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DER SPIEGEL

„Helft mir“

Wie ein Mann aus Bayern zum Helden im Berliner U-Bahn-Schacht wurde
Die Nacht zum Ostersamstag dieses Jahres begann gut für Georg Baur. Er feierte in Berlin mit einem Kumpel, trank Bier mit Tequila und tanzte ein wenig. Um halb vier Uhr morgens saß Baur auf einer Bank in der U-Bahnstation Friedrichstraße und drehte sich eine Zigarette, als er hörte, wie neben ihm zwei Jugendliche einen Mann mit braunen längeren Haaren ansprachen.
Baur weiß nicht mehr genau, was sie sagten, es ging darum, ob der Mann mit den braunen Haaren die Jugendlichen falsch angeschaut hatte. Baur sah, wie der Mann aufstand, wie die Jugendlichen anfingen, ihn zu schubsen.
"Lasst gut sein", sagte Baur zu den Jugendlichen, "geht heim."
Baur war müde. Er hatte keine Lust auf eine Schlägerei, er wollte schlafen.
Er sagte einem der Jugendlichen, dass es doch egal sei, wen der Mann anschaue. Baur sah nicht, was hinter seinem Rücken passierte. Er hörte nur einen Knall. Ein Geräusch, wie er es nie vorher gehört hatte. Es war das Geräusch eines stumpfen Gegenstands, der auf einen Schädelknochen trifft.
Georg Baur war als Tourist in Berlin, er besuchte seine Schwester. Er lebt eigentlich in Bayern, im Dorf Hürnheim in Schwaben. Baur ist 21 Jahre alt, er arbeitet als Maler und wohnt bei seinen Eltern. Blumen wachsen in den Kästen vor seinem Fenster, sonntags nach dem Kirchgang kocht die Mutter Rouladen. In Hürnheim lässt man nachts die Türen offen, und wenn man Pfannkuchen brät und einem ein Ei fehlt, fragt man den Nachbarn. Man hilft in Hürnheim, wenn einer Hilfe braucht. Das ist die Welt von Georg Baur. In Hürnheim gibt es keine U-Bahn.
Als Baur den Knall hörte, am Ostersamstag in Berlin, ging er um eine Säule, die ihm die Sicht versperrte. Er sah den Mann auf dem Boden. Und er sah den Jugendlichen, es sah aus, als tanzte er vor Freude.
Dann ging der Jugendliche auf den Liegenden zu, als wollte er ihn treten. Baur packte den Jugendlichen an der Jacke und nahm ihn in einen Würgegriff.
Baur kennt Rangeleien aus seinem Dorf in Schwaben. Wenn sich die Burschen vom Schützenverein treffen, wenn sie Bier aus Maßkrügen trinken, kracht es auch mal. Aber wenn jemand am Boden liegt, ist Ende, sagt Baur.
Er hielt den Jugendlichen fest und schaute auf den Mann, der am Boden lag. Er sah, wie Blut aus Mund und Nase lief und wie sich eine kleine Pfütze um sein Gesicht bildete. Er sah nun auch die anderen Menschen. Manche liefen davon. Andere standen da und schauten zu.
"Helft mir", schrie Baur. "Macht irgendwas, ruft die Polizei." Die Menschen standen da, schauten, schwiegen. "Helft mir", schrie Baur wieder. Der Jugendliche in seinem Würgegriff wehrte sich. Baur wollte ihn festhalten, bis die Polizei kommt, falls die Polizei kommt, falls jemand die Polizei ruft. Er dachte nicht an den anderen Jugendlichen, bis er einen Tritt im Rücken spürte.
Baur fiel nach vorn. Er stützte sich ab und lockerte den Würgegriff. Er sah noch, wie die Jugendlichen rannten, und blieb allein zurück mit dem reglosen Mann und den reglosen Menschen. Baur sah die Blutlache und war sicher, dass der Mann tot sei. Er schrie den Menschen ins Gesicht, dass sie sich den Mann anschauen sollten. "Wenn er stirbt, seid ihr mit schuld", brüllte er. Er schrie, bis die Polizei eintraf.
Baur konnte erst wieder denken, als er auf der Couch lag bei seiner Schwester in der Wohnung. Was war passiert? Warum hatte er geholfen und andere nicht?
Er vermutet, dass die Menschen unter Schock standen. Sie waren gelähmt und konnten nicht helfen. Das wäre der beste Fall. Es kann auch sein, glaubt er, dass die Menschen Angst und sich bewusst entschieden hatten, nicht zu helfen.
Baur sagt, dass er keine Entscheidung getroffen habe, bevor er half, und dass das sein Glück war.
"Hätte ich überlegt, wäre der Mann vielleicht tot", sagt er.
Zivilcourage, so scheint es, entsteht nicht durch das Abwägen von Für und Wider. Sie entsteht dann, wenn Menschen wie Georg Baur zuerst an das Opfer denken und dann daran, was mit ihnen selbst passieren könnte, wenn sie helfen.
Ein paar Tage nach der Schlägerei schaute Baur im Internet ein Video, das eine Überwachungskamera von der Tat gemacht hatte. Er sah nun, was passiert war, als die Säule ihm die Sicht versperrt hatte. Er sah, wie der Jugendliche den Mann niederschlug und dann ein-, zwei-, drei-, viermal auf den Kopf trat.
Seit Baur diese Bilder gesehen hat, fragt er sich, ob er damit leben könnte, wenn er nicht geholfen hätte und der Mann gestorben wäre. "Ich könnte mein Leben lang versuchen, mein Gewissen damit zu beruhigen, dass ich einen Schock hatte", sagt er, "aber ich glaube, das würde nicht klappen."
Georg Baur ist mittlerweile wieder in Hürnheim im Haus seiner Eltern. Die Welt feiert ihn als Helden, aber für Baur ist diese Welt eine andere als vor Karsamstag. Er denkt an die harten Gesichter der Menschen, die nicht halfen.
Der braunhaarige Mann hat sich nicht gemeldet bei ihm. Aber die Mutter des Mannes hat Baur angerufen. Sie hat ihm gesagt, dass sie nicht weiß, wie sie ihm danken soll. Baur hat gesagt, dass sie ihm nicht zu danken braucht. Ist doch selbstverständlich, dass man hilft, hat er gesagt.
Von Takis Würger

DER SPIEGEL 18/2011
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