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DER SPIEGEL

„Ich war in Hölderlin gut“

Der Schriftsteller Walter Kempowski ("Tadelloser & Wolff", "Uns geht's ja noch gold") hat den Kanzler-Kandidaten der Union, Helmut Kohl, in seinem Heim besucht und ihn für das "Zeit-Magazin" nach seinem Kulturverständnis und seinen Lesegewohnheiten befragt. Auszüge:
Kohl über Bücher:
Ich bin nicht einer, der Bücher wegtut, ich lese sie oft nach Jahren wieder. Beispielsweise meinen Carl Zuckmayer. "Als wär's ein Stück von mir".
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... über Geschichte:
Ja, das Biographisch-Politische mag ich gern. Ich bin einer, der Politik sehr stark aus der Geschichte heraus begreift. Sehen Sie ... hier wimmelt es von Geschichte. Die ganzen Wallenstein-Sachen hab' ich, Golo Mann, alles. Hier, hier steht er. - Kishon hab' ich hier auch ... Wissen Sie, ich habe keinen Autor, auf den ich total stehe.
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... über Literaturerlebnisse:
Das erste Nachkriegsbuch, das ich mir gekauft hab', dreißig Mark, das war der "SS-Staat". Das war übrigens so ein Literaturerlebnis, Sie haben mich vorhin danach gefragt. Literaturerlebnis, das ist das richtige Wort. Das war mal eine ernste Darstellung von Sachen, von denen man vorher nichts gewußt hatte, und zwar eine Darstellung auf hohem Niveau.
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... über Goethe und Schiller:
Also, wenn Sie mich so fragen - ganz vornean, alles andere totschlagend, das war Hölderlin. Und es gehört zu meinen amüsantesten Erlebnissen der letzten Jahre, daß der rotchinesische Außenminister, der ja in Tübingen studiert hat, beim Essen aus dem "Schicksalslied" zitierte. Der war ganz high, als ich dann mitten in der angefangenen Strophe fortgefahren bin. Hölderlin war für mich ganz oben. Und dann kam die Schillerperiode, die war relativ kurz. Und dann erst kam Goethe.
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... über Hölderlin:
Ich war in Hölderlin gut; außer mir hat keiner diese Passion gehabt, auch kein Lehrer.
... über Weimar:
Wir waren im KZ und sind dann so'n bißchen in der Altstadt herumgelaufen, und da haben wir plötzlich den Park gefunden und haben die zwei Sarkophage gesehen. Das hat mich sehr berührt.
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... über Friedhöfe:
Wenn man deutsche Kulturgeschichte studieren will zum Beispiel, dann geht man am besten auf den Heidelberger Bergfriedhof, der ja traumhaft über Heidelberg liegt.
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... über die Nachkriegskultur:
In der Multi-Media-Show in Hannover, auf dem Parteitag, "Dreißig Jahre Nachkriegsgeschichte", als wir die jungen Kerle da beraten haben, die das da aufgezogen haben, da hab' ich gesagt: "Der Beckmann muß da unbedingt rein!" Also Borchert, "Draußen vor der Tür". Und dann natürlich Filme: "Ehe im Schatten", dieser Film hat einen Mordseindruck auf mich gemacht, auch "Liebe 47" ... Ein Buch, das mich auch beeindruckt hat: "Am grünen Strand der Spree". Von dem Autor ist auch nie wieder was gekommen.
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... über Staeck:
Das Ganze hat mit Kultur nichts zu tun, sondern nur mit blindwütiger Agitation. Ich kann über diese Plakate nicht lachen, weil ein Teil dieser Leute, die die Arbeiter hier aufhetzen, selbst Villen im Tessin hat.
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... über Musik:
Ich bin ja ein Trompeten-Fan. So was hab' ich auf Band. Ich bin eher für Jazz als für Pop, das muß ich allerdings sagen, Harry James.
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... über Mahlers Neunte:
Ja sicher, ich bin ja auch net dagegen, aber Trompeten - da gibt's von Vivaldi so Sachen ... Scherbaum und vor allen Dingen Maurice André. Scherbaum ist mathematischer, der andere ist wilder, wenn Sie so wollen, vitaler für meinen Geschmack. - Auch die Verjazzung von Bach, wie heißt er, der französische Chirurg ... heißt er nicht Andre Michele?
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... über sein Lieblingsgemälde:
Ich muß überlegen. Ich bin keiner, der aus der Hand rausschießt.

DER SPIEGEL 35/1976
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