teures Flutprojekt am unteren Mississippi verlangten.
Vergangenen Mittwoch endlich brach Bush den Dauerurlaub auf seiner texanischen Farm in Crawford ab, obwohl er stets behauptet, von dort aus lasse sich das Land doch ganz wunderbar führen. Knapp unter den Wolken zog am Donnerstag seine "Air Force One" über das Katastrophengebiet an der zerstörten Golfküste hinweg. Fotografen durften den Moment festhalten. "Alles ist ausgelöscht", murmelte Bush, als die Maschine über New Orleans kreiste. Sein ungläubiger Gesichtsausdruck wirkte nicht viel anders als damals am 11. September, nachdem er die Nachricht vom Terroranschlag auf New York erhalten hatte.
Alles, aber auch alles, verspricht Bush, werde jetzt getan, um den Menschen zu helfen. Für viele wird das zu spät kommen.
Zur Mega-Katastrophe haben den Hurrikan erst die Fehler der örtlichen Behörden und der Regierung werden lassen. Die Mittel für den Deichschutz wurden in den vergangenen Jahren zusammengestrichen, besonders hart traf es New Orleans. Im Juni verhängte das Army Corps of Engineers dort wegen einer drohenden Budget-Kürzung in Höhe von 70 Millionen Dollar einen Einstellungsstopp.
Eine neue Studie, die erkunden sollte, wie die Stadt vor einem Hurrikan der Stärke fünf geschützt werden könne, musste abgebrochen werden. "Hier geht es um Leben und Tod", warnte Louisianas Senatorin Mary Landrieu. Der Kongress versprach, sich der Sache noch einmal anzunehmen - im September, nach der Sommerpause, doch da war "Katrina" längst über die Golfküste hergefallen.
Die Fema ist im Behördenmoloch des Heimatschutzministeriums aufgegangen. Terrorismus, nicht Naturkatastrophen galten Washington als größte Bedrohung der Nation. "Der Sturm war viel gewaltiger, als wir erwartet haben", rechtfertigt sich Fema-Chef Michael Brown am Donnerstag, als hätte es die Studie seiner Beamten nie gegeben. Niemand, entschuldigte sich Bush in einem Interview, habe den Bruch der Deiche voraussehen können. Dabei legten die Regierungserkenntnisse gerade dieses Risiko nahe.
Nun soll ein massiver Einsatz von Helfern die Versäumnisse der ersten Tage vergessen machen. "Heroisch" nennt Heimatschutzminister Michael Chertoff den Aufmarsch der Hilfskräfte. Eine ganze Flotte der U. S. Navy, darunter ein Lazarettschiff, wurde mobilisiert. Bush setzte zum ersten Mal einen nach den Anschlägen des 11. September 2001 entwickelten nationalen Krisenplan in Kraft.
Aber der Weg der Hilfskräfte ins Katastrophengebiet ist lang, zu wenige standen bereit, um sofort nach dem Sturm zu helfen. 500 Reservisten der Küstenwache etwa, Experten für die Rettung aus Wassernot, wurden erst am späten Dienstagnachmittag mobilisiert.
6800 Soldaten der Nationalgarden von Mississippi und Louisiana kämpfen im Irak - und es sind ausgerechnet die bestausgerüsteten Einheiten, mit modernem Kommunikationsgerät und hoher Einsatzbereitschaft. Amerikas traditionell wichtigste Truppen für den Kampf gegen Naturkatastrophen sind so ausgedünnt, dass Gouverneure das Pentagon schon vor Monaten warnten, sie würden bei Naturkatastrophen fehlen. Zehntausende Gardisten aus allen Landesteilen sollen jetzt anrücken. "So wie die Dämme brechen, droht auch die Truppe zu zerbrechen", warnte Senator Lindsey Graham, ein Parteifreund des Präsidenten.
"Prähistorisch" nannte ein Reporter des Fernsehsenders CNN vorigen Freitag die Lebensbedingungen der Zehntausenden, die Ende vergangener Woche weiterhin auf ihren Abtransport aus der versunkenen Stadt warteten. Noch immer hatten sie kaum Wasser, keinen Strom, kein Essen.
Viele Einwohner waren der Zwangsevakuierung von New Orleans nicht gefolgt, weil sie einfach nicht wussten wohin.
Evakuierung heißt in den USA: Rette sich, wer kann. Wer ein Auto besaß, floh über die Ausfallstraßen nach Norden. Wer Geld hatte, kaufte sich gleich ein Flugticket. Alle anderen hatten Pech. Öffentliche Notunterkünfte standen vor dem Sturm nur in halbwegs ausreichender Anzahl zur Verfügung.
Die Flucht wurde so zur Klassenfrage, zum "survival of the fittest". Bill Rau, 45, Inhaber eines Juweliergeschäfts für Diamanten und Uhren aus dem 18. Jahrhundert im French Quarter, kaufte für 3000 Dollar sechs First-Class-Tickets nach Dallas. John Higgins, 49, irrte mit einem Transistorradio und einer Tüte Instantkaffee noch durch die Innenstadt, als bereits Windböen
und starker Regen eingesetzt hatten. Die Obdachlosenunterkunft, in der er sonst schläft, war geschlossen. So landete Higgins im Superdome, den Bürgermeister Nagin zur sicheren Unterkunft erklärt hatte.
Der gigantische Betonbau, in dem etwa 25 000 Flüchtlinge wie in einer riesigen Arche Noah Unterschlupf fanden, erwies sich als gigantische Menschenfalle. "Katrina" riss Löcher in die Kuppel, Teile stürzten ins Innere. Durch die Öffnungen peitschte der Regen, das Wasser stürzte Treppen und Fahrstuhlschächte hinunter. Obwohl die Arena schon vor Jahren als Zufluchtsort im Katastrophenfall bestimmt worden war, hatten die Behörden weder ausreichend Wasser, Essen oder Decken eingelagert.
Schnell fiel der Strom aus, Notgeneratoren schafften es gerade noch, ein spärliches Dämmerlicht zu erzeugen. Ohne Klimaanlage wurde es drückend heiß, die Toiletten liefen über. "Auf so etwas sind wir nicht vorbereitet", rechtfertigte sich Superdome-Manager Doug Thornton. "Wir machen es hier den Menschen sonst nur für vier Stunden sehr angenehm."
"Wir waren so dankbar, und jetzt sind wir in der Hölle", versucht Rochelle Montrel ihre Flucht in die Riesenarena zu beschreiben. Weiter oben in den höchsten Rängen, wo es besonders dunkel war, drückten sich Gangmitglieder und Junkies herum, hier liefen Gerüchte über Vergewaltigungen und Mord um. Nichts davon ist wahr, wiegelte die Polizei ab. Wirklich? "Ich wäre lieber im Irak als hier", machte sich ein fassungsloser Soldat der Nationalgarde Luft.
Es war ein spätes Eingeständnis, dass die riesige Fußballarena als Zufluchtsstätte eben doch nicht taugt, als am vergangenen Mittwoch die Evakuierung der Evakuierten begann. Mit Bussen wurden sie in den Astrodome im 350 Meilen entfernten Houston geschafft. Sobald die Fahrzeuge vor der Halle auffuhren, wurden sie von Verzweifelten gestürmt. Fast alle Flüchtlinge, die in Houston ankamen, litten nach Angaben des Roten Kreuzes wegen Wassermangel an Dehydratation. Am Donnerstag musste die Aktion unterbrochen werden, weil es vor der Halle zu Schießereien und gewalttätigen Ausschreitungen gekommen war.
Noch weit schlimmer ging es nach Angaben von Augenzeugen in einer zweiten Evakuierungsstätte, dem Convention Center von New Orleans, zu. Ohne jede Vorräte und einen einzigen Offiziellen harrten dort vergangene Woche noch Tausende aus. Die Bilder der Kamerateams, die sich zumindest tagsüber in die Anarchie der Wasserwüste von New Orleans wagten, zeigten Tote, die an Erschöpfung und Wassermangel gestorben waren.
Jeder hätte die Stadt verlassen können, weist Louisianas Gouverneurin Kathleen Blanco die immer lauter werdenden Vorwürfe über das stümperhafte Krisenmanagement zurück. Aber erst am vergangenen
Mittwoch begannen die Behörden damit, die über 7000 Insassen der städtischen Gefängnisse zu verlegen. Da schwappte schon überall das Wasser auf den Gängen.
Dass im Superdome der Strom ausfallen würde, wussten die Behörden, bevor der Sturm das Land erreicht hatte. Die Stromversorgung der USA ist berüchtigt. "Wir haben das Stromnetz eines Drittweltlandes", höhnte Bill Richardson, früher Energieminister unter Bill Clinton. Die Stromleitungen hängen an antiquierten Holzmasten, die Kabel unterirdisch zu verlegen kostet ein Vielfaches. Bereits ein Schneesturm oder ein mittleres Gewitter garantieren in manchen Regionen tagelange Stromausfälle. Wann die Golfküste wieder ans Netz geht, weiß niemand. Die Energieunternehmen wagen nicht einmal eine Schätzung.
8000 Meilen Leitungen gelten als zerstört oder reparaturbedürftig. So flächendeckend ist der Blackout in Mississippi und Louisiana, dass ganze Landstriche, die vom Sturm weitgehend verschont blieben, inzwischen ebenfalls zu den Katastrophengebieten gezählt werden müssen. Supermärkte haben geschlossen. Was überhaupt noch verkauft wird, geht nur gegen bar über den Ladentisch. An Tankstellen wird der rationierte Sprit von Hand abgefüllt. Zumindest die Krankenhäuser, Feuerwehr- und Polizeistationen, versprechen die Elektrizitätsunternehmen, sollen möglichst schnell wieder ans Netz gehen.
"Wir hätten besser vorbereitet sein sollen", gesteht Louisianas Senatorin Landrieu bitter. Über die Fehler müsse man reden, aber bitte erst, wenn die Menschen aus ihrer Todesnot befreit sind. "Eigentlich sollte eine solche Katastrophe doch das Beste im Menschen hervorrufen", meint fassungslos Gouverneurin Blanco. "Und jetzt sehen wir das Schlimmste." Den Plünderern drohte sie, aus dem Irak heimkehrende Nationalgardisten sofort auf den Straßen von New Orleans einzusetzen: "Sie sind es gewohnt, zu schießen und zu töten."
Statt Menschen zu retten, mussten auf Befehl von Bürgermeister Nagin 1500 Polizisten gegen schießwütige Kriminelle vorgehen. Louisianas Staatspolizei hat Sondereinheiten mit Panzerwagen entsandt, die noch am Wochenende auf den Straßen von New Orleans patrouillierten.
Es könnte Monate dauern, bis das Wasser aus allen Teilen New Orleans' abgepumpt ist. Frühestens in vier Monaten, sagt Bürgermeister Nagin, könnten die Bewohner zurückkehren - oder jedenfalls in das, was dann noch steht. Die Fema prüft Pläne, die Flüchtlinge zunächst in Zeltstädten oder auf Kreuzfahrtschiffen unterzubringen.
Aber was werden die Menschen aus New Orleans und all den anderen verwüsteten Regionen dann vorfinden? Viele Arme besitzen nicht einmal eine Versicherung. Wer am wenigsten hat, hat am meisten verloren.
"New Orleans kommt wieder auf die Beine", versprach Präsident Bush mit dem ihm eigenen Optimismus. Am vorigen Freitag bereiste er das Krisengebiet im Hubschrauber und gab etwas kleinlaut zu, dass der verzögerte Beginn der Hilfe "nicht akzeptabel" gewesen sei. Bürgermeister Nagin wütete seinem Präsidenten hinterher, er solle nicht immer nur großzügige Hilfe versprechen: "Erzählt mir nicht, dass 40 000 Helfer kommen werden. Sie sind nicht hier." Und ebenso erbittert begann die Diskussion um den latenten Rassismus, das alte schmutzige Geheimnis des Südens: Wäre die Hilfe genauso verspätet eingetroffen, wenn die Überlebenden weiß gewesen wären, fragten prominente schwarze Politiker.
Die Kürzungen beim Deichschutz und die Stümperei der Bundesbehörden werden auch weiterhin für Streit sorgen. Umso wichtiger ist es für Bush, dessen Umfragewerte schon vor "Katrina" auf einem Tiefststand angekommen waren, jetzt Stärke zu zeigen. "Führungskraft dringend gesucht", mahnte die "New York Times" den Präsidenten vergangene Woche.
Viel Geld aus Washington für den Wiederaufbau ist unvermeidlich, auch wenn der US-Etat wegen des Irak-Kriegs schon heute ein Rekorddefizit verzeichnet. 14
Milliarden überwies die Regierung im vergangenen Jahr nach einer Serie von Hurrikanen nach Florida, wo Bush-Bruder Jeb regiert. "Katrina" wird sehr viel teurer werden. 10,5 Milliarden Dollar hat der Kongress bereits als Soforthilfe gebilligt. Bis zu einem halben Prozent könnte das US-Bruttoinlandsprodukt wegen des Hurrikans in diesem Jahr zurückgehen, mutmaßen Experten.
Schon heute diskutieren Geologen, Meteorologen und Stadtplaner, ob New Orleans angesichts drohender Mega-Wirbelstürme überhaupt noch eine Zukunft hat. Das Mississippi-Delta, das die Stadt zum Meer hin schützt, schrumpft durch Erosion immer weiter. Alle zwei Stunden geht ein Hektar verloren. Jedes Jahr sinkt New Orleans zudem acht Millimeter tiefer in den Grund, weil das Auspumpen der Stadt auch jenen Torfschichten das Wasser entzieht, auf denen die Stadt errichtet wurde.
Hunderte Kilometer Kanäle haben Stadtväter und Ölmultis durch das Delta ziehen lassen, über ein Renaturierungsprogramm für die Küste von Louisiana streiten Experten und Politiker schon seit über einem Jahrzehnt. "Küste 2050" heißt ein ehrgeiziger, 14 Milliarden Dollar teurer Plan, der 1998 verabschiedet wurde, nachdem der Hurrikan "Georges" im letzten Moment kurz vor der Stadt nach Osten abdrehte. Verwirklicht wurde davon bis heute kaum etwas.
Um New Orleans zu schützen, sollte es wirklich aus den Fluten neu entstehen, sind riesige Dämme und Fluttore geplant, welche die Naturgewalten in den nächsten Jahrzehnten bändigen sollen.
Noch ist nicht sicher, ob "Big Easy" diesen Kampf womöglich doch noch verliert. Wäre dann wirklich alles vorbei - der Karneval, inszeniert als trotziger Traum voll lasziver Lebenslust? Der Hauch von Jazz und Blues und Sünde, der durch die kleinen Nebenstraßen der Bourbon Street wehte? Der Waschsalon mit integrierter Kneipe, die Teestube mit dem Wahrsager-Service, die Bäckerei für Hunde, die auch Katzenkekse verkauft, die Whiskeyseligkeit des Stadtteils Storyville mitsamt der Belle Epoque des legendären Fotografen Ernest James Bellocq - alles versunken, um nie mehr aufzutauchen?
In diesen Tagen wirkt nur noch nostalgisch, was William Faulkner einst über sein New Orleans geschrieben hat: "Und wer immer dieser Kurtisane treulos wird, er kehrt zurück, wenn sie lächelt überm matten Flügelschlag ihres Fächers."
Einfach nur traurig klingt, was New Orleans' anderer großer Fan Tennessee Williams über diese Stadt von sich gab, in "Endstation Sehnsucht" mit der Stimme seiner Blanche DuBois: "Lieben Sie nicht auch diese langen regnerischen Nachmittage in New Orleans, wenn eine Stunde keine Stunde ist, sondern ein Stückchen Ewigkeit ...?" ERICH FOLLATH, HANS HOYNG,
GEORG MASCOLO, STEFAN SIMONS
Von Erich Follath, Hans Hoyng, Georg Mascolo und Stefan Simons

DER SPIEGEL 36/2005
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