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DER SPIEGEL

ZIVILCOURAGEEine Nacht in Linie 17

An einer Freiburger Bushaltestelle greift ein Mann in einen Streit unter Jugendlichen ein und wird selbst zum Opfer. Anders als Dominik Brunner überlebt er. Aber so wie im Fall Brunner ergeben Zufälligkeiten eine Gewalttat - und schaffen Helden oder Verlierer. Von Barbara Hardinghaus
Er knöpft seine Kochjacke auf, hängt sie an den Haken, zieht seinen Anorak über, setzt die Baseballkappe auf, er hat zwölf Stunden gearbeitet, er ist müde, er will nach Hause.
Er möchte die Straßenbahn um 0.24 Uhr in Richtung Lassbergstraße nehmen, um 0.45 Uhr den Bus mit der Nummer 17 nach Freiburg-Kappel, wo er wohnt, Timo Kröger. Seine Freundin wird in dieser kalten, klaren Dezembernacht am Fenster stehen und lange auf ihn warten.
Er packt alles zusammen, legt die Zigaretten in den Rucksack, er ist 31 Jahre alt, ein ruhiger Typ mit schmalem Bart am Kinn. Er sieht nicht gerade aus wie jemand, der gleich sein Leben für andere aufs Spiel setzt.
An der Eschholzstraße steigt er in die Straßenbahn, in die rote Linie 1, es ist 0.24 Uhr. Er setzt sich nach vorn, holt sein Buch heraus. Er mag Fußball und Fantasy-Romane, David Eddings "Elenium-Saga", an seinem Handgelenk trägt er einen silbernen Armreif wie die Ritter aus seinen Geschichten.
Zur selben Zeit kommt Kalunga die breite Schützenallee entlang, er trägt eine Kapuzenjacke, weiß mit karierten Streifen, der Junge ist 15 Jahre alt, schmal, groß, mit Segelohren und Nickelbrille, er stammt aus dem Kosovo. Er hat es nicht weit bis nach Hause, ein paar Stationen mit der Straßenbahn bis zur Hasemannstraße, weiter zu Fuß bis zum Asylbewerberheim.
Dorthin war er vor zehn Jahren mit seinen Eltern und Geschwistern gekommen, der Krieg hatte sie vertrieben, die Fahrt damals dauerte 21 Tage. In seiner Heimat besaß seine Familie ein Haus und einen Garten. In Deutschland leben sie zu neunt in drei Zimmern, da schläft Kalunga schlecht. Es ist nach Mitternacht, er kommt nicht gern nach Hause. Er treibt sich gern herum, er hat schon viele sinnlose Sachen gemacht, auch gegen das Gesetz.
Es ist 0.36 Uhr, an der Maria-Hilf-Kirche steigt er in die rote Linie 1 in Richtung Lassbergstraße. Er fährt ein kurzes Stück, als drei Jungs zusteigen, in Jogginghosen und Turnschuhen, wie Rapper sie haben, sie sind 15 und 16 Jahre alt, angetrunken. Kalunga kennt sie, aber nicht gut.
"Hey Kalunga, kommste mit? Kannst bei mir schlafen, kannst bei mir übernachten!"
Etwas außerhalb der Stadt, in Stegen, verabschiedet Denis seine Freundin. Sie hatten im Jugendzentrum Musik gehört, Rock und Hip-Hop, er küsst sie, sie geht. Er ist 16, ein blonder Junge wie aus der Clearasil-Werbung, fast noch ein Kind. Er will sein Fachabitur machen, aber noch sind Ferien, noch sind es zwei Tage bis Silvester.
Er setzt sich in die Mitte der roten Linie 1 in Richtung Lassbergstraße, er sieht drei Jungs zusteigen, sie tragen Jogginghosen und Turnschuhe, es ist 0.38 Uhr.
Einen der Jungs kennt Denis, der ist früher sein Freund gewesen, sie hatten DVDs geguckt, waren ins Stadion gegangen, jetzt grüßen sie einander nicht mehr; der Freund sei abgeschifft, abgestürzt mit Drogen. Ein Stück weiter erkennt Denis
einen Jungen mit dunkler Haut, mit Se-gelohren, Nickelbrille, er kennt ihn nur vom Sehen, aus dem Schwimmbad, "Kalunga" heißt der oder so ähnlich.
"Hey Kalunga, kommste mit? Kannst bei mir schlafen!"
Kalunga kommt, er stellt sich zu den anderen auf den Gang in der Straßenbahn, Denis steckt die Stöpsel seines iPods in die Ohren, er sieht hinaus, durch die Spiegelung in der Scheibe erkennt er, dass die vier ihn ansehen.
Die Bahn rollt langsam an, es ist kurz nach halb eins, die Nacht zum 29. Dezember 2009. In der Linie 1 sitzen jetzt, neben anderen, sechs Menschen, die der Zufall in den nächsten Minuten schicksalhaft in Verbindung bringen wird. Denis, ein argloser Junge, der zum Opfer werden soll. Kalunga und seine drei losen Freunde, die zu Tätern werden. Und Timo Kröger, ein Mann, der helfen möchte und dabei selbst zum Opfer wird. Ein Richter wird über diese Nacht später einmal sagen, sie wecke Erinnerungen an vergleichbare Tatgeschehen, in denen unbeteiligte Dritte ihre Zivilcourage mit dem Leben bezahlten. Er meint damit den Fall von Dominik Brunner, der in einen Streit zwischen Jugendlichen eingegriffen hatte und dabei starb. Brunners Tod führte zu einer Debatte darüber, was man selbst machen würde in einer solchen Situation. Würde man helfen oder nicht?
Auch Timo Kröger stellte sich damals diese Fragen, vom Fall in München-Solln hatte er aus dem Fernsehen gehört. Er zeigte ihm auf der einen Seite, wie wichtig es war einzugreifen. Auf der anderen Seite dachte er darüber nach, wie gefährlich das sein könnte.
Dominik Brunner hätte weiterlaufen können wie die anderen auf dem S-Bahnsteig in München-Solln, aber er tat es nicht. Warum nicht? Warum gibt es Menschen, die ihre Angst überwinden, einschreiten und ihr eigenes Leben dabei riskieren? Und andere nicht?
Timo Kröger blättert weiter durch sein Buch, er sitzt vorn, hinten in der Bahn sieht Denis die Stadt vorbeiziehen und glaubt, dass sie jetzt über ihn reden, er nimmt die Stöpsel aus seinen Ohren.
"Ist das nicht Denis?"
"Ist das nicht der, den du boxen willst?"
Denis rührt sich nicht.
"Warst du mal trainieren? Beim Thaiboxen?"
"Nee, keine Ahnung", sagt Denis. "Lasst mich in Ruhe."
"Sollen wir dich boxen?"
Die vier Jugendlichen nehmen die Hände vor ihr Gesicht, sie kommen näher, Denis dreht sich, sieht durch die Bahn, die ist voll. Er will Blicke treffen, will sie halten, er findet keine. Einige der Leute stehen auf, setzen sich um.
Was ist mit der Frau gleich gegenüber von ihm? Er sieht zu ihr. Sie sieht auch ihn, sieht die anderen, eine Frau etwa Mitte dreißig, dunkle Locken, schmal. Sie sieht die Jugendlichen, hört sie, aber macht nichts, sagt nichts.
"Soll ich dich boxen?", fragt Kalunga.
Kalunga ist nicht ausgestiegen an der Haltestelle Hasemannstraße, er läuft nicht weiter zu Fuß bis zum Asylbewerberheim. Endlich ist er nicht mehr allein, nicht mehr schmal. Er sieht den blonden Jungen aufstehen, der an der nächsten Haltestelle aussteigen will, der Endstation Lassbergstraße. Er geht ihm nach bis an die Tür, die anderen folgen ihm.
"Verpiss dich!"
"Wir deppen dich! Wir schlagen dich zusammen!"
Denis fühlt die Jungs jetzt neben sich, riecht ihren Atem, er will schnell weg hier, umsteigen, in den Bus Nummer 17 nach Kappel. Er sieht den Bus schon dastehen, er läuft über einen Platz, neben ihm laufen andere Fahrgäste, der Platz ist voll, er sucht wieder Blicke, findet keine, entdeckt Sascha, einen Kumpel auf der anderen Seite, da fühlt er einen kurzen Schlag von hinten an das rechte Ohr.
Denis dreht sich nicht um, läuft weiter, zeigt seine Regio-Karte, setzt sich nach hinten auf die letzte Bank, sein Kumpel Sascha setzt sich zu ihm.
Auch Timo Kröger ist umgestiegen, er zahlt vorn im Bus sein Ticket.
Er ist in Kappel aufgewachsen, einem Stadtteil von Freiburg mit Einfamilienhäusern aus den sechziger Jahren und einem Gasthaus. Er wohnt im Erdgeschoss im Haus seiner Eltern, sein Vater lebt zusammen mit seinem Bruder oben unter dem Dach, seine Oma in der Mitte. Unten steht seine Freundin am Fenster und wartet, ihre Kinder schlafen, 16 Monate und 5 Jahre alt.
Sein Opa wurde 89, er war Zimmermann, er hatte immer viele Freunde, er half gern. Umgekehrt war es genauso. Wenn sein Opa eine Baumaschine brauchte, bekam er sie.
Er sagt, er habe viel gelernt von seinem Opa, am Schreibtisch, neben seinem Computer, hängt das Bild eines alten Mannes, der sanft lächelt, mit grauem Seitenscheitel, in einem Ringelpullover.
Timo Kröger lernte Elektrotechnik, aber das gefiel ihm nicht, er lernte deshalb Koch im "Grünen Baum" in Merzhausen. Danach hatte er einem Freund geholfen, ein Bistro aufzubauen, meldete sich freiwillig für das Kosovo, kochte als Soldat in der Truppenküche, verteilte Spendengelder an die Menschen dort, freundliche Menschen, die nichts hatten, aber immer einen Kaffee hinstellten und ihr bestes Geschirr.
In dieser Nacht im Dezember läuft er durch den Bus, die Nummer 17 nach Kappel, setzt sich auf einen der Vierersitze, schlägt sein Buch wieder auf, liest.
Er sieht einen blonden Jungen aus dem Ort, Denis, hinten auf der Rückbank, sieht Jugendliche gegenüber, hört ein paar ihrer Sätze.
"Du erzählst rum, dass ich mich spritz?"
An der Peterbergstraße will der blonde Junge aussteigen, Timo Kröger müsste eigentlich noch eine Station weiterfahren, er denkt an seine Freundin, aber er denkt auch an den Jungen, er will nicht, dass hier etwas passiert.
"Jetzt bekommst du deine Todesschläge!"
"Wir schlitzen dich auf!"
An der Haltestelle Peterbergstraße steht Denis, der blonde Junge, unter gelbem Licht, der Frost glitzert auf dem Asphalt, er spürt den nächsten Schlag am Oberschenkel, noch mehr Schläge an den Rippen, sie zerren ihn, er soll auf den Boden.
Nicht auf den Boden!, denkt Denis, bloß nicht auf den Boden! Er nimmt die Arme hoch, deckt sich, sieht, wie jemand einen Stein aus dem Gebüsch zieht, glatt und so groß wie eine Faust.
"Du erzählst, dass ich mich spritz?"
"Ich war es nicht!"
Denis spürt den Stein, Blut fließt warm seinen Nacken hinab, es saugt sich in sein hellblaues Shirt.
"Lasst den Scheiß!", hört er jemanden rufen, sie lassen ihn, Denis rennt weg.
Jemand hat ihn gerettet.
Timo Kröger hätte nicht aussteigen müssen, hätte weiterfahren können, so, wie Dominik Brunner einfach hätte weiterlaufen können. Warum taten sie das nicht?
Hans-Werner Bierhoff versucht seit Jahren, Antworten darauf zu finden, er fragt sich, warum einige Menschen stehen bleiben in einer solchen Situation. Warum es Krögers gibt und Brunners in dieser Welt, Menschen, die sich selbst in Gefahr begeben, nur um einem Fremden beizustehen.
Bierhoff erforscht, was man Zivilcourage nennt, den "bürgerlichen Mut", so der französisch-lateinische Ursprung des Wortes, es ist ein Mut der wenigen.
An der Ruhr-Universität in Bochum ist Bierhoff Sozialpsychologe, er arbeitet in einem Kellerbüro auf tiefem Teppich zwischen Zimmerpflanzen, Büchern und Papierstapeln, ein kleiner Mann Anfang sechzig, mit wirren Augenbrauen, der Aufsätze geschrieben hat zur Entwicklung enger Beziehungen, zur sozialen Verantwortung. Er sammelt Zeitungsartikel über Leute, die helfen, er sucht nach Schlüsselfaktoren, die ihr Verhalten erklären, aber er hat noch nicht viele gefunden.
Erforscht hat er, wer nicht hilft. 60 bis 70 Prozent der Leute, die eine gefährliche Situation beobachten, mischen sich nicht ein. Frauen helfen praktisch nie. Wenn man Frauen befragt, nicht in einer Gefahrenlage, sondern in einem Forscherbüro mit weichem Teppich, sagen hingegen fast alle, dass sie selbstverständlich helfen würden. Wenn es ernst wird, rufen sie meist nicht einmal die Polizei.
Das führe zum Kern des Problems, sagt Bierhoff. Die Menschen tun nicht, was sie für richtig halten, die meisten schaffen es einfach nicht. Der Kern des Problems ist die Angst, sie legt sich über den Vorsatz, ein guter Mensch zu sein, ein Helfer in der Not, wenn auf der Straße drei Jugendliche stehen, rot im Gesicht vor Wut, in den schmalen Armen einen Stein.
Warum hat Timo Kröger seine Angst überwunden, warum Dominik Brunner?
Der Forscher hat statistische Schlussfolgerungen, keine Gesetzmäßigkeiten, nur Wahrscheinlichkeiten wie in der Mathematik.
"Der, der am häufigsten hilft", sagt Bierhoff, "ist ein Mann mit hoher sozialer Verantwortung, der sich in andere hineinversetzt, der sich mit Fragen der Gerechtigkeit auseinandersetzt, den es schmerzt, wenn es ungerecht zugeht, und der eben in der Lage ist, das zu tun, was er denkt."
Es ist gut, wenn sich der Helfer dem Opfer nahe fühlt. Vielleicht mögen sie den gleichen Fußballclub, vielleicht sprechen sie denselben Dialekt. Es ist schlecht, wenn es viele Zeugen gibt, Zuschauer hemmen. Es ist gut, zu reden, Kommunikation hilft. Es ist gut, wenn der Helfer spontan ist. Es ist schlecht, wenn er zu spontan ist, so, wie es Dominik Brunner wahrscheinlich war.
Bierhoff sagt, dass das, was Timo Kröger erlebte, typisch sei. "Typisch, dass die Bahn voll war und trotzdem keiner früher geholfen hat. Typisch, dass die Frau in der Straßenbahn, zu der das Opfer Blickkontakt suchte, nicht eingegriffen hat. Typisch, dass ein Mann geholfen hat."
Was folgt daraus, was ist sein Rat? Der Zivilcourage-Forscher sagt, dass auch er nur das naheliegendste Mittel kennt, das einfachste, das beste: "Rufen Sie die Polizei!"
In der Nacht im Dezember, an der Haltstelle Peterbergstraße, steigt auch Sascha aus dem Bus, der Kumpel von Denis, 18 Jahre alt, Schüler. Er sieht die Jugendlichen gegenüber an der Straße, sieht Denis, sieht, wie jemand einen Stein aus dem Gebüsch zieht, glatt und so groß wie eine Faust, da nimmt Sascha das Handy und tippt die 110.
"Eine Schlägerei in Kappel", sagt er.
Dann wartet er, jemand mit dunkler Haut kommt auf ihn zugelaufen, es ist Kalunga.
"Was ist mit dir?", fragt Kalunga.
"Bist du nicht ein Freund von der Charlotte?", fragt Sascha. Er hatte die beiden mal zusammen gesehen, das war vor Ewigkeiten, aber plötzlich fiel es ihm wieder ein.
"Ja", sagt Kalunga. "Bist du auch ein Freund von der Charlotte?"
Sascha nickt, sie ist seine beste Freundin.
"Dann bist du ein Guter", sagt Kalunga und rennt zurück über die Straße zu den anderen. Sascha sieht, dass sie den Stein seinem Freund an den Hinterkopf schlagen, er nimmt wieder das Handy, tippt wieder die 110, er sieht einen Mann mit Baseballkappe und Rucksack, der dazwischengeht, der ruft "Lasst den Scheiß!", er sieht, wie Denis wegrennt, irgendwohin.
Timo Kröger steht dicht vor den Jungs, er hält sie zurück, hebt die Arme, jetzt schreien sie ihn an.
"Wir wollen dem Denis Respekt beibringen!"
"Wir wollen, dass der das lernt."
Timo Kröger merkt, dass sie nach ihm greifen, ihn haben, er spürt Schläge im Gesicht, er will sich lösen, gibt einen Rempler, er spürt ihre Kraft. Sie reißen ihm den Rucksack von der Schulter, schmeißen den Rucksack in den Bach, Timo Kröger trifft eine Faust rechts ins Gesicht, er wankt, geht in die Knie, fällt auf den Boden, liegt flach auf dem kleinen Parkplatz, sie treffen ihn von allen Seiten, an den Füßen, dem Rücken, am Kopf, die Lippe platzt, er blutet, will sich aufrichten, aber er schafft es nicht.
"Wir schlitzen dich auf!"
Es gibt ein mattes Geräusch, jemand schlägt ihm mit einem Gegenstand auf den Schädel, er erkennt nichts mehr, al-les ist verschwommen, er spürt eine Faust vorn, dumpfe Schläge, er sieht, wie sie über ihm stehen, nur noch Körper, Umrisse.
Dann kommt die Polizei. Die Jugendlichen rennen davon.
Drei der Täter stellt die Polizei noch in der Nacht, den vierten können sie erst nicht finden, es ist Kalunga.
Kalunga rennt in Richtung Stadt, bis zum Asylbewerberheim, legt sich auf eine der Matratzen zwischen seinen Brüdern, er kann nicht schlafen.
"Er war lieb als Kind und ruhig eigentlich", sagt seine Mutter, als sie Monate danach auf dem Boden in ihrem Wohnzimmer sitzt, er sei oft krank gewesen, er habe die ersten Jahre nichts gesagt, sei lange nicht ge-laufen, habe sich nur über die Schulter über den Bo-den gerollt, in Deutschland ging er auf die Förderschule.
"2009 hat der dann angefangen, Scheiße zu bauen", sagt sein Bruder. Er sei nicht mehr in die Schule gegan-gen, habe nur noch ferngesehen, sei durch die Stadt gelaufen, Straßenbahn gefahren.
So tat er es in dieser Nacht im Dezember, als er einstieg in die rote Linie 1. Irgendwann im Januar klingelt die Polizei, Denis hatte ihn auf Fotos erkannt.
So tat er es am 30. April, vier Monate später, er stieg in die Linie 2 und versetzte einem jugendlichen Fahrgast, "völlig unvermittelt und ohne Grund", Faustschläge ins Gesicht. Danach klingelte die Polizei zum zweiten Mal.
Im Sommer sitzt er zusammen mit drei Jugendlichen in Raum 6108, Sitzungssaal VIII, vom Amtsgericht Freiburg, sein Vater begleitet ihn und ein Anwalt. Der Richter spricht über die Nacht im Dezember, von "Gruppendynamik", von "Sogwirkung" und davon, dass zwar nicht jeder der vier den Stein genommen, aber alle zugeschlagen hätten.
Warum sie das taten?
"Die Motivlage ist offengeblieben", sagt eine Anwältin in weißer Bluse, mit verschränkten Armen, "keiner der Jugendlichen kann sich das erklären", auch ihr Mandant habe keine Erklärung, er hatte mit dem Stein zugeschlagen.
Er ist 16, auch er ein Junge wie aus der Clearasil-Werbung, mit braunem glattem Haar, sauberen Nike-Turnschuhen, seine Eltern seien "bürgerlich", die Verhältnisse seien "wohlsortiert", sagt die Anwältin. Der Junge besucht eine Privatschule, war früher auf eine Waldorfschule gegangen, er war Leistungssportler, fuhr Radrennen, aber irgendwann hörte er auf damit.
Vor der Tür sitzen die Zeugen der Nacht, vorn auf dem Stuhl Timo Kröger, er trägt ein Kurzarmhemd, er humpelt
noch. Seinen Rucksack haben sie aus dem Bach gefischt, ein Arzt nähte seinen Kopf mit fünf Stichen, seine Lippe mit zwei.
Timo Kröger überlebte, ihm überreichte der Oberbürgermeister der Stadt Freiburg Anfang des Jahres eine Ehrenmedaille, "als Dankeschön für mutiges und beherztes Verhalten und ein exemplarisches Beispiel für Zivilcourage!" Das Land Baden-Württemberg ehrte ihn mit der Lebensrettermedaille.
Timo Kröger, ein ruhiger Typ mit schmalem Bart am Kinn, sagt, er fühle sich nicht als Held. Er sagt, er könne den Mann aus München heute besser verstehen: "Ich hätte auch nicht gedacht, dass 15- oder 16-Jährige so krass aggressiv werden." Er habe die Jungs gesehen und an Proleten gedacht, die sich aufspielen. Er hat die Situation falsch eingeschätzt und deshalb kaum Angst gespürt. Was Timo Kröger sagt, klingt nicht nach der großen Tat. Es klingt nach einem Missverständnis, vielleicht nach einem Fehler.
Sascha, den Jungen, der die Polizei gerufen hatte, bittet der Richter am Ende der Verhandlung in den Sitzungssaal VIII, auch er erzählt von der Nacht, er sei dann nach Hause gelaufen, er saß im Wohnzimmer seiner Eltern, allein und ohne Licht, er rief seine Freundin an, trank einen Schnaps.
Kalunga wird, weil er ein Wiederholungstäter ist, zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt, wegen gefährlicher Körperverletzung, er besucht ei-ne Jugendhilfeeinrichtung, bei einem Verstoß gegen die Auflagen muss er ins Jugendgefängnis. Die anderen drei verurteilt der Richter zu 30 Arbeitsstunden, Alkoholverbot sowie zwei und vier Wochen Jugendarrest.
Als Zeugin gehört wurde noch eine Frau etwa Mitte dreißig, mit dunklen Locken, schmal, es ist die Frau, deren Blick Denis suchte, aber nicht fand.
Sie sei Mutter, sei von einer Freundin gekommen, sie wollte nach Hause, sie habe den blonden Jungen gesehen, die Jugendlichen, sie wollte eingreifen, aber ließ es, sagt sie. An der Lassbergstraße sei sie ausgestiegen, nach links gelaufen, die Jungs seien nach rechts gelaufen. Danach, sagt sie, habe sie nichts mehr mitbekommen. ◆
Von Barbara Hardinghaus

DER SPIEGEL 36/2010
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