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DER SPIEGEL

WOHNEN / BADEZIMMERMuße im Nassen

Über grandiose Freitreppen gelangte der Griechen-Herrscher Hippias in seine Badehalle aus phrygischern Marmor. Farbige Fresken von Meisterhand zierten die Wände des weitläufigen Badezimmers in Helena Rubinsteins Londoner Domizil. Curd Jürgens liebt es, im heimischen Bade-Bassin vor prasselndem Kaminfeuer Tee zu trinken, während sich ihm zur Seite Ehefrau Simone auf der Pelzbank räkelt.
Das durchschnittsbürgerliche Bade-Kabinett hingegen wird immer noch von der wuchtigen Boiler-Bombe über der zu kurzen Wanne geprägt; Mini-Waschbecken und Klo drängen sich auf sechs Quadratmetern. Die Badezimmer der westlichen Welt. monierte schon vor anderthalb Jahren der New Yorker Architekturprofessor Alexander Kira seien um vierzig Jahre hinter dem Standard des Raketen-Zeitalters zurück (SPIEGEL 32/1966).
Diese hygienische Lücke zu schließen, stellen westdeutsche Designer seit Sonnabend letzter Woche auf der Fachmesse "Bau 68" in München das "Wohnbad aus Plexiglas" vor. Der komfortable Mehrzweck-Salon, naß in der Mitte. zu trockenen Trink- oder TV-Gelagen einladend ringsum, verheißt nachgerade altrömische Badefreuden.
Badezimmer sind meist Mini-Räume außerhalb des Wohnbereichs", hatten die Gestalter der Darmstädter Plexiglas-Firma Röhm & Haas GmbH vor Jahresfrist erkannt. Ihre selbstgestellte Aufgabe -- das Bad "in den Wohnbereich hineinzuholen" und "dem Baden alle anderen Faktoren der Entspannung zuzuordnen" -- lösten sie mit der Hilfe des Professors Matthias Janssen vom Institut für Industrielle Formgebung an der TH Hannover.
Der von den Darmstädtern als "Aufenthaltsraum für die ganze Familie" gedachte Wasch-Salon -- vollklimatisiert, viereinhalb Meter Durchmesser -- ist in ein "Naßzentrum" und mehrere "Trockenzonen" gegliedert: Das Naßzentrum, einem marmornen Super-Aschbecher vergleichbar, besteht aus einem weißen Rundbecken mit dem dreifachen Fassungsvermögen einer
herkömmlichen Badewanne; die Dusche sprenkelt aus der Decke; ein
freistehendes Waschbecken. das dem Kommandopult des TV-Raumkreuzers "Orion" ähnelt, enthält eine ausziehbare Handdusche und einen eingebauten Haartrockner.
Die Trockenzonen, ringsum als Nischen in die Plexi-Rundwand eingelassen, sind mit Bar und Kleinst-Bibliothek, Fernsehgerät und Frisiertotlette sowie mit Polster-Chaisen und -Schemeln ausgestattet.
Perfekt wie die Beleuchtung ist die Belüftung: Während Licht wahlweise nur über Planschbecken oder Polsterbänken, aus dem Fernsehgerät oder in der Schminknische erstrahlt, streicht Frischluft aus den Trockenzonen über den geheizten Boden zum Bassin, über dem sie (mitsamt zu hoher Feuchtigkeit) wieder abgesaugt wird.
In diesem Bade-Boudoir, so propagieren seine Entwerfer, "lädt alles zum Bleiben": Besucher können nicht nur "in aller Muße baden"; sie können auch -- allein, zu zweit oder zu dritt -- ruhen oder reden und an der Bar oder über Büchern, vor dem Fernseher oder bei Freizeitspielen "Entspannung finden".
Die Erfinder versichern, das Muße-Zentrum sei bereits "so durchkonstruiert' daß es jederzeit an jedem beliebigen Ort eingebaut werden kann".
Allenfalls der Kaufpreis setzt dem Belieben Grenzen. Frei Haus kostet das Wohnbad 69 000 Mark.

DER SPIEGEL 8/1968
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