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DER SPIEGEL

Das Buch meines Lebens

Der US-Schriftsteller Jack Kerouac (1922 bis 1969) erzählt in diesem 1957 erschienenen Roman von zwei Aussteigern, die sich auf einer Reise durch die USA den Drogen, den Frauen und dem Rausch der Freiheit hingeben.
Kein Buch habe ich öfter gelesen als Jack Kerouacs "Unterwegs". Zum ersten Mal mit 17, also 1968. Kurz zuvor hatten wir in der Schule Heinrich Bölls "Ansichten eines Clowns" durchgenommen, das erste Stück Literatur, das mehr war als Pflichtlektüre. Kurz danach empfahl mir der größte Bob-Dylan-Fan unseres Ortes Kerouac. Dessen Roman "The Subterraneans" habe Dylan zwar zu seinem "Subterranean Homesick Blues" inspiriert, der eigentliche Hammer Kerouacs aber sei "On the Road" (auf Deutsch: "Unterwegs"). Er hatte recht. Auch dieses Buch nahm mich mit, nur in einem ganz anderen Tempo als der Böll-Roman. Eine Flut von ungewohnten Namen, exotischen Städten, schrägen Gedanken und Eindrücken stürzte auf mich ein. Manche Seiten las ich drei-, viermal, bis ich sie verstand. Es muss etwas mit meiner tiefen Sehnsucht zu tun gehabt haben, dass ich lieber mit Sal Paradise und Dean Moriarty durch die USA bis nach Mexiko trampen wollte, als mich am Klassenkampf zu beteiligen. "... 'cause in sleepy London Town there's just no place for Street Fighting Man". Im verschlafenen Örtchen Rheinbach am Rand der Eifel, wo ich lebte, schon gar nicht. Etwa sechs Jahre später habe ich als Kunststudent eine Zeitlang in New York bei Larry Rivers, einem Urvater der Pop-Art, gewohnt, ohne zu wissen, dass er wohl der bedeutendste bildende Künstler der Beat-Generation war und in dem Film "Pull My Daisy" mitgespielt hatte, dessen Drehbuch von Kerouac stammte. Etwa alle zehn Jahre habe ich erneut das Bedürfnis verspürt, mit Sal und Dean auf Reisen zu gehen. Mitte der siebziger Jahre war ich endlich so alt wie meine aufgekratzten Weggefährten, Mitte der achtziger war ich zehn Jahre vernünftiger, heute bin ich Vater von Söhnen im Alter der Protagonisten. Schon ein ziemlicher Trip, dieses Dokument des Aufbruchs alle paar Jahre aus verändertem Blickwinkel neu zu erleben. Im vergangenen Jahr lief im Fernsehen ein Beitrag zum 50. Jahrestag des Erscheinens des "Testaments der Beat-Generation", und urplötzlich war mir klar, wovon der letzte, noch unbetextete Song unseres neuen Albums handeln musste!
Niedecken, 57, ist Sänger der Rock-Band BAP, die in diesem Jahr mit dem Lied "Wat für e' Booch!" eine Hommage an Kerouacs Werk "Unterwegs" veröffentlichte.
Von Wolfgang Niedecken

DER SPIEGEL 37/2008
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