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DER SPIEGEL

BRASILIENJenseits von Valadares

Trotz des Aufschwungs der Lula-Jahre machen sich nach wie vor Glückssucher aus Südamerika auf den Weg in die USA. Zum gefährlichen Hindernis für sie wird der Drogenkrieg in Mexiko.
Sie hatten ihn gewarnt. Lebensgefährlich sei es, die Grenze zwischen Mexiko und den USA auf eigene Faust zu überqueren, hatten seine Freunde ihm gesagt. Der Trip lohne sich auch gar nicht mehr, sagten ihm Bekannte, die gerade zurückgekehrt waren. Der Dollar sei nichts mehr wert. "Bleib in Brasilien, haben sie ihn bedrängt", erzählt sein Vater Alírio Aires, 66. "Hier hast du eine Zukunft."
Aber Juliard Aires Fernandes, 19 Jahre alt, geboren und aufgewachsen im Dorf Sardoá bei Governador Valadares im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, schlug alle Warnungen in den Wind. Die USA waren sein Traum, erinnert sich sein Vater. "Nichts konnte ihn aufhalten."
Vor acht Monaten war Juliards Mutter an einem Herzinfarkt gestorben, zwei seiner Brüder leben in der Nähe von Boston. Sein Vater ist Maurer, er verdient 15 Real am Tag, rund 6,50 Euro. Juliard war ein fröhlicher, kräftiger Junge, Gitarrist, Motorradfahrer. Er wollte seinem Vater ein neues Haus bauen und sich selbst einen Wunsch erfüllen: ein Auto.
Deshalb brach er mit seinem Freund Hermínio Cardoso dos Santos, 24, zur "Travessia" auf, der illegalen Einreise in die USA. Hermínio war schon mal mit einem falschen Pass in Italien gewesen, er hatte schwarz auf dem Bau gearbeitet, bis sie ihn erwischten und wieder nach Hause schickten. Ein Großteil der jungen Männer von Governador Valadares strebt in das vermeintliche Paradies im Norden.
Wohl aus keiner anderen Stadt Brasiliens haben sich so viele Menschen illegal in die USA abgesetzt. Die meisten der knapp 300 000 Einwohner von Valadares haben Verwandte in den USA. Die heiße, staubige Stadt am Fuße des Ibituruna-Bergmassivs lebt seit über 40 Jahren im Zyklus des Dollarstroms.
Doch jetzt kommen die Auswanderer zurück: Die USA gehen durch die schwerste Krise seit der Großen Depression der dreißiger Jahre, gleichzeitig boomt die Wirtschaft in Brasilien. Kaum eine Währung hat in den letzten Jahren so stark zugelegt wie der Real. Über 400 000 brasilianische Wanderarbeiter sind in den vergangenen zwei Jahren aus der ganzen Welt in die Heimat zurückgekehrt. Auch aus den USA gab es seit 2007 eine Nettoabwanderung von 40 000 illegal dort lebenden Brasilianern. "Das Auswandern lohnt sich nicht mehr", sagt der Lastwagenfahrer Rivaldo Godoy, 47.
Vor zehn Jahren war der stämmige Mann mit einem gefälschten Pass in die USA eingereist. Er fing an als Hilfskoch in New Hampshire, nach ein paar Jahren hatte er genug Geld für einen eigenen Lastwagen angespart. Er verdiente gut, doch dann begann die Krise, die Aufträge blieben aus. Schließlich erwischte ihn die US-Einwanderungspolizei.
Vor einem Jahr kehrte er nach Valadares zurück, mit den 250 000 Dollar, die er angespart hatte, baut er sich jetzt ein neues Leben auf. Er kaufte ein Haus und einen Lkw, in die USA zieht ihn nichts mehr zurück: "In Brasilien verdiene ich genauso viel." Die Rückkehr der Migranten markiert das Ende einer Epoche für Governador Valadares. Und sie ist ein Lehrstück über die Globalisierung - über die Chancen, die sie auftut, und die Tragödien, in die sie führt.
Der Traum vom schnellen Geld im kalten Norden begann in den vierziger Jahren, als die Minenbaugesellschaft Vale do Rio Doce mit amerikanischer Hilfe eine Eisenbahnlinie an die Küste baute. Die US-Ingenieure errichteten ihre Häuser im amerikanischen Stil, führten Kühlschränke und Stereoanlagen ein und bezahlten ihre Hausangestellten in Dollar.
Die Söhne der Farmer und Geschäftsleute von Valadares bewunderten den American Way of Life. Als die Amerikaner gingen, folgten ihnen viele in die USA, später holten sie ihre Familien nach. Wer zurückkam, schwärmte vom Wirtschaftswunderland, wo sich in einem Jahr so viel verdienen ließ wie in Brasilien in zehn.
In den achtziger Jahren waren es Hunderttausende, die vor Hyperinflation und Wirtschaftskrise in die USA flohen. Governador Valadares wurde zur Hauptstadt der Neureichen und der Dokumentenfälscher. In den Hinterstuben der Reisebüros kopierten Gauner Pässe, Visa und Geburtsurkunden. Wer aus Valadares kam, galt bei den US-Konsulaten automatisch als verdächtig.
Es war die Mittelschicht, die sich in die USA absetzte: Ärzte verdingten sich als Bauarbeiter, Ingenieure schlugen sich als Gärtner durch, Lehrerinnen als Hausmädchen und Putzfrau. Die meisten gingen in den Norden der USA, wo sich mehr verdienen ließ als im Süden. In der Region um Boston leben einige hunderttausend Brasilianer.
Mit den "remessas", ihren Rücküberweisungen, halfen sie ihren Familien, bauten Häuser und gründeten Geschäfte. Der Strom des Dollar ließ ihre Heimatstadt aufblühen: "Je schlechter es Brasilien geht, desto besser geht es Valadares", sagt die Soziologin Sueli Siqueira, Autorin einer Studie über die brasilianischen Migranten.
Den letzten großen Aufschwung erlebte die Stadt vor dem ersten Wahlsieg von Luiz Inácio Lula da Silva im Jahr 2002: Finanzexperten und Wirtschaftsbosse fürchteten, dass in Brasilien der Sozialismus ausbrechen werde. Viele Anleger zogen ihre Gelder ab, der Real fiel auf fast vier zu eins zum Dollar. Die Migranten jubilierten.
Doch die Lula-Angst war unbegründet, unter dem Arbeiterpräsidenten, dessen Amtszeit drei Monate nach der Wahl am kommenden Sonntag zu Ende geht, ist das Land aufgeblüht. Während der Real rasch an Wert gewann, krachte in den USA das Finanzsystem zusammen. Viele Einwanderer verloren ihr Haus, der Zinsanstieg erwischte sie unvorbereitet, sie konnten die Raten nicht mehr zahlen. Oft reichte das Ersparte nicht mal mehr für ein Rückflugticket. Viele Familien schicken jetzt Geld in die USA, um ihren Verwandten zu helfen. "Die meisten Migranten kehren ohne einen Cent in der Tasche zurück", sagt Sueli Siqueira.
Inzwischen geht es Brasilien gut und den aus Valadares Ausgewanderten schlecht. Das Drama der Rückkehrer hat die einstige Boomtown zur Krisenregion gemacht. Weil die Remessas ausbleiben, ist das Wirtschaftsaufkommen der Stadt um 40 Prozent geschrumpft. Während der Rest Brasiliens kräftige Wachstumsraten verzeichnet, wächst in Valadares nur die Zahl der Arbeitslosen. Es gibt kaum Industrie, der größte Arbeitgeber ist die Stadtverwaltung. "Wir werden zum Armenhaus Brasiliens", klagt Bürgermeisterin Elisa Costa.
Costa gehört Lulas Arbeiterpartei PT an, von der Zentralregierung erhält sie Sozialhilfe für die Bedürftigen und finanziert Programme für die Wiedereingliederung der Rückkehrer. Aber die ehemaligen Emigranten haben meist keine Berufsausbildung. Viele sind zudem ausgelaugt von der Arbeit in den Vereinigten Staaten. "Nur die Ärmsten glauben noch an ein besseres Leben in den USA", sagt Costa.
Zu diesen Ärmsten zählten Juliard und sein Freund Hermínio. Sie hatten nicht vom Wirtschaftsaufschwung profitiert, ihre Familien erhalten keine staatliche Sozialhilfe. Juliard verkaufte sein Motorrad, Hermínio pumpte seine Schwester in Italien an. Cousins und Cousinen legten zusammen für die Reise. Bei einem illegalen Reisevermittler hinterlegte Hermínio 13 000 Dollar für Flugtickets, Schmiergelder für mexikanische Polizisten und die Gebühr für den "Coyote", den Schlepper, der sie über die Grenze schleusen sollte. Sie versprachen anzurufen, sobald sie US-amerikanischen Boden betreten würden.
Am 3. August verabschiedeten sich die Jungen von der Familie. Hermínio sagte zu seiner Mutter: "Ich komme erst zurück, wenn ich dir ein Haus bauen kann." Die beiden wollten nach Boston. Juliard hatte eine Tasche mit drei Hosen und Hemden dabei; am Tag der Abreise trug er Turnschuhe, Jeans und ein schwarzes T-Shirt, in der Unterhose hatte er den Pass und 600 Real.
Von São Paulo flogen die beiden Freunde nach Guatemala. Mexiko hat auf Druck der Amerikaner Visumzwang für Brasilianer eingeführt, für Guatemala reicht der Reisepass. Ein Coyote brachte sie nach Mexiko.
Sie durchquerten das ganze Land, Ende August erreichten sie San Fernando nahe der Grenze zu den USA und schlossen sich einer Gruppe anderer mittel- und südamerikanischer Migranten an. Ein weiterer Coyote, diesmal ein Mexikaner, sollte die Illegalen nach Texas führen.
Doch dazu kam es nicht. Stattdessen geriet die Gruppe in die Fänge eines Drogenkartells, das sie auf einer Farm in der Nähe der Grenze zusammentrieb und vor die Wahl stellte: Entweder nehmen sie Kokain mit in die USA - oder es wird nichts mit der Reise ins gelobte Land. Die jungen Männer weigerten sich, mit Drogen wollten sie nichts zu tun haben.
Mit Maschinenpistolen mähten die Killer des Kartells die Wanderarbeiter nieder, viele richteten sie mit Genickschuss hin. 72 Menschen starben, nur 3 überlebten.
Juliards Vater erkannte den Leichnam seines Sohnes in den Abendnachrichten im brasilianischen Fernsehen, er trug immer noch das schwarze T-Shirt, mit dem er aufgebrochen war. Einen Tag später rief das Außenministerium an. Neben dem Körper des Sohnes hatte die Polizei seinen Pass gefunden. Hermínios Vater Antônio Ramos dos Santos gab eine Speichelprobe ab, sein Sohn wurde mittels DNA-Test identifiziert.
Ende kommender Woche sollen die Leichname der beiden Freunde nach Brasilien zurückkehren, so lange dauert der Papierkrieg mit den mexikanischen Behörden. Die Familien wollen sie auf dem Friedhof von Sardoá beisetzen.
Juliards Vater hat schwarze Fahnen und die brasilianische Flagge vor seinem Haus gehisst. "Sie waren keine Drogenhändler, sie wollten nur ein besseres Leben", sagt er. Er weint.
Die Gitarre und ein Passfoto - mehr ist ihm von seinem Jüngsten nicht geblieben.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 39/2010
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