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DER SPIEGEL

USA / RASSENPROBLEMAlles oder mehr

Cicero, das ist dort, wo Chicagos Westen Vorstadt wird - nicht mehr saubere City und noch nicht gepflegtes Grünland-Suburbia. Cicero, das ist dort, wo die Amerikaner Bohan, Sedlak, Kafka oder di Stefano heißen und von wo aus einst Al Capone und seine zweihundert Killer Schnaps-Schmuggel und Spiel-Höllen Amerikas kontrollierten.
Al Capone ist tot, Whisky keine verbotene Ware mehr, die Macht der Gangster längst gebrochen. Geblieben aber ist die Gewalt in Cicero, und vorletzten Sonntag tobte sie entlang der Cermak Road - schlimmer als zu Capones Zeiten.
Steine, Flaschen, Messer und Feuerwerkskörper krachten auf die Straße. Zweitausend behelmte Polizisten und Nationalgardisten des Bundesstaates Illinois wehrten die randalierende Menge mit Bajonetten ab und schossen schließlich, als der Mob sie zu überrennen drohte, scharfe Salven in die Luft.
In Chicagos Cicero raste am langen Labour-Day-Wochenende ein Rassenkrieg; schwarzer Aufruhr und weißer Haß prallten aufeinander wie kaum je zuvor.
Nach New York 1964 und Los Angeles 1965 war Chicago im Sommer 1966 Zentrum der Auseinandersetzung zwischen schwarzen und weißen Bürgern der USA. Aber anders als bei den spontan auflodernden Rassenkrawallen in den Gettos Harlem und Watts war die Explosion von Cicero Höhepunkt einer vorsätzlich ausgelösten Krise.
Nach dem Motto: "Wir müssen eine Krise herbeiführen, um über ein Verhandlungsobjekt zu verfügen" (so der Negerführer, Pastor und Nobelpreisträger Martin Luther King), waren schwarze Demonstranten jedes Wochenende in weiße Wohngebiete Chicagos marschiert. So wollten sie das Bürgerrecht auf "open housing" erkämpfen, auf die freie Wohnungs-Wahl in allen weißen Gemeinden.
Die Weißen wehrten sich erbittert. Wo immer die farbigen Demonstranten in die vorwiegend von Bürgern polnischer, deutscher und italienischer Abstammung bevölkerten Viertel einmarschierten, mußten Polizei und Nationalgarde eine lebende Mauer um sie errichten, um Totschlag abzuwenden. Und dennoch rissen fanatische Weiße - von denen einige mit dem Hakenkreuz der amerikanischen Nazis gegen die Schwarzen anstürmten - Lücken in den Polizei-Kordon und verprügelten Neger. Die Nazis, deren Chicago-Sekretärin ausgerechnet Erika Himmler heißt (siehe Seite 130), trugen Transparente: "Haut ab nach Afrika" oder "Der Zoo sucht euch".
Die Demonstranten, von Martin Luther King auf absolute Gewaltlosigkeit gedrillt, erduldeten die Schmach, ohne sich zu wehren. King, der bei einem Marsch von einem Stein am Kopf getroffen wurde und zu Boden ging, wollte zwar eine Krise, aber keinen Krieg.
Deshalb wollte King nicht nach Cicero. Denn dort war schon vor 15 Jahren Blut geflossen, als ein Neger eine Wohnung beziehen wollte; dort war auch im Mai dieses Jahres der arbeitsuchende Neger Jerome Huey, 17, von vier weißen Teenagern gesteinigt worden.
Aber das Feuer, mit dem King spielte, war von ihm nicht mehr zu kontrollieren. 200 Wohnrechts-Demonstranten kündigten dem Pastor die Gefolgschaft, marschierten allein ins explosive Cicero und schlugen zurück. Sie warfen Steine und brüllten den weißen Angreifern ihre Forderung ins Gesicht: "Black Power" - Schwarze Macht.
Schwarze Macht, das ist die neue Parole jener Neger in Amerika, die nicht mehr warten wollen auf ferne Freiheit und Mündigkeit, die nicht Gleichheit, sondern mehr Rechte als die Weißen wollen, und zwar sofort. Sie kämpften in Cicero, im nahen Waukegan in Illinois, aber auch - zwischen Juni und September - in rund 30 anderen Städten der Staaten.
Ungestüme Jungtürken unter den 22 Millionen Farbigen der Vereinigten Staaten haben damit begonnen, das schwarze Establishment beiseite zu drängen, das Gewaltlosigkeit predigt und Geduld. Die Radikalen hetzen zum Rassenkrieg, zur schwarzen Revolution. Sie verspotten die gemäßigten Führer vom Typ King als "Uncle Toms" - nach dem tragischen schwarzen Dulder in Harriet Beecher-Stowes Roman aus der Sklaven-Zeit. Sie verheißen Schwarze Macht - freilich ohne zu präzisieren, was das sein soll und wie sie das Ziel erreichen wollen.
Was es bedeuten könnte, darüber stritten sich am selben Wochenende, an dem in Cicero die Steine flogen, 169 farbige Funktionäre in der Bundeshauptstadt Washington.
Zuerst warfen sie sechs weiße Bürgerrechtler aus dem Saal, die seit langem für die schwarze Sache gestritten hatten. Dann warfen sie die Doktrin der Gewaltlosigkeit über Bord. Künftig solle, so taten sie den Negern Amerikas kund, jeder US-Neger das Recht auf bewaffnete Selbstverteidigung gegen weiße Übergriffe in Anspruch nehmen.
Mehr noch: Die Neger sollen eine eigene Partei gründen und den Weißen durch wirtschaftlichen und politischen Boykott ihren Willen aufzwingen.
Nicht nur auf dem Treffen in Washington, überall - in Gettos und auf Universitäten - geisterte das Gespenst der Schwarzen Macht. "Wenn wir von Black Power sprechen", verkündete der neugekürte Führer des schwarzen Studentenverbandes SNCC und Schwarz-Macht-Apostel Stokely Carmichael, 25, im Fernsehen, "dann heißt das, daß wir dieses Land in die Knie zwingen werden, wenn es den schwarzen Mann weiterhin unterdrückt."
Ron Karenga, Suaheli-sprechender, kahlköpfiger und bärtiger Führer der militanten "US"-("Wir")Organisation in Los Angeles, dröhnte: "Da wir keine wirtschaftliche Macht haben, bleibt uns nur eine Macht - alles kaputtzuschlagen."
James Meredith, Negerstudent, der im Juni bei einem Ein-Mann-Protestmarsch in Mississippi von einem weißen Landstreicher mit Schrot angeschossen wurde, tönte: "Die Schwarzen müssen, wenn die weiße Herrenschicht sie nicht vor Übergriffen schützt, das Recht selbst in die Hand nehmen. Sie müssen sich organisieren und bewaffnete Gewalt mit bewaffneter Gewalt vergelten."
In einer verräucherten Eck-Kneipe an der 125. Straße in New Yorks Negergetto Harlem orakelte Eddie Davies, Führer einer Organisation "Afrikanischer Nationalisten", im Gespräch mit dem SPIEGEL: "Das Ende von all dem hier wird ein weltweiter Rassenkrieg sein. Die Farbigen der Welt werden es eines Tages leid sein, sich auf die Brotkrumen zu stürzen, die der weiße Mann von seinem Tisch fallen läßt. Und wenn es einmal so weit ist, dann wird es kein Erbarmen mehr mit Whitey geben!"
So sprachen einst nur die wenigen Anhänger der "Black Muslims", jener militanten Muselmanen-Sekte, der auch Faustkämpfer Cassius Clay als Jung-Gläubiger angehört.
So sprechen heute selbst so besonnene Neger-Intellektuelle wie Hans J. Massaquoi, 40, stellvertretender Chefredakteur der Neger-Illustrierten "Ebony" (Auflage: über eine Million), der in einem gepflegten Einfamilienhaus in Chicagos Süden wohnt.
Hans Massaquoi, als Sohn eines liberianischen Generalkonsuls und einer Deutschen in Hamburg geboren und dort bis zum 22. Lebensjahr ansässig, zählt zu jenen über 75 Prozent aller US-Neger, in deren Ader ein gut Teil weißes Blut zirkuliert.
Massaquoi in akzentfreiem Deutsch zum SPIEGEL: "Das entscheidende Ereignis dieses Sommers ist, daß es den Negern gleichgültig geworden ist, was die Weißen von ihnen denken. Gewaltlosigkeit hat nichts gebracht; wir sind es satt, von den Weißen Aspirin gegen Krebs verschrieben zu bekommen. Wir wurden zu oft zurückgestoßen und wollen gar keine Integration mehr. Wir wollen Recht und Macht."
In dem Ruf nach Black Power schwingen nicht nur Ungeduld und Verbitterung, sondern auch ein neuentdeckter Stolz auf die eigene Rasse mit. Um dieses Selbstbewußtsein der Farbigen-Masse einzuimpfen, besinnen sich die Ideologen Schwarzer Macht auf den "natural look" der Neger, fordern sie auf, in Aussehen und Benehmen nicht mehr den Weißen nachzuäffen, und beschwören dann schwarze Geschichts-Gloire.
Neger, und zwar freie Neger - so postulieren sie -, lebten bereits in Nordamerika, lange bevor die puritanischen Pilgerväter 1620 mit der legendären "Mayflower" landeten und die weiße Großbesiedelung des Kontinents einleiteten. Einige tausend Neger hatten sich schon im 16. Jahrhundert im Mississippi-Delta niedergelassen. Später landeten mit Holländern und Briten einige freie Farbige an der Küste Virginias.
Auch die später en gros importierten Sklaven genossen - ein gutes Jahrzehnt - schwarze Macht und Herrlichkeit. Vor hundert Jahren, als die Yankees des Nordens die Sklavenhalter im Süden nach dem bis dahin blutigsten Bürgerkrieg der Weltgeschichte niedergerungen hatten, erhob Präsident Lincoln die Knechte zu Herren.
Der Kongreß in Washington rüstete alle Farbigen mit dem aktiven und passiven Wahlrecht aus, gleichzeitig sperrte er allen am Krieg beteiligten Weißen des Südens den Zugang zu politischen Ämtern. Folge: Analphabetische Schwarze stiegen über Nacht zu Abgeordneten, Bürgermeistern oder Polizeichefs auf.
Sogar in den exklusivsten Parlamentarier-Klub der Welt, den US-Senat, zogen zwei Neger ein. Jedoch: Die Mehrheit der über Nacht an die Macht katapultierten Sklaven mißbrauchte die Black Power, um sich an den Peinigern von einst zu rächen und sich zu bereichern.
Die Schwarze Macht löste weißen Gegenterror aus; dies war die Geburtsstunde des Ku Klux Klan und die große Zeit des Richters Lynch. Und als die Yankee-Besatzer, auf deren Bajonetten die Schwarzen regiert hatten, abzogen, wurden die Neger des Südens diskriminiert wie nie zuvor. Die Weißen verhängten die totale Rassentrennung.
Kirchen, Friedhöfe, Hotels, Parkbänke, Verkehrsmittel, Schulen und Kneipen boten Plätze für Schwarz und Weiß nur getrennt. In Alabama, im tiefsten Dixieland, verbot ein Gesetz den Schwarzen sogar, mit Weißen Schach zu spielen. Jeder Verstoß dagegen konnte den Lynchtod bedeuten; noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts wurden 2000 solcher - fast immer ungesühnter - Morde verübt.
Damals begann der große Neger-Treck nach Norden. Aber in den liberalen Breiten gerieten die meist nur für Handlanger-Dienste geeigneten Zugereisten in eine noch grimmigere Sklaverei - in die oft selbstverschuldete Sklaverei von Arbeitslosigkeit und Wohnungselend.
Nicht die dumpf dahindämmernde Masse der Neger im rustikalen Süden, der die weiße Regierung in Washington im letzten Jahrzehnt immer mehr Rechte freikämpfte, sondern das neue, halbaufgeklärte Neger-Proletariat in den Großstädten des Nordens und Westens erfand den Schlachtruf "Black Power". Er entstammt den riesigen Gettos mit Armut und Alkohol, Pornographie und Prostitution, Ratten, Raub und Rauschgift.
Neger-Viertel wie Harlem in New York, Watts in Los Angeles, wie Chicagos und Washingtons Süden, das sind Plätze, wo verirrte Knirpse auf die Frage nach dem Namen der Mutter mit "Bitch" (Nutte) antworten. Eine andere Anrede haben sie daheim nie gehört.
Es sind Plätze, wo - wie der Negerdichter Claude Brown ("Im gelobten Land") Ende August einem Senatsausschuß berichtete - ledige Mütter mit Schlachtern schlafen, um ein Stück Wurst für ihre Kinder zu ergattern, wo Sechsjährige Sexerfahrungen sammeln und 30jährige - wie Brown-Freund und Getto-Genosse Arthur Dunmeyer, der die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbrachte - Großväter sind. Inmitten dieser geballten Asozialität begann Anfang der sechziger Jahre der Zünder einer Revolution zu ticken, eines Aufruhrs, der zwar zuweilen von marxistischen Ideologen, rassistischen Sektierern und castroitischen Schwärmern geschürt wird, als dessen "wahre Agitatoren" Amerikas Justizminister Nicolas de B. Katzenbach aber nannte: "Krankheit, Verzweiflung, Arbeitslosigkeit, Elendswohnungen, Ratten und ein lange aufgestauter Zynismus:"
"Diese Agitatoren", so verteidigte sogar der weiße Minister Katzenbach noch die Auswüchse, "sind das Produkt von Generationen gleichgültiger Amerikaner, die es zuließen, daß sich Fäulnis, Rost und Sprengstoff in die Herzen unserer Städte fraßen."
Im grausigsten Getto, in Harlem auf Manhattan, nur wenige Autominuten vom Weltstadtherzen New Yorks entfernt,
‣ leben in vielen Wohnblöcken die Neger so eng aufeinander, daß die 195 Millionen Einwohner der USA, würde man sie genauso zusammenpferchen, in Hamburg wohnen könnten;
‣ sind ein Fünftel der arbeitsfähigen Männer dauernd arbeitslos;
‣ ist das Durchschnittseinkommen einer schwarzen Familie gerade halb so hoch wie das einer weißen;
‣ sterben doppelt so viele Säuglinge
und
‣ ist die Rauschgiftsüchtigen-Rate achtmal so hoch wie im übrigen New York.
In Harlem betete der Neger-Komiker Ray Scott vor der letzten Präsidentenwahl in einem Kabarett gegen den ultrakonservativen republikanischen Kandidaten Barry Goldwater:
"Laß Goldwater einen Autozusammenstoß mit einem Tankwagen haben, der zuvor mit einem Streichholz-Transporter kollidierte. Und wenn er überlebt, dann laß den Krankenwagen, der ihn ins Spital bringt, mit vier platten Reifen gegen ein Haus schleudern, in dem Dynamit und eine Atombombe liegen. Und sollte er das überleben, dann laß ihn unter räudige Hunde fallen, damit er sich selbst in den Wahnsinn kratzt."
"Der Arzt, der ihn behandelt, soll ein alter Hexer sein, mit einem Gorilla auf seiner Schulter und einem Orang-Utan als Assistenten. Und das Krankenhaus soll in Flammen aufgehen und jeder Hydrant zwischen Neuschottland und dem verfluchten Platz, wo dieser Mann geboren wurde, einfrieren."
"Laß einen Blitz in sein Herz fahren und ihn so verunstalten, daß er einem Gorilla gleicht, der auf dem Bahndamm liegt, nachdem unzählige Güterzüge über ihn gefahren sind. Und wenn das alles noch nicht genug ist, dann laß ihn morgen früh aufwachen - so schwarz wie ich."
Die Hoffnungslosigkeit in Harlem ist explosiv. "Die gefährlichste Erscheinung jeder Gesellschaft ist ein Mensch, der nichts zu verlieren hat", warnte Harlem-Dichter James Baldwin 1963. Ein Jahr später war das Getto eine Woche lang Kriegsschauplatz: Der weiße Polizist Thomas Gilligan erschoß den Negerjungen James Powell, der mit einem Messer auf ihn losgegangen war. Folge: zwei Tote, 140 Verwundete, 520 Verhaftungen und Millionen-Schäden.
Ein Jahr später ließ die Verhaftung des betrunkenen schwarzen Wagenlenkers Marquette Frye, 21, den schwarzen Vulkan im Los-Angeles-Getto Watts ausbrechen. Folge: 35 Tote, 600 Verwundete, 160 Millionen Mark Schaden. Der Kampfruf der durch Watts wütenden Neger "Burn, Baby, Burn" (Brenn, Baby, brenn) wurde zum Schrecken aller Weißen, die in den Großstädten Amerikas oft nur einen Steinwurf weit von den Getto-Zeitbomben entfernt wohnen.
Der Haß in den Gettos gebiert Dutzende revolutionäre Organisationen, die mangels Gelegenheit zum Umsturz zuweilen Befriedigung in kriminellen Ersatzhandlungen suchen. Haß und Mißtrauen gegen die Weißen schlagen oft ins Groteske um:
‣ In Harlem forderten farbige Eltern Anfang September, daß weiße Schüler aus anderen Stadtbezirken per Bus in eine brandneue Negerschule nach Harlem geschickt würden - als dies nicht geschah, boykottierten sie die Schule, die modernste und bestausgestattete des ganzen Viertels;
‣ in Watts verkündete LaRoi Drew Ali, Sprecher einer obskuren Sekte, die Anti-Baby-Pille sei ein Komplott der Weißen zur Sterilisierung der Neger;
‣ Afrika-Nationalist Eddie Davies befand, die Weißen schluckten ununterbrochen Tabletten, um ihre Schlaflosigkeit und ihr schlechtes Gewissen - Folgen der Negerversklavung - zu betäuben; so beschleunigten sie ihren eigenen Untergang.
Zwar rissen die Getto-Kriege die Weißen aus ihrer Gleichgültigkeit: Nach den Harlem-Krawallen begannen sie eine Kampagne gegen Armut und Arbeitslosigkeit im Negerslum von New York, der Neger Lloyd George Sealy wurde dritter Polizeichef der Zehn-Millionen-Stadt; nach dem Watts-Wirbel empfahl das von Präsident Johnson eingesetzte Sonderkomitee ein soziales Aufbauwerk.
Aber der durch Extremisten angeheizte heiße Sommer 1966 suchte mehr Städte heim als je ein Sommer zuvor, und das Geschrei nach Schwarzer Macht mobilisierte den weißen Mob - und nicht nur ihn: Der Druck der Schwarzen löste den lange befürchteten Gegenstoß auch gemäßigter Weißer aus, vor allem im Kongreß.
1964 und 1965 hatte das Parlament widerstandslos die bisher bedeutendsten Bürgerrechtsgesetze in der Geschichte der amerikanischen Neger verabschiedet. Sie brachten den Schwarzen gleiches Wahlrecht und garantierten ihnen Gleichberechtigung am Arbeitsplatz.
Das Bürgerrechtsgesetz 1966 aber, das eines der haarigsten Rassenprobleme regeln sollte - die Garantie der freien Wohnungswahl -, blieb letzte Woche an den Hürden des Kapitols hängen. Die Politiker fürchten, die in der Sommerglut gewucherte Animosität gegen Farbigen-Forderungen werde sie bei den Kongreß-Zwischenwahlen im November zu viele Stimmen kosten.
Die Abneigung gegen Zugeständnisse wächst, vor allem bei den Massen des weißen Proletariats, das im Norden die Konkurrenz der Neger am Arbeitsplatz fürchtet und im Süden noch jemanden braucht, auf den es herabschauen kann.
Furcht und Haß verhärten die Vorurteile gegen die Schwarzen. Von den weißen Amerikanern glauben nach einer Untersuchung des Nachrichtenmagazins "Newsweek"
‣ 85 Prozent, daß Neger zuviel lachen und schwatzen;
‣ 75 Prozent, daß die Neger fauler sind als Weiße;
‣ 71 Prozent, daß die Neger "riechen";
‣ 69 Prozent, daß die Schwarzen niedrigere Moral hätten, "oversexed" seien;
‣ 44 Prozent, daß Neger von Natur aus zum Verbrechen neigen.
88 Prozent aller Weißen würden ihren minderjährigen Töchtern ein Rendezvous mit einem Neger verbieten. 79 Prozent hätten etwas dagegen, daß ein Verwandter oder naher Freund einen schwarzen Ehepartner wählte. Die Hälfte aller Weißen möchte keinen Neger zum Nachbarn. Amme, Diener, Schuhputzer oder Gepäckträger sind nach Ansicht der Mehrheit der Weißen die rechten Berufe für Neger.
In den letzten Jahren schien es, als würden die abschätzigen Urteile über die farbigen Amerikaner langsam weichen. Die Black-Power-Offensive, die Forderung radikaler Farbiger, den Neger nicht nur gleichberechtigt, sondern - als Entschädigung für jahrhundertelange Unterdrückung - bevorzugt zu behandeln, hat den Graben zwischen den Rassen erneut aufgerissen, den Haß geschürt.
70 Prozent aller Weißen Amerikas sind heute der Überzeugung, daß die Farbigen "zu unverschämt drängen" - sechs Prozent mehr als noch vor drei Jahren.
"So werden sie uns nicht an die Wand drücken", sagte im Zimmer 1220 des Abgeordnetenhauses in Washington der konservativ-demokratische Abgeordnete Joe Waggoner aus Louisiana zum SPIEGEL. "Je mehr die Neger das Tempo forcieren, um so stärker wird der Widerstand der Weißen wachsen."
So schließt sich der Teufelskreis des amerikanischen Jahrhundertproblems. Leidtragende der Extremisten auf beiden Seiten sind jene Neger, die nicht auf Schwarze Macht bauen - und sie, der schwarze Mittelstand, sind noch immer in der Überzahl.
Nur etwa 15 Prozent aller Neger sind nach Meinungsumfragen bereit, auf die Straße zu gehen. Zwei von drei Negern glauben, daß es ohne Revolution schneller aufwärts geht. Während der Harlem-Unruhen brachten die Mittelstands-Neger ihre Chevrolets und Fords in Sicherheit. In Atlanta hefteten während blutiger Zusammenstöße der letzten beiden Wochen viele Schwarze Schilder an ihre Tür: "Ich bin ein guter Nachbar."
Die schwarze Masse weiß, daß 170 Millionen weiße Amerikaner sich keine Schwarze Macht aufzwingen lassen werden.
Zwar warnt "Ebony"-Schreiber Massaquoi: "Wenn sich nicht bald etwas ändert, dann könnte es geschehen, daß die Neger Feuer an diesen Staat legen und ihn erledigen."
Aber erledigen würden sie in erster Linie die Existenz jener 22 Millionen Farbigen Amerikas, die bei aller Diskriminierung 120 Milliarden Mark pro Jahr ausgeben können und mehr Autos besitzen als die übrigen zwei Milliarden Farbigen dieser Welt zusammen.

DER SPIEGEL 39/1966
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