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DER SPIEGEL

USASchwarz gegen Schwarz

Für afroamerikanische Traditionalisten ist New Orleans ein Symbol des Elends, in dem sie von Weißen gehalten werden. Dass einer der ihren, Barack Obama, Präsident werden will, macht ihn für sie verdächtig. So entsteht ein Bruderkampf, der die Chancen des Senators schmälern könnte. Von Marc Hujer
In der Woche, in der Barack Obama offiziell verkündet, dass er der erste schwarze Präsident Amerikas werden möchte, warten 400 schwarze Prediger vor dem Sheraton Hotel in New Orleans, um ins Elend zu fahren. Sie sitzen in acht Bussen, angemietet von der Samuel-DeWitt-Proctor-Priesterkonferenz, und wollen den Lower 9th Ward sehen, den 9. Stadtbezirk, jenes Viertel, das in den Fluten des Wirbelsturms "Katrina" unterging. Es soll eine Pilgerreise werden an einen Ort, der einst der Stolz der schwarzen Unterschicht war und den niemand zu retten versuchte, auch nicht diejenigen, die das Geld und die Macht besitzen, auch nicht die Weißen.
Es sind große Namen, die sich hier treffen, die wichtigsten schwarzen Kirchenführer des Landes: die Reverends Otis Moss und James Forbes sind Vertraute von Bill Clinton, Jeremiah Wright ist der Pfarrer und Freund von Barack Obama. Unter den 400 sind die Leitfiguren der Schwarzen Amerikas, ohne sie lassen sich heute keine Wahlen gewinnen.
Joe Givens steht vorn im Bus, er leitet die Tour, ein kleiner, bulliger Kirchenmann aus New Orleans mit stark gegeltem Scheitel und festsitzendem Sonntagsanzug. Er verlor im Sturm alles, sein Haus, seine Möbel, selbst die Familienfotos. Er hasste es anfangs, wenn Schaulustige nach New Orleans kamen, um das Elend zu begaffen, aber jetzt will er, dass so viele Menschen wie möglich hierherkommen, denn die Wirklichkeit, sagt er, sei immer schlimmer als die Bilder im Fernsehen. Er sagt, dass ihm der Ort heilig sei und er ihn nicht entweihen möchte. Die Fahrt mit dem Bus nennt er deshalb lieber nicht "eine Tour", sondern eine "Visite", einen Krankenbesuch.
Joe Givens hätte auch gern Obama in New Orleans gesehen, den neuen Star der Schwarzen, der für die Konferenz sogar angemeldet war. Die Vorbereitungen für die Präsidentschaftsbewerbung in Springfield im Staate Illinois sind ihm jedoch wichtiger. Überdies fand es Obamas Kamarilla keine gute Idee, sich in dieser Woche in New Orleans zu zeigen. Der Bewerber sollte nicht gezwungen sein, Partei zu ergreifen - zum Beispiel gegen die Weißen.
Obama hat andere Pläne. Er möchte das Land einen, nicht spalten, er möchte die Kämpfe von einst überwinden, die schwarze Bürgerrechtler seit dem Mord an Martin Luther King vor fast 40 Jahren immer wieder kämpfen. "Es gibt kein schwarzes und kein weißes Amerika", rief Obama in seiner inzwischen berühmt gewordenen Rede auf dem Wahlparteitag in Boston 2004 in den Saal, "sondern nur die Vereinigten Staaten von Amerika."
Joe Givens tippt den Fahrer an, der startet den Motor, der Bus schüttelt sich, es geht los. 18 Monate ist es her, seit Hurrikan "Katrina" den Golf von Mexiko aufwühlte und die tödlichen Wassermassen auf New Orleans zuschob. Der Mississippi floss plötzlich rückwärts und drückte das Wasser so lange tief in die Stadt, bis die Dämme brachen, mehrmals, am Fluss, an den Kanälen, am Lake Pontchartrain. Die Wucht der Welle riss die Häuser quadratkilometerweise aus ihren Fundamenten. Das Wasser wurde zum Gefängnis, es dauerte Wochen, bis New Orleans wieder trocken war. Es war wie eine biblische Strafe. Über 1800 Menschen starben im Sturm.
Zehntausende haben damals New Orleans verlassen, und seitdem sind sie nicht mehr zurückgekehrt. Sie leben jetzt in Texas,
in Mississippi oder West Virginia, wo es billige Wohnungen und einfache Jobs gibt. 440 000 Einwohner zählte New Orleans vor der großen Flut, 190 000 sind es heute, so viel wie im Jahr 1875.
Viele Weiße sind glücklich über den Schwund. Als das Wasser die Sozialwohnungen der Schwarzen wegspülte, soll der republikanische Kongressabgeordnete Richard Baker gehöhnt haben, jetzt seien endlich die Sozialbauten in New Orleans verschwunden. Geschäftsleute im French Quarter pflichteten ihm bei, sie waren froh, als viele, die einst in den Schwarzenvierteln wohnten, nicht zurückkehrten.
Die Stadt plant nun ein neues New Orleans mit einem "kleineren Fußabdruck", was eine makabre Umschreibung dafür ist, dass vor allem die schwarzen Stadtteile verschwinden sollen. Der Immobilienmogul Donald Trump soll angeblich schon da gewesen sein, um neue Apartments für Reiche auf dem Schutt der Armenviertel zu planen. Joe Givens nennt es "die brutalste Umsiedlung, die ich kenne".
Der Mississippi, New Orleans, die große Flut, der Hohn der Weißen, das Elend der Schwarzen: Nicht nur für Joe Givens ist das alles ein Beweis dafür, wie wenig sich in Amerika geändert hat.
Der Bus hat jetzt den 9. Stadtbezirk erreicht, das ärmste Viertel von New Orleans. 98 Prozent der Menschen hier waren schwarz. Hier wurde geschossen, gemordet, der Bezirk war berüchtigt als "Mordhauptstadt der Mordhauptstadt". Kein einziges Haus hat den Sturm überlebt.
Joe Givens und die anderen wollen eine Morgenandacht halten, vor Sonnenaufgang werden sie da sein, sie werden weinen, beten und flehen und die Worte Martin Luther Kings aus seiner Befreiungsrede bei dem großen Protestmarsch in Alabama 1965 wiederholen. "Wie lange noch?", werden sie im Chor rufen. Und im Chor werden sie antworten: "Nicht mehr lange."
Der Glaube war und ist der große Rettungsanker der armen Schwarzen. "Bei uns gehen die Leute nicht zum Arzt oder zum Psychologen", sagt Givens. "Sie gehen in ihre Kirche." Draußen vor den Busfenstern ziehen leere Straßenzüge vorbei. Die Häuser sind meist nur noch Ruinen mit angeketteten Haustüren und Schildern, auf denen steht: "Bitte nicht wegbaggern. Der Eigentümer".
"Hört ihr die Stimmen?", fragt Joe Givens. "Hört ihr die Menschen, die hier nicht mehr sind?"-"O ja, wir hören sie", antworten die Priester. "Wir können sie hören."
Nach der Visite sitzen sie im Ballsaal des Sheraton Hotel, sie singen, weinen und beten, dann kommt Al Sharpton, der Schwarzen-Führer aus New York, der sich als Erbe Martin Luther Kings sieht. Sharpton ist ein Provokateur, der wandelnde Protest gegen alles Unrecht, das Schwarzen angetan wird, der Held der Ghettos von Dallas, Detroit oder Philadelphia. Er kandidiert, wo es Kandidaten gibt. 1997 wollte er Bürgermeister von New York, 2004 Präsident werden. Auch 2008 will er wieder antreten, nicht zuletzt gegen Obama, der es den Weißen recht machen will.
Sharpton ist eine Macht unter den Schwarzen. Er wirkt schon im Ruhezustand aufgepumpt, er läuft nach vorn zum Podium, den Bauch wie ein Schmuckstück vorgedrückt, den Blick nach oben gerichtet, so hoch, dass er über die Scheitel des Publikums hinwegsieht. Er rückt das Mikrofon zurecht. Er braucht drei Sätze, bis sich die Lautsprecheranlage zum ersten Mal überschlägt.
Für Al Sharpton sind die Kämpfe von gestern die Kämpfe von heute. "Aus jeder Umfrage geht hervor, dass sich die überwältigende Mehrheit der Schwarzen diskriminiert fühlt. Will mir da einer sagen, dass das die Kämpfe von gestern sind?" Er klagt die Schwarzen an, "die so wenig schwarz wie möglich" und "pur und sauber" sein wollen. "Michael Jackson war nicht der Erste von uns, der tanzen konnte", ruft er. "Er ist nur so weit gekommen, weil Martin Luther Kings Kampf die großen Bühnen geöffnet hat."
Michael Jackson, der seine Haut bleichte, ist das Symbol für die Tragik der Schwarzen, die so gern weiß wären.
Der Saal tanzt, die Priester sind vor Begeisterung aufgesprungen. Sie werfen die Fäuste in die Luft, sie umarmen sich, sie klatschen sich ab wie im Sportstadion. Der Jubel regt Sharpton an, er wettert jetzt gegen die, die sich nicht zu den Schwarzen bekennen, nicht zu den Idealen der Bürgerrechtler. Er erwähnt Barack Obama mit keinem Wort, aber er meint ihn. "Wer Angst hat, sich zu bekennen", brüllt Sharpton, "soll wenigstens sagen, dass er Angst davor hat."
Am Abend zuvor, beim Gala-Dinner, spielte die Konferenzleitung ein Fünf-Minuten-Grußwort von Obama ein. Hinter ihm sah man das Kapitol, rechts unter ihm das Senatswappen. Das begnadete Redetalent redete wie zu Fremden, Obama klang wie ein Vorstandsvorsitzender, der einer fernen Filiale des Unternehmens Grüße schickt. "Ich danke Ihnen allen für Ihre Arbeit", sagte Obama, "Sie haben dem Land wertvolle Dienste erwiesen."
Sharpton nimmt Platz, der Jubel verebbt.
Charles McCann ist Postbote im 9. Bezirk. Er ist ein erfahrener Mann, 27 Jahre arbeitet er schon für die Post, seine Rente ist sicher, und seine Route ist eine der besten. Er ist hier groß geworden, aber dann zog er weg, er konnte sich ein besseres Viertel leisten. Die Kollegen nennen ihn ehrfurchtsvoll Mister Mac.
Etwa 600 PDs hat Mister Mac auf seiner Route, PD steht für "potential deliveries" und heißt, dass er im schlimmsten Fall 600 Kunden pro Tag beliefern muss, aber der schlimmste Fall tritt praktisch nie ein. Reiche
bekommen regelmäßig Briefe, von Freunden, von Geschäftspartnern, von Banken, Versicherungen, Werbeagenturen. Wo Geld ist, gibt es auch Post. Im 9. Bezirk aber gibt es kein Geld. Deshalb hat Mister Mac manchmal nur zwei Kunden pro Straße. Man könnte sagen, dass es Mister Mac bessergeht, wenn es anderen schlechtergeht, und das ist keine Frage der Hautfarbe. Auch Mister Mac ist schwarz.
Menschen wie Mister Mac illustrieren das große Missverständnis der schwarzen Bürgerrechtler, die noch immer in den Schützengräben der sechziger Jahre liegen, als sie für gleiche Rechte kämpften. Schwarze Amerikaner gehören heute nicht mehr notwendigerweise einer kollektiv unterprivilegierten Klasse an. Sie sind nicht von den Weißen dazu verdammt. Sie haben oft genug Chancen, die sie nutzen können. Unter schwarzen Intellektuellen ist es längst gang und gäbe, dass die Rassenfrage in eine Klassenfrage übergegangen ist.
Viele Schwarze haben es geschafft, sie sind etabliert, beziehen Rente wie Mister Mac. Etliche verdienen auch deutlich mehr als Mister Mac. 1,1 Millionen Schwarze haben ein Jahresgehalt von 100 000 Dollar und mehr, lange schon gibt es einen soliden schwarzen Mittelstand in den Speckgürteln der Großstädte. Schwarze halten Spitzenjobs in der Wirtschaft, bei Merrill Lynch etwa, Time Warner und American Express. In der Politik gab es Colin Powell und gibt es heute Condoleezza Rice, die Außenministerin. Es gibt den neuen Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, und natürlich Barack Obama, die erste wirkliche Präsidentschaftshoffnung der Schwarzen Amerikas, nach den beiden vergeblichen Anläufen des wortgewaltigen Bürgerrechtlers Jesse Jackson 1984 und 1988.
Sind diese Schwarzen zu erfolgreich, zu privilegiert, um als schwarz zu gelten?
Die schwarzen Bürgerrechtler kämpfen längst nicht mehr nur gegen die Weißen, sie stehen mitten in einem Bruderzwist. Sie haben sich angewöhnt, "richtige" Afroamerikaner von Amerikanern mit nur einem afrikanischen Elternteil wie Obama zu unterscheiden. Obama hat keine Vorfahren, die als Sklaven aus Afrika kamen, sein Vater kam in den sechziger Jahren als Student aus Kenia mit einem Stipendium nach Amerika. Seine Mutter ist eine Weiße aus dem tiefen Mittelwesten, aus Kansas.
Dieser Unterschied ist wichtig in der Auseinandersetzung der Schwarzen mit den Schwarzen. Der studierte Anwalt Obama, der ein Zeichen der Versöhnung setzen will, der seine Bewerbung nicht in New Orleans, sondern in Springfield ankündigt, der Stadt Abraham Lincolns, steht für die Arrivierten seiner Hautfarbe. Auch deshalb kommt er noch nicht gut an bei den schwarzen Wählern. Nach Umfragen erhält er lediglich 20 Prozent ihrer Stimmen. Deutlich mehr, 60 Prozent, unterstützen Hillary Clinton. Sie ist der Champion der Schwarzen, die es geschafft haben.
Kann Barack Obama dennoch der erste schwarze Präsident Amerikas werden?
Reverend Jeremiah Wright sitzt im Sheraton Hotel in New Orleans mitten im Trubel, er ist einer der großen Prediger, ein hochgewachsener Mann mit einem dünnen Bärtchen, der auf den ersten Blick streng aussieht, ernst, unnahbar. Ein Mann, der den ganzen Tag mit einem drahtlosen Telefonempfänger im Ohr herumläuft und predigen kann wie Al Sharpton.
Seine Kirche, die Trinity United Church of Christ, liegt im Süden von Chicago, sie ist ein Relikt der sechziger Jahre wie er selbst. Viele, die damals zur Kirche gingen, sind längst aus dem Viertel herausgewachsen, das eines der ärmsten ist. Wenn er sonntags predigt, muss das Grundstück von Sicherheitskräften bewacht werden, damit Gläubige wie Barack Obama oder die milliardenschwere Talkshow-Königin Oprah Winfrey, die zu seiner Gemeinde gehören, sicher nach Hause kommen.
Der Reverend hat Obama zum Glauben geführt. "Moderne und Glauben, das halten manche für einen Widerspruch", sagt Wright. "Sie sagen, es sei nicht rational." Er macht eine Pause. "Aber warum muss alles rational sein?"
Wright ist Obamas Freund und Vertrauter. Von ihm stammt der Titel zu dessen Buch "Audacity of Hope" - "Kühnheit der Hoffnung". Wenn Obama seinen Wahlkampf beginnt, wird er dabei sein.
Aber kann Obama der erste schwarze Präsident werden? Und ist er schwarz genug? "Hm", sagt Reverend Wright. Er wünscht es ihm. "Selbst wenn er auf allen Seiten Freunde gewinnt", fügt er nach einer längeren Pause hinzu, "selbst wenn er Demokraten und Republikaner zusammenbringt, bleibt er doch immer das, was er ist: ein schwarzer Mann."
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 8/2007
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