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DER SPIEGEL

LIBERALEÄrger um Henry

Ein geplanter Festvortrag Henry Kissingers bei der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung sorgt für Unmut. Der ehemalige US-Außenminister soll am 15. Mai im Reichstagsgebäude bei der Verabschiedung des Stiftungsvorsitzenden Otto Graf Lambsdorff über "Menschenrechte als Leitprinzip der Weltpolitik" sprechen. Das erbost liberale Altvordern - schließlich war Kissinger mitverantwortlich für zivile Bombenopfer in Vietnam, unterstützte den Staatsstreich des chilenischen Generals Augusto Pinochet und begrüßte den Militärputsch in Argentinien. Burkhard Hirsch, ehemaliger Vizepräsident des Bundestags, sagte seine Teilnahme an der Feier ab. "Völliges Unverständnis" für die Einladung bekundet der frühere FDP-Bundesinnenminister Gerhart Baum. Kissinger sei auch "in den letzten Jahren nicht durch Engagement für Menschenrechte, etwa im Kongo oder im Sudan, aufgefallen". In einem Brandbrief an die Stiftung fragt er, wer "auf die peinliche Idee gekommen" sei, Kissinger zu diesem Thema sprechen zu lassen. Der sei "zweifellos ein interessanter Mann" gewesen, "aber zum Thema Menschenrechte kann ich es gut entbehren, ihm zuhören zu müssen". Auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch moniert, man habe "Kissinger nicht als einen Verfechter der Menschenrechte kennengelernt". Die Naumann-Stiftung verteidigt die Wahl: Kissinger sei "nun mal der amerikanische Außenpolitiker schlechthin" und habe schon beim FDP-Parteitag in Köln 2005 "unter großem Beifall gesprochen". Zudem sei der ehemalige Außenminister "ein persönlicher Freund von Graf Lambsdorff".

DER SPIEGEL 16/2006
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