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DER SPIEGEL

SCHRIFTSTELLERKorb vom Konsum

„Wir bleiben mittlere Gehaltsempfänger ... wir sind nicht geschäftstüchtig.“ (Jerry Cotton, Band 718.) --Cotton-Autor Höber will das jetzt ändern: Er klagt auf höhere Honorare.
Seine Auflagen vergleicht er gern mit denen des belgischen Krimi-Königs Georges Simenon, "und der", so klagt er, "hat längst ein Schloß".
Heinz Werner Höber, 39, Verfasser von 308 deutschen Kriminalromanen, lebt in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in Bergisch Gladbach und wundert sich: "Eigentlich müßte ich doch auch längst Millionär sein."
Wenn hohe Auflagen auch immer hohe Autoren-Profite bedeuteten, hätte Höher wohl recht: Denn schon allein die Verbreitung seiner Krimis in der Bundesrepublik -- Übersetzungen werden in rund einem Dutzend anderer Länder verkauft -- vermag er heute kaum mehr zu überblicken: "Das müssen weit über 100 Millionen sein" -- das wäre mehr als das Doppelte der deutschen Gesamtauflage Karl Mays.
Freilich, und dies ist der Punkt, an dem Millionen-Auflagen und Einkommens-Millionen sich scheiden: Höber verfaßt keine steifleinenen Bände für den bürgerlichen Bücherschrank, sondern Groschenromane für den schnellen Konsum -- Höber ist, wenn auch nicht allein, Jerry Cotton.
Der New Yorker FBI-Agent, der mit schlichtem Witz und in knackigen Dialogen allwöchentlich einen neuen Fall zum gerechten Ende bringt, ist die erfolgreichste Serien-Figur der größten deutschen Heftchen-Roman-Fabrik, des Bastei-Verlags in Bergisch Gladbach (40 Reihen, Wochen-Produktion zwei Millionen).
Hinter dem Marken-Namen des siegreichen G-man, der während seiner 15jährigen Heftchen-Existenz in bislang 726 Schieß- und Box-Krimis ungeschlagen blieb, verbirgt sich ein Team mehrerer Erzähler, die nach vorgegebenem "Auftragrahmen" das Cotton-Garn fortspinnen. Aus diesem anonymen Team scherte Höber jetzt aus: Er will, notfalls per Prozeß, mehr Geld.
Hobers Rechnung ist einfach: Er schätzt, daß der Verlag wöchentlich 200 000 bis 300 000 der nicht nur von Taxifahrern und Pendlern als anspruchsfrei -spannende Eineinhalbstunden-Lektüre geschätzten Cotton-Krimis für 90 Pfennig an den Mann bringt. So rechnet er sich pro Titel einen Umsatz von etwa 225 000 Mark am Kiosk aus.
Würde Höber honoriert wie Böll, Graß oder Lenz, er wäre mit einer Zehn-Prozent-Tantieme am End-Verkaufspreis beteiligt und verdiente mithin an jedem "Jerry Cotton"-Manuskript 22 500 Mark.
Aber im Heftroman-Geschäft gelten andere Regeln: Die Bastei-Buchhalter überwiesen dem Drittel-Cotton Höber (er vertrat den G-man 240mal und schrieb noch 68 andere Bastei-Thriller) pro Titel anfangs 150, in den letzten Jahren 2000 Mark, "und das", so findet Höber, "kann man ja wohl nur noch in Promille berechnen".
Es sind nur Promille, aber es ist so der Brauch: In der Branche der Heftchen-Hersteller werden die Autoren nicht nach den Prozent-Regeln der Buchverleger honoriert, sondern nach Zeitschriften-Grundsätzen -- per Pauschale.
Höber will diesem Mißstand abhelfen. Unter Berufung auf Paragraph 36 des Urheberrechtsgesetzes, der dem Autor auch nachträglich eine "angemessene Beteiligung an den Erträgnissen" des Verlegers verspricht, falls die in "grobem Mißverhältnis" zu seinem Honorar stehen, will er nicht nur für sich eine gebührende Nachzahlung vom Bastei-Verlag erzwingen: Er ist überdies "bestrebt, einen Präzedenzfall zu machen", der für mehrere tausend professioneller Trivial-Heimwerker in der Bundesrepublik von Bedeutung sein soll.
Doch der Kampf Jerry Cottons gegen den Bastei-Verleger Gustav H. Lübbe hat gerade erst begonnen: In der letzten Woche war vor dem Kölner Landgericht bereits der vierte Termin, und noch immer geht es um die Vorfrage, ob der Verlag überhaupt verpflichtet sei, die Verkaufszahlen der Höber-Hefte dem Autor bekanntzugeben.
Erst wenn er die genauen Verkaufszahlen kennt, kann Höber nämlich ("Da können für mich eine halbe oder drei Millionen drinhängen") seine Forderungen präziser beziffern.
Daß Höber, der sich als "Hauptpfeiler der Jerry-Cotton-Serie" empfindet, erst nach 15 Jahren und einer Manuskriptlawine von 40 000 Seiten in Bastei-Diensten gegen seine Vertragsbedingungen rebelliert, erklärt er heute damit, daß er immer wieder vertröstet worden sei: "Als ich den 180. Roman geschrieben hatte, sagten die mir, ich sollte man bis zum 200. warten, dafür hätte sich Herr Lübbe was ganz Besonderes ausgedacht. Und dann kam ein Präsentkorb, wie man ihn in jedem Konsumladen für 80 Mark kaufen kann. Und so ging das immer weiter."
Besonders ärgerte sich Höber, der das amerikanische Lokalkolorit mühsam aus New Yorker Stadtplänen, Telephonbüchern und FBI-Schriften abmalte, daß er die Wirkungsstätte seines Helden erst vor einem Jahr "als Ehrenmitglied der Polizeigewerkschaft zum besonders billigen Sonderpreis" besuchen konnte. Eine Dienstreise nach Manhattan auf Geschäftskosten hatten ihm die Bastei-Oberen stets abgeschlagen.
Lübbes Leute indes sehen das, natürlich, ganz anders: Höber, dessen Gesamtauflage im übrigen höchstens 30 Millionen Exemplare betrage, sei stets besonders hofiert worden. So habe der Verlag nicht nur die Rechnungen von Bergisch Gladbacher Schießbudenbesitzern beglichen, denen der passionierte Schütze Hober gelegentlich zu Rekordumsätzen zu verhelfen pflegte; er sei auch, "aus purer Freundlichkeit", zu 50 Prozent an den Verlagseinnahmen aus drei Cotton-Filmen beteiligt worden, die nicht einmal auf Romanen von ihm basierten.
Daß Höbers Klage etwa Erfolg haben könnte, hält Bastei-Sprecher Rolf Schmitz für ausgeschlossen, denn unangemessen sei dieser Cotton-Schreiber keinesfalls besoldet worden: "Der Verlag selbst verdient ja an jedem Titel keinen Pfennig mehr, als er dafür an Autoren-Honoraren ausgibt."
Wie bei solch verblüffender Tief-Rechnung dann Bastei ein Großverlag und Bastei-Chef Lübbe Millionär werden konnte, vermag Schmitz ganz einfach zu erklären: "Wir machen unser Geld mit sehr vielen Höbers."

DER SPIEGEL 21/1971
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