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DER SPIEGEL

GEHEIMDIENSTE / WENDLANDTod am Mittag

Am Vormittag hatte der Geheimdienstchef, wie allwöchentlich, mit dem Regierungschef die politische Lage erörtert. Am Nachmittag hielt Gerhard Wessel, Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND), bei Kanzler Kiesinger schon wieder Vortrag -- diesmal über eine neue Personal-Lage: Sein geschäftsführender Stellvertreter in München-Pullach, Generalmajor Horst Wendland, 56, war im Dienstzimmer tot aufgefunden worden.
Kiesinger ließ -- am Dienstag letzter Woche -- umgehend seinen Staatssekretär von und zu Guttenberg und den stellvertretenden Regierungssprecher Conrad Ahlers rufen. Die Herren kamen überein, den Tod am Mittag geheimzuhalten -- weil ein Spionagefall dahinter stecken könnte. In Wirklichkeit aber hüteten sie das Geheimnis einer Krankengeschichte. Wendland hatte keine Doppelfunktionen, er litt an Depressionen.
Obschon die Gerüchte, er sei in eine Spionagesache verwickelt, Gerüchte blieben -- es blieb auch die Frage, wieso in der Spitze des deutschen Geheimdienstes lange Zeit ein seelisch kranker Mann wirken konnte. "Beim ersten Anzeichen dafür, daß ... die Krankheit nicht geheilt war", so das "Handelsblatt", "wäre eine sofortige Ablösung fällig gewesen."
Ob Wendlands Krankheit heilbar gewesen wäre, steht dahin. Daß sie kein leichter Fall war, steht in einem ärztlichen Befund: "Schwere reaktive Depressionen." Die Erscheinungsformen dieses Leidens bedeuten denn auch in der Regel Gefahr für das eigene oder für fremdes Leben." Die Krankheit bricht zumeist auf durch Umwelteinflüsse.
Und Umwelteinflüsse waren es vermutlich auch, die den General dazu brachten, sich eine belgische Militärpistole an die Schläfe zu setzen. Die Kugel beendete eine Karriere, die Wendland im Eilschritt begonnen hatte und die er durch die ungünstigen Umstände für immer blockiert wähnte. Mit 32 Jahren wurde 1944 der damalige Oberstleutnant Chef der Organisationsabteilung im Generalstab des Heeres. Mit 36 Jahren wurde er 1948 Organisationschef in General Reinhard Gehlens Bundesnachrichtendienst und somit dritter Mann in Pullach -- doch das war er auch noch mit 56.
Zwar avancierte Wendland 1958 -- nach seiner Übernahme in die Bundeswehr -- zum Brigadegeneral und 1963 zum Generalmajor. Doch sein Aufgabengebiet blieb unverändert: Personal- und Ausbildungsfragen und Verwaltung des 100-Millionen-Haushalts.
Dabei war der schlanke, 1,85 Meter große General, der akkurate Zivilkleidung bevorzugte und kultivierte Umgangsformen schätzte, im Amt bei allen gelitten. Mitarbeiter rühmten seine Intelligenz, sein Gedächtnis und sein souveränes Wesen. Untergebene konnten bei ihm auch private Sorgen loswerden.
Das Understatement, das Wendland im Dienst beliebt machte, bestimmte auch seinen privaten Lebensstil. Von seinen Ersparnissen baute er sich in Feldafing am Starnberger See ein Einfamilienhaus, in dem er mit Frau Ilse und vier Kindern zurückgezogen lebte, in dem er Computertechnik studierte oder Kriegsgeschichte las.
Anflüge einer Persönlichkeitsveränderung zeigten sich bei dem ausgeglichenen, selbstsicheren Geheimdienstler erst um die Jahreswende 1966/67. Damals mehrten sich für ihn die Indizien, daß er vermutlich nicht Nachfolger des pensionsreifen Gehlen und nicht einmal offiziell zweiter Mann in der Pullacher Geheimdiensthierarchie werden würde.
Und damals auch mußte Wendlands Arzt erstmals seinem Patienten raten, sich außerhalb seiner regelmäßigen Aufenthalte in Bad Kissingen einer Sonder-Kur zu unterziehen. Außerdem wurden ihm Tabletten gegen depressive Stimmungen verordnet.
Doch die Rekonvaleszenz, die sich Anfang des Jahres anzeigte, hielt kaum vor. Wendland verfiel bald wieder in Depressionen, die zunehmend zermürbender wurden. Eine zweite Kur, die ihm sein Arzt dringend angeraten hatte, schlug er aus. Denn just um jene Zeit wurde der damalige Vize-Präsident des BND, Hans-Heinrich Worgitzki, in den Ruhestand versetzt, und überdies stand Gehlens Ablösung schon in Rede. In solch unruhiger Zeit wollte Wendland als ruhender Pol in Pullach zur Stelle sein. Er blieb nichts als das.
Nach Worgitzkis Abgang wurde Wendland nur "mit der Wahrnehmung der Geschäfte" des ausgeschiedenen Vize beauftragt, und die SPD, die das Pullacher Vizeamt partout mit einem Zivilisten besetzen wollte, brachte den stellvertretenden Präsidenten des Verfassungsschutzes, Dr. Günther Nollau, ins Gespräch.
Das wiederum behagte dem Gehlen-Nachfolger Wessel nicht, der an seiner Seite lieber einen Militär -- etwa Wendland -- gesehen hätte. Um die SPD nicht zu verprellen, leistete er hinhaltenden Widerstand: Er wünsche vorerst überhaupt keinen Vize.
Seither gab es für Horst Wendland keinen Zweifel, daß seine Karriere im Bundesnachrichtendienst beendet war. Seine depressiven Schübe stellten sich immer häufiger und immer quälender ein. Freunden sagte Wendland, er glaube nicht mehr, daß der Arzt ihm helfen könne.
Und tatsächlich führte die Krankheit seit Jahresbeginn zu deutlichem Leistungsabfall. Sein Gedächtnis versagte hin und wieder, bei Gesprächen ließ die Konzentrationsfähigkeit nach.
Wenngleich es unbegreiflich scheint, daß der kranke Mann so lange im Amt blieb, bis die Krankheit (sein eigenes) Leben löschte -- ein Sicherheitsrisiko ist Wendland trotz seiner bedrohlichen Krankheit freilich kaum gewesen. Was immer ein BND-Spitzenmann tut, geschieht unter unauffälliger Aufsicht. So konnte er zum Beispiel den Kernbereich der BND-Anlage, der aus vier Häusern besteht und in dem Wendland arbeitete, nicht verlassen -- um etwa in den separaten Bereich der Nachrichtenbeschaffer zu gehen. Er wäre von einer "Sicherheitskontrolle" erfaßt worden. Und so hätte Wendland beispielsweise auch nicht zur Nachtzeit aus seinem Privathaus zu einem Treff entweichen können -- sein Chef hätte es sofort erfahren.
Der depressive Geheimnisträger hat allerdings während seiner zwanzigjährigen Untergrundarbeit dergleichen nie versucht. Nur einmal in seinem Leben verlor er die Selbstbeherrschung -- am Dienstag vergangener Woche, zehn vor zwölf.

DER SPIEGEL 42/1968
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