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DER SPIEGEL

INTERVIEW„Europa muss auf der Hut sein“

Memoirenschreiber Tony Blair über seinen Glauben, seine Rolle im Irak-Krieg als engster US-Verbündeter und seine Pläne für die Zukunft
SPIEGEL: Mr. Blair, in Ihren Memoiren berichten Sie, dass Ihnen Religion schon immer wichtiger gewesen sei als Politik. Sie beschreiben aber nicht, wie Ihr Glaube Ihre Politik beeinflusst hat. Hat er das?
Blair: Anders, als mir gern unterstellt wird, habe ich niemals gedacht, dass Gott mir das politische Urteil ersetzen kann. Ich war Politiker, nicht Religionsführer.
SPIEGEL: Es ist also nicht so, dass Gott mit Ihnen gesprochen hat?
Blair: Der Glaube gibt einem die Stärke, das Richtige zu tun. Er vermittelt natürlich auch Werte. Aber da hört es auf. Ich konnte mich als Premierminister nicht in die Ecke stellen und Gott fragen, wie hoch der Mindestlohn künftig sein sollte.
SPIEGEL: War die gemeinsame christliche Überzeugung das, was Ihre Beziehung zum amerikanischen Präsidenten George W. Bush prägte?
Blair: Keineswegs. Wir waren eher einig darüber, dass wir uns in der Welt nach dem 11. September 2001 nur noch eine geringe Risikotoleranz leisten konnten. Aber es gab auch viele Themen, bei denen ich mit Bush überhaupt nicht auf einer Wellenlänge lag, beim Klimawandel etwa oder auch in der Nahost-Frage.
SPIEGEL: Als Ihre Memoiren vergangene Woche erschienen, waren Sie in Washington und wohnten in Ihrer Eigenschaft als Nahost-Sonderbeauftragter dem Neubeginn der direkten Friedensgespräche bei. Werden die Erfolg haben?
Blair: Es gibt gute Gründe, optimistisch zu sein. Präsident Obama hat den Friedensprozess zu seiner strategischen Priorität erklärt.
SPIEGEL: Können Sie denn praktische Fortschritte erkennen?
Blair: Ich verwende den größten Teil meiner Zeit auf den Friedensprozess. Wir helfen der palästinensischen Autonomiebehörde beim Aufbau einer Verwaltung. Was sie jetzt im Westjordanland tut, ist enorm. Sie sorgt für Sicherheit. Viele Checkpoints zu Israel sind offen, und die Wirtschaft wächst. Der Gaza-Streifen hingegen bleibt noch ein großes Problem.
SPIEGEL: Haben Sie als wichtigster europäischer Bush-Verbündeter eine historische Chance in Nahost vergeben? Sie hätten die US-Regierung für Ihre Unterstützung im Irak auf eine aktive Rolle im Friedensprozess verpflichten können.
Blair: Ich habe sicherlich einen größeren Ehrgeiz in Nahost angemahnt. Aber so kategorisch, wie Sie das sagen, kann man zwei verschiedene Themen nicht miteinander verquicken. War ich damals der Meinung, dass das Problem Saddam gelöst werden musste? Allerdings.
SPIEGEL: Die letzten US-Kampftruppen haben den Irak gerade verlassen. Fürchten Sie, dass es dort nun zum Bürgerkrieg kommt?
Blair: Natürlich muss man diese Sorge haben. Aber der Irak hat seine militärische Kapazität enorm gesteigert. Die Iraker haben jetzt die Chance, ihr Land wieder aufzubauen, was sie größtenteils auch wollen.
SPIEGEL: Sie haben 2003 in Basra gesagt: "Wenn die Leute in Zukunft auf diese Zeit zurückblicken, werden sie erkennen, dass dies einer der großartigsten Momente unseres Jahrhunderts war." Sehen Sie das heute auch noch so?
Blair: Wir müssen abwarten, was da weiter geschieht. Wenn sich der Irak, wie ich hoffe, stabilisiert und sich seine demokratischen Institutionen wie bisher behaupten, dann wird er ein leuchtendes Beispiel für Veränderung in ganz Nahost sein.
SPIEGEL: Nicht besser sieht es auf Ihrem zweiten Kriegsschauplatz Afghanistan aus.
Blair: Wir haben es in beiden Ländern mit dem gleichen Problem zu tun. Da gibt es eine zu allem entschlossene Bewegung, die auf einer pervertierten Idee des Islam beruht. Diese Leute sind bereit, sehr lange zu kämpfen, und greifen dabei zu terroristischen Methoden. Zum Teil werden sie unterstützt von Iran. Wir müssen so stark sein, uns gegen sie zu wenden, auch wenn dies viele Jahre in Anspruch nimmt.
SPIEGEL: Wie würden Sie mit Iran umgehen?
Blair: Ich würde dem Land sehr deutlich machen, dass es keine Nuklearwaffen entwickeln darf. Tut die Regierung es doch, werden wir sie stoppen.
SPIEGEL: Auch mit einem weiteren Krieg?
Blair: Ich würde alles tun, die militärische Option nicht nutzen zu müssen, aber ich würde sie nicht vom Tisch nehmen.
SPIEGEL: Wären Sie gern noch Premierminister?
Blair: Ab und zu schon. Aber insgesamt bin ich sehr zufrieden mit meinem jetzigen Leben.
SPIEGEL: Im vorigen Jahr hätten Sie gern den Posten des Europäischen Ratspräsidenten übernommen …
Blair: … ja, wenn man ihn mir gegeben hätte. Wer weiß, vielleicht übernehme ich irgendwann noch einmal ein Amt. Europa stellt jetzt den größten Wirtschaftsraum der Welt dar. Das ist es, was all unseren Ländern Stärke verleiht. Wir haben die außergewöhnliche Chance, daraus etwas zu machen, während sich ansonsten die Machtzentren zunehmend nach Osten verlagern, nach China, Indien, aber auch Indonesien. Europa muss auf der Hut sein.
SPIEGEL: In Ihrem Buch gehen Sie mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder freundlich um. Dabei haben Sie oft mit ihm gestritten.
Blair: Mit Schröder hatte ich einige Auseinandersetzungen, das stimmt. Aber ich hatte immer großen Respekt für sein Reformprogramm. Ich glaube, er bekommt dafür nicht die Anerkennung, die ihm gebührt.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 36/2010
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