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DER SPIEGEL

LEGENDENDer Fluch des Rock'n'Roll

Keith Richards ist eine der großen Heldenfiguren der Rockmusik. Nun, im Alter von 66 Jahren, veröffentlicht der Gitarrist der Rolling Stones seine Memoiren. Sie erzählen die Geschichte eines Überlebenskünstlers, der dem Ruhm, den Drogen und dem Wahnsinn trotzte. Von Thomas Hüetlin
Keith Richards ist noch nicht lange wach. Unten auf dem Broadway riecht es nach Abgasen und Billigparfüm, oben im New Yorker Büro seiner Managerin hängen goldene Schallplatten an den Flurwänden. Es wirkt ein wenig langsam und vorsichtig, wie er da entlangschlendert, so als ob sein Körper eine Gitarre wäre, die er erst noch stimmen muss.
66 Jahre ist er jetzt alt, sein Gesicht sieht aus wie ein ungemachtes Bett. Keith Richards trägt ein grünes T-Shirt, auf dem ein Porträt von Keith Richards gedruckt ist, sehr jung, sehr hübsch, es stammt aus einer Zeit, als die langen Nächte, die aufgedrehten Verstärker, der Sex, der Alkohol, das Heroin noch keine Spuren hinterlassen hatten.
Richards bemerkt den erstaunten Blick und sagt: "Das T-Shirt hat Johnny mir geschenkt. Wir haben dieselbe Größe. Wir tauschen die ganze Zeit Klamotten."
Man könnte jetzt fragen, von welchem Johnny eigentlich die Rede ist, aber so funktioniert Keith Richards nicht. Johnnys T-Shirt, das ist einfach nur der erste Akkord dieses Tages.
Richards hält einen roten Becher in der Hand, die Eiswürfel klimpern, auf dem Tisch steht ein Totenkopf aus rosa Plastik, er nimmt sich eine Zigarette. Die Geschichte kommt ins Rollen.
Das T-Shirt hat Richards seit zehn Jahren, er sagt, er habe es vielleicht einmal gewaschen. Aber das sei nicht wichtig. Wichtig sei, dass Johnny ganz passabel mit einer Gitarre umgehen könne.
Johnny und Richards haben sich über Richards' Sohn Marlon kennengelernt. Manchmal improvisierten die beiden zusammen. Nach zwei Jahren, sagt Keith Richards, habe er Johnny gefragt, was er eigentlich sonst so tue.
Filme, sagte Johnny. Allmählich dämmerte Richards, dass der Typ, mit dem er zwei Jahre lang rumgedaddelt hatte, Johnny Depp war.
Ist nun Keith Richards ein Idiot im Dauerdrogennebel, der nicht mehr mitbekommt, was um ihn herum passiert?
Nicht wirklich. Die Geschichte ist nur typisch für einen Mann, der sich nicht viel aus der Welt der Stars und Prominenten macht, obwohl er jetzt seit 45 Jahren in der obersten Liga mitspielt. Es ist ihm anscheinend egal, ob einer 20 Millionen Dollar für einen Film bekommt oder 200 Dollar oder gar nichts, solange der Typ unterhaltsam ist oder schlau oder wenigstens mit einer Gitarre umgehen kann.
Depp hat Richards dann später gefragt, ob er ihn als Vorbild für eine Rolle nehmen könne. Der Film, um den es ging, heißt "Fluch der Karibik", und Depp spielt darin diesen merkwürdigen Piraten Jack Sparrow, einen Typen, der seine Augen dunkel schminkt, zu viel Haschisch raucht und sich langsam und tastend wie in Zeitlupe bewegt. Ein Freibeuter, ein Freidenker, der nur das tut, was er will, und der noch auf dem Weg zum Galgen seine Gelassenheit nicht verliert.
Seit 45 Jahren ist Keith Richards eine Lieblingsfigur der Popkultur. In den sechziger Jahren begründete er mit den Rolling Stones das goldene Zeitalter des Rock'n'Roll, und als in den späten siebziger Jahren die Punks gegen die Alten putschten, gehörte Richards immer noch zu den Unantastbaren, weil sie alle, Patti Smith, Mick Jones von The Clash oder Richard Hell, so cool sein wollten wie er. Und heute geistert diese Figur in Hollywood-Blockbustern herum, deren Publikum mit dem iPod aufgewachsen ist und wahrscheinlich keine Ahnung hat, dass Jack Sparrow in Wahrheit den Rock'n'Roll miterfunden hat.
Richards ist ein Rätsel, immer noch. Ihn umgibt ein Nebel aus Drogen und Ruhm, Geld und Gitarrenriffs, es ist die Geschichte eines Mannes, die eine große Frage stellt: Wie überlebt man das alles, ohne den Verstand zu verlieren?
Er hat sich lange hinter seinem Image versteckt. Vor über zwei Jahren fotografierte ihn Annie Leibovitz für eine Anzeige von Louis Vuitton. Keith Richards ist darauf zu sehen mit einer schwarzlackierten Gibson. "Einige Reisen", steht darunter, "kann man nicht in Worte fassen. New York, 3 Uhr morgens. Blues in C."
Nun ist es drei Uhr nachmittags, und Richards ist in das Büro seiner Managerin gekommen, um über diese Reise zu sprechen. Zusammen mit dem Autor James Fox hat er seine Biografie verfasst(*). 736 Seiten ist das Buch dick, die Rechte wurden auf der Buchmesse in Frankfurt am Main vor drei Jahren versteigert. Es gab 10 Seiten zu lesen, eine kleine Kostprobe, mehr nicht. Nach einem Wettbieten betrug der Vorschuss 5,5 Millionen Euro. Wohl noch nie ist für die Biografie eines Musikers eine solche Summe bezahlt worden.
Angeblich wollten die Leute vom Verlag, dass es "My Life" heißt. Richards soll den Entwurf genommen und das "My" durchgestrichen haben.
Die einzige Sorge war, ob sich Richards überhaupt erinnern könne. Und würden diese Erinnerungen irgendetwas mit dem zu tun haben, was tatsächlich passiert ist?
Richards schaukelt auf seinem Stuhl hin und her, sein Oberkörper schwankt wie eine Boje im Wasser, Keith Richards groovt sich ein.
Zeit für die zweite Marlboro. Im roten Becher eine farblose Flüssigkeit. "Limonade", sagt Richards, "die harten Sachen kommen jetzt erst nach Sonnenuntergang." Er wäre lieber auf Tournee gegangen, als dieses Buch zu machen. Aber er war der einzige Rolling Stone, der das wollte. "Es war eine Erleichterung", sagt er, "als wir feststellten, dass mein Gedächtnis noch ganz gut funktioniert." Es folgt ein heiseres Lachen, das klingt, als hätte jemand einen Betonmischer angeworfen.
Mick Jagger hat sich vor zehn, fünfzehn Jahren selbst einmal an einer Autobiografie versucht und Richards mit Anrufen gequält:"Äh, was haben wir am 15. August Neunzehnhundertirgendwas gemacht?"
"Mick, es ist dein Buch, ich erinnere es nicht." Jagger habe schließlich den Vorschuss zurückgezahlt.
"Life" ist die Geschichte eines Lebens am Limit. Die Geschichte eines Unerschrockenen, der sich auf dieses damals neuartige Abenteuer namens Rock'n'Roll einlässt, die erzählt von mahagoniblitzenden Privatjets, von Drogenknästen und
abgebrannten Villen, von Orgien und dem Tod der Freunde.
Richards schont niemanden, weder Mick Jagger noch sich selbst. Er beschreibt, wie er in einem Nachtclub unterm Tisch sitzt und um Heroin bettelt, er erzählt, wie er seinen knapp siebenjährigen Sohn Marlon mit auf Tour durch Europa nimmt und ihn im Auto anweist, die Landesgrenzen im Autoatlas zu studieren: "Marlon war voll bei der Sache. ,Noch 15 Kilometer bis zur Grenze, Dad.' Das war das Signal, um rechts ranzufahren, einen Schuss zu setzen und das Zeug entweder loszuwerden oder irgendwo zu bunkern."
Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison, das waren die ersten Drogentoten des Rock'n'Roll. Richards führte jahrelang die Liste an, die der britische "New Musical Express" über Popstars führte, die es als Nächste erwischen könnte. Er gewöhnte sich daran, kokettierte am Ende damit. "Das war die einzige Hitliste, bei der ich zehn Jahre lang an der Spitze stand", schreibt er heute. "Tatsächlich war ich ein wenig enttäuscht,
als ich ein paar Plätze runterrutschte. Schließlich landete ich auf Platz neun. O mein Gott, jetzt ist alles aus." Wieder das Betonmischer-Lachen.
Er hat so lange dem Tod getrotzt, dass er nun als der große Überlebenskünstler des Rock'n'Roll gilt. Der amerikanische Late-Night-Moderator Jay Leno fragte, warum wir keine Flugzeuge bauen können, die das aushalten, was Richards aushält.
Richards kennt diese Scherze und sagt, er sei gern bereit, seinen Körper nach seinem Ableben der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Wölfisches Grinsen. "Aber ich fürchte, dass die Herrschaften ihn ablehnen werden."
Seine Abneigung gegen diese Herrschaften ist etwas, das er sich über die Jahrzehnte bewahrt hat. Als Mick Jagger vor ein paar Jahren von Prince Charles zum Ritter geschlagen wurde, ist Richards fast durchgedreht vor Wut.
Jagger und Richards kommen aus Dartford, einer Kleinstadt östlich von London. Jagger lebte im besseren Dartford, Richards im hässlichen. Nach Dartford schob London gern die unangenehmen Dinge ab: Pockenkrankenhäuser, Schießpulverfabriken, Irrenhäuser. Richards bekam nonstop auf die Schnauze. Von den Lehrern, von den Mitschülern, von der britischen Klassengesellschaft, die Burschen wie ihn über Jahrhunderte in Kriegen und Fabriken verheizt hatte. Das Gitarrespielen lernte er in der Schule auf dem Klo.
Im April 1962 schrieb er einen Brief an seine Tante. "Liebe Pat, ich dachte immer, ich wäre meilenweit der einzige Fan von Chuck Berry, aber dann stehe ich eines Morgens mit einer Platte von Chuck am Bahnhof Dartford, als ein Knabe, den ich von der Grundschule her kenne, auf mich zukommt. Er besitzt alle Platten von Chuck Berry. Der Kerl da am Bahnhof heißt Mick Jagger. Außerdem ist Mick der größte R & B-Sänger auf dieser Atlantikseite, und das meine ich ernsthaft."
Der Blues. Es ist jetzt ziemlich still in diesem Büro hoch über dem Broadway, als hätte jemand ein Lagerfeuer angezündet. Zeit für die nächste Marlboro. Warum ausgerechnet der Blues?
Die Beatles eroberten das Land damals mit euphorisierendem, rosarotem Pop. Warum identifizierten sich die Stones mit der Musik der Nachfahren schwarzer Sklaven aus dem Mississippi-Delta? Einer Musik, die in den weißen Hitparaden nicht vorkam?
"Alles stammt vom Blues ab", sagt Richards, "sogar der Jazz. Der Blues ist ehrlich und wahr, er ist voller Leiden und Trauer." Er und die Jungs hätten damals nicht an Geld gedacht, sie hätten eine Mission gehabt. Sie hieß: die verdammt noch mal beste Blues-Band Londons zu werden.
Der Erfolg kam trotzdem, und damit er noch größer wurde, sperrte Manager Andrew Loog Oldham Jagger und Richards in einer Küche ein. Er zwang sie, ihren ersten eigenen Song zu schreiben: "As Tears Go By", eine zierliche kleine Ballade. "Wir hielten das Lied für erbärmlichen Dreck", sagt Richards.
Die Songs wurden rauer, dynamischer, sexier. Schließlich fiel Richards "(I Can't Get No) Satisfaction" ein, im Schlaf, wie er schreibt. Am folgenden Morgen nahm er sich den Kassettenrekorder neben seinem Bett vor. Er hörte die Gitarre, dann sein eigenes Schnarchen, 40 Minuten lang.
Mit "Satisfaction" etablierten sich Jagger und Richards endgültig als das neue Kraftzentrum der Stones. Brian Jones, der vielleicht begabteste Musiker der Band, aber auch der eitelste, verkraftete das nicht. Er schwänzte Aufnahmen, wollte nicht auf Tournee, erzählte langatmig von seinen LSD-Trips, verprügelte seine Freundin, die schöne Anita Pallenberg.
Befeuert von Drogen, eskalierten die Streitereien. Richards schreibt in seinem Buch, Jagger und er seien "unglaublich bösartig" gewesen zu Jones. Am 8. Juni 1969 warfen sie ihn aus der Band. Einen Monat später trieb Jones tot in seinem Swimmingpool, den Körper voller Alkohol und Drogen. 24 Jahre später soll zwar ein Handwerker namens Frank Thorogood kurz vor seinem Tod den Mord an Jones gestanden haben. Aber es bleibt ein unangenehmer Nachgeschmack. Es ist das schwärzeste Kapitel der Stones.
"Die Band konnte sich nicht mehr auf Brian verlassen", sagt Richards. "So brillant Brian war, er war vielleicht einer von den Menschen, für die es besser war, jung zu sterben."
Ein ziemlich harter Satz.
"Er wollte ein Star sein, und er hielt sich tatsächlich für einen. Aber das ist es nicht, worum es bei den Stones geht. Man kann manchmal so tun, als sei man ein Star, dem Publikum zuliebe."
Für Sie ist das nicht wichtig?
"Mit Sicherheit nicht. Aber um Platten machen zu können, muss ich das Spiel manchmal spielen."
Den Konflikt zwischen Blues-Musiker und Popstar gibt es heute immer noch bei den Rolling Stones, die Front aber verläuft längst zwischen Jagger und Richards. In diesem Krieg wurde Richards, möglicherweise gegen seinen Willen, selbst zum Star, zu einem Anti-Jagger, weil er die Grundwerte des Rock'n'Roll verteidigte: Spontaneität, Außenseitertum, Risiko, on the road sein, die Dinge auf sich zukommen lassen, in Schwierigkeiten geraten und am Ende den Schlamassel doch einigermaßen geregelt bekommen.
Nie wurde diese Haltung deutlicher als bei den Aufnahmen von "Exile on Main St.", dem Meisterwerk der Stones.
Es ist das Jahr 1971. Der Band droht der Bankrott. Sie flüchtet wegen gigantischer Steuerschulden nach Südfrankreich. Richards mietet die Villa Nellcôte. Im schlechtbelüfteten Keller wird ein Studio eingerichtet. In den Räumen darüber zerzauste Männer, sehr schöne Frauen und jede Menge Drogen. Vor allem Heroin.
Am liebsten arbeitet Richards nachts, wobei nicht so klar ist, wann bei ihm die Nacht anfängt.
Wenn es hieß, sechs Uhr abends ins Studio, ging es oft erst nach Mitternacht los. Oft verschwand er auf dem Klo, um sich einen Schuss zu setzen. Manchmal blieb er stundenlang weg.
"Während ich mich in dieser abgeschotteten Welt befand", schreibt Richards in seinem Buch, "lebten die anderen nach dem Lauf von Sonne und Mond. Sie wachten auf, gingen schlafen. Wenn man diesen Kreislauf durchbricht und vier, fünf Tage lang auf den Beinen ist, nimmt man all die anderen Menschen, die gerade aufgestanden sind oder ein Nickerchen machen, nur noch sehr entfernt wahr. Du arbeitest, schreibst Songs, überspielst Bänder, und dann kommen diese Leute reingeschlurft, die eben noch geschlafen haben. Die haben sogar was gegessen!"
"Exile" ist eine Richards-Platte, eine Heroin-Platte. Und im Grunde hat Jagger seinem Kollegen "Exile" nie verziehen.
Er habe, sagt Richards an diesem Nachmittag im Oktober 2010, Heroin auch als Schutzschild benutzt. "Mit Heroin kann man den Bullshit der Showbusiness-Welt besser ertragen. Man kann einen Schritt zurücktreten, die Sache in einem anderen Licht betrachten und trotzdem das Spiel spielen."
Es gelang ihm in den Siebzigern immer schlechter. Er sah aus wie ein Zombie, wurde von der Polizei gejagt, schlief mit einem Revolver unterm Kopfkissen, fuhr im Auto voller Plastikbeutel mit Kokain, Meskalin, Gras und Peyote durch die Gegend, wurde wieder erwischt, das Einreisen in die USA und nach Frankreich kompliziert.
Zusammen mit dem Banker Rupert Prinz zu Löwenstein hatte Jagger begonnen, die Finanzen der Band zu sanieren. Löwenstein war englisches Establishment, die Band wurde allmählich ein smart vernetztes, modernes Unternehmen. Als Richards Ende der siebziger Jahre den Entzug schaffte, wollte er wieder mitreden. Aber Jagger sagte immer öfter: "Ach, halt's Maul, Keith. Erzähl keinen Mist."
"Es war ein kleiner Schock", sagt Richards, und der Ausdruck kleiner Schock ist englisches Understatement für: Es war richtig widerlich. "Mick hatte sich anscheinend in der Zwischenzeit daran gewöhnt, Mr. Rolling Stones zu sein. Er hatte keine Lust, mich wieder reinzulassen. Mick wäre gern ein guter Geschäftsmann, und er ist es auch, aber ..."
Was hätten Sie anders gemacht?
"Ich will, zum Beispiel, keine persönlichen Beziehungen zu den Bossen von Plattenfirmen. Der ganze Punkt der Stones ist ein anderer: Wir sind eine verschworene Gemeinschaft, wir sind gefährlich, wir wahren Distanz. Es war dasselbe Problem wie mit Brian Jones. Wenn einer aus der Reihe tanzt, werde ich ziemlich ungemütlich."
Mitte der achtziger Jahre knallte es richtig. Richards fand heraus, dass Jagger im Windschatten eines 20-Millionen-Dollar-Vertrags der Rolling Stones einen millionenschweren Solo-Deal mit CBS platziert hatte.
Jagger war auf dem Absprung. Die Plattenfirma sprach davon, er könne so groß werden wie Michael Jackson. Es begann das, was Richards den "dritten Weltkrieg" der Stones nennt.
"Wenn er statt mit den Stones mit irgendeiner Schmock'n'Balls-Band auf Tour geht, dann schneide ich ihm die Gurgel durch", sagte Richards.
"Ich liebe Keith, ich bewundere ihn", konterte Jagger, "aber ich glaube kaum, dass wir je wieder zusammenarbeiten können."
Jahrelang ging das so. Jagger nahm Solo-Platten auf, zelebrierte mit Ballonfahrten über seinem Schloss an der Loire den, wie Richards schimpft, Lebensstil der "schwachsinnigen oberen Zehntausend".
Ende der achtziger Jahre meldete sich Jagger wieder bei ihm, die Solo-Karriere funktionierte nicht, er fragte, ob man es nicht noch mal versuchen wolle. Richards willigte ein. Für ihn ist die Band fast alles. Immer noch. "Die Rolling Stones zusammen sind eine sehr, sehr gewaltige Kraft", sagt Richards an diesem Nachmittag in New York.
"Aber getrennt sind sie niemand."
Heute sind sie wieder eine der größten Bands der Welt, die immer neue Superlative aufstellt, noch mehr Zuschauer, noch mehr Einnahmen. Jaggers Vermögen wird heute auf 218 Millionen Euro geschätzt, Keith Richards' auf 201 Millionen. Aber es ist ein merkwürdiger Triumph.
Die Stones der vergangenen 20 Jahre, das ist die berühmteste dysfunktionale Familie des Rock'n'Roll, eingemauert in das Mausoleum ihres Erfolgs, angeführt von zwei Männern im Rentenalter, die sich nur noch begegnen, wenn es sich überhaupt nicht vermeiden lässt.
Keith Richards zündet sich seine sechste Marlboro an. Er wirkt heiter, sanft
getrieben von dieser strubbeligen Keith-Richards-Energie, bereit, wieder auf große Fahrt zu gehen.
Aber will das auch Mick? Sie sprechen, wie gesagt, nicht oft miteinander.
Dann sagt Richards: "Charlie Watts ist der erstaunlichste Mensch in der Band." Wenn er wissen wolle, was los sei bei den Stones, rufe er Charlie an. Mick mache es genauso. Inzwischen.
Richards bläst den Rauch vorbei an seiner Hand, an einem Finger steckt ein silberner Totenkopf.
Es gibt da eine berühmte Anekdote über Charlie Watts und die Stones, sie spielt 1984 in Amsterdam. Jagger und Richards gingen gemeinsam einen trinken. Richards lieh Jagger ein Jackett, das er bei seiner Hochzeit getragen hatte, die Nacht war kühl. Als sie um fünf Uhr früh wieder im Hotel erschienen, wählte Jagger die Nummer von Charlie Watts: "Wo bleibt mein Schlagzeuger?", fragte er in die Muschel.
20 Minuten später klopfte Watts an die Tür. Maßanzug aus der Savile Row, Krawatte, aufpolierte Schuhe, frisch rasiert. "Nenn mich nie wieder deinen Schlagzeuger!", sagte Watts und schlug sofort zu. Mit der Faust. Jagger taumelte. Richtung Fenster. Richtung Gracht. Richards fing Jagger auf.
Später, sagt Richards, habe Watts gefragt: "Warum hast du ihn festgehalten?"
"Er hatte mein Hochzeitsjackett an."
Richards drückt die Marlboro aus, er steht auf, sagt: "Komm, ich zeig dir was."
Er reißt die Tür auf, es ist das Büro seiner Managerin Jane Rose, die ihn Ende der Siebziger zum Entzug zwang, die tagelang an seinem Bett saß, so lange, bis er das Heroin herausgeschwitzt hatte, und die Mick Jagger später rauswerfen wollte.
Die Nachmittagssonne scheint in das Zimmer, Jane Rose ist etwas erschrocken, draußen vor den Fenstern der weite Himmel über New York.
"Da", sagt Richards und deutet auf die Wand hinter Rose. Ein Foto von Che Guevara ist zu sehen, daneben, gerahmt, eine Aquarellzeichnung. Sie zeigt eine Faust.
"Das ist die Faust von Charlie", sagt Richards. "Ich habe sie gemalt."
Es ist der letzte Akkord, den er spielt an diesem Nachmittag. ◆
(*) Keith Richards mit James Fox: "Life". Heyne Verlag, München; 736 Seiten; 26,99 Euro.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 43/2010
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