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DER SPIEGEL

Klassenkeile statt Klassenkampf

Wie sich ehemalige RAF-Kämpfer mit der Normalität arrangieren
Für den Mittwoch vergangener Woche war Inge Viett eigentlich fest gebucht. Gemeinsam mit Horst Franz, dem ehemaligen Leiter der Stasi-Terrorabwehr, sollte sie im Berliner Verlagsgebäude des "Neuen Deutschland" ("ND") zum Thema "30 Jahre Deutscher Herbst ... auch eine Ost-West-Geschichte" diskutieren. Davon versteht die ehemalige RAF-Terroristin etwas, war sie doch 1982 vor West-Fahndern auf die andere Seite der Mauer geflüchtet.
Doch kurz vor der Veranstaltung fand der "ND"-Redakteur Tom Strohschneider einen Brief in seiner Post, in dem die Ex-Terroristin barsch absagte und ausgerechnet dem "ND"-Mann vorwarf, in der Einladung "die Terminologie des Staatsschutzes" benutzt zu haben.
Es folgte eine im Ton ehemaliger RAF-Bekennerschreiben gehaltene Suada: Da war die Rede von "aggressivem Klassenkampf von oben, neoliberaler Manipulation, Raubzügen der imperialistischen Staaten" und von 30 Jahren "fiebrigen Suchens nach Mitteln, den mutierenden Moloch aufzuhalten".
Der Stil legt nahe, dass Viett mit ihrer Vergangenheit noch nicht so ganz abgeschlossen hat, will sie doch auch als "Aktivistin gegen Ausbeutung und imperialistische Kriege" weitermachen. Nur dem bewaffneten Kampf hat sie seit mehr als 25 Jahren abgeschworen, und das ist glaubhaft, zumal sie vor kurzem 63 Jahre alt geworden ist.
Auch die anderen RAF-Rentner, deren Fotos einst neben dem von Viett auf Fahndungsplakaten in der ganzen Republik prangten, sind nach ihrer Entlassung oder Begnadigung friedlich geblieben. Mit ihrer Vergangenheit aber hadern sie alle. Die einst verschworene Gemeinschaft ist dahin, Kontakte unter den Ehemaligen sind selten - wenn überhaupt trifft man sich meist auf Feiern zum 60. Geburtstag, die häufen sich ja jetzt.
Es gab Versuche von kleinen Gruppen, über die Gewalt von damals zu reden. Bis vor zwei Jahren etwa trafen sich Frauen aus der RAF und der Bewegung 2. Juni zu diesem Zweck alle sechs Monate bei Inge Viett. Die Rückschau endete im Streit über die Frage, ob der bewaffnete Kampf seinerzeit legitim war - oder von Anfang an ein Irrweg.
Auch die Frage, ob die RAF-Gründer 1977 in Stammheim ermordet wurden oder Selbstmord begingen, sorgt immer noch für Zoff. Vielen Ehemaligen gelten Ex-Genossen wie der Schleyer-Entführer Peter-Jürgen Boock oder der an dem Überfall auf die Deutsche Botschaft in Stockholm 1975 beteiligte Karl-Heinz Dellwo als Verräter, weil sie öffentlich der Mär vom Mord entgegentraten.
Treffen Vertreter der Mordthese auf solche, die dem letzten RAF-Mythos den Garaus machen wollen, gibt es Klassenkeile statt Klassenkampf - das habe Dellwo auf einer der Geburtstagsfeiern zum 60. erfahren müssen, wird in der Szene kolportiert. Befürworter der Mord-These um die Sprengstoffattentäterin Irmgard Möller sollen sich geweigert haben, von Dellwo gegrillte Koteletts zu essen.
Möllers Wort wiegt in dieser Frage noch immer schwer. Denn die RAF-Frau überlebte als Einzige die Stammheimer Todesnacht im Herbst 1977 - mit vier Messerstichen in der Brust. Sie behauptet bis heute, ein staatliches Mord-Kommando habe sie überfallen.
Doch es sind nicht nur ideologische Gräben, die sich zwischen den Genossen von einst aufgetan haben. Auch die sozialen Unterschiede erschweren neue Gemeinsamkeiten.
Für viele führte der Weg nach der Haftentlassung geradewegs in die Fürsorge des einst verhassten Systems. "Es ist wahnsinnig schwer, mit so einer Biografie und nach langer Haft im normalen Leben wieder Fuß zu fassen", sagt Till Meyer. Als Mitglied der Bewegung 2. Juni entführte er 1975 den Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz, heute arbeitet er als Journalist.
Nur wenige haben es - wie Viett oder der Schleyer-Entführer Peter-Jürgen Boock - geschafft, als Autoren Vergangenheit und Gegenwart lukrativ zu verknüpfen oder sich anderweitig eine halbwegs gesicherte bürgerliche Existenz aufzubauen.
Susanne Albrecht, die Hamburger Großbürgertochter, die ihren RAF-Genossen
bei der Ermordung Jürgen Pontos, des Patenonkels ihrer Schwester, half, gehört dazu. Sie arbeitet heute unter anderem Namen als Lehrerin in Norddeutschland. Und Knut Folkerts, der zu den Schleyer-Entführern zählte und in Holland einen Polizisten erschoss, führt jetzt in einer Hamburger Logistikfirma die Geschäftsbücher.
Karl-Heinz Dellwo schlägt sich als Dokumentarfilmer und Hörbuchautor durch. Sein Stockholm-Komplize Lutz Taufer arbeitete nach seiner Haftentlassung 1995 für eine Berliner Bio-Bäckerei und belieferte unter anderem die "taz"-Redaktion mit Brötchen, inzwischen soll er bei seiner Schwester in Brasilien leben.
Silke Maier-Witt ist in mehrfacher Hinsicht eine Ausnahme: Weil sie nicht nur glaubhaft Reue zeigte, sondern auch umfassend aussagte, wurde sie 1995 vorzeitig aus der Haft entlassen und studierte Psychologie.
Dank einer Empfehlung des damaligen Generalbundesanwalts Kay Nehm konnte sie ab dem Jahr 2000 im Kosovo als Friedensfachkraft Projekte betreuen, die vom Entwicklungshilfe-Ministerium finanziert wurden.
Dennoch ist für Maier-Witt die Linie, die sie von der RAF in den Kosovo führte, eine gerade. Sie habe einst für Frieden in Vietnam und Gerechtigkeit in der Dritten Welt kämpfen wollen. Dabei habe sie gelernt: "Wenn man etwas bewaffnet macht, schlägt es auf einen zurück." Dies sei eine Lehre, die sie den Menschen im Kosovo weitergeben wolle.
Ihre ehemalige Mitkämpferin Friederike Krabbe, mit der sie 1977 in Bagdad zusammentraf, dürfte das anders sehen. Krabbe ist die letzte RAF-Terroristin, nach der bis heute gefahndet wird - wegen der Entführung und Ermordung Schleyers. Ein palästinensischer V-Mann des Bundeskriminalamts hatte bereits Ende der siebziger Jahre gemeldet, dass Krabbe sich der Gruppe "15. Mai" um den Bombenspezialisten Abu Ibrahim angeschlossen habe. Geheimdienstinformationen zufolge soll sie den Terrorfürsten später geheiratet haben.
Noch kurz nach dem Irak-Feldzug der Amerikaner 2003 vermuteten deutsche Fahnder das Paar in Abu Ihrahims Haus in Bagdads Villenviertel al-Mansur, das die Bombardements heil überstanden hatte. Seitdem fehlt von beiden jede Spur. GUNTHER LATSCH
Von Gunther Latsch

DER SPIEGEL 5/2007
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