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DER SPIEGEL

RUSSLANDGoodbye Lenin

Im Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau hat wieder mal der Frühjahrsputz begonnen. Zwei Monate lang werden an den mumifizierten Überresten des sowjetischen Revolutionsführers "prophylaktische Arbeiten" durchgeführt: Fachleute richten Körper, Kleidung und Sarg jenes Mannes her, der seit 87 Jahren in der Gruft an der Kremlmauer liegt. In diesem Jahr wird allerdings besonders heftig über Lenins Zukunft gestritten, Schuld daran sind ausgerechnet Mitglieder der Staatspartei "Einiges Russland". Auf der Website "goodbyelenin.ru" fragen sie ihre Landsleute, ob sie für die Umbettung der Leiche sind. Bis Mittwochabend antworteten 321 000 Russen: 67,6 Prozent von ihnen plädieren dafür, den Führer des Weltproletariats endlich auf einen Friedhof zu bringen. Neben Ex-Präsident Michail Gorbatschow sprachen sich Vertreter der orthodoxen Kirche für die Schließung des Mausoleums aus: Lenin sei "ein einzigartiger Sadist gewesen, genährt vom Hass gegen das eigene Volk". Die Aufbahrung der Lenin-Mumie mitten in Moskau sei "einfach ekelerregend", die Leiche gehöre vernichtet. Russlands oberster Mufti rief dazu auf, "diesen gottlosen Mann" den Kommunisten zu überstellen, die sollten Geld für ein eigenes Museum sammeln, in dem sie den Alten ausstellen könnten. Es sei unglaublich, dass der Staat noch immer das Aufpäppeln der Leiche finanziere. Die Kommunistische Partei wies die Umfrageergebnisse als "nicht repräsentativ" zurück.

DER SPIEGEL 10/2011
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