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DER SPIEGEL

BEAT GENERATIONBoheme mit Bart

Wenn an den Grenzen einer Zivilisation Barbaren erscheinen", so beginnt der 59jährige Schriftsteller Lipton ein Buch, das von dem amerikanischen Nachrichtenmagazin "Time" als "Baedeker über Beatland" bezeichnet wurde, "deutet das auf eine Krise der Zivilisation hin. Wenn die Barbaren nicht mit kriegerischen Waffen, sondern mit Liedern und Zeichen des Friedens kommen, läßt das auf eine Krise geistiger Natur schließen."
Liptons Untersuchung gilt dem Leben jener schreibenden, malenden und musizierenden Barbaren, die als "Beatniks" oder als. "Beat Generation" bekannt geworden sind. Sein Buch "Die heiligen Barbaren"* ist kürzlich auch in deutscher Übersetzung erschienen.
Was Lipton in seiner Studie als das Symptom einer Zivilisationskrise deutet, ist der mehr oder weniger artikulierte Protest, mit dem nicht nur die Beatniks Amerikas, sondern auch Englands "zornige junge Männer" und Frankreichs Filmhelden der "Neuen Welle" gegen die organisierte Gesellschaft der Jahrhundertmitte zu rebellieren versuchen.
Eindeutig genug weist das Etikett "Beat Generation" auch auf eine vorangegangene Nachkriegsgeneration amerikanischer Schriftsteller hin: auf die "Verlorene Generation" der zwanziger Jahre, der so renommierte Romanciers wie F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und John Dos Passos angehörten. Von großen literarischen Ambitionen getrieben, möchten die Vertreter der "Beat Generation" nach dem Zweiten Weltkrieg möglicherweise die Funktionen übernehmen, die ihre Vorläufer - sie gelten inzwischen längst als Klassiker des modernen Romans - nach dem Ersten Weltkrieg ausübten.
Wie seinerzeit die Prosa der "Lost Generation" hat auch die Beatnik-Literatur beträchtliches - wenngleich nicht immer wohlwollendes - Aufsehen hervorgerufen. Der Gedichtband "Howl" ("Das Geheul") des heute 34jährigen Lyrikers Allen Ginsberg war eine literarische Sensation; der Roman "On the Road" ("Unterwegs") des inzwischen 37jährigen Jack Kerouac erregte die amerikanischen Leser nahezu in der gleichen Weise wie einige Zeit später Nabokoys "Lolita". Beide Bücher - auch sie gibt es inzwischen in deutscher
Sprache* - beschreiben das hektische Nomadenleben der Beatniks und preisen deren angestrengte Suche nach Rausch und Ekstase. Ginsbergs und Kerouacs Hymnen auf die moderne amerikanische Boheme hat Lawrence Lipton nun eine Analyse nachgeliefert.
Lipton zufolge ist der Begriff "Beat Generation" bisher oft falsch interpretiert worden. "Beat" heißt zwar in der wörtlichen Übersetzung geschlagen", jedoch betrachten sich die Beatniks keineswegs als Geschlagene. Unter "beat" verstehen sie, laut Lipton, vor allem den rhythmischen Schlag des Jazz und zugleich eine Abkürzung von "beatific" (glückselig). Die unbeabsichtigte Deutung von "beat" als "geschlagen" oder niedergeschlagen" hätten die Spießer "in ihrer Todesangst vor der Freiheit" dem Begriff unterschoben.
Lipton, der sich trotz seiner bürgerlichen Kleidung den Beatniks verwandt fühlt - er leitet einen Arbeitskreis für Dichtung und Jazz und wird von den Beatniks als eine Art Priester geehrt -, bemüht sich in seiner Studie nach Kräften, den absonderlichen Betrieb der nach Seligkeit strebenden Bohemiens zu erklären und zu rühmen.
Für seine Forschertätigkeit hat er sich, gleichsam als "Laboratoriums, seinen eigenen Wohnort ausgesucht: eine kleine kalifornische Stadt namens Venice West am Pazifischen Ozean.
In dem verwahrlosten "Slum am Meer" bei Los Angeles hat sich eine beträchtliche Zahl von Außenseitern, Gescheiterten und Nein-Sagern niedergelassen: "All die Verkommenen, Verdammten, Betrunkenen und Enttäuschten drängen sich hier zusammen und suchen ein wenig
menschliche Wärme in diesen Buden, wo eine Kochnische eine Wohnung ist, wo die nackte Glühbirne an der Decke hängt wie ein bloßgelegter Nerv."
Ein derartiges Slum-Milieu ist nach Liptons Meinung der angemessene Ort für die bärtigen und Sandalen tragenden "Heiligen", die eine freiwillige Armut gewählt haben, um sich vom "American Way of Life", von der Gesellschaftsordnung Amerikas mit ihren Wohlstandsidealen zu distanzieren, denn die amerikanische Gesellschaft sei durch den "Kult der Geldanbetung" korrumpiert und, einem Wort des Schriftstellers Henry Miller zufolge, nichts anderes als ein "Alptraum mit Klima-Anlage". Lipton: "Die neue Armut ist die Antwort des Beatniks auf die neue Prosperität."
Als sein Gegenspieler wird ein Typ empfunden, der im amerikanischen Slang als "Square" bezeichnet wird der Spießer. Im Gegensatz zum Square gibt sich der Beatnik betont asozial und defätistisch; er bemüht sich, seinen Lebensunterhalt mit möglichst wenig Arbeit zu bestreiten.
Da jedoch Schmarotzen, Stehlen und Betteln kein sicheres Einkommen bieten,
gibt sich der Beat mit Gelegenheitsarbeiten zufrieden, wobei sich freilich den Beatnik-Mädchen die besseren Chancen bieten. Indes, so versichert Lipton, geschehe es äußerst selten, daß sich Beatnik-Damen als "call girls" verdingen oder übers Wochenende in einem Bordell arbeiten. Auch die männlichen Beatniks machen es sich in dieser Sache nicht allzu leicht. Lipton will gehört haben, wie eine Square einen Beatnik fragte: "Warum kommt es nicht öfter vor, daß ein Beatnik eine reiche Frau heiratet?" Antwort: "Das ist ein Dauer-Job."
Wenn einer der "heiligen Barbaren" die Stadt verläßt, ins Gefängnis oder ins Irrenhaus eingeliefert wird,
hinterläßt er oftmals eine "Bude" und einige Wert- und Haushaltsgegenstände, Bücher, Schallplatten und Bilder, die dann Gemeinbesitz der Zurückbleibenden werden. Kommt er nach einiger Zeit wieder, so kann er aussuchen, in welcher Behausung er sich niederlassen will.
Statt nach zivilem Wohlstand und gesicherter Zukunft ist der freiwillige Slum-Bewohner auf der Suche nach "innerer und äußerer Ausgeglichenheit". Lipton, mit der ihm eigenen Neigung zu heroisieren, möchte ihn gern mit jenen ersten Christen verglichen wissen, die arm und ausgestoßen waren. Den organisierten Gottesdienst von heute lehnen die Beats aber als "schalen, verwässerten Tee" ab. Statt dessen versuchen sie, "zu den primitiven Wurzeln zurückzufinden und Bedeutung und Funktion zu ergründen, die Mythos und Ritual in ihrer echten Form einst hatten, bevor Herrscher und Priester sie in Organisationen und Institutionen zwängten und jeglichen ästhetischen Genuß und jegliche orgastische Lust unterdrückten".
Diese emphatische Vorliebe für die "primitiven Wurzeln" läßt erahnen, zu welcher literarischen Tradition die Beatniks sich bekennen. Außer dem 1953 verstorbenen walisischen Dichter Dylan Thomas ("Unter dem Milchwald") - Thomas: "In mir steckt ein Engel, ein Tier und ein Narr" - betrachten sie vor allem zwei Schriftsteller als ihre Vorbilder, die sich besonders durch die Verherrlichung primitiver Lebensformen hervortaten: den Amerikaner Henry Miller und den Engländer David Herbert Lawrence. Lipton über diesen "Chatterley" -Lawrenee: Wenn er
heute noch lebte, würde er vielleicht gemeinsam mit der Beat Generation seinen 'natürlichen' Gott im Zen-Buddhismus suchen."
Dort, im Zen-Buddhismus - oder dem, was sie darunter verstehen -, suchen jedenfalls die Beatniks ihr Heil. Die religiöse Praxis des Zen-Buddhismus besteht weniger im Studium der heiligen Schriften als in der Übung der Selbstversenkung. Das Gefühl der Zeitlosigkeit jedoch, das der Zen-Buddhist durch Kontemplation im Sitzen herbeiführt, provoziert der Beatnik auf weitprofanere Weise: durch Genuß von
Alkohol, Heroin und Meskalin, vor allem aber von Marihuana im Beat-Rotwelsch "Pot" genannt,
"Von allen euphorischen, hpnotischen, und Halluzinationen erzeugenden Drogen ist Marihuana die mildeste", preist Beatnik Lipton, der sich ich übrigen des Rauschgifts enthält; "zudem eignet sie sich am besten für den gemeinschaftlichen Gebrauch. Die Zigarette wird in der Bude herumgereicht und gemeinsam genossen, nicht aus ökonomischen Gründen, sondern weil man darin ein gemeinschaftliches Ritual sieht. Wenn die Gruppe berauscht ist, hat sich der magische Kreis geschlossen. Man redet freier und diskutiert persönliche Probleme mit einer Offenheit, die unter normalen Umständen kaum möglich ist. Man lauscht hingerissen der Musik und liest laut Gedichte, deren Bilder für den Zuhörer visuell und akustisch mit größter Eindringlichkeit Gestalt annehmen."
Ein anderes Stimulans findet der
Beatnik im Jazz. Lipton: "Für die heutige nonkonformistische Jugend ist die Existenz des Jazz schon Protest genug. Sie (die Beatniks) sehen, wie er seine spontane, improvisierte, selig-traurige, zornig-liebende, ekstatische, aus dem Augenblick geborene schöpferische Kraft dem sterilen Kunsthandwerk der Konzertsäle entgegensetzt, das die Squares für Musikkultur halten. Und sie flüstern, gelassen ruhig, aber eindringlich: 'Sag's ihnen, Satch!', 'Gib's ihnen, Gerry!', ,Blas ein großes, gewaltiges Loch in die Mauer, die sie aufgerichtet haben, um den Menschen vom Menschen zu trennen!'"
Der gewichtigste Unterschied zwischen dem Beatnik und dem Square beruht nach Lipton jedoch auf dem Verhältnis zum Sex. Für den Beatnik nämlich sei Sex nicht nur, wie für den Square, ein Vergnügen, sondern, durchaus im
Sinne des "Dichter-Apostels Lawrence, ein "Mysterium" dem er sich mit "metaphysischer Sachlichkeit" hingebe. Diese sachliche Beziehung zwischen den Geschlechtspartnern wird im Sprachgebrauch der Beats als "cool sex" bezeichnet, wobei "cool" nicht "kühl", sondern "nüchtern" und "unsentimental" bedeutet. Freilich bleibe das erstrebte Ziel des "metaphysischen Sex" der "Gral am Ende des Suchens".
Entsprechend den Lebensgewohnheiten der Beats, die sich gern als "cool cats" bezeichnen - als "cats" deshalb, weil Katzen nicht domestizierbar sind , bemühen sich die Schriftsteller unter ihnen um eine dem Jazz verwandte Literatur. Ihre Lyrik und Prosa gibt sich betont improvisiert und möchte "die Wichtigkeit, im gegenwärtigen Augenblick zu leben", hervorheben.
Daß aber der ekstatische Kult, wie ihn die "heiligen Barbaren" praktizieren, solcherlei künstlerische Absichten fördere, wagt - bei allem Enthusiasmus für die "Beat Generation" - auch Lipton nicht zu behaupten. In seinem technischen Ratgeber "Wie schreibe ich moderne Prosa?" hatte Beat-Kanonikus Jack Kerouac vorgeschlagen: "Komponiere wild, undiszipliniert, rein! Schreibe, was aus den Tiefen deines Inneren aufsteigt! Je verrückter,desto besser!" Und: "Du bist allezeit ein Genie!"
Lipton jedoch gibt zu: "Es besteht
keine Garantie, daß die Halluzination, ob durch Trance oder Drogen herbeigeführt, etwas, anderes als Platitüden und Klischees produziert, und mag der Künstler noch so weit entrückt sein."
Entsprechend befand auch die Square "Time": "Das meiste der Kunst, mit der Liptons zottige Dulder hervortreten, ist, wie er (Lipton) eingestehlt, nicht besser als die Sonntagsmalerei des Direktors einer Zündkerzenfabrik."
* Der amerikanische Schriftsteller Tru- man Capote ("Die Grasharfe") spottete, die Literatur der Beatniks sei "typewriting, not writing" - nicht Schreiben, sondern Schreibmaschineschreiben.
* Lawrence Lipton: "Die heiligen Bar,baren". Karl Rauch Verlag, Düsseldorf; 308 Seiten; 22 Mark.
* Allen Ginsberg: "Das Geheul und andere Gedichte". Limes Verlag, Wiesbaden; 85 Seiten: 7,50 Mark.
Jack Kerouac: "Unterwegs". Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg; 304 Seiten; 12,80 Mark.
Kerouac
Lipton
Ginsberg
Beatnik-Party in Venice West: Mit Jazz zum Gral

DER SPIEGEL 4/1961
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