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DER SPIEGEL

GESTORBENFRITZ STEINHOFF

FRITZ STEINHOFF, 71. Düsseldorfs FDP-"Jungtürken" unter Führung von Wolfgang Döring, Walter Scheel und Willi Weyer, die 1956 den Sturz der CDU/FDP-Regierung unter Karl Arnold inszenierten, verhalfen dem Sozialdemokraten zum höchsten Amt im größten Bundesland. Doch auch als Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens ist Steinhoff, so vermerkt ein ehemaliges Mitglied seines Kabinetts, "im Grunde seines Herzens stets Kommunalpolitiker geblieben". Mit Vorliebe kümmerte der Bergmannssohn, der im westfälischen Wickede mit zehn Geschwistern groß wurde, sich um die kleinen Dinge im Lande. Zweieinhalb Jahre lang regierte der ehemalige Oberbürgermeister von Hagen zusammen mit FDP und Zentrum, dann, nach den Landtagswahlen 1958, kam die CDU mit absoluter Mehrheit an die Macht. Steinhoff wurde, wie zuvor, Oppositionsführer im Landtag, bis er bei der Bundestagswahl 1961 in seinem Hagener Wahlkreis ein Direktmandat errang. In Bonn jedoch verschwand der verschmitzte Westfale auf den Hinterbänken, denn die "große Rede war nicht sein Fach" ("Neue Ruhr Zeitung"), und nur noch an markanten Geburtstagen feierte die Landespresse ihn als einen jener Männer "der ersten Stunde", die, ihrer Gesinnung treu und vom NS-Regime verfolgt, sogleich nach der Kapitulation die politische Arbeit wiederaufnahmen. Vom Bauernknecht und Kumpel über den zweiten Bildungsweg zum Oberbürgermeister (1945) aufgestiegen, war "Fritzken" Steinhoff vom ersten Tag an Landtagsabgeordneter und wurde 1949 im ersten gewählten NRW-Kabinett Wiederaufbauminister. Rechtschaffen und freundlich gegen alle versah er seine Ämter und strebte nach "so wenig Staat wie möglich".
JACK KEROUAC, 47. In 17 genialisch hingeschluderten Büchern (Frühwerk und Bestseller: "On the Road", 1957) beschrieb er unermüdlich die Tramp-Touren, Besäufnisse und Bettgeschichten Jack Kerouacs. Sein Ruhm galt stets weniger seiner literarischen Leistung als dem Typ, zu dem sich Kerouac als erster überzeugend stilisierte: Der ehemalige Columbia-Student und Seemann wurde zu einem Chefideologen der amerikanischen Nachkriegs-Boheme, zum ersten Beatnik. Er propagierte die gegen den "American Way of Life", gegen Konsum- und Kommerzdenken gerichtete Chi-Chi-Kultur der schreibenden Edelgammler, die in den fünfziger Jahren zwischen Kif und Zen die "Beat-Generation" etablierten. Die romantische Protestgebärde hielt Kerouac auch als angejahrter Springinsfeld bei; seine eigentlichen Qualitäten sah er jedoch selbst woanders: "Ich bin als Bettgefährte ein Naturtalent und überhaupt ein netter Kerl."
MONGI SLIM, 61. Der Rebell aus Tunis war der erste Afrikaner. der -- für ein Jahr -- der Welt präsidierte: 96 von 97 Uno-Mitgliedern wählten ihn 1961 zum Präsidenten der Uno-Vollversammlung. Als der sowjetische Parteichef Chruschtschow im Uno-Plenum mit dem Schuh aufs Pult trommelte, murmelte Slim, stets auf Vermittlung bedacht: "Su-tafahum" -- "Es ist alles nur ein Mißverständnis." Als Jurastudent hatte der Urenkel eines an den Bey von Tunis verkauften Sklaven aus Griechenland in Paris die erste Freiheitsbewegung arabischer Studenten gegründet. An der Seite des heutigen Staatspräsidenten Burgiba erfocht er Tunesiens Unabhängigkeit. Nach der Blitzniederlage gegen Israel 1967 empfahl der Araber den Arabern, die Schuld bei sich selbst zu suchen. Sein Verhandlungsgeschick war ebenso legendär wie. seine Ausdauer beim Rauchen und Kaffeetrinken: 60 Zigaretten und 40 Tassen pro Tag.

DER SPIEGEL 44/1969
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