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DER SPIEGEL

ÄRZTE„Die Patienten wurden verschaukelt“

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, 46, über die neuen Daten zum Einkommen niedergelassener Mediziner in Deutschland
SPIEGEL: Die Honorare der niedergelassenen Ärzte sind nach neusten Zahlen des Statistischen Bundesamts zwischen 2002 und 2007 um fast 13 Prozent gestiegen. Haben die Mediziner mit ihren Streiks im Frühjahr die Öffentlichkeit getäuscht?
Lauterbach: Die Funktionäre haben das auf jeden Fall getan. Sie haben es so dargestellt, als ob es bei den Arzthonoraren einen riesigen Nachholbedarf gäbe. In Wahrheit hat kaum eine Berufsgruppe in den letzten Jahren einen ähnlichen Einkommenszuwachs gehabt wie die Ärzte in den Praxen.
SPIEGEL: Die Ärztefunktionäre hatten behauptet, die Honorare seien gesunken.
Lauterbach: In der Tat. Die Funktionäre wollten mit ihrer Honorarlüge nur von der ungerechten Verteilung der Mittel innerhalb der Ärzteschaft ablenken. Haus- und Kinderärzte verdienen eher zu wenig, Pathologen, Labor- und Röntgenärzte zu viel.
SPIEGEL: Und wieso hat man den Ärztevertretern so bereitwillig geglaubt?
Lauterbach: Die Menschen haben nach wie vor einen enormen Respekt vor dem Arztberuf. Deshalb neigen sie dazu, den Medizinern in jeder Frage zu glauben, auch in der Honorarfrage.
SPIEGEL: Unter Patienten, die während der Streiks vor verschlossenen Praxen standen, dürfte dieser Glaube jetzt ziemlich erschüttert sein ...
Lauterbach: Sie müssen sich in der Tat verschaukelt vorkommen. Die Stimmung wurde ja auch noch gezielt ausgenutzt für private Zuzahlungen. Den Leuten wurde der Eindruck vermittelt, als würden die Ärzte am Hungertuch nagen. Das war nicht akzeptabel.
SPIEGEL: Wie ließe sich das Geld unter den Ärzten gerechter verteilen?
Lauterbach: Für mich stellt sich die Frage, ob wir nicht zu einem ganz anderen System kommen sollten, bei dem die Honorare durch eine Gebührenordnung verteilt werden, ähnlich wie jetzt bei den Privatversicherten. Den komplizierten Verteilungsmechanismus der Kassenärztlichen Vereinigungen bräuchten wir dann nicht mehr.

DER SPIEGEL 34/2009
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