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DER SPIEGEL

„Ich werde Ihnen Aspirin verkaufen“

SPIEGEL: Majestät, Sie haben das Ende der Ära proklamiert, in der die Industrienationen durch billiges Erdöl zu enormem Wohlstand gelangten. Den westlichen Ländern haben Sie empfohlen, den Gürtel enger zu schnallen. Bedeutet dies, daß die erdölfördernden Länder von nun an über das Schicksal der westlichen Welt entscheiden?
SCHAH: Niemand kann über das Schicksal eines anderen entscheiden. Ich bin der Meinung, daß wir in der Vergangenheit durch die Kolonialmächte, durch die kapitalistische Welt ausgebeutet worden sind. Das war unsere eigene Schuld. Wenn wir rückständig waren, war das unsere eigene Schuld. Wir haben nicht über Ihr Schicksal entschieden. wir wollten nur zum Ausdruck bringen, daß Sie Ihren Lebensstandard nicht aufrechterhalten können, indem Sie nichts tun, indem Sie in vielen Fällen sogar völlig grundlos streiken und dabei manchmal noch mehr verdienen, als wenn Sie arbeiten. Nur das haben wir sagen wollen.
SPIEGEL: Sie meinen also, daß die Ära der Überflußgesellschaft nicht fortbestehen kann, wenn der Westen nicht härter arbeitet und nicht stärker darangeht, seine eigenen Energiequellen zu erschließen?
SCHAH: Genau, genau, und auch. daß Sie Ihr Haus in Ordnung bringen müßten. Das ist außerhalb jeder Diskussion.
SPIEGEL: Welche Grundhaltung sollten die Industrienationen Ihres Erachtens einnehmen?
SCHAH: Andere Energiequellen nutzbar zu machen. Warum beuten Sie nicht Ihre Kohlevorhaben aus? Sie reden von Umweltverschmutzung, warum konzentrieren Sie dann soviel Industrie in Ihrem Land? Es ist zuviel für den Raum. den Sie haben. Ich lade Sie ein, in mein Land zu kommen, wo wir mehr als genug Raum haben für Fabriken. die entweder Kohle oder Öl verbrennen und damit Umweltverschmutzung verursachen. Sie sollten Öl als Brennstoff zum Heizen, zur Erzeugung von Licht oder elektrischer Kraft ersetzen -- das sollte man mit einer neuen Art von Energie tun, zum Beispiel mit Atomenergie. Ich hoffe, daß man Sonnenenergie oder eine andere Art der Energie sehr bald für diese Zwecke erschließen kann, etwa um Wasserstoff aus dem Wasser zu isolieren.
SPIEGEL: Einige der ölfördernden Länder haben versucht, das Öl als politische Waffe zur Erreichung konkreter politischer Ziele in der Konfrontation im Nahen Osten einzusetzen. Obwohl Sie einmal sagten, daß Sie Öl niemals als politische Waffe betrachten würden. erklärten Sie doch zur selben Zeit, die Vorherrschaft des Westens sollte durch die der Länder mit größeren Ölvorkommen ersetzt werden. Ist das nicht ein bei weitem ehrgeizigeres politisches Ziel?
SCHAH: Vorherrschaft über was? Ich habe niemals etwas derartiges gesagt; ich sagte, wenn Sie nicht mehr in der Lage wären, den Entwicklungsländern Hilfe zu gewähren, sollte diese Rolle dann von einigen der ölfördernden Länder übernommen werden -- nicht von meinem, denn wir sind ein Land von 32 Millionen. Aber einige dieser Länder sind so reich, daß sie nicht wissen, was sie mit dem Geld tun sollen. Das Geld sollte in eine internationale Körperschaft. etwa eine * Mit Walter Krups, Johannes K. Engel, Dieter Wild im Wiener Hotel "Imperial".
Art Bank. eingezahlt werden. Diese Länder könnten dann die Zinsen ihrer Einlagen kassieren. Die Bank könnte Projekte finanzieren, die Sie nicht mehr zu finanzieren vermögen.
SPIEGEL: Sind Sie der Ansicht, daß der Preis für Rohöl, wie Sie ihn jetzt festgelegt haben, der Preis der nächsten Jahre bleiben wird, oder meinen Sie, daß der Preis sogar noch weiter angehoben werden sollte?
SCHAH: Nun, das hängt davon ab, welche Art von Inflation Sie uns auferlegen wollen. Warum sollten wir an Kaufkraft unseres Öls einbüßen, das in 30 Jahren erschöpft ist, wenn wir es weiterhin auf die Weise verbrauchen wie bisher? Ich bin der Meinung, wir sollten es vielmehr für petrochemische Zwecke verwenden, für medizinische Zwecke, Eiweiß daraus herstellen und Nahrungsmittel mit mehr Kalorien und Vitaminen, so daß dieses Zeug erst in 300 Jahren versiegt.
SPIEGEL: Aber dennoch, die Preise steigen, und als Folge davon werden riesige Mengen westlicher Gelder in die ölfördernden Länder strömen, allein aus der Bundesrepublik in diesem Jahr schätzungsweise 30 Milliarden Mark. Wie können sie diese ungeheuren Kapitalmengen absorbieren?
SCHAH: Ich kann nur für mich sprechen. Wir werden investieren und alles in unserem Land ausgeben. Dies müssen wir sorgsam tun, um nicht zuviel Inflation zu erzeugen, und auch erst dann, wenn die Infrastruktur so weit gediehen ist, daß sie weitere Industrien aufzunehmen vermag. Das heißt, ehe wir nicht die Facharbeiter haben, könnten wir ebensogut im Ausland investieren.
"Wenigstens zwei oder drei Feiertage in der Woche."
SPIEGEL: Wir haben von Ihren Plänen gehört, in Ihrem Land eine Automobilindustrie zu gründen. Das erscheint uns seltsam in einer Zeit, in der beispielsweise die Automobilindustrie unseres Landes in Schwierigkeiten geraten ist, gerade wegen der Ölknappheit und der hohen Ölpreise. Womit sollen denn diese Autos betrieben werden, wenn die Ölvorräte erst einmal erschöpft sind?
SCHAH: Wir haben zwei gute Gründe für den Aufbau einer Automobilindustrie. Der eine ist, daß kein Land der Welt Stahl zum selben Preis produzieren kann wie wir, denn wir haben Eisenerz und Erdgas, womit wir Stahl zur Hälfte des Preises herstellen können, für den Sie ihn produzieren. Der zweite Grund sind die riesigen Entfernungen in unserem Land. Es ist ein bergiges Land, und man kann nicht überall ein Elektromobil benutzen. In zehn Jahren wird unsere Bevölkerung 45 Millionen betragen, in zehn Jahren werden wir über eine gewaltige Kaufkraft verfügen. Wir werden dann dasselbe Pro-Kopf-Einkommen haben wie Sie heute in der Bundesrepublik.
SPIEGEL: Möchten Sie Ihre Autos auch auf dem Weltmarkt anbieten?
SCHAR: Warum nicht? Denn wer könnte mit unseren Preisen konkurrieren?
SPIEGEL: Aber würde die dann bestehende Ölsituation nicht alle diese Pläne durchkreuzen?
SCHAH: Nicht in dem Ausmaß. Denn in den Städten werden die benzingetriebenen Autos durch elektrisch betriebene ersetzt, oder die Massenverkehrsmittel werden auf elektrischen Antrieb umgestellt. Einschienenbahnen werden betrieben oder Elektrobusse. Und überdies wird es in der großen Ära der Zivilisation, die vor unserem Volk liegt, wenigstens zwei oder drei Feiertage in der Woche geben.
SPIEGEL: Zwei oder drei Feiertage in der Woche?
SCHAH: Ja. Das muß kommen. Mit der Automation in der Industrie und dem Bevölkerungszuwachs muß das kommen.
SPIEGEL: Das könnte nur kommen als Ergebnis industrieller Zusammenarbeit auf internationaler Ebene. Welche Rolle könnte Deutschland dabei spielen?
SCHAH: Wir werden Sie willkommen heißen bei einem Gemeinschaftsprojekt für eine Raffinerie mit der Kapazität von 25 Millionen Tonnen und deren Produkte. Im Anschluß daran könnte zum Beispiel Hoechst sehr gut eine Milliarde Dollar in eine Fabrikanlage investieren, um herzustellen, was Hoechst bisher in Deutschland hergestellt hat oder was die Firma zusätzlich zu ihrer deutschen Produktion herstellen muß.
SPIEGEL: In der Vergangenheit haben Sie ja wohl Schwierigkeiten gehabt. mit deutschen Firmen zu Geschäftsabschlüssen zu kommen, zum Beispiel mit dem Volkswagenwerk. dem Sie vorgeschlagen hatten, eine Produktionsstätte in Ihrem Land zu errichten. VW war augenscheinlich nicht interessiert.
SCHAH: Die wären besser gekommen. Sie hätten einen Gewinn von fünf Prozent gemacht anstelle von dem, was sie heute erzielen.
SPIEGEL: Es hieß sogar, daß Daimler-Benz einmal vor dem Risiko zurückgeschreckt sei, auch nur zwei oder drei Millionen Mark zu investieren.
SCHAH: Das war für eine große Karosseriepresse.
SPIEGEL: Würden Sie sagen, daß die deutsche Industrie allgemein zu ängstlich war, in Ihrem Land zu investieren?
SCHAH: Nein, nein, sie war nicht zu ängstlich, in meinem Land zu investieren. Sie ist nur zu sehr daran interessiert, in ihrem eigenen Land zu investieren.
SPIEGEL: Wie steht es mit dem riesigen Erdgasgeschäft, das Sie den Ländern im Westen angeboten haben?
SCHAH: Wir bringen zwei weitere Versuchsbohrungen im Gebiet von Kangum nieder, und wenn diese Bohrungen unsere Erwartungen erfüllen, können wir gewiß sagen, daß wir von allen Ländern der Erde die größten Erdgaslager haben, da gibt es keinen Zweifel. Sie wären so groß. daß wir mühelos 40 Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Europa exportieren könnten.
SPIEGEL: Aber Projekte dieser Größenordnung können nur angefaßt werden. wenn die Wirtschaftskraft Ihrer Partner in Westeuropa nicht geschwächt wird. Nun wird aber gerade diese Wirtschaftskraft durch die abrupte Ölpreiserhöhung bedroht. Es wird Stagflation geben -- Inflation ohne Wachstum, Indem Sie der Industrie des Westens jetzt schaden, werden Sie ihren eigenen Plänen schaden.
SCHAH: Nein, denn zuerst einmal können wir eine ganze Menge des ölgeldes in diese westlichen Länder zurückpumpen, indem wir ihre Waren kaufen oder dort investieren.
SPIEGEL: Könnten Sie sich vorstellen, in Deutschland zu investieren, in Raffinerien, Tankstellen oder sogar der Automobilindustrie?
SCHAH: Das könnte ich schon, es kommt darauf an, was ich kriegen kann. Die petrochemische Industrie ist für uns interessant, nicht nur der Besitz von Tankstellen. Warum sollte ich nicht einige Bayer-Aktien kaufen?
SPIEGEL: Oder einige Aktien von Daimler- Benz oder Volkswagen?
SCHAH: So etwa, warum nicht? Und dasselbe gilt für die anderen europäischen Länder. Wir möchten mit der OECD verhandeln, es hängt von den Angeboten ab. die wir bekommen.
Ein Barrel sind 159 Liter
Und wenn man das ernsthaft betreibt, denke ich, daß wir diese Übergangszeit harmonisieren können, diese Zeit, in der man neue Energiequellen erschließt und in der wir industrialisiert werden.
SPIEGEL: Aber in unserem Land sind die Leute besorgt. Es gibt Schätzungen, daß wir wegen der Energiekrise im Februar 750 000 Arbeitslose haben werden.
SCHAH: Ja, aber Sie haben auch 2,5 Millionen ausländische Arbeiter in Deutschland. Vor 15 Jahren habe ich Professor Erhard gesagt, daß es meiner Meinung nach nicht richtig ist, was Sie in Deutschland tun, denn wir werden nicht für alle Zeiten ein dritt- oder viertklassiges rückständiges Land bleiben, wir werden unser Land industrialisieren. Und wenn wir das tun, werden wir unsere eigenen Industrien schützen. Aber ihr Deutschen habt euch nur darauf konzentriert zu bauen und zu bauen und zu bauen, in einem Ausmaß, daß ihr schließlich 2,5 Millionen Gastarbeiter anheuern mußtet.
SPIEGEL: Das könnte man historisch erklären. Nach zwei Weltkriegen hat die deutsche Industrie fast alle ihre Auslands-Investitionen verloren, und schon aus diesem Grunde war sie vielleicht etwas ängstlich, wiederum im Ausland zu investieren.
SCHAH: Ich möchte es so nicht sagen, weil es so leicht und billig wäre zu sagen: daß Sie keinen Krieg hätten anfangen dürfen und ihn dann verlieren. Aber das ist der Preis, den Sie zahlen.
SPIEGEL: Majestät, Sie haben erklärt, daß öl zu kostbar sei, um für Heizung und für elektrisches Licht verschwendet zu werden, solange es noch riesige Kohlenvorräte gibt, die abgebaut werden könnten. Sie haben keine Sorge, daß Ihre Politik der hohen Preise auf lange Sicht gesehen die Länder des Westens veranlassen könnte, ein neues Energiekonzept zu entwickeln -- mit ölschiefer. Teersänden, Atomenergie, Kohleverflüssigung, um unabhängig von Ihnen zu werden, ehe Sie Ihr Land mit den ölgeldern voll entwickelt haben?
SCHAH: Das können Sie nicht. Sie können Atomenergie, den schnellen Brüter. nicht vor 1985 entwickeln.
"Haben Sie Teersande in Deutschland?"
SPIEGEL: Das stimmt, aber 1985 werden Sie auch noch Ihr Öl verkaufen müssen.
SCHAH: In welcher form? Ich werde mein öl in Form petrochemischer Produkte verkaufen. Ich werde Ihnen Aspirin verkaufen. Ich werde Ihnen Proteine verkaufen. Ich will Ihnen dann kein Rohöl verkaufen.
SPIEGEL: Petrochemische Produkte kann man auch aus öl herstellen, das man aus Ölschiefer oder Teersänden gewonnen hat.
SCHAH: Haben Sie Teersände in Deutschland? Sie haben keine Teersände in Deutschland.
SPIEGEL: Nein, aber Kanada zum Beispiel hat sie.
SCHAH: Das öl müßten Sie importieren. das würde Sie genausoviel kosten.
SPIEGEL: Es würde uns abhängiger von Nordamerika machen.
SCHAH: Warum nicht von uns? Deshalb schlage ich Ihnen ja ein Gemeinschaftsprojekt mit einer Kapazität von 500 Millionen Barrel * in meinem Land vor.
SPIEGEL: Alles das ist ein weites Spektrum -- Gemeinschaftsprojekte. Handel mit petrochemischen Produkten, Entwicklung neuer Energiequellen. der Aufbau einer Automobilindustrie. Haben Sie nicht auch vor. ölgelder in die Rüstungsindustrie in Ihrem eigenen Lande zu investieren? SCHAH: O ja.
SPIEGEL: Warum wenden Sie heute soviel Geld für Rüstung auf, 26,7 Prozent Ihres Haushalts? Wo steht der Feind?
SCHAH: Nun, das ist dieselbe Frage, warum Deutschland oder Frankreich soviel Geld für Rüstung ausgeben.
SPIEGEL: Weil sie einige Nachbarn im Osten haben, deren Absichten nicht immer so ganz eindeutig waren. SCHAH: Werden die Sie angreifen? SPIEGEL: Wir hoffen nicht.
SCHAH: Warum also wenden sie das Geld auf? Ich gebe das Geld aus genau demselben Grunde aus. Ich gehe überhaupt kein Risiko ein. Ich habe Freunde, ich versuche, sogar noch mehr Freunde zu haben, aber wir können uns nicht nur auf Bündnisse verlassen. irgendwann könnten wir im Stich gelassen werden. Und noch eines: Stimmen Sie damit überein, daß der Oktober-Krieg gegen Israel eine Überraschung war? Die Menge der Waffen und die verfeinerten Waffen, die gegen Israel eingesetzt wurden -- haben Sie oder die Israelis etwas derartiges erwartet? Jeder war überrascht. Deshalb werde ich absolut kein Risiko auf mich nehmen. Ich darf von niemandem abhängig sein, nur von uns selbst.
SPIEGEL: Gibt es ein Sicherheitsproblem am Persischen Golf?
SCHAH: Nicht unmittelbar. Es könnte einmal eintreten, denn es ist doch komisch, daß es in reichen Ländern, wie einigen dieser Scheichtümer, viel Geld gibt, aber nur wenige Einwohner. Es sollte ein Paradies sein, aber es gibt, wie man weiß, riesige subversive Aktivitäten.
SPIEGEL: Würde der Iran auf der anderen Seite des Persischen Golfs eingreifen, wenn es zu einer Machtübernahme durch panarabische Radikale in einem der Staaten käme?
SCHAH: Das kann man sich kaum vorstellen, wenn wir nicht von diesen Ländern selbst aufgefordert würden zu intervenieren. Ich habe einen Regionalpakt vorgeschlagen, eine Übereinkunft, einen Vertrag, wie man es auch immer nennen will, um die Sicherheit und Integrität dieses Gebietes zu gewährleisten. Bis jetzt haben wir keine Antwort erhalten. Der Zugang zum Persischen Golf ist für uns eine Frage von Leben oder Tod. Den Zugang offenzuhalten mit oder ohne die Kooperation anderer
das ist eine weitere Antwort auf Ihre Frage, warum wir soviel Geld für unsere Verteidigung ausgeben.
SPIEGEL: Am Persischen Golf liegen einige dieser kleinen Scheichtümer, die sich mit ihren Öleinkünften in der Konfrontation im Nahen Osten engagieren. In Europa fürchtet man, daß einige dieser Scheichtümer versucht wären, ihre Milliarden Dollar, Mark oder Pfund einzusetzen, um das westliche Währungssystem zu bedrohen -- für politischen Gewinn im Konflikt mit Israel.
SCHAH: Nun, ich weiß nicht so recht. Sehen Sie, über diesem Judenproblem liegt etwas sehr Sentimentales. Jerusalem ist im Herzen eines jeden Moslems. Wenn dieses Problem gelöst ist, und ich hoffe, daß dies auf der Genfer Konferenz geschieht, dann gibt es absolut keinen Grund, warum diese kleinen Scheichtümer das versuchen sollten, was Sie befürchten.
"Sie sollten nicht alles ernst nehmen, was Herr Gaddafi sagt."
SPIEGEL: Gerade erst hat Libyens Gaddafi zu einer Revolution gegen "das Verbrechen eines einseitigen Friedens mit Israel" aufgerufen.
SCHAH: Ich habe das im Rundfunk gehört. Aber Sie sollten nicht alles ernst nehmen, was Herr Gaddafi sagt.
SPIEGEL: Wir müssen ihn ernst nehmen, denn er liefert einen großen Teil des Öls, das wir in Deutschland brauchen.
SCHAH: In dieser Hinsicht, ja. Aber er wird Ihnen weiterhin sein Öl verkaufen und trotzdem solche Sachen sagen. Er hat niemals aufgehört.
SPIEGEL: Wie würden Sie diese widersprüchliche Haltung erklären? Es gibt eine gewisse Solidarität unter den moslemischen Ländern, aber andererseits scheint die Jerusalem-Frage für Sie nicht dieselbe Bedeutung zu haben wie für König Feisal von Saudi-Arabien.
SCHAH: Das ist wohl eine Frage der Persönlichkeit. Wir sollten erstens nicht vergessen, welche Anziehungskraft Jerusalem für alle Moslems hat. Zweitens war König Feisal von Anfang an in der Vertretung seines Landes bei den Vereinten Nationen, und wir wissen ja alle, daß Jerusalem vor 1947 zur Internationalen Stadt erklärt wurde. Wie konnten die Moslems es hinnehmen, daß sich ihre heilige Stätte in den Händen von Nicht-Moslems befand? Genauso wurde es sich ja auch seltsam ausnehmen, wenn Rom von einer nicht-christlichen Religion besetzt wäre -- und wie wurden Sie so etwas hinnehmen? König Feisal hat gesagt, bevor er sterbe, müsse er noch einmal in Jerusalem gebetet haben.
SPIEGEL; Aber Sie akzeptieren 01 nicht als eine Waffe, um solche politischen oder religiösen Ziele wie den Besitz Jerusalems zu erreichen?
SCHAH: Nein, nur wenn ich mich selbst im Krieg befände, für mein Land. Aber nun reden wir ja vom Frieden
diese Waffe einzusetzen könnte gefährlich und überflüssig sein, denn wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, kann sie nicht mehr benutzt werden.
SPIEGEL: Da ist immer noch die Frage der Solidarität unter den Moslems. Majestät, einmal haben Sie gesagt: "Die Araber sagen, wir seien Moslems. Aber wir sind Arier." Was bedeutet das?
SCHAH: Das bedeutet, daß die Araber Semiten sind. Es ist sehr, sehr seltsam: Die Juden sind Semiten, und die Araber sind auch Semiten. Wir sind Arier, und ihr Deutschen seid Arier.
SPIEGEL: Die religiösen Bande sind also nicht so stark, wie die arabischen Länder behaupten? SCHAH: Nein, denn sehen Sie mal. sie sagen: "Wir Araber." Sie sagen nicht: "Wir Moslems." Es gibt sechs-, siebenmal so viele nicht-arabische Moslems wie arabische Moslems auf der Welt.
SPIEGEL: Sie sagten, daß die Öl-Waffe nur einmal benutzt werden sollte, da man sie nicht ständig benutzen kann. Gibt es in den Öl-Staaten nicht schon ein Gefühl der Beklommenheit, daß der riesige Komplex der Industriezivilisation des Westens ihnen auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert zu sein scheint?
SCHAH: Gnade oder Ungnade -- ich weiß nicht recht. Denn so leicht kann man die Grundfesten der Welt nicht bedrohen und erschüttern. Ich denke, daß man das erkennt, das kann man einfach nicht.
SPIEGEL: Aber für die Völker in Westeuropa war es ein Schock, plötzlich zu erkennen, wie sehr wir alle vom Öl des Nahen Ostens abhängig sind.
SCHAH: Aber das sind Sie ja auch, weil Sie den Fehler begangen haben, die schlimmste Art Ausbeuter und Kolonialisten zu sein -- vielleicht sogar, ohne daran zu denken. Aber was Sie mit dem billigen Öl getan haben, lief genau darauf hinaus. Niemand war sich darüber klar.
SPIEGEL: Nach einigen Berichten gibt es Anzeichen für Beklommenheit: Die arabischen Führer zögerten sehr. den hohen Preis für Rohöl zu verlangen, den Sie befürworteten.
SCHAH: Nur einer. Einige andere wollten sogar mehr haben, und der Rest folgte dem mittleren Kurs, den wir einschlugen.
SPIEGEL: Dieser eine war Saudi-Arabien? Herr Jamani? SCHAH: Ja.
SPIEGEL: Wie würden Sie die Haltung Saudi-Arabiens erklären"? SCHAH: (lächelt)
SPIEGEL: War man unsicher, ob die Länder des Westens den hohen Preis wirklich würden verkraften können?
SCHAH: Ich muß schweigen, weil jeder das Recht auf eigene Meinung hat.
SPIEGEL; Majestät, Sie haben einmal gesagt, daß der Iran innerhalb kurzer Zeit eines der fünf entwickeltsten und mächtigsten Länder der Welt sein würde.
SCHAH: Sagen wir mal; in einer Generation.
SPIEGEL: Worauf gründen Sie Ihre Vorausschätzung?
SCHAH: Energie, den Fleiß unseres Volkes, unsere Staatsführung, ausgenommen ... erst gestern sahen wir einige Demonstranten. Stellen Sie sich einmal vor, Perser -- wenn sie Perser waren -, die gegen ihren Führer demonstrierten, nach allem, was wir für unser Land getan haben! Es ist die Staatsführung, die wir in unserem Lande haben: Jedermann steht hinter dem Regime, mit der Seele, mit dem Herzen. Wir haben Terroristen, Sie haben Terroristen. In Deutschland haben Sie ja auch die Baader-Bande.
"Ich weiß nicht, was aus Japan einmal wird."
SPIEGEL: Um auf unsere Frage nach den fünf mächtigsten Ländern zurückzukommen: Würden Sie China nicht dazu zählen?
SCHAH: Ich habe keine Namen genannt, aber normalerweise sollten es die Vereinigten Staaten sein und die Sowjet-Union ...
SPIEGEL: China nicht?
SCHAH: Nun, wenn ich sage "Macht", dann meine ich nicht militärische Schlagkraft. 1980 wird es über eine Milliarde Chinesen geben. Wie kann man überhaupt die Bedürfnisse einer fortgeschrittenen Gesellschaft von 1 ~ Milliarden Menschen befriedigen? Nun. ich weiß nicht, was aus Japan einmal wird, denn Japan hat keine Kohle, sie haben keinen Ölschiefer, sie haben kein öl, sie haben nichts, absolut nichts. Die Gewichte werden sich völlig verschieben. Wer weiß, vielleicht wird Brasilien eines der am meisten fortentwickelten Länder sein. Wissen Sie, daß sich unser reales Wachstum dieses Jahr auf 20 Prozent belaufen wird? Das ist bei weitem ein Weltrekord. Das Maximum, das Japan hatte, waren 16 Prozent. In zehn Jahren werden wir das sein, was Sie heute sind, Sie, die Franzosen oder die Briten.
SPIEGEL: In zehn Jahren?
SCHAH: O ja. Unser einziges Problem ist, die Techniker und die Facharbeiter auszubilden.
SPIEGEL: In den Ländern des Westens dauerte es Generationen, den heutigen Standard zu erreichen, Und Sie glauben, Sie könnten das überspringen?
SCHAH: Ja. Unser Volk ist ein fleißiges Volk und lernbegierig, das ist gar keine Frage. Fragen Sie Ihre Leute, die in unserem Lande arbeiten. Und wir haben alle Anreize. Wir haben unsere eigenen Traditionen, wir haben eine sehr alte Geschichte -- 3000 Jahre. Warum sollten wir andere nachahmen?
SPIEGEL: Und westliche Technologie?
SCHAH: Sie haben Millionen Dollar für die Forschung ausgegeben, und nach Jahren harter Arbeit haben Sie manche Dinge entdeckt. Warum sollten wir die nicht übernehmen? Aber wir übernehmen alle diese Dinge und bewahren, was bei uns für uns gut ist. Und auch wir sind in der Lage. eigene Ideen zu entwickeln. Alle diese Ismen, Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus oder was auch immer, das ist schon so alt, es ist 100 Jahre alt, 150 Jahre alt, und entspricht nicht den Idealen des Menschen. Das entspricht nicht dem Durchbruch in der Technik, es steht nicht im Einklang mit unseren Zeiten.
SPIEGEL: Majestät, Sie sagten einmal, sollten die westlichen Länder die Grundregeln des Ölgeschäfts, so wie Sie es sehen, ändern wollen, so vergäßen sie, daß Sie auch einfach die Ölquellen schließen könnten. Sie sagten: "Wir können ohne Ölgeld überleben und von Ziegenmilch leben, wie wir es jahrhundertelang taten. Aber die industrialisierte Welt würde ohne Öl sterben." Müssen Sie nicht befürchten, daß die Industrienationen am Ende eher kämpfen als sterben und sich das Erdöl -- ihr Lebenselixier -- mit militärischer Gewalt holen?
SCHAH: Das wird nicht geschehen, weil dann alles in die Luft fliegt.
SPIEGEL: Haben Sie nicht das Gefühl, daß sich Orient und Okzident plötzlich in eine Auseinandersetzung von historischem Ausmaß verwickelt sehen?
SCHAH: Ich denke nicht, daß es dieses Ausmaß angenommen hat, denn Öl wird ja weiterhin verfügbar sein.
SPIEGEL: Wenigstens für den Augenblick. Am 23. Dezember haben die Araber ihre ursprüngliche Drohung zurückgenommen, die Ölförderung im Januar um insgesamt 30 Prozent zu verringern. Die Verminderung soll jetzt nur noch 15 Prozent betragen. Wie kam es zu dieser Änderung ihrer Absicht?
SCHAH: Dafür mag es verschiedene Gründe geben, darunter auch die Informationen, die ihre Minister auf ihren Reisen durch Europa und die Vereinigten Staaten gewonnen haben.
SPIEGEL: Vielleicht war der Boykott eine Fata Morgana?
SCHAH: Die Vereinigten Staaten haben festgestellt, daß ihre Öleinfuhren niemals zurückgingen. Ich habe den Bericht vor einem Monat gesehen.
SPIEGEL: Die Araber behaupten stets, daß sie genau überprüfen könnten, wohin ihr Öl geliefert wird.
SCHAH: Wir haben gehört, daß ganze Schiffsladungen auf hoher See dreimal gekauft und wieder verkauft worden sind und daß Schiffe ihren Kurs geändert haben. Wer will wissen, wo sie schließlich einlaufen?
"Ich wurde Öl schon morgen kaufen, wenn ich könnte."
SPIEGEL: Dennoch behaupten die Araber, sie hätten ein System, um den endgültigen Bestimmungshafen festzustellen.
SCHAH: Haben Sie ein Beobachtungssatelliten-System? Es ist wirklich schwierig, es genau zu überprüfen. Aber Sie reden immer von dieser Seite der Ölsituation. Sie reden immer von unserer Ölpreiserhöhung, Sie erwähnen niemals die Erhöhung der Preise für Ihre Güter und Waren. Wissen Se, was für Preise wir für Ihre petrochemischen Erzeugnisse zahlen? Das hat Sie niemals interessiert. Wieviel Geld verdienen Sie auf unsere Kosten? Wissen Sie, wieviel wir für Zucker zahlen? Das interessiert Sie nicht. Für Zement? Das interessiert Sie nicht. Für einige petrochemische Produkte hat der Preis sich verfünffacht, in einigen Fällen sogar verdreißigfacht.
SPIEGEL: Aber nun verkaufen Sie Ihr Öl. das zu Kosten von zehn oder 20 Cent pro Barrel gefördert wird, zu einem Preis von sieben Dollar oder mehr. Das ist eine in westlichen Ländern gänzlich unübliche Gewinnspanne.
SCHAH: Aber Sie wissen doch, daß diese Vorräte in 30 Jahren zu Ende gehen. Was sollen wir nach 30 Jahren tun, wenn wir so weitermachen? Wir werden unsere Atomzentren baldigst in Betrieb setzen, so schnell wie Sie. Ich würde Öl schon morgen kaufen, wenn ich könnte. SPIEGEL: Ernsthaft?
SCHAH: Ich hoffe, daß Sie mich ernst nehmen. Ich starte meine Atomreaktoren, ich bin bereit, bei den Forschungsarbeiten zur Erschließung der Sonnenenergie mit jedem zusammenzuarbeiten, und ich werde anfangen, Öl zu kaufen. Aber wiederum, diese Fragen werfen Sie in Ihren Artikeln nie auf, nur daß der Ölpreis gestiegen ist. Aus welchem Grund? Ich nenne Ihnen den Grund. Sie haben niemals in Frage gestellt, warum Sie das Erdöl mit soviel Steuern belastet haben. Weil Sie solche wunderschönen Autobahnen in Ihrem Lande haben wollen. Auf unsere Kosten. Warum? SPIEGEL: Am Ende ... SCHAH: Am Ende möchte ich Ihnen sagen, daß es in jedem Fall nicht etwa darum geht, Rache am Westen zu nehmen, da wir ja, wie ich schon sagte, Mitglieder Ihres Klubs werden. Es geht in unserem Falle darum, die Beziehungen zwischen der industriellen Welt und den ölfördernden Ländern neu zu regeln. Wir haben gesagt, daß die Ära des billigen Öls vorüber ist. Wir müssen hinzufügen, daß die Ära der Ausbeutung vorbei ist.
SPIEGEL: Das ist keine Frage.
SCHAH: Doch das hat noch mehr Bedeutung. Durch die Ausbeutung des billigen Öls hatten Sie eine überflußgesellschaft und dann die Permissive Gesellschaft, in der fast alles frei war und die Freiheit mißbraucht wurde.
SPIEGEL: Was sind denn Ihres Erachtens die Zeichen für den Mißbrauch der Freiheit?
SCHAH: Wie könnte ein Perser sein Land verraten zum Nutzen einer fremden Macht? Wie könnte ein Perser. der in einem Palästinenser-Lager ausgebildet worden ist, zurückkehren und ein Flugzeug stehlen? Warum lassen Sie diese Leute, Terroristen, in München, in Paris und Athen laufen? Seit dem Zweiten Weltkrieg wurden viele der menschlichen Ideale vergessen und aufgegeben. Aber wer weiß, vielleicht werden sie zurückkehren, wenn Sie für den Lebensunterhalt arbeiten müssen, wo es doch leicht war, zu leben ohne zu arbeiten.
SPIEGEL: Die Industriegesellschaft des Westens wurde auf harter Arbeit begründet und £ründet sich noch heute darauf. Und Sie selber streben an, eine Industriegesellschaft zu werden -- mit allen diesen angeblichen Übeln.
SCHAH: Ja, aber ohne ihre Mängel, ohne ihre Schwächen.
SPIEGEL: Fürchten Sie nicht, daß einige der Folgen unvermeidbar sind?
SCHAH: Könnte sein. Aber nicht, solange ich lebe. Nicht, solange ich es verhindern kann.
SPIEGEL: Majestät; wir danken für dieses Gespräch.

DER SPIEGEL 1/1974
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