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DER SPIEGEL

BRASILIENKein Koks für Ipanema

Rio de Janeiro bereitet sich auf die Fußball-Weltmeisterschaft vor: Die Polizei versucht, die Armenviertel zu befrieden, die seit Jahrzehnten Schauplatz brutaler Drogenkriege sind.
Am D-Day, wie die Zeitung "O Globo" diesen Tag später nennen wird, zieht Silvia Perrone, 46, ein weißes T-Shirt über, schlüpft in lila Sandalen und nimmt den Fahrstuhl an die Front. Geräuschlos gleitet sie im Glaslift empor, über die Dächer und Penthouses von Rios Reichenviertel Ipanema hinaus. Am Horizont schimmert der Atlantik in der Morgensonne.
Nach rund 80 Metern stoppt die Kabine, die Tür öffnet sich, der Blick fällt auf ein Meer von rostroten Hütten, die wie Waben an den grünen Hängen kleben. "Willkommen in Cantagalo!", ruft Perrone. 13 französische Touristen grüßen zurück. Sie haben eine Favela-Tour gebucht: zwei Stunden Armut und eine Samba-Show. Perrone wird sie durch den Slum führen. Sie hat eine Agentur für Favela-Tourismus gegründet, ein Unternehmen mit Zukunft in Brasilien.
Denn in den Favelas entscheidet sich, ob die Stadt und dieses Land tatsächlich bereit sind für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele zwei Jahre später. Ob die "Cidade Maravilhosa", die "wunderbare Stadt" Rio de Janeiro, das Aushängeschild Brasiliens, auch in den Armenvierteln für Sicherheit sorgen kann. Ob es dem Staat gelingt, die Herrschaft der Gangster über die Slums zu brechen.
Zum ersten Mal seit Jahrzehnten sind die Cariocas, wie die Einwohner von Rio genannt werden, zuversichtlich. Bis vor einem Jahr herrschte in Cantagalo das "Rote Kommando", die größte Verbrecherorganisation der Stadt. Ihr Chef ließ Menschen foltern, vierteilen und oben auf dem Hügel verbrennen, manche bei lebendigem Leib. Rund 200 Kämpfer hatte er unter seinen Waffen.
Ab und zu führte die Polizei Razzien durch, lieferte sich Scharmützel mit den Rauschgiftdealern und stellte ein paar Gramm Kokain oder ein paar Kilo Marihuana sicher. Dann zog sie sich wieder zurück. Polizisten standen auf der Lohnliste der Mafia, die Einwohner litten, die Gangster missbrauchten sie als menschliche Schutzschilde. Doch vor einem Jahr, kurz nach der Olympia-Entscheidung für Rio, stürmte eine Spezialeinheit der Polizei den Hügel. Es gab eine kurze Schießerei, und die Drogenhändler flüchteten. Die Polizisten aber blieben an diesem Tag. Sie richteten sich in einer Schule eine Revierwache ein. 80 von ihnen sind seither dauerhaft in dieser "Befriedungseinheit" stationiert, sie patrouillieren Tag und Nacht.
Mit der Polizei kamen Sozialarbeiter und Kindergärten, die Stadtverwaltung spendierte ein Schwimmbad, eine Bibliothek und kostenloses Internet für die ganze Siedlung. Die größte Attraktion aber ist der Fahrstuhl: Cantagalo ist die einzige Favela Rios, die sich über einen gläsernen Lift erreichen lässt. Der Aufzug ist an eine neue U-Bahn-Station angeschlossen, in den mit Marmor ausgelegten Tunneln wird klassische Musik gespielt. Die Bewohner sollen sich nicht länger als Bürger zweiter Klasse fühlen.
Zu dieser verordneten Metamorphose gehört auch die Entdeckung der Favelas als Touristenziel. Von den Slum-Hügeln hat man immerhin eine phantastische Aussicht auf das Meer und die Berge.
"Arbeit im Tourismus ist eine Alternative für viele junge Männer, die früher von den Drogenhändlern rekrutiert wurden", sagt Perrone. Sie hat vier Jugendliche zu "Guides" umgeschult, die Stadtverwaltung bildet weitere 50 Jungen und Mädchen aus. Am Fahrstuhl empfangen sie in bunten Hemden die Besucher.
Durch schmale Gassen führt Silvia Perrone die Franzosen bis zu einer Halle, dem Sitz der örtlichen Sambaschule. Sie hat registriert, dass an diesem Morgen weniger Busse durch die Südzone brausen als sonst. In der Nacht haben sie in ihrer Straße ein Auto angezündet, nur wenige Meter vom Aufgang zur Favela entfernt. Sie weiß, dass die Gangster Cantagalo zurückerobern wollen.
Über 300 Favelas mit Hunderttausenden Einwohnern waren früher in der Hand dreier verfeindeter Rauschgiftkartelle. Die Drogenbosse jagten sich gegenseitig die lukrativsten Hügel ab, bei den Kämpfen kamen jedes Jahr Tausende ums Leben. Inzwischen sitzen die meisten der Capos in Haft und steuern von dort aus ihre Geschäfte. Anwälte und Familienangehörige schmuggeln Mobiltelefone und Nachrichten in die Gefängnisse. Aus 14 Favelas hat die Polizei die Gangs vertrieben, dort sind inzwischen "Befriedungseinheiten" installiert. Ende November riefen die Drogenbosse deshalb zum Widerstand auf. Eine Woche lang brannten in Rio Autos und Busse, 39 Menschen kamen ums Leben.
Dann schlug der Staat zurück. Am 28. November, dem D-Day, besetzten Polizisten mit Hilfe des Militärs die Mega-Favela "Complexo do Alemão" in der Nordzone, ein Hüttenlabyrinth mit über 80 000 Einwohnern. Auf den Hügeln hatte das "Rote Kommando" sein Hauptquartier, hier waren auch die Bosse von Cantagalo untergekrochen. Weniger als 24 Stunden brauchten die Polizisten, dann hatten sie die Siedlung eingenommen und hissten die brasilianische Flagge auf dem höchsten der Hügel. Ein symbolischer, ein historischer Akt.
Bei den Razzien nachher stellten die Sondereinheiten über 30 Tonnen Rauschgift sicher, sie fanden mehr als 200 Waffen aller Kaliber. Gut 130 Menschen wurden festgenommen, darunter einige wichtige Drogenbosse, andere flüchteten durch die Abwasserkanäle. Experten beziffern den Verlust, der der Drogenmafia bei der Besetzung entstand, auf rund 100 Millionen Real, etwa 45 Millionen Euro.
Erstmals konnten die Polizisten auf die Hilfe der Bevölkerung bauen. Noch nie hatten sie so viele anonyme Hinweise erhalten. Am Eingang zum Complexo do Alemão spannten Anwohner eine Wäscheleine mit Danksagungen an die Polizei. "Die Polizisten haben angeklopft und sich höflich vorgestellt, bevor sie mein Haus durchsuchten", berichtet Josefina, Inhaberin eines kleinen Ladens. Früher stürmten die Beamten ohne Vorwarnung die Häuser, oft erschossen sie Unschuldige.
Auf der Spitze des Elendshügels patrouillieren nun Beamte der Elitepolizei, die Zugänge zur Favela werden von Soldaten kontrolliert. Mindestens sechs Monate lang sollen die Streitkräfte bleiben, bis dahin will die Regierung hier eine weitere Friedenseinheit installieren. Eine Seilbahn, die auf die Spitze des Hügels führt, ist fast fertig, ein großer Teil des Slums verfügt über Abwasserleitungen.
Neben der Seilbahnstation hocken ein paar junge Männer. Der Platz war früher für die Drogenmafia von strategischer Bedeutung: Auf der einen Seite blickt man bis zum Internationalen Flughafen, auf der anderen Seite bis zur Christus-Statue auf dem Corcovado. Jeder Eindringling lässt sich Kilometer vorher erkennen.
Auf die Wand hinter den Jungen hat jemand ein "CV" gemalt, es ist das Kürzel des Comando Vermelho, des Roten Kommandos. In der Favela Cantagalo zeigt Fremdenführerin Perrone den Franzosen die Einschusslöcher in den Mauern; auch hier prangt ein verblichenes "CV".
João Ricardo Silva dos Santos, 33, einer von Perrones vier Guides, erklärt, was früher in dieser Ruine geschah: Hier wurde das Kokain gewogen, hier holten die Kuriere der Drogenbanden die Sendungen für die Kunden unten in den feinen Apartments von Ipanema ab. "Die Reichen sind nie selbst in die Favela gekommen", sagt er. "Sie haben das Rauschgift telefonisch bestellt."
"Aviãozinho", kleines Flugzeug, hießen die Kinder, die den Transport übernahmen, im Drogenhändlerjargon. Das war in den neunziger Jahren, als die Nacht von Ipanema leuchtete wie Schnee im Mondlicht. Auf den Kokain-Boom folgte das trostlose Zeitalter der Crack-Sucht, in den Aufgängen zur Favela verreckten die Süchtigen. "Ich bin ein Überlebender dieser verlorenen Jahre", sagt dos Santos.
Heute verteilt er Prospekte an die Touristen. Nach der Samba-Show steht der Besuch einer Boxschule, einer Surfer-Werkstatt und eines Ökogartens auf dem Besuchsprogramm.
Für 30 Real extra führt João Ricardo die Besucher auf den Gipfel des Hügels. Oben eröffnet sich eine atemberaubende Aussicht auf Rios Strände und die Südzone. Dieser Teil des Hügels war früher tabu. Es war der Folterplatz, die Richtstatt der Drogenmafia.
"Wir nannten diese Gegend Vietnam", sagt João Ricardo. Als die Polizei den Hügel stürmte, stolperte sie über Schädel, Zähne und Oberschenkelknochen, die Überreste einer grauenhaften Zeit. Silvia Perrone will auf dem Gipfel jetzt etwas ganz Neues beginnen, sie will Touristen in den Küstenurwald locken. "Die Natur hier ist völlig unberührt."
Es könnte gutgehen. Es wäre der Versuch, die Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen. Er muss nur noch gelingen.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 50/2010
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