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DER SPIEGEL

GESAMTDEUTSCHE MANNSCHAFTLetzte Brücke

Zugleich mit Bundesdeutschlands politischer Prominenz warben auch deutsche Sportpolitiker um Stimmen. Die Olympia-Funktionäre konzentrierten ihre Anstrengungen auf eine entlegene Wahlkampfzone: Lateinamerika.
Denn die 16 Stimmen des amerikanischen Blocks werden beim Kongreß des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) vom 7. bis 9. Oktober in Madrid voraussichtlich darüber entscheiden, ob weiterhin eine gesamtdeutsche Mannschaft an Olympischen Spielen teilnimmt.
Das zur Zeit 69 Kopf starke Olympia -Komitee befindet souverän über alle olympischen Probleme - wie jetzt über Ablehnung oder Zulassung eines gesonderten Olympia-Kollektivs der Zone.
"Das erstaunlichste und bemerkenswerteste Gremium" ("Die Welt") besteht nur aus Mitgliedern auf Lebenszeit, die ihre Nachfolger selber wählen. Einen einheitlichen Stimmblock bilden lediglich die acht kommunistischen Ostblock -Funktionäre. Neben ihnen sitzen Millionäre, wie der amerikanische IOC -Präsident Avery Brundage, 78, und Schriftsteller, wie der Franzose Massard.
Unter den Mitgliedern sind Generäle, Fürsten und ein König: Konstantin von Griechenland. Von 53 vertretenen Staaten verfügen einzig Frankreich und die USA über je drei Stimmen. Einen Sitz haben selbst Mini-Staaten, wie Monaco (IOC-Vertreter: Fürst Rainier) und Liechtenstein.
Aus der Herkunft eines IOC-Mitgliedes läßt sich keineswegs sicher folgern, ob es für oder gegen die Ostblock-Forderung auf zwei deutsche Mannschaften stimmen wird. Dänemarks IOC-Vertreter Ivar Emil Vind hat zwar ins dänische Königshaus eingeheiratet; gleichwohl sprach er sich bereits für die kommunistische Zwei-Equipen-These aus.
Ungewiß ist der Wahl-Ausgang aus einem weiteren Grunde. Viele IOC-Herr ren entstammen Jahrgängen aus dem 19. Jahrhundert. "Man weiß nie, wer noch (zum Kongreß) kommen kann", sagte der deutsche IOC-Vertreter Willi Daume, Präsident des bundesdeutschen Nationalen Olympia-Komitees (NOK). Andererseits fehlt etwa Kubas Olympier Dr. Miguel A. Moenck in Madrid nicht wegen Gebrechlichkeit. Er erzürnte sich mit Fidel Castro und bekam kein Ausreisevisum.
Kein Zonen-Vertreter darf mitwählen. Denn Ulbrichts NOK wurde 1955 nur "provisorisch" unter der Bedingung aufgenommen, sich an einer gesamtdeutschen Mannschaft zu beteiligen. Die Zonen-Politruks stellten daraufhin ihre besten Sportler für die gesamtdeutschen Olympia-Mannschaften 1956, 1960 und 1964 ab. Ihr eigentliches Ziel aber blieb: eine eigene Olympiamannschaft.
Die vollbezahlten Berufsfunktionäre der Zone unternahmen in den vergangenen Jahren alles, um allen Betroffenen jeden Wunsch nach einer gesamtdeutschen Mannschaft gründlich zu vergraulen. Sie verärgerten die unbezahlten bundesdeutschen Verbandsführer durch endlose Verhandlungen, dialektische Tricks und grobe Beleidigungen in der Presse. Sogar der westdeutsche Ski-Präsident Adolf Heine, offizieller Mannschaftsleiter der deutschen Winter-Olympioniken in Innsbruck, resignierte 1964 erschöpft: "Die gesamtdeutsche Mannschaft ist eine Farce."
Der Wille westdeutscher Sportler zur olympischen Gemeinsamkeit wurde mit Hilfe linientreuer Ostblock-Kampfrichter durch Fehlurteile bei den Ausscheidungskämpfen zermürbt. Den Widerwillen ausländischer Schiedsrichter gegen alles Gesamtdeutsche schürten die Zonen-Funktionäre durch verschleppte Proteste und spitzfindige Regel-Auslegungen während der vorolympischen Qualifikations-Wettkämpfe.
Mit der gleichen Taktik unterhöhlten Ulbrichts Sport-Partisanen die deutsche Gemeinsamkeit auch in den verschiedenen internationalen Sportverbänden. Bisher haben 45 Fachorganisationen die entsprechenden sowjetzonalen Sportgremien voll anerkannt.
Der Frontwechsel eines besonders einflußreichen Sportfunktionärs verhalf den Zonenkämpfern zum folgenschwersten Durchbruch an der Olympiafront. Der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes, der Marquess of Exeter - 1928 Olympiasieger im 400-Meter-Hürdenlauf -, befürwortete bis 1964 das deutsche Einheits-Team.
Der Herzog, "ein seit einem Jagdunfall von Schmerzen geplagter, ehrgeiziger Mann" ("Bild"), wollte 1964 Nachfolger des" IOC-Präsidenten Brundage werden. Brundage wurde jedoch in geheimer Briefwahl unmittelbar vor den Olympischen Spielen in Tokio bestätigt. Obwohl das genaue Abstimmungsergebnis geheimgehalten wurde, drang durch, daß Exeter nur eine Handvoll Stimmen bekommen habe.
Der gekränkte Brite setzte daraufhin noch in Tokio die volle Anerkennung der Sowjetzone in der olympischen Kernsportart - der Leichtathletik - durch. Und in einem Brief an die russische Zeitschrift "Sowjetskij Sport" forderte er, die gesamtdeutsche Olympiamannschaft aufzulösen. Denn sie ist das "Lebenswerk" (Brundage) seines Rivalen.
Die Zonen-Juristen beriefen sich im vorolympischen Schlagabtausch auf die IOC-Satzungen, die seit 1962 jedem NOK die Vollmitgliedschaft zubilligen, das in einem "Territorium" anerkannt ist und arbeitet.
Das bundesdeutsche NOK holte ein Gegen-Rechtsgutachten ein. Professor Dr. Karl Doehring vom Heidelberger "Max -Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht" befand: Die gesamtdeutsche Mannschaft entstand durch einen Vertrag zwischen dem IOC und den beiden deutschen Olympia-Komitees. "Solange eines der NOKs seine Vertragstreue bekundet", resümierte Doehring, "ist das IOC gehindert, die Lösung der Vereinbarung einseitig herbeizuführen ..."
Als weiteres Indiz dafür, daß zwei
deutsche Mannschaften erforderlich seien, führten Zonen-Funktionäre Sportler-Klagen - etwa von der Sprinterin Jutta Heine - über die kraftraubenden Ausscheidungskämpfe für das gesamtdeutsche Team an. Tatsächlich erwies sich dabei der vorolympische Test jedoch als nützlich: 65,5 Prozent der 182 westdeutschen Olympia-Teilnehmer gelangten in Tokio in den Endkampf der besten Sechs (Zone: 53,5 Prozent), 34 Prozent gewannen Medaillen. Und viele Zonen-Sportler entschieden sich unter vier Augen für die gemeinsame Equipe. "Nur die SED-Bonzen wollen die letzte Brücke einreißen", bekundete ein DDR-Olympiateilnehmer.
Um diese letzte Brücke nun zu sprengen, war in diesen Wochen Dr. h. c. Heinz Schöbel, Präsident des provisorischen Zonen-NOK, in Lateinamerika auf Reisen. Im August agitierte er in Mexico City für eine unabhängige DDR-Mannschaft.
Im September besuchte im Gegenzug Willi Daume, der bundesdeutsche NOK -Chef, Mexikos NOK-Präsidenten General José Jesús Clark Flores. Daume überreichte dem Antiquitäten-Sammler Clark einen Nürnberger Bierkrug von 1920 (Daume: "Deutsches Bier - gut für die Nerven") und die Original-Partitur der Olympia-Hymne, die Richard Strauss für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin komponiert hatte. Mexiko will das Strauss-Opus beim Olympia 1968 wieder aufführen. Clark, Präsident der panamerikanischen Sportler-Dachorganisation, bestätigte Daume erfreut: "Eine gemeinsame deutsche Mannschaft wird 1968 besonders willkommen sein."
Aber der "verdiente Aktivist" Schöbel gab nicht auf. Er warb inzwischen in Chile, Uruguay und Brasilien für die Spaltung der deutschen Olympiamannschaft. Dort war ihm allerdings ein westdeutscher NOK-Gesandter zuvorgekommen, der im Sommer die Südamerikaner mit den westdeutschen Argumenten für die gemeinsame Equipe eingedeckt hatte.
Würde das IOC jetzt tatsächlich der Zone die Unabhängigkeit zubilligen, dann drohte den Olympischen Spielen die Spaltung. Denn der französische Sportminister Maurice Herzog hat erklärt: "Nur eine gesamtdeutsche Mannschaft darf zu den Olympischen Winterspielen 1968 nach Grenoble einreisen." Das bedeutet:
- Eine Zonen-Equipe erhielte keine
französischen Visa;
- Frankreich würden die Spiele entzogen;
- auch Westdeutschland würde aus
Solidarität gegenüber Frankreich an einem Ersatz-Olympia nicht teilnehmen; darüber wurde bereits im Bundeskabinett gesprochen.
Das im nichtkommunistischen Ausland nach wie vor überzeugendste Argument gegen zwei deutsche Mannschaften ist dies: Doppelt so viele Deutsche wie bisher würden voraussichtlich noch mehr olympisches Metall als bisher abschleppen.
"Viele IOC-Mitglieder", gab NOK -Präsident Daume vor dem Kongreß in Madrid zu bedenken, "sind allerdings der ewigen deutschen Streitereien müde." Doch davor würde das IOC nicht einmal durch das Zugeständnis einer eigenen DDR-Mannschaft geschützt. Denn die Zonen-Funktionäre haben ihr nächstes Ziel bereits öffentlich anvisiert: ein drittes deutsches Olympia-Team für West-Berlin.
In dieser Lage ist der erste Kompromiß-Plan vorsichtig ventiliert worden: Falls die Zone wenigstens für je zwei weitere Olympische Sommern und Winterspiele in einer gesamtdeutschen Mannschaft mitmacht, soll Ihr NOK-Chef Heinz Schöbel einen Sitz im Internationalen Olympisdien Komitee bekommen.
IOC-Funktionäre Massard, Exeter, Brundage: Man weiß nie ...
... wer kommt: West-Sprinterin Jutta Heine, ostdeutsche Verehrer in Jena 1964
Deutsche NOK-Präsidenten Daume, Schöbel: Auf Wahlkampf in Lateinamerika

DER SPIEGEL 41/1965
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