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DER SPIEGEL

GEOWISSENSCHAFTENDer Schatz im Kivu-See

Im Herzen Afrikas lagert Methan in einem See. Techniker wollen das Gas aus der Tiefe in Strom umwandeln - doch tritt es unkontrolliert aus, droht eine Katastrophe.
In Lauerstellung sitzt Patrick Muhizi unter einem Sonnenschirm in der "Bikini-Tam-Tam Bar". Die Oberfläche des Kivu-Sees ist spiegelglatt, die Sonne scheint. Dennoch pfeift Muhizi die Kinder zurück, die zu weit im See planschen. Mit gutem Grund: Der 19-jährige Ruander ist Manager eines Strandbads am gefährlichsten See der Welt. Drei Menschen hat der zentralafrikanische Killersee in diesem Jahr schon verschluckt. Blasen, so scheint es, haben die Badenden in die Tiefe gesogen. Manchmal schwimmen tote Fische an der Oberfläche.
Der Kivu-See am Fuße der Virunga-Vulkane liegt in einer Narbe der Erdkruste, dem ostafrikanischen Grabenbruch. An seinem Westufer wuchert kongolesischer Dschungel, im Osten erstrecken sich die Kaffeeplantagen Ruandas. Und überall durchziehen tektonische Verwerfungen den Grabenbruch, deren Aktivität sich sporadisch in Erdbeben äußert.
Immer wieder hocken deshalb neugierige Geophysiker, Vulkanologen, Chemiker und Biologen in Muhizis Strandbar. Es lockt sie ein eigenartiger Schatz im 485 Meter tiefen Gewässer.
In Schichten unterhalb von 75 Metern nämlich sind enorme Mengen Gas gelöst wie in einer Sprudelflasche: 65 Kubikkilometer Methan und 256 Kubikkilometer Kohlendioxid. Was den See so gefährlich macht, ist der sogenannte Champagnereffekt: Wenn ein Erdbeben, Lavaströme aus den umliegenden Vulkanen oder ein heftiger Sturm die oberen Schichten aufwirbeln, kann Tiefenwasser in höhere Bereich gelangen. Die Folge: Das Gas perlt aus wie bei einer geschüttelten Sektflasche, die man öffnet.
"Durch eine solche Eruption können mehr Menschen sterben als durch einen Vulkanausbruch", warnt Matthieu Yalire. Der Kongolese ist Geochemiker im Goma-Vulkanobservatorium. Er entwirft die Notfallpläne für die Kivu-Region. Und derzeit macht ihm der See große Sorgen.
Erst im Februar hat ein Erdbeben, Stärke sechs auf der Richterskala, einen kleinen Tsunami erzeugt. "Wir fanden tote Fische und Schlangen am Ufer", sagt Yalire. Vor allem aber ist der 32 Kilometer entfernte Vulkan Nyamuragira "schon lange überfällig", seufzt er. Der Blick aus dem Fenster offenbart Yalires Dilemma bei den Evakuierungsplänen: "Sehen Sie, wenn der Vulkan ausbricht, werden die Menschen vor der Lava nach unten zum See flüchten - und damit genau dahin, wo das gefährliche Gas entweicht."
Eine solche Gaswolke hatte 1986 der Nyos-See in Kamerun ausgespuckt. Da Kohlendioxid schwerer ist als Luft, quollen 1,7 Millionen Tonnen des Gases aus dem Wasser und rollten regelrecht ans Ufer. 1746 Menschen und mehr als 2000 Tiere erstickten binnen wenigen Minuten.
Killerseen heißen diese gashaltigen Gewässer, und es gibt einige von ihnen in Afrika. Und doch ist der Kivu einzigartig: Nur er enthält neben Kohlendioxid auch das zusammen mit Luft explosive Methan. Bakterien setzen seit 15 000 Jahren totes organisches Material und das aus magmatischen Quellen stammende Kohlendioxid zu Methan um. Die Sättigung mit beiden Gasen beträgt derzeit insgesamt 40 Prozent. Und neuere Messungen lassen darauf schließen, dass der Gasgehalt in den vergangenen 30 Jahren dramatisch angestiegen ist. Die Ursachen sind unerforscht.
Unter Verdacht steht der Bevölkerungsanstieg und damit die erhöhten Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft ebenso wie die 1959 im Kivu ausgesetzte Tanganjika-Sardine. Fest steht nur eines: Das Gleichgewicht des Sees ist gestört. Irgendwann in den kommenden hundert bis zweihundert Jahren sei die Kapazität des Sees erschöpft, warnen Studien. Deswegen kamen Wissenschaftler zum Schluss: Das Gas muss raus.
Für die Menschen am Kivu entpuppt sich das als Segen. Seit April schweißen und schrauben Ingenieure der Forschergruppe um den französischen Physiker Michel Halbwachs an einer schwimmenden Plattform, die nur wenige hundert Meter von Muhizis Strandbar entfernt liegt. Eine schwarze Röhre verschwindet im Wasser des Kivu. Wie durch einen Strohhalm soll daraus schon bald Gas aus dem See sprudeln.
Dann wird es zischen und eine meterhohe Fontäne aus dem See schießen. Später soll das brennbare Gas Turbinen antreiben. Die Ingenieure stehen dabei unter Zeitdruck. Denn rund einen Kilometer vom Ufer entfernt ragt, einer Ölinsel gleich, schon das Konkurrenzprojekt aus dem Wasser. Dort haben sie bereits vor einigen Tagen die Methanproduktion angeworfen. Doch geklappt hat es nicht richtig. "Kinderkrankheiten", murrt der israelische Ingenieur, der im Auftrag der ruandischen Regierung die Anlage betreibt. "Schaltet sie ab!", brüllt er in sein Telefon.
Ab Januar soll Strom fließen. Insgesamt knapp neun Megawatt werden die beiden Pilotprojekte ins Stromnetz einspeisen. Doch dies ist nur ein erster Schritt für ein afrikanisches Land, das über fast keine eigenen Energieressourcen verfügt. Gerade einmal 50 Megawatt beträgt die Gesamtleistung aller Kraftwerke im Land, gewonnen aus Wasserkraft und importiertem Diesel. Das reicht nicht einmal, um jeden Haushalt Ruandas mit einer Glühbirne zu beleuchten.
Nur zu gut kennt Bar-Manager Muhizi die Folgen der Stromknappheit: Fast jeden Abend verstummt irgendwann die Musik in seiner "Bikini-Bar", und die Lichterketten gehen aus. Das Methan, so hofft er, wird ihm bald mehr Strom und mehr Besucher bescheren.
Wer verstehen will, was das Pilotprojekt für Ruanda bedeutet, der muss in die Hauptstadt Kigali fahren. Hier werden in neuen Bürogebäuden Computernetzwerke und Glasfaserleitungen verlegt, um die Wirtschaft auf E-Business umzustellen. In der fünften Etage des videoüberwachten Union Trade Centre schaltet Ivan Twagirashema die Klimaanlage ein und reißt das Fenster auf. Unter ihm liegt Kigali - hell erleuchtet. Der Hügel dahinter ist stockduster. "Mein Traum ist, dass in zehn Jahren auch alle Haushalte da drüben Strom haben und dass wir sogar noch unsere Nachbarländer beliefern können", sagt er.
Der 32-jährige Industriechemiker ist der Geschäftsführer der Rwanda Investment Group. Sechs Millionen Dollar investierten ruandische Oligarchen in die Testanlage, die der Physiker Halbwachs konstruiert hat. Finanziell sei das Projekt ein Risiko, gibt Twagirashema zu. Doch er ist überzeugt: Ruanda hat eine neue Energiequelle entdeckt. "Wir können 400 Jahre lang über hundert Megawatt erzeugen", schwärmt er.
Zwar gebe es keine Garantie, dass die Technik auch wirklich funktioniert. Doch das Risiko, es nicht zu versuchen, sei viel größer, beteuert er.
Das sieht der promovierte Geophysiker Klaus Tietze aus Celle anders. Von der Idee, den See als dauerhafte Energiequelle anzuzapfen, hält er wenig. "Nur ein gasarmer See ist ein guter See", erklärt er. Deswegen plädiert er dafür, das Wasser so schnell wie möglich zu entgasen - und zwar nicht nur vom Methan, sondern auch vom Kohlendioxid.
In den beiden bestehenden Pilotprojekten ist geplant, das CO2 nach der Separation vom Methan zurück in die Tiefe zu pumpen, um die Gasschichten stabil zu erhalten. In Wirklichkeit würde nach Tietzes Berechnungen die bestehende Schichtung dadurch gestört.
"Papa Kivu" wird Tietze auch genannt. Vor 34 Jahren hatte der damalige Doktorand erstmals speziell entwickelte Messinstrumente ins Wasser des Sees getaucht. Sein Ergebnis: Das Gewässer sei ein kaum berechenbares komplexes System; niemand könne vorhersagen, wie es auf Störung reagiert. "Wenn man die stabilen Schichten schwächt, dann steigt die Gefahr eines Ausbruchs", warnt der Forscher. Er hat Angst, dass der Kivu jetzt "Zauberlehrlingen" in die Hände fällt, die aus ungenauen Daten falsche Schlüsse ziehen.
Tietze hat deswegen eine Beraterfirma für "angewandte Kivu-Studien" gegründet. Die deutsche Zarnack-Gruppe, aber auch amerikanische, indische, südafrikanische und zwei weitere deutsche Investoren haben Interesse an seinen Diensten angemeldet. Eine südkoreanische Firma verhandelt mit der kongolesischen Regierung.
Dieser Wettlauf ums Kivu-Gas birgt Gefahren. Am Ende werden womöglich zehn oder mehr Förderinseln auf dem See schwimmen. Wer sollte sie alle kontrollieren und den Wasser- und Gasdruck im See überwachen?
Hinzu kommt die Bedrohung durch den blutigen Kampf zwischen Rebellen und Regierungstruppen im Ostkongo. Er hat das Verhältnis zum Nachbarstaat Ruanda tief erschüttert. Die Regierung in Kinshasa bezichtigt den kleinen Nachbarn, die Rebellen zu unterstützen und kongolesische Rohstoffe wie Coltan und Gold zu plündern. Eine Kooperation bei der Methanausbeute scheint da aussichtslos.
Im Gegenteil: Leicht könnte ein ruandischer Methanförderturm zur Zielscheibe von Sabotage werden. Kaum auszudenken, welch gewaltige Fontäne dann aus dem See schießen würde.
Die Bevölkerung am kongolesischen Ufer des Kivu ahnt von dieser Gefahr wenig. Die Menschen plagen andere Sorgen. Während am Abend Technomusik aus Muhizis Strandbar über den See schallt, wirkt die Stadt Goma auf der kongolesischen Seite wie ausgestorben. Ab zehn Uhr herrscht Ausgangssperre. Der Krieg hat 60 000 Flüchtlinge ans Ufer des Kivu getrieben. Sie suchen nach Sicherheit - am Killersee. SIMONE SCHLINDWEIN
Von Simone Schlindwein

DER SPIEGEL 51/2008
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