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DER SPIEGEL

VERLAGE / SCHNEIDER-BÜCHERPrima vertreten

Onkel Franz schreibt jeden Monat 30 000 Briefe an Kinder. Onkel Franz hält 250 Kindergeschichten auf Lager. Sie heißen "Die wilde Hilde und der Fünferbund" oder "Käpt'n Konny auf hoher See" oder "Geheimnis um Reni". Onkel Franz hat auch einen Computer.
Der hilft dem Münchner Franz Schneider, 42, mit ausgepichter Marktstrategie sein 54 Jahre altes Unternehmen an der Spitze zu halten: Der Franz Schneider Verlag ist Deutschlands größter Produzent von Kinderbüchern.
3,5 Millionen Bücher jährlich, bis zu 120 000 am Tag, stößt der Fabriks-Bungalow im Norden Münchens aus, alle mit steifem, abwaschbarem Deckel, in fünf Preisgruppen von 2,80 Mark bis 9,80 Mark. Sie gehen, außer an Buchhandlungen, auch an Kaufhäuser, Spielzeuggeschäfte und Papierläden. Sie werden in 16 Sprachen übersetzt und in 22 Länder exportiert. Gesamtauflage aller Schneider-Bücher bisher: 62 Millionen.
Begründer des Erfolgs war Franz Schneider senior, der 1928 in Berlin die ersten Bände eines neuen Typs von Jugendbüchern herausbrachte. Er erfand eine Einheitsausstattung, er versah die Buchrücken mit Altershinweisen wie "M (Mädchen) ab zehn", die den Eltern den Zugriff am Ladenregal erleichterten. Das Schneider-Buch sieht heute noch so aus wie vor dem Zweiten Weltkrieg, und schon damals war es ein Markenartikel wie Henkels Persil.
Sauber, solide und süß wie ein persilgewaschenes Kinderhemd sind Schneider-Texte. Die Leser von sechs bis vierzehn bekommen im wesentlichen das geboten, was Erich Kästner vor fast vier Jahrzehnten mit "Emil und die Detektive" (kein Schneider-Buch) ins Rollen brachte: harmlose Erlebnisse, Schul-, Familien-, Ferien- und Freundschafts-Schnulzen in Schlicht-Sprache und mit sonniger Tendenz.
Schneider-Probe: endlich hatte die Krankenkasse Mutters Kuraufenthalt in einem Rheuma-Heilbad genehmigt ... Sie waren alle miteinander so froh und erleichtert ... "Wie bin ich froh, daß dir jetzt geholfen wird!" rief Sonja. "Und sorge dich nicht! Wenn du weg bist, vertrete ich dich prima!"" Franz Schneider zum Schneider-Stil: "Die Erwachsenen, die ja die Bücher meist kaufen, wollen es so."
Bald nachdem Schneider 1945 die Jagdfliegerei aufgeben mußte, verstarb sein Vater, und Mutter Luise siedelte mit dem Verlag nach München über. Der Junior wurde Mitinhaber und nach wenigen Jahren Chef. Er baute dem Kinder-Karren einen hochtourigen Motor ein.
Jedes Schneider-Buch dient heute der ständigen Marktanalyse: Es enthält eine Preisrätsel-Postkarte, die mit Lösung, Alter und Namen des Lesers an den vorgedruckten Adressaten "Onkel Franz" zu richten ist. Die Einsender, viele tausend pro Monat, geben Onkel Franz Aufschlüsse über seine Kundschaft und liefern ihm Adressen für weitere Aktionen -- etwa für den Versand des Werbeblättchens "Die kleine Zeitung" mit 200 000 Stück Auflage alle zwei Monate oder für die Ausgabe von Fragebogen.
Mit deren Hilfe und anhand von spontan geschriebenen Leserbriefen ("Einfach toll finde ich die Bücher von M. L. Fischer. Die Mädchen sind genauso wie wir. Und sie machen auch solche Streiche") plant Schneider die Text-Produktion.
Als Albert Schweitzer ständig unter den großen Vorbildern genannt wurde, kam ein Buch über den Urwalddoktor ins Programm. Mädchen werden mit ihrer Lieblingslektüre, Internats-Geschichten, reichlich bedient, Jungen mit Förster-Themen, da der Waldberuf besondere Beliebtheit genießt.
Sex gibts bei Schneider nicht und auch nichts Intellektuelles. Als die Marktforschung herausfand, daß für Mädchen schon mit 14 die Liebe Thema eins ist, strich Schneider die fortgeschrittenen Teens von der Kundenliste. Für die geistigen Ansprüche gilt grundsätzlich die Volks- und Mittelschulbildung von Sechs- bis Vierzehnjährigen als Maß.
Alljährlich kommen etwa 50 Titel neu heraus, dafür verschwinden Bücher, deren Jahresabsatz unter 6000 gerutscht ist. Die künftigen Themen sind derzeit bis zum Herbst 1968 festgelegt, auch Auflage und Auslieferungstermine im voraus fixiert. Die gut gedrillten Abteilungsleiter schätzen den Umsatz langfristig bis auf ein Prozent genau.
Auf der Themenliste stehen die Stichworte "Tiere", "Umwelt", "Sport", "Schule" und "Mädchen-Internat". Darunter wird links der "Plan-Autor". später rechts der "Ist-Autor" eingetragen. Der darf das Buch nach Abstimmung mit dem Lektor dann zurechtschreiben.
Es lohnt sich, als Gehilfe in die Schneiderei aufgenommen zu werden. Der Meister zahlt fünf bis sechs Prozent vom Ladenpreis jedes verkauften Buches als Honorar. Bei dem Durchschnittsabsatz von 40 000 bis 50 000 Stück je Titel ergibt das Dichterlöhne zwischen 6000 und 10 000 Mark für ein Manuskript von etwa 100 Schreibmaschinenseiten.
Unter anderen tippen für Schneider: Gesellschaftskritiker Erich Kuby und Bergsteiger Luis Trenker, die Sportjournalisten B. Busch und Heinz Maegerlein, die Illustrierten-Schreiber Gustl Kernmayr und Norbert Lebert, die Roman-Autorinnen Marle Louise Fischer und Gitta von Cetto.
Keiner von ihnen erreichte freilich die Auflagen der zwei Starschreiber aus den Uranfängen des Verlags. Die Schneider-Titel der 1935 verstorbenen Kindergärtnerin Sophie Reinheimer ("Tannenwalds Kinderstube") und des Volksschullehrers Erich Kloss ("So schön ist"s nur im Försterhaus") schafften bis heute je 4,5 Millionen Auflage.
Jagdflieger Schneider, Vater von vier Töchtern im Alter von eins bis zwölf, fühlt sich in der Kinder-Konfektion wohl, die ihm jährlich 7,5 Millionen Mark Umsatz bringt. Nach schöngeistigem Verleger-Lorbeer strebt er nicht: "Ist es etwa fein, von einem Buch nur 3000 Stück zu verkaufen?"

DER SPIEGEL 24/1967
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