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DER SPIEGEL

PROSTITUTIONDer perfekte Puff

Es sieht aus wie das politisch korrekte Bordell: Ein Betrieb bei Stuttgart bietet Frauenbeauftragte, Weiterbildung und die Chance auf Selbstbestimmung. Er wurde zum Modell für moderne Freudenhäuser. Nun ist der Inhaber in einen Prozess verstrickt - es geht um Menschenhandel. Von Uwe Buse
Stolz ist Jürgen Rudloff auf die Sache mit den Äpfeln. Sie liegen am Eingang, an der Rezeption in einer großen Schale. "Äpfel im Bordell", sagt Rudloff, "das ist gut. Das ist gesund. Das hat Niveau. Wegen der Bibel, der Erbsünde und so."
Stolz ist Rudloff auch auf den Schneeraum, eine schummrige Höhle mit einem Schacht an der Decke, aus dem Eis fällt. Rudloff öffnet die Tür, stapft im Schnee herum, begeistert wie ein Kind. "Das hat sonst keiner. Bevor ich das habe einbauen lassen, wusste nicht mal ich, dass es so was gibt."
Und Rudloff ist auch sehr zufrieden, dass Jürgen-Bernd Schiemann oben ist im zweiten Stock. Für Rudloff ist Schiemann ein weiterer Beweis, dass es aufwärtsgeht, trotz aller Schwierigkeiten.
Schiemann ist Diplom-Mathematiker, Filialdirektor der Allianz in Stuttgart, zuständig für den Sondervertrieb, er sieht aus wie jemand, der nicht oft an die frische Luft kommt. Er stöpselt gerade Kabel an seinen Laptop.
Ein paar Sekunden später schaltet er den Projektor an, und an der Wand erscheint eine Frau. Sie ist brünett, steht vor einem weißen Hubschrauber und scheint es eilig zu haben. Sie könnte eine erfolgreiche Managerin sein, auf dem Weg zum nächsten Termin, in New York, London, Paris. Oder ein Model. Für Drei-Wetter-Taft. "War nicht einfach, ein Eröffnungsbild für diese Präsentation zu finden", sagt Schiemann, und es klingt entschuldigend. "Das hier ist echtes Neuland für mich." Es klopft an der Tür.
Schiemann sagt "Herein", und eine Blondine betritt den Raum. Sie hat sehr wenig an, und das wenige, was sie trägt, ist sehr transparent. "Hi", sagt sie und hält Schiemann die Hand hin. "Ich heiße Paris. Wie Hilton." Sie lächelt freundlich. Schiemann weiß nicht, wohin er gucken soll. Schließlich entscheidet er sich für eine Stelle an der Wand über Paris' rechter Schulter. "Angenehm", sagt er.
Über dem Arm trägt Paris ein rotes Badehandtuch, sie legt es auf einen Ledersessel, zieht es gerade, setzt sich: "Hygiene muss sein."
"Hmhm", sagt Schiemann.
Er wurde von Rudloff eingeladen, um den Frauen hier etwas über Rentenversicherungen zu erzählen. Rudloff ist der Meinung, dass man da was tun müsse. Die Mädchen lebten ja oft einfach so in den Tag hinein, völlig planlos, was die Zukunft angehe. Da habe er mal den Schiemann angerufen, vor einer Weile. Der sollte sich was überlegen.
Nun ist der Schiemann da, und es gibt einen Spezialtarif, entwickelt von der Allianz und dem Bundesverband des deutschen Erotikgewerbes. Sehr flexibel, in jeder Hinsicht. Schiemann drückt eine Taste auf seinem Laptop, die Brünette mit dem Hubschrauber verschwindet, und Tabellen erscheinen.
Während Schiemann oben im zweiten Stock seinen Vortrag hält, sitzt Rudloff im Erdgeschoss an der Bar und trinkt eine Apfelschorle. Er ist ein Mann in den Fünfzigern, sonnengebräunt, eine Föhnwelle im Haar. Er trägt einen Anzug, darunter ein Hemd mit Monogramm, das am Brustkorb spannt. Wenn er lächelt, sieht man erstaunlich ebenmäßige Zähne.
Geschäftspartner sagen, man wisse nie, was Rudloff über einen denke. Er könne selbst zu den größten Arschlöchern nett und freundlich sein, über Stunden. Das sei ein großer Vorteil in seiner Branche. Rudloff zuckt mit den Schultern, wenn er das hört, und sagt, er könne einfach gut mit Menschen.
Rudloff lebt mit einer Innenarchitektin zusammen, in einem schönen Haus in Stuttgart. Er fährt einen Porsche. In seiner Firma ist er von jungen, nackten Frauen umgeben. Rudloff führt ein Leben, um das ihn wahrscheinlich viele Männer beneiden.
Manchmal verlässt er Stuttgart, oft geht es dann nach Frankfurt am Main. Dort ist er Teilhaber an einem weiteren Bordell. Die Boulevardpresse nennt Rudloff "den Sexclub-König".
Sein neues Bordell liegt in der Nähe des Stuttgarter Flughafens, in einem Gewerbegebiet. Früher war der rechteckige Bau ein Lagerhaus, jetzt ist hier das größte Wellness-Bordell Europas. Sagt Rudloff. 5000 Quadratmeter, verteilt auf fünf Etagen, rechnet man die Büroräume mit. Sechs Millionen Euro habe es gekostet. "Paradise" steht in großen roten Leuchtbuchstaben an der Fassade.
Zutritt haben nur Männer, sie können hier saunen, im Whirlpool oder im Dampfbad sitzen, sie können sich auch massieren lassen, ganz normal, von einem staatlich geprüften Masseur. "Vögeln können sie natürlich auch", sagt Rudloff, "müssen sie aber nicht."
Er hat das Paradise vor gut einem Jahr eröffnet, zwei Jahre hat er es geplant, es sollte ein Modell werden für eine neue Art von Bordell. Keine billige Bumsbude, kein verdruckster Wohnungspuff, sondern ein öffentlicher Ort der Entspannung, gesellschaftlich akzeptiert, zumindest vom Staat und den Männern. Wer sich hier Frauen mietet, soll sich wohl fühlen und kein schlechtes Gewissen haben.
An vielen Orten in Deutschland, in Berlin, in Kaarst, Ulm, Dortmund, in Castrop-Rauxel, in Gladbeck, Köln, in Brüggen wuchsen in jüngster Zeit Bordelle aus dem Boden, ähnlich wie das Paradise, sie gleichen Badelandschaften und versprechen politisch korrekte Befriedigung. In ihren Saunen, Whirlpools, Ruheräumen sollen Männer nicht auf Opfer, sondern auf selbstbewusste, selbstbestimmte Frauen treffen.
Unter den neuen deutschen Wellness-Bordellen will das Paradise das fortschrittlichste sein, es soll, unter anderem, Lösungen bieten für die Mängel des Prostitutionsgesetzes von 2002, eines Prestigeprojekts der rot-grünen Koalition. Gedacht war das Gesetz als aufklärerischer Akt, der die Prostituierten in die Legalität holt, der ihre Dienstleistung in ein normales Gewerbe verwandelt, inklusive Steuerpflicht.
Geendet ist das Gesetz als gutgemeinter Versuch, der die Lage der Prostituierten nicht verbessert hat. Eine Studie, in Auftrag gegeben von der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, kommt zu dem Ergebnis, dass das Prostitutionsgesetz "weitgehend ins Leere gelaufen" sei. Es gibt politische Forderungen nach einem Bordell-TÜV, nach Selbstverpflichtung von Bordellbetreibern, nach Konzessionierung der Betriebe. Rudloff hat nichts einzuwenden gegen diese Veränderungen, ganz im Gegenteil, er sagt, er begrüße sie, und er sieht sein Bordell als Großraumlaboratorium, in dem mögliche Verbesserungen geprüft werden können.
So gebe es im Paradise "einen hauseigenen Gynäkologen, zwei Frauenbeauftragte und einen runden Tisch, an dem ich mich regelmäßig mit dem Ordnungsamt, der Finanzverwaltung und der örtlichen Polizei zusammensetze". Das sei einzigartig in Deutschland, und Rudloff hofft, dass andere seine Ideen für gut befinden und aufgreifen. Das wäre gut für die Branche und gut für ihn. Dann wäre er nicht mehr nur irgendein Bordellier, sondern ein Reformator.
Zurzeit ist jedoch offen, ob es dazu kommen wird, es gibt Zweifel an Rudloffs Lauterkeit, und sie werden formuliert in Augsburg. Dort stehen vier Männer vor Gericht, wegen mutmaßlichen Menschenhandels und des Verdachts auf Zuhälterei. Es geht um ein 18-jähriges Mädchen, das von ihrem Zuhälter in einem Bordell untergebracht wurde. Und zwar nicht in irgendeinem Bordell, sondern in Rudloffs Paradise.
Rudloff streitet nicht ab, dass das Mädchen bei ihm gearbeitet hat, aber er sagt, er habe nicht gewusst, dass das Mädchen von einem Zuhälter abhängig gewesen sein soll, finanziell und emotional, und er bezweifle auch heute noch sehr, dass das überhaupt so gewesen sei.
Aus Rudloffs Sicht war die Frau "eine Professionelle", und genau das werde er auch dem Gericht in Augsburg erzählen. Er habe über seinen Anwalt darum gebeten, im Verfahren aussagen zu dürfen, als Zeuge. Er werde da mal ein paar Sachen geraderücken.
Rudloff sitzt immer noch an der Bar, vor sich immer noch das Glas Apfelschorle. Es ist Abend, gegen zehn. Rudloff sagt, er müsse gehen, er wolle seine Kinder noch sehen, bevor sie im Bett seien. Darum bemühe er sich täglich.
Rudloff hat vier Kinder. Sie besuchen eine Waldorfschule. Er sagt das voller Stolz und wiederholt es ein paar Tage später noch einmal. Er möchte nicht, dass es vergessen wird. Es passt zu gut ins Bild des Reformators. Ein Bordellbetreiber mit Kindern in der Waldorfschule.
Wenn Männer das Paradise betreten, steigen sie zehn Stufen empor, dann gehen sie durch eine Glastür, und im Foyer empfängt sie Heidi. "Hallo, mein Lieber, schön, dass du da bist", sagt sie und erklärt die Regeln. Der Eintritt kostet 69 Euro. Dafür gibt es Zugang zum Buffet, Softdrinks und die Benutzung von Sauna, Whirlpool, Dampfbad. Die "Dienstleistungen der Damen" seien extra zu bezahlen, sagt Heidi, und mit den Damen sei direkt zu verhandeln. Dann überreicht sie jedem einen braunen Bademantel und einen Schlüssel für einen Spind in der Umkleidekabine. Manchmal verabschiedet Heidi die Männer mit dem Satz: "Die Duschen sind gleich um die Ecke."
Den Hauptraum betreten die Männer durch eine goldene Schwingtür, sie gibt den Blick frei auf einen Saal und auf nackte Frauen, auf viele nackte Frauen. Dutzende. Die Männer sehen brünette, sie sehen blonde, blondierte, rothaarige. Kleine, große, rasierte und nichtrasierte. Es gibt Afrikanerinnen, Asiatinnen, Russinnen, Polinnen, Rumäninnen, ein paar Deutsche, eine Halbfranzösin. Die Frauen liegen in Schaukeln, auf mächtigen Sofas, sie thronen auf Kissen, auf Hockern an der Bar. Sie reiben sich an Männern, drängen sich zwischen deren Schenkel, fragen: "Na, willst du mit aufs Zimmer?"
In einer Nische, auf einem Sofa, sitzt einer der Stammgäste. Er sagt, er würde für die Dauer des Gesprächs gern Klaus heißen. Klaus ist EDV-Techniker, trägt Bürstenhaarschnitt und einen Bauch. Er sagt, er sei alleinerziehend. Seine Kinder wüssten nicht, dass er hierherkommt, aber Freunde, die wüssten Bescheid. "Die tolerieren das, wegen der Alleinerzieherei. Sie sagen, man kann das ja nicht aus-schwitzen. Ich habe da einen Bonus, gesellschaftspolitisch gesehen."
Klaus ist nicht nur Akademiker und alleinerziehend, er ist auch praktizierender Dialektiker. Er geht ins Bordell und ist in der Ausländerarbeit aktiv. Er engagiere sich besonders gegen die Zwangsehe. Die Unterdrückung von ausländischen Frauen könne er, als Linker, keinesfalls akzeptieren.
Rudloffs Pressesprecher zeigt Klaus gern vor. Klaus ist eloquent, gebildet, er sieht keinen Widerspruch zwischen seinen politischen Idealen und dem Mieten einer Frau. Für Rudloff ist Klaus der Kunde der Zukunft.
Ein wenig später sitzt Markus auf dem Sofa. Markus ist auch Stammgast. Er ist Vertreter in der Sicherheitsbranche und kein Dialektiker. Markus ist auch nicht dick, sondern ziemlich durchtrainiert und kommt gerade von der Messe in Stuttgart. Markus sagt, er habe keine Probleme mit Frauen, "verkehrstechnisch gesehen". Er könne viele haben, er habe Geld, ein geiles Auto, aber er habe keinen Bock auf das ganze Drumherum. Das Reden, das Kuscheln, das Verständniszeigen. Das ganze Gelaber, das gehe ihm extrem auf die Nerven. Hier, im Paradise, könne man zu einer Frau, die einem gefalle, hingehen und sagen: Komm, wir gehen aufs Zimmer. Und dann geht sie aufs Zimmer.
Rudloffs Pressesprecher zeigt auch Markus gern vor. Markus repräsentiert eine Variante des zeitgenössischen Freiers. Er hat keine politischen Ideale, keine familiären Verpflichtungen. Markus ist Single, ihm geht es vor allem um die Triebabfuhr. Mehrmals sagt Markus, er komme ins Paradise, weil hier alles so schön sauber sei, auch die Frauen. Nur einmal habe er eine gehabt, die hatte Käsefüße.
Betreten Prostituierte das Paradise, fahren sie mit dem Aufzug nach oben in den zweiten Stock. Dort gibt es Umkleideräume, Schlafgelegenheiten und, vor einer pinkfarbenen Wand, einen Schreibtisch.
Unter dem Schreibtisch liegt ein Hund, der keine Männer mag. Hinter dem Schreibtisch sitzt Violetta. Violetta ist schwer blond und benutzt ihren BH auch als Holster für ihre beiden Handys. Sie ist eine der sogenannten Frauenbeauftragten im Paradise und sagt, sie kenne das Gewerbe. "Habe ich 20 Jahre lang selbst gemacht, in ganz Europa." Rudloffs Pressesprecher sagt über Violetta, sie sei eine "nüsseknackende Hardcore-Domina". Violetta sagt, "so schlimm isses nun auch nicht".
In weniger fortschrittlichen Bordellen wäre Violettas Titel nicht Frauenbeauftragte, sondern Hausdame. Hausdamen kommen im Prostitutionsgesetz nicht vor, aber sie dürften auch in Zukunft maßgeblich darüber entscheiden, ob Veränderungen des Gesetzes erfolgreich sein werden.
Violetta ist die Pförtnerin im Paradise. Sie bestimmt darüber, wer reinkommt und wer nicht. Es ist ein sehr wichtiger Job, macht Violetta einen Fehler, hat Rudloff ein Problem.
Nicht hinein ins Paradise kommen Minderjährige, Frauen, die ganz offensichtlich geschlagen oder die von Unbekannten am Telefon angeboten werden, so sagt es Violetta.
Alle anderen Frauen kommen rein. Vor Violettas Schreibtisch sitzen zwei 20-Jäh- rige, beide Russinnen, beide mit deutschem Pass. Ihre Freunde haben sie gerade vor der Tür abgesetzt. Die Freunde fuhren 3er-BMW und sahen sehr sportlich aus. Die Verabschiedung war nicht herzlich, eher geschäftsmäßig kühl. Aber davon weiß Violetta nichts, und davon will sie auch nichts wissen.
Sie kopiert die Pässe und fragt das Dienstleistungsangebot der Frauen ab. "Französisch ohne Kondom?"
Die beiden Mädchen nicken.
"Küssen?"
Eine nickt, die andere schüttelt den Kopf.
Violetta trägt die Angaben in ein Formular ein, ein Profil der Mädchen wird später im Internet erscheinen, für Männer, die einen bestimmten Frauentyp, bestimmte Praktiken suchen.
Am Ende kassiert Violetta pro Person 50 Euro Eintritt, 25 Euro Pauschalsteuer, und weil die beiden Mädchen im Paradise auch übernachten wollen, weitere 25 Euro für einen Platz in einem Mehrbettzimmer mit Jugendherbergsstandard. Das alles sind Tagespreise.
Die 25 Euro Pauschalsteuer führt Rudloff an das Finanzamt ab, die restlichen 75 Euro sind sein Verdienst. Das Honorar der Frauen rührt er nicht an. Rudloff sagt, an durchschnittlichen Tagen besuchen rund 150 Männer das Paradise, meist haben sie die Wahl zwischen 45 Frauen. Das macht, ohne den Ausschank an der Bar, rund 14 000 Euro Umsatz am Tag.
Auch Julia Schmidt*, das Mädchen, um das es im Prozess in Augsburg geht, saß oben vor Violetta oder vielleicht auch ihrer Kollegin, so genau lässt sich das nicht rekonstruieren, sie zeigte ihren Ausweis, zahlte und ging nach unten. Im Paradise bot sie sich zum ersten Mal Männern an. Später, vor Gericht, wird sie sagen, sie habe es aus Liebe getan, für einen Mann, den sie ihren Freund nennt. Sie sagt auch, sie habe Angst gehabt, ihn zu verlieren.
Schmidts Freund sitzt vor vier Richtern im Landgericht Augsburg, ein breitschultriger Kerl mit lichtem Haar und einem Jackett über dem T-Shirt. In Augsburg ist er bekannt als der Highlander. Er könnte Julia Schmidts Vater sein. Der Highlander winkt seiner Mutter zu. Sie sitzt im Zuschauerraum, die Handtasche auf den Knien, ihr Sohn sagt: "Tu dir das doch nicht an, Mama." Aber Mama bleibt.
Wie alle anderen im Saal hört sie die Stimme ihres Sohnes und die Stimme von Julia Schmidt, abgehört und aufgezeichnet von der Polizei, während die beiden telefonierten. Auch Gespräche zwischen Schmidt und einer ihrer Freundinnen werden vorgespielt. Schmidt rief aus dem Paradise an, mehrmals sagt sie, dass sie diese Arbeit nicht mehr aushalte.
Der Highlander lernte Julia Schmidt auf einem Volksfest kennen, er ist ein guter Zuhälter, er hat ein Auge für Mädchen, die unsicher sind und deren Selbstwert gespeist wird von männlicher Anerkennung. Der Highlander versteht diese Frauen, er weiß, wie sie denken, was sie hören wollen. Das verbindet ihn mit Rudloff.
Julia Schmidt brachte er dazu, mit fremden Männern ins Bett zu gehen, ohne sie zu schlagen, ohne ihr zu drohen. Schmidt wurde manipuliert, aber sie wurde nicht gezwungen. Das bestätigt auch das Gericht. Sie verkaufte sich, sie gab ihrem Zuhälter einen Teil des verdienten Geldes, um ihm zu gefallen. Das ist nicht strafbar. Strafbar ist es aber, eine Beziehung genau zu diesem Zweck aufzubauen.
Mitgeschnitten wurden auch Gespräche zwischen einem Freund des Highlanders und Rudloff. Der Freund kündigt an, dass er das Mädchen gleich bringe. Rudloff antwortet: "Super."
Bordellbetreiber wie Rudloff haben mit drei grundsätzlichen Problemen zu kämpfen. Erstens müssen immer genug Frauen da sein. Zweitens müssen sie dafür sorgen, dass die Frauen ihre Dienste zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten. Und drittens müssen sie dafür sorgen, dass die Leistungen des Grundservice nicht schlechter sind als die in anderen Bordellen. Im Paradise bedeutet das: Orale Befriedigung ohne Kondom plus Geschlechtsverkehr mit Kondom kostet 50 Euro, wenn der Mann innerhalb einer halben Stunde kommt.
Es gibt Bordelle, da wird das Problem Nummer eins mit Hilfe von Frauengroßhändlern gelöst. Ein Geschäftsführer in einem Augsburger Bordell verfuhr so. Er ließ sich Frauen aus dem Ausland liefern, vor allem aus Ungarn. Er landete im Gefängnis.
Es gibt Bordelle, da werden die Probleme zwei und drei mit Hilfe einer Hausordnung gelöst, die Preise und Service festschreiben. Auch das birgt Risiken. Nach dem Prostitutionsgesetz ist dies dirigierende Zuhälterei.
Rudloff sagt, bei ihm gebe es keine Hausordnung. Aber es gibt Violetta, die Frauenbeauftragte im zweiten Stock mit den beiden Handys im BH. Frauen, die zum ersten Mal im Paradise einchecken, bittet sie nicht nur um ihren Ausweis, sie fragt nicht nur nach dem Umfang ihrer Dienstleistung, sie fragt auch, ob die Frauen die Preise in Saunaclubs wie dem Paradise kennen.
Hört sie ein "Ja", ist alles gut, hört sie ein "Nein", sagt sie: "Üblich sind 50 Euro für die halbe Stunde, für Geschlechtsverkehr inklusive Französisch ohne Kondom." Sie sagt immer "üblich", das ist sehr entscheidend, denn üblich heißt einerseits: Wir würden es sehr begrüßen, wenn auch du dich an diese Preise hältst und an die damit verbundenen Leistungen. Andererseits schreibt üblich den Frauen nichts vor. Es ist nur eine Empfehlung.
Aber nicht alle Frauen im Paradise halten sich an diese Empfehlung. Manche bieten mehr Leistung für weniger Geld an, weil sie aus Rumänien kommen oder Bulgarien, wo die Tarife niedriger sind. Oder sie bieten weniger an für die üblichen 50 Euro. Wie Brigitte.
Brigitte sitzt in einem Netzhemd am Geldspielautomaten im Hauptraum des Paradise. Sie sagt, sie sei über 35 und eine der Älteren hier. Sie sagt, sie mache diesen Job wegen der Schulden, die sie nie im Leben loswerden würde an der Kasse bei Aldi. "Ich hab den falschen Kerl geliebt", sagt Brigitte.
Meist sei sie zwei Wochen am Stück hier, arbeite 12, 14 Stunden am Tag, verlasse das Paradise sehr selten. Wenn sie dann nach Hause fahre, lasse sie immer zuerst Wasser in die Badewanne. Ganz heiß, mit zwei Kappen Sagrotan.
Der Druck der Konkurrenz sei hoch, sagt Brigitte, um ihren Marktwert zu halten, esse sie sehr diszipliniert und lasse sich zurzeit die Zähne machen.
Rudloff toleriert Brigittes Eigenmächtigkeit, weil sie regelmäßig hier ist und weil nicht viele Frauen es wagen, die Standards zu verändern. Unterbieten sie sie, werden sie unter Druck gesetzt von den anderen Prostituierten. Erhöhen sie die Preise oder verkleinern sie den Leistungsumfang, wandern die Freier ab. Die Prostituierten sind Rudloffs wichtigste Verbündete, vorausgesetzt, es sind immer genug da.
Damit immer genug da sind, erweist Rudloff ihnen kleine Gefälligkeiten. Die Frauen dürfen im Paradise ihr Handy benutzen, sie können die Handtücher wechseln, sooft sie wollen. In anderen Bordellen ist das nicht möglich.
Diese Freiheiten kosten Rudloff nicht viel, aber sie sorgen dafür, dass das Paradise unter den Prostituierten als ein Club gilt, in dem das Arbeiten angenehm ist. Dies ist die erste Stufe in Rudloffs Rekrutierungsplan.
Stufe Nummer zwei ergibt sich aus dem Charakter seines Bordells. Es ist ein Saunaclub, kein Wohnungsbordell, in das die Freier gehen können, ohne gesehen zu werden. Im Club werden sie immer gesehen, von anderen Freiern. Das sorgt, so sagen es die Frauen, dafür, dass Freaks nur selten ins Paradise kommen.
Die dritte Stufe in Rudloffs Rekrutierungsplan ist die einfachste und die wichtigste. Wie Violetta will Rudloff nicht alles sehen, er will auch nicht alles wissen.
Ermittler der Polizei beschreiben die aktuelle Struktur im Rotlichtmilieu als Dreieck. Die Eckpunkte bilden die Prostituierte, ihr Zuhälter, der Bordellier.
Seit Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes ist die Verbindung zwischen dem Bordellbesitzer und der Prostituierten öffentlich und relativ gut zu kontrollieren.
Die Verbindung zwischen der Prostituierten und ihrem angeblichen Freund ist schon schwieriger zu beurteilen und noch schwieriger zu belegen. Ist er tatsächlich ein Mann, der sich nichts daraus macht, dass seine Freundin mit anderen Männern ins Bett geht? Oder ist er ein Zuhälter? Bekommt er Geld von ihr? Wenn ja, wie viel? Und warum gibt sie es ihm? Weil sie glaubt, Liebe verbinde sie mit diesem Mann? Oder wird sie genötigt?
Fast immer im Dunkeln bleibt die Beziehung zwischen dem Bordellier und dem Zuhälter. Reicht es dem Bordellier, dass immer genug Frauen in einem Club sind, oder plant er voraus, für schlechtere Zeiten? Hält er Kontakte zu Frauenhändlern, zu Zuhältern?
Rudloff sagt, er pflege keine Kontakte zu Zuhältern und Frauenhändlern. Der Mann, der ihm die 18-jährige Julia Schmidt gebracht habe, sei ein alter Geschäftsfreund, den kenne er schon seit vielen Jahren. Der habe eine Werbeagentur, mache in Bandenwerbung an Sportplätzen. Dass er das Mädchen von Augsburg nach Stuttgart gefahren habe, sei eine Gefälligkeit gewesen, dem Mädchen gegenüber.
Und so erzählt es Rudloff auch in Augsburg, als er als Zeuge der Verteidigung vor den Richtern sitzt. Rudloff sitzt dort auch als sein eigener Entlastungszeuge. Wenn die Urteile in Augsburg gesprochen sind, kann es durchaus sein, dass Ermittlungen in Stuttgart beginnen.
Dann wäre richtig was los bei Jürgen Rudloff, und das Paradise würde schrumpfen auf ein Wort, das vielleicht nicht korrekt klingt, aber ehrlich: Puff.
* Name von der Redaktion geändert.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 23/2009
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