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DER SPIEGEL

NATOMinen für die Zonengrenze

Vor genau einem Jahr wurde der deutsche Weihnachtsfrieden durch den Generalinspekteur der Bundeswehr, Heinz Trettner, gestört. Es hieß, er wolle Atom-Minen legen, und der Militär-Experte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Adelbert Weinstein, betätigte voreilig die Zündung.
Ein Jahr danach, kurz vor dem Christfest 1965, deponieren die Amerikaner auf deutschem Boden mehrere hundert Atomminen. Diesmal ist keine Detonation zu hören.
Am 16. Dezember 1964, einen Tag nach Beginn. der jährlichen Nato-Konferenz in Paris, berichtete Weinstein in der "FAZ", Trettner habe im Nato -Militärausschuß vorgeschlagen, entlang der Zonengrenze "eine Sperre von Atom-Minen" anzulegen. Konsequenz für die Zivilbevölkerung, falls die Minen explodieren: Etwa zehn Millionen Deutsche würden direkt, die ganze Bundesrepublik mittelbar in Mitleidenschaft gezogen.
Kategorisch dementierte das Bundesverteidigungsministerium: "Es gibt keinen Atom-Minen-Gürtel, es gab keinen, es wird keinen geben!" Und gegen Weinstein wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Landesverrat eingeleitet.
Die Frage, ob Deutschlands Grenzen durch Atomminen gegen einen russischen Einfall geschützt werden können, wurde zwölf Monate später erneut akut. Der Oberbefehlshaber der Nato, US-General Lemnitzer, hatte die Regierungen des Paktes vergeblich gedrängt, ihre Streitkräfte endlich auf den in den Nato-Dokumenten anvisierten Stand zu bringen: 30 Divisionen.
Im Militär-Ausschuß der Nato malte Lemnitzer die Gefahren aus dem Osten aus: Die Sowjets unterhalten in Mittel - und Osteuropa 90 einsatzbereite oder kurzfristig zu mobilisierende Divisionen; 3000 moderne taktische Kampfflugzeuge stehen startbereit auf den Pisten, und rund 800 Mittelstreckenraketen mit atomarem Sprengsatz sind auf Ziele in Westeuropa gerichtet.
Um die Nato-Staaten gegen diese bedrohliche Streitmacht zu wappnen, hatte Lemnitzer zwei Alternativ-Pläne ausareiten lassen:
- Plan "Alpha": Er sah eine Verstärkung der konventionellen Abwehr nahe der Zonengrenze vor. Die Bundeswehr sollte um etwa 100 000 Mann aufgestockt und mit noch moderneren konventionellen Waffen ausgerüstet werden.
- Plan "Bravo": Auch dieser Plan geht
davon aus, daß die Verteidigung zunächst mit konventionellen Waffen geführt wird. Aber früher als im "Alpha"-Plan müßten Atom-Waffen eingesetzt werden. "Bravo" wurde von Lemnitzer als Minimalprogramm zur Durchführung der Vorwärtsstrategie angesehen, der Verteidigung unmittelbar an der Zonengrenze.
Der "Alpha"-Plan wurde von vornherein abgelehnt: Keine Nato-Regierung war bereit, die zusätzlichen Verteidigungslasten zu übernehmen. Plan "Bravo" aber wurde letzte Woche vom Nato-Rat akzeptiert - als Grundlage für einen Fünf-Jahres-Plan (über den Umfang der atlantischen Streitkräfte), der sich von Jahr zu Jahr jeweils um ein Jahr verlängern soll.
Allerdings wurde "Bravo" nicht ohne Einschränkung angenommen: Die Nato -Staaten kamen überein, die vom Nato -Oberkommando gewünschten Effektivstärken der einzelnen Verbände herabzusetzen. Die neuen Zahlen basieren auf den Nachschub-Notwendigkeiten der jeweiligen Verbände. Für eine amerikanische Division beispielsweise veranschlagten die Nato-Planer höhere Truppenzahlen, weil eine weit von der Heimat eingesetzte Einheit stärkere Reserve und Nachschubverbände benötigt.
Nato-Bundesgenosse Frankreich, der sich praktisch an der Ausarbeitung des Fünf-Jahres-Plans beteiligen will, machte grundsätzliche Vorbehalte geltend: De Gaulles Verteidigungsminister Messmer erklärte, er lehne "Bravo" grundsätzlich ab, weil er nicht in Einklang mit der gültigen Nato-Strategie von der massiven atomaren Vergeltung stehe.
Auch die Briten machten Einwände: Verteidigungsminister Healey verlautbarte offen, daß England die Nato-Verpflichtungen wegen des militärischen Engagements "östlich von Suez" nicht erfüllen könne. Eine Verstärkung der Rhein-Armee sei nicht möglich. Im übrigen, so Healey, seien die heute in Europa vorhandenen Truppen mehr als ausreichend.
Eine derartige Reaktion der Verbündeten hatte General Lemnitzer vorausgesehen und deshalb schon einen dritten, rein amerikanischen Plan, entworfen. Der General, in Personalunion Nato-Oberbefehlshaber und Befehlshaber der US-Streitkräfte in Europa, erklärte dem Pentagon, daß die anhaltende Schwäche der konventionellen Streitkräfte die in Europa stationierten amerikanischen Soldaten gefährde. Zudem könne man gegenwärtig in einer etwaigen Krise nicht mit schneller Verstärkung rechnen, da die USA täglich mehr Soldaten nach Vietnam schicken müßten.
Lemnitzer machte seinem Verteidigungsminister McNamara klar, daß die Amerikaner sich in Deutschland nur wirksam verteidigen könnten, wenn ihm außer Bomben und Raketen auch eine ausreichende Zahl kleiner Atom -Sprengkörper zur Verfügung gestellt werde.
McNamara ließ sich überzeugen: Am 27. November teilte er mit: daß die USA ihr Atompotential in Europa von 5000 auf 6000 Sprengköpfe erhöhen werden. Darunter seien vor allem Waffen mit geringer Sprengwirkung.
Dabei bewegte sich McNamara auf der Linie der Überlegungen, die ihm 1964 von deutscher Seite vorgetragen worden waren: Bei drohender Kriegsgefahr sollten auf westdeutschem Boden an besonders gefährdeten Stellen wie Straßen, Brücken und Tälern Atom-Minen verlegt werden, um einen zügigen Angriff der Roten Armee zu verhindern.
McNamara und sein Stabschef, General Wheeler, waren von der Grundidee des deutschen Planes angetan, wenn überhaupt Atom-Waffen, dann zuerst nur solche mit geringer Sprengwirkung zu benutzen. Aber andere amerikanische Generale und die zivilen Berater des US-Verteidigungsministers hatten damals skeptisch reagiert. Sie sahen die politische Kontrolle über den atomaren Einsatz gefährdet, wenn Atom-Minen fern von den Befehlsträngen in vorderster Linie ausgelegt würden.
Ein Jahr später waren diese Bedenken geschwunden, zumal es den amerikanischen Rüstungsexperten gelungen Ist, auch in die atomaren Kleinstwaffen Sicherungen gegen vorschnellen und unkontrollierten Einsatz einzubauen. Die US-Streitkräfte in der Bundesrepublik haben noch vor Weihnachten begonnen, die neuen 1000 Atom-Sprengköpfe in ihren Bunkern zu lagern.
Sprengloch für A-Minen
Zehn Millionen Deutsche in Gefahr?
Nato-Oberbefehlshaber Lemnitzer
Noch vor Weihnachten 1000 neue Köpfe

DER SPIEGEL 52/1965
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