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DER SPIEGEL

LITERATURErzählung einer Toten

Zwei Männer und eine Frau - eine zumeist verhängnisvolle Konstellation, manchmal sogar eine tödliche. Nina Hardy, eine gealterte Stummfilmschauspielerin der frühen zwanziger Jahre, wird auf dem elterlichen Anwesen von ihrem Gärtner mit einer Gartenschere umgebracht. Dabei ist der Mörder, George, ein Spielkamerad aus Kindertagen - und außerdem ihr früherer Geliebter. Doch unbeschwert ist die Beziehung der beiden schon zu Jugendzeiten nie gewesen. Als nämlich unerwartet Gregory, Ninas bis dahin unbekannter Halbbruder aus einem vorehelichen Verhältnis des Vaters, bei ihr auftauchte, fühlte sie sich weit über Geschwistergefühle hinaus zu dem neuen Familienmitglied hingezogen. Mit seiner ebenso charmanten wie leichtlebigen Art schlug Gregory Nina in seinen Bann und wurde bald ihr Liebhaber Nummer zwei.
Der Ire Neil Jordan, 55, ist als Filmemacher zu Weltruhm gelangt. Mit großartigen Regiearbeiten wie "Michael Collins" oder "Interview mit einem Vampir" hat er es in Hollywood ganz nach oben geschafft. Sein Drehbuch für den Film "The Crying Game" wurde 1993 mit einem Oscar ausgezeichnet. Auch in seinem jüngsten Roman "Schatten" beweist Jordan erneut seinen literarischkünstlerischen Rang.
"Ich weiß genau, wann ich gestorben bin. Es war um zwanzig nach drei am vierzehnten Januar des Jahres 1950", lauten die ersten Sätze seiner Geschichte, in der er die tote Nina auf ihr Lebensdrama zurückblicken lässt. Dramaturgisch geschickt, baut Jordan vor dem Hintergrund einer idyllischen irischen Flusslandschaft Spannung auf. Präzise führt er den Leser in die Gefühlswelten seiner Figuren. Stets mutet der Autor den komplexen Charakteren mehr zu, als sie ertragen, bürdet ihnen Geheimnisse auf, an denen sie beinahe zugrunde gehen. So gelingt es Jordan in seinem Buch - genau wie auf der Filmleinwand - wieder einmal meisterhaft, sich in moralischen Grenzbereichen zu bewegen, in denen sich alle Gewissheiten und Fixpunkte in ständiger Ambivalenz auflösen.
Neil Jordan: "Schatten". Aus dem Englischen von Steffen Jacobs. Berlin Verlag, Berlin; 424 Seiten; 19,90 Euro.

DER SPIEGEL 1/2006
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