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DER SPIEGEL

VERLAGEGruß vom Affen

Mit der Januar-Ausgebe der Zeitschrift „Bild der Zeit“ wird das ehrgeizigste Projekt des Stuttgarter Ehepa-Verlags, der auch „Micky Maus“ und „Asterix“ auf den Markt bringt, eingestellt.
Die Welt von heute, eingefangen mit den Kameras der besten Photo-Journalisten" -- so warb der Stuttgarter Ehapa-Verlag noch Anfang Januar für sein Glanzpapierprodukt "Bild der Zeit". Doch wer ein Abonnement bestellt, wird nicht mehr beliefert. Die ungewöhnliche Farbzeitschrift, aufwendig wie kaum ein anderes Presseerzeugnis gestaltet, ist über den Jahresanfang nicht hinausgekommen.
Das Ende wurde diversen Werbeagenturen, die ohnehin nur selten Inserate in "Bild der Zeit" plazierten, Mitte Dezember in einem drei Zeilen knappen Telex angekündigt. Die neun Redakteure des Blattes erfuhren davon, als sie vervielfältigte Kündigungsschreiben bekamen; sie hatten damit gerechnet.
Denn als am 4. Dezember Horst Mössler, 46, alleiniger Geschäftsführer des Ehapa-Verlags seit dessen Gründung vor 21 Jahren, von einer Stunde auf die andere seinen Schreibtisch räumen mußte, "war allen klar, daß das Verlagsflaggschiff "Bild der Zeit' mit dem Kapitän untergehen würde", so Redakteur Walter Junginger. Mössler hatte ohne Not "sein eigenes Schicksal auf Gedeih und Verderb" mit dem Objekt verknüpft, das sich zwischen Ehapa-Publikationen wie "Micky Maus" und "Donald Duck" recht merkwürdig ausnahm.
Der Selfmademan, der nach dem Krieg bei "Readers Digest" als Fahrer angefangen und sich über den Vertriebs-Außendienst hochgearbeitet hatte, war 1951 dem befreundeten dänischen Großverlag "Egmont H. Petersen Stiftung" empfohlen worden, der einen Vertriebsprofi für die deutschsprachige Lizenzausgabe von Walt Disneys "Mickey Mouse" suchte. Dem Kopenhagener Verlagshaus war es gelungen, dem Zeichentrick-Unternehmer die Nachdruckrechte für Skandinavien und die Bundesrepublik abzuhandeln.
Mössler, damals 25 Jahre alt, wurde Geschäftsführer des neugegründeten Ehapa-Verlags (Kunstwort mit den Anfangsbuchstaben von Egmont H. Petersen). Dem Jungverleger gelang es schnell. Ehapa mit Disney-Objekten und mit der Technik-Zeitschrift "Hobby" zu einem Unternehmen mittlerer Größe emporzuhieven. Geschätzter Umsatz 1972: 60 Millionen Mark.
Der große Wurf gelang, als Mössler beim Pariser Verlag Dargaud S. A. günstig die deutschen Rechte an der Comic-Serie "Asterix" erwerben konnte, einer historisch orientierten Persiflage auf Gallier und Römer. Unter den Händen des Mössler-Stellvertreters Adolf Kabatek, der die Einfälle der französischen Autoren auf deutsch trefflich nachblödelt, wurde "Asterix" zum Comic-Produkt mit der höchsten Einzelauflage (bei jährlich dreimaligem Erscheinen) in der Bundesrepublik.
Auf der Basis solcher Erfolge, die er trotz einer jahrelang schlampigen Vertriebsabwicklung erzielte, wollte Mössler eine "ganz neue große Zeitschrift, so etwas wie ein deutsches "Life", gründen. Er entwickelte "Bild der Zeit" und überwachte selber die Redaktionsgeschäfte. Fortan widmete er sich nahezu ausschließlich diesem "Vehikel seiner späten Selbstverwirklichung", wie ein Redakteur es nannte.
Im Januar 1971 war das Blatt (Einzelverkaufspreis: 3,80 Mark) mit 250 000 verkauften Exemplaren auf dem Markt: großformatiger Photo-Luxus (26,5 mal 33,5 Zentimeter) mit -beispielsweise -- einem zehnseitigen Ausklappteil, der das komplette schweizerische Alpenpanorama zeigte. "Bild der Zeit" veröffentlichte Bilddokumente von einer Abtreibung wie subtile Aktbilder japanischer Lichtbildner -- Mössler ließ vornehmlich von internationalen Spitzenphotographen zu Spitzenhonoraren einkaufen: die Redakteure schrieben lediglich "kurze plakative Texte um die Bilder herum" (so einer von ihnen).
Zwei Jahre lang hielt der Verlag mit und investierte zwölf Millionen Mark. Die anderen Objekte warfen es ab:
* "Micky Maus" erreicht wöchentlich 500 000 Exemplare (bei einem Preis von 1,20 Mark);
* "Donald Duck" (2,50 Mark) erscheint vierteljährlich mit 350 000, "Mickyvision" (1,50 Mark) zweimonatlich mit 250 000 Exemplaren: > "Superman" (180 000, 1,20 Mark) und "Comix" (150 000, 1,20 Mark) kommen vierzehntäglich auf den Markt;
* Spitzenreiter "Asterix" schnellte (dreimal im Jahr) bei einem Preis von 3,50 Mark (gebunden 5.80 Mark) auf 1,2 Millionen Auflage;
* neuestes Objekt ist die knallbunte Kinderzeitschrift "Disneyland" (1,20 Mark), die seit September vierzehntäglich erscheint und derzeit in 300 000 Exemplaren gedruckt wird;
* "Hobby", das "größte populärtechnische Magazin Europas" (Verlagswerbung), bringt es alle 14 Tage auf 150 000 verkaufte Exemplare und soll jetzt mit den Mitteln, die "Bild der Zeit" nicht länger verschlingt, ausgebaut werden.
Mössler und Kabatek -- nun sein Nachfolger -- gelang es, diesem Bauchladen bunter Blätter verschiedene Buchreihen zuzuordnen, die ebenfalls reüssierten . "Hobby"-Bücher beispielsweise ("Alles über Film und Filmen". "Zauberreich der Elektronik") erreichten Auflagen bis zu 120 000, Aktbände wie "Venus international" ebenfalls mehr als 100 000. Von den Disney-Taschenbüchern verkaufte der Verlag je 600 000 Exemplare, ein neues französisches Rezeptbuch liegt jetzt bei einer Auflage von 30 000.
Bei den meisten Objekten suchte Mössler mit knapper redaktioneller Besetzung auszukommen. Einen Betriebsrat duldete er nicht. Als dennoch Bemühungen erkennbar wurden, einen zu gründen, wurden Kandidaten diskret auf laufende Darlehensverträge hingewiesen. Redakteure mußten sich vom Chef -- so die Aussagen von Betroffenen -- als "Idioten" und "Arschlöcher" titulieren lassen. An manchen Tagen nahm Mössler an der Eingangstür eigenhändig die Ankunftszeiten der Journalisten mit der Stoppuhr, und die dänischen Besitzer seines Stuttgarter Verlags waren bei ihm oft nicht besser gelitten als die Römer bei den gallischen Globetrottern "Asterix" und "Obelix". Solange der Erfolg anhielt, kümmerte sich die dänische Mutter wenig um die schwäbische Tochter: Was Mössler hemdsärmlig erwirtschaftete, wurde im nördlichen Nachbarland guten Zwecken zugeführt. Egmont H. Petersen. Gründer des dänischen Mutterhauses, der 1878 in der Küche seiner alleinstehenden Mutter seine erste Druckmaschine Marke "Fliegenklatsche" aufgestellt hatte, wollte es so.
Kurz vor seinem Tod hatte er sein florierendes Druck- und Verlagsunternehmen in eine Stiftung umgewandelt, der er so unterschiedliche Aufgaben übertrug wie die Unterstützung alleinstehender Mütter samt Kindern, Mittelloser und Waisen sowie die Förderung der Druckkunst in Dänemark.
Bei ihrem Stuttgarter Statthalter hörte die Mildtätigkeit der Petersen-Nachfahren freilich auf. Als Mössler hartnäckig für sein Verlustunternehmen "Bild der Zeit" weiterfocht, überließen die Dänen ihm die Verlagsrechte an dem gescheiterten Bilderblatt und bilanzierten das Defizit ohne ihn.
"Bild der Zeit" blieb optimistisch bis zum Exitus. In der Januar-Ausgabe grüßt ein Affe: "Prosit 1973 -- Aber diesmal klappt's bestimmt!"

DER SPIEGEL 2/1973
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