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DER SPIEGEL

Sklavenaufstand in New Orleans

Schlägereien, Plünderungen, Verzweiflung über Hilfe, die nicht kommt: Das überflutete New Orleans erlebt einen Sturm nach dem Sturm. Der Hurrikan „Katrina“ hat nicht nur Häuser zerstört, sondern auch die Mauern der Gesellschaft. Von Alexander Osang
Als die Meteorologen den Weg des Sturmes "Katrina" ein vorletztes Mal korrigierten, berieten Loren und Jeanette Vaughn, ob sie New Orleans verlassen sollten. Es war nur eine kurze Beratung beim Frühstück. Eigentlich hatten sie nie ernsthaft darüber nachgedacht zu fliehen. Sie folgten ihrem gewöhnlichen Sturmplan. Jeanette arbeitet als Krankenschwester auf der Säuglingsstation im Methodist Hospital. Es ist ein siebenstöckiges Steinhaus in der oberen Hälfte von New Orleans, sturmsicher. Ihr Mann Loren und die beiden Kinder Andrew und Jessica würden sie dorthin begleiten, den Sturm aussitzen und wieder in ihr Haus zurückkehren.
So machen sie es eigentlich immer, wenn ein Sturm nach New Orleans kommt.
Sie packten ihre Wertsachen sowie Wäsche und Lebensmittel für eine Woche in ihre beiden Autos, den Chrysler Van von Jeanette und den Ford Truck von Loren, und parkten sie in der sechsten Etage des Parkhauses, das dem Krankenhaus direkt gegenüber liegt. "Katrina" konnte kommen.
Der Sturm war heftiger als alle Stürme, die sie bislang erlebten, er tobte eine ganze Nacht lang und blies ein paar Krankenhausfenster aus ihren Rahmen, aber dann kehrte wieder Ruhe ein.
Am Dienstag brach der Damm und flutete die Stadt. Das Wasser füllte die Keller und den gesamten ersten Stock des Krankenhauses und es bedeckte den Boden der zweiten Etage. Die beiden Autos auf der anderen Straßenseite waren plötzlich unerreichbar. Die Kinder begriffen, dass die Schule nun doch etwas länger ausfallen würde, und richteten sich zusammen mit ihren Eltern im Schwesternzimmer ein. Loren versuchte herauszubekommen, was mit seinem Haus passiert war, aber sie waren von den Nachrichten dort draußen abgeschnitten.
Es beunruhigte sie, doch letztlich waren sie versichert, die wichtigsten Dinge lagerten in den Autos, und die Welt schien noch in den Fugen. Der Katastrophenbewältigungsapparat begann zu arbeiten. Am Dienstag landeten Helikopter auf dem Dach des Methodist Hospitals und flogen die 13 kranken Säuglinge, die auf Jeanette Vaughns Station betreut wurden, nach Baton Rouge. Jetzt waren nur noch Ärzte, Schwestern und deren Familien im Krankenhaus.
Sie blieben eine weitere Nacht und einen Tag, nicht beunruhigt, nur etwas ungeduldig.
Am Mittwochmorgen dann legten endlich die ersten Boote am Krankenhaus an, um das Personal zu evakuieren. Sie wurden von Zivilisten gesteuert, was alle ein bisschen wunderte, irgendwie hatten sie mit der Nationalgarde gerechnet. Familien mit Kindern waren die Ersten, die herausgebracht wurden. Das Boot fuhr durch die Straßen von New Orleans, die zu Kanälen geworden waren, in Richtung Downtown, das wie eine Insel in der überfluteten Stadt lag. Dort wartete ein Bus auf sie, es war ein Tourbus des Zoos von New Orleans, aber wenigstens trug der Fahrer eine Polizeimarke an der Brust. Er brachte sie zum Convention Center, einem grünlich verspiegelten Veranstaltungspalast in der Mitte der Stadt. Dort würden sie demnächst von Bussen abgeholt, die sie nach Texas brächten, sagte der Fahrer seinen Passagieren noch, bevor er sie verließ.
Es wurde dunkel, als er die 32 Leute aus dem Krankenhaus vor dem Convention Center absetzte, wo sich bereits Tausende Menschen versammelt hatten. In der Dämmerung bekamen sie erst gar nicht mit, dass sie fast die einzigen Weißen waren. Sie liefen bis zum Ende des riesigen Gebäudes, stellten sich vor den Aufgang J und warteten auf die Busse, die sie in Sicherheit bringen würden.
24 Stunden später steht Loren Vaughn auf dem Parkplatz vor dem Convention Center. In seinem Rücken springen ein paar schwarze, junge Männer auf der Kühlerhaube eines verlassenen Polizeiwagens herum. Der Polizeiwagen hat keine Räder mehr, die schwarzen Jungen scheinen sehr wütend zu sein. Loren Vaughns Gesicht ist blutleer, in seinem Blick kann man nicht mehr erkennen, dass er noch vor ein paar Tagen ein nüchterner Software-Entwickler war. Sie haben seine Familie im Auge eines Sturmes abgesetzt, mit dem er nicht gerechnet hatte. Niemand scheint damit gerechnet zu haben.
Als sich "Katrina" längst im Norden Amerikas aufgelöst hatte, begannen Journalisten, Politiker und alle anderen Experten auf dieser Welt zu rätseln, was eigentlich passiert war. Sie sahen auf die zerfledderten Häuserfassaden, die schwimmenden Autos, sie hielten ihre Nasen in den süßlich-staubigen Geruch aus Verwesung und Schutt und suchten nach Vergleichen. Aber weder der 11. September 2001 noch der Tsunami vom vergangenen Dezember genügten wirklich, um die Situation im Süden der USA zu beschreiben.
Präsident Bush sagt, es sei die schlimmste Katastrophe, die Amerika je getroffen habe. Er könnte Recht haben, aber wenn man sich New Orleans auf dem Pfad nähert, den "Katrina" geschlagen hat, begreift man, dass es nicht die gefluteten Straßen und die zerschmetterten Holzhäuser allein sind, die diesen Eindruck erzeugen.
Es ist, als habe der Sturm die Mauern zwischen Schwarz und Weiß und Oben und Unten weggeblasen.
In Biloxi, Mississippi, wohin "Katrina" in einer letzten Laune drehte, zerriss der Sturm die Fassade aus Hotels und Casinos, die an den Golfstrand gebaut wurden und warf ein Licht auf die Hütten der alteingesessenen Bewohner der Stadt. Nur 300 Meter von der gerade errichteten Riesengitarre des "Hard Rock"-Casinos liegen kleine Straßen mit wackligen Holzhütten, die man sicher übersehen hätte, wenn die Leuchtreklamen flackerten.
Aber jetzt sind die Hotels verwaist, natürlich, und man sieht Menschen durch die schmalen Straßen laufen, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Ihre Häuser und Gesichter sehen nicht aus, als habe sie nur der Sturm zerzaust. Es sind arme Menschen, fast alle sind schwarz. Sie wühlen im Müll oder sitzen einfach auf ihren Veranden und warten, dass irgendetwas passiert.
In den ländlichen Gebieten Mississippis und Alabamas zersägen Männer Bäume, die auf die Straßen fielen, helfen sich, wie es Amerikaner tun. Manchmal sieht man selbstgemalte Schilder, die darauf hinweisen, dass Plünderer ohne zu zögern erschossen werden. In diese Weite hat "Katrina" eine schlimme Spur gezogen, aber in diese Welt kann wieder Ruhe und Ordnung einkehren. Dieser Eindruck verliert sich, je näher man New Orleans kommt.
Die Handys hören auf zu funktionieren, aus dem Autoradio sickern immer neue Todeszahlen, die Interstate 12, die auf Stelzen durch das Marschland führt, ist so autoleer wie die Straßen in Pjöngjang. Es scheint, als erreiche man gleich das Ende der Welt. Auf der Gegenfahrbahn kommen ab und zu Busse, die Menschen aus der Stadt bringen, Busse auf den "Heartland" oder "Christian Tours" steht. Es sind nicht viele.
Der westliche Teil der Stadt ist trocken und menschenleer. Das erste Flüchtlingslager liegt unterhalb des Causeway im
Westteil von New Orleans. Unter der zweispurigen Autobahn, hocken, von Metallzäunen begrenzt, etwa 5000 Menschen. Die meisten sind schwarz, vielleicht denkt man deshalb an ein afrikanisches Flüchtlingscamp oder an einen Sklaventransport. Vor den Metallzäunen stehen Polizisten und Soldaten. Es ist heiß, es stinkt nach Urin und Schweiß. Manchmal fällt jemand hinter den Metallzäunen um, dann streifen sich zwei Soldaten Gummihandschuhe und Gesichtsmasken über und betreten das Gehege, um die ohnmächtige Person herauszuziehen. Von außen geben zwei weitere Soldaten Feuerschutz.
Immer wieder kommen Pritschenwagen und bringen neue Obdachlose auf das Rasenstück, das vom Highway beschattet wird. Überall in der Stadt, heißt es, hocken noch Leute auf Häusern, sind auf Dachböden eingeschlossen, von Ruinen begraben, treiben tot im Wasser. Der Bürgermeister sagt, er rechne mit Tausenden Toten. 80 Prozent von New Orleans sind überschwemmt, in viele Gebiete sind die Rettungskräfte noch gar nicht vorgedrungen.
Am Donnerstagnachmittag kommen Charlestine White und ihre zehnköpfige Familie hier unterm Causeway an. Ihre beiden Söhne, drei Brüder und die Enkelkinder klettern von der Pritsche. Sie haben drei Tage auf dem Dach von Charlestines Haus gewartet, in das sie ein Loch schlugen als das Wasser stieg. Das Haus ist hinüber, ihre Autos auch. Charlestine sieht müde aus. Sie ist 47 Jahre alt, sie ist hier geboren. Hat sie nie daran gedacht, die Stadt zu verlassen als die Flut kam?
Charlestine starrt, vielleicht denkt sie über eine Antwort nach, vielleicht nicht.
August Turner, ihr jüngerer Bruder, hilft. "Wir konnten uns das nicht leisten", sagt er.
Was heißt das?
"Wo sollen wir denn hin?", fragt er.
Dann öffnen zwei Soldaten das Eisengitter und lassen die zehnköpfige Familie hinein. Die beiden Kinder sinken auf den schmutzigen Rasen.
Wo wollen sie denn hin?
August Turner, jetzt auf der anderen Seite des Zaunes, sagt, dass die Busse sie nach Texas bringen werden, in den Astrodome in Houston. Texas klingt wie das gelobte Land. Allerdings sieht man, abgesehen von einem alten, gelben Schulbus, keine Busse. Die Soldaten wissen auch nicht, wo die Busse sind, die ihnen versprochen wurden. Vielleicht in Downtown, sagen sie, am Superdome oder am Convention Center. Sie zeigen auf die Hochhäuser am Horizont. Sie wissen nicht, wie man dort hinkommt, dazwischen liege ja das Wasser. Sie würden es auch nicht empfehlen. Die Leute Downtown drehen durch, sagen sie. Es werde geschossen, dort.
Es ist schwer, sich in New Orleans zu orientieren, alle Straßen enden irgendwann im Wasser.
In der Jefferson Avenue irrt eine ältere Dame herum. Sie heißt July Hacker und arbeitet bei "Home Depot". Sie hat zwei Tage auf ihrem Hausdach gesessen, dann haben sie die Männer mit dem Boot geholt und hier in der Nähe abgesetzt. Welche Männer?
"Irgendwelche Männer, ganz normale Jungs", sagt sie. Und dann: "Haben Sie vielleicht irgendetwas zu essen für mich? Ich habe solchen Hunger."
July Hacker weiß nicht, wie sie nach Downtown kam, sie weiß nicht einmal, wo sie gerade ist.
Ein paar Straßen weiter, in einem stillen Viertel im Süden von New Orleans, steht ein Mann mit einem roten Holzboot. Die Straßen sind leer, die viktorianischen Häuser verlassen, es gibt nur den Mann mit dem roten Boot und in der Ferne ein Geräusch, das sich aus Polizeisirenen und Hubschrauberbrummen mischt. Der Mann heißt Jimmy Dallaree, er wirkt nicht besonders aufgeregt, eher gelassen, er könnte ein Weiser sein, auch, weil er eine Botschaft hat.
Amerika, sagt er, sei ein gutes Land, aber Bush sei ein Arsch. Wo sei denn die Armee, jetzt, wo man sie brauche? New Orleans gehe unter, weil die Kultur zusammenbreche. Es sei kein Problem von uns Weißen, sagt er. Er sagt, dass er kein Rassist sei, aber wenn er eine Waffe hätte, würde er diese Wahnsinnigen in der Innenstadt, diese Plünderer und Kriminellen, erschießen. Er sagt, dass er im Immobiliengeschäft tätig sei. Und dann fragt er noch, ob wir ein bisschen Benzin haben. Er müsse seine Tante aus der Stadt bringen.
Jimmy Dallaree weiß einen Schleichweg in die Stadt. Er führt durch den verlassenen Zoo. Man würde sich nicht wundern, wenn plötzlich Elefanten und Giraffen aus dem kleinen Park mit den zotteligen Bäumen brechen würden. Hinter dem Zoo führt eine lange, gerade Straße in die Stadt. Gelegentlich schießen Polizeiautos vorbei, die scheinbar planlos durch die leere Stadt kurven. Ab und zu begegnen uns verwirrt aussehende Menschen, einige schieben Einkaufswagen vor sich her. Wie so oft denkt man im Angesicht von Katastrophen an
Filme, in diesem Fall sind es Zombiefilme, in denen Untote über die Straßen stolpern, Leute, die nichts mehr zu verlieren haben und deswegen so bedrohlich wirken.
In der Innenstadt sind mehr Menschen unterwegs, und ihre Einkaufswagen werden voller. Einige gehen zu Fuß die steil ansteigende Hochstraße hinauf, die aus der Stadt führt - der Chef des Heimatschutz-Ministeriums hat das empfohlen. Es sind nicht viele, was nicht verwunderlich ist, weil die nächste bewohnbare Stadt etwa 60 Meilen entfernt liegt. Die meisten Menschen pendeln zwischen dem Superdome, in den während des Sturmes viele Bewohner der Stadt flüchteten, und dem Covention Center hin und her, wo sich im Moment die meisten Obdachlosen versammelt haben. Etwa 10 000 Menschen warten hier auf Busse. Sie stehen wie eine Wand vor dem langgestreckten, verspiegelten Gebäude. Es ist eine schwarze Wand, nur ganz am Ende gibt es einen kleinen, weißen Fleck. Das sind die 32 Flüchtlinge aus dem Methodist Hospital, jenem Krankenhaus, in dem Jeanette Vaughn als Säuglingsschwester arbeitet.
Aus der Gruppe der Weißen löst sich ein Paar. Der Mann trägt ein hellblaues Poloshirt eines Benefiz-Golfturniers, die Frau einen Sticker, der sie als Krankenschwester Renee Rydyck ausweist. Sie weint.
"Sie haben uns hier einfach zurückgelassen", flüstert sie. "Zwischen diesen Leuten. Ich bin keine Rassistin, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber die bringen uns doch um, heute Nacht bringen die uns um. Wir stehen doch für alles, was die hassen."
Der Mann, Dale Bernard, legt die Hand auf die Schulter der Frau. Er sagt, dass der Polizist, der sie hierher brachte, versprach, dass sie sofort abgeholt würden.
"Das war vor 24 Stunden. In der Nacht kamen dann auch zehn Busse, aber die Leute hier versuchten, sie zu stürmen, da sind die Busfahrer einfach wieder abgefahren. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Die hatten ja nicht mal Polizeischutz, gar nichts. Das waren nur einfache Busfahrer. Heute Vormittag hat ein Helikopter mit Wasser und Nahrungspaketen versucht, hier zu landen, aber die Menge hat ihn mit Steinen beworfen, da ist er wieder nach oben geflogen, und hat ein paar Kisten aus der Luft abgeworfen. Mittags ist dann noch einmal eine Armeeeinheit gekommen, um für Ruhe zu sorgen. Aber die sind vom Mob vertrieben worden. Seitdem ist nichts passiert. Sie haben uns hier einfach allein gelassen. Oder sehen Sie hier irgendjemanden?"
Er schaut sich vorsichtig um. Es gibt keinen einzigen Polizisten, keine Hilfskräfte, keine Lebensmittel, nur einen kaputten Polizeiwagen an dem ein paar schwarze Jungs ihre Wut auslassen und einen Helikopter, der darüber kreist. Dale Bernard erzählt, dass im Gebäude sechs Tote lägen. So viele zumindest habe er gezählt. Mindestens zwei der Toten seien in der letzten Nacht erschossen worden.
"Einen haben sie in einem Einkaufswagen vor dem Convention Center entlanggeschoben. Immer hin und her. Wie eine Jagdtrophäe. Die meisten sind betrunken, sie haben Schnaps aus den umliegenden Geschäften geplündert und versuchen, ihn sich untereinander zu verkaufen. Es gibt ständig Schlägereien, und viele sind bewaffnet. New Orleans hat eine der höchsten Kriminalitätsraten in Amerika. Es ist, als hätten sie uns hier auf einer Gefangeneninsel abgesetzt", sagt Bernard.
Er ist mit seinen Kindern und seiner Schwägerin in der Gruppe der Flüchtlinge aus dem Methodist Hospital, auch Jeanette Vaughn, die Säuglingsschwester, gehört zur Gruppe der Wartenden, zusammen mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern Andrew und Jessica.
"Bitte holen Sie uns hier raus", flüstert ihr Mann Loren. "Meine Tochter ist total dehydriert. Wir sterben hier heute Nacht. Die Leute werden doch immer nervöser."
Sie schauen ängstlich auf den Glaspalast zurück, wo es ein paar Prügeleien gibt.
Die Menschenmenge vorm Convention Center scheint zu vibrieren.
"Bitte, helfen Sie uns", sagt Loren Vaughn.
Wieso gehen Sie nicht einfach weg von hier? Zu Fuß.
"Wissen Sie, wie gefährlich das hier ist?", sagt er und zeigt auf einen flachen Häuserblock auf halber Strecke zum Superdome. "Von dort drüben haben sie heute auf einen Helikopter geschossen. Und die Soldaten schießen irgendwann auch zurück. Überall in den Straßen hocken diese Verrückten. Wenn ich loslaufen würde, wäre das, als zöge ich mit meinen Kindern in den Krieg."
Aus der schwarzen Wand lösen sich ein paar Menschen. Renee Rydyck und Dale Bernhard ziehen sich zurück, als hätten sie Angst weiterzureden. Loren Vaughn wispert, er würde mit seiner Frau und den Kindern an der Straßenecke auf uns warten, dann verschwindet auch er. Ein älterer, dunkelhäutiger Mann bittet uns, die Medien zu informieren, die Leute hier befänden sich "auf der Kippe". Ein Jugendlicher brüllt, dass er nicht fotografiert werden möchte, eine betrunkene, tätowierte Frau versucht, ins Auto zu klettern. Wir lassen die Fenster hochsurren und fahren langsam an der Wand der wartenden Menschen vorbei, los. Es ist jetzt fast dunkel. Jemand brüllt uns etwas hinterher, die meisten aber schauen nur gelangweilt.
Die 32 gestrandeten Mittelständler aus dem Methodist Hospital sind mitten in dem Sturm gelandet, der nach dem Sturm in der Innenstadt von New Orleans tobt. Der Hurrikan hat sie auf die falsche Seite ihrer Stadt getrieben, die schwarze Seite. Die Käfige von New Orleans sind aufgegangen, und der Staat bekommt sie nicht mehr zu. Bürgermeister Ray Nagin forderte von seiner Regierung in einem Interview: "Kriegt endlich den Hintern hoch, und helft uns, die gottverdammt schlimmste Krise in unserem Land zu lösen." Einen Tag später kommt Bush und verspricht, das zu tun. 1400 zusätzliche Mitglieder der Nationalgarde werden in die Innenstadt geschickt, um die Situation am Convention Center zu klären. Sie werden den Käfig verriegeln, egal, was es kostet. Aber das beunruhigende Gefühl, dass die Probleme hier nicht nur mit Wind und Wasser zu tun haben, wird bleiben.
An der Straßenecke schiebt Loren Vaughn seine Frau Jeanette und ihre
beiden Kinder auf die Rücksitze unseres Autos.
Der Junge ist neun, das Mädchen sechs. Sie sehen verwirrt aus. Jeanette Vaughn weint, sie will ihre Kolleginnen aus dem Krankenhaus nicht im Stich lassen, sagt sie. Sie fühle sich wie eine Verräterin. Ihr Mann sagt, er müsse seine Familie beschützen. Auf ihren Knien haben sie vier Beutel mit den Sachen, die sie aus dem Methodist Hospital mitnehmen durften, als man sie abholte.
Wir fahren die Auffahrt zur Hochstraße hinauf, vorbei an ein paar versprengten Trecks, die zu Fuß in die Nacht steigen. Manche greifen nach unserem Auto. Oben auf der Hochstraße fährt eine Kolonne von Polizeiwagen, in vielen Autos sitzen Leute in Zivil, die Maschinenpistolen auf dem Schoß haben.
"Können Sie sich nicht um die Leute dort unten kümmern?", fragen wir einen Mann in einer schwarzen Uniform, der am Straßenrand mit drei weiteren schwarzgekleideten Soldaten in einem Truck sitzt.
"Wir bewachen hier einen Benzintransport", sagt er und nickt zu einem Tanklastzug, der an uns vorbeirollt. Dann wendet er sich wieder einer riesigen schwar-zen Rauchwolke zu, die am Stadtrand aus einem Fabrikgebäude steigt. Loren Vaughn entspannt sich unter dem überraschend großen Polizeiaufgebot sichtlich, er merkt, dass er hier oben, hoch über der Stadt, wieder ein Netz für sein Handy hat. Er ruft seine Schwester in Lafayette an und verabredet sich mit ihr in einem "Best Western"-Hotel außerhalb von New Orleans. Er rutscht langsam wieder in seine Klasse zurück, ins alte Leben, er fühlt sich wieder sicher, der Sturm ist endlich vorbei, die Kinder schlafen gleich, nur seine Frau weint noch.
Es ist jetzt total dunkel, allein die flackernden Lichter der vielen Polizeiwagen blitzen hier oben heimelig in die Nacht. New Orleans liegt da unten wie ein schwarzes Loch.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 36/2005
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