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DER SPIEGEL

ARABIENTyrannen auf dem Treck

Wie die arabischen Machthaber das erzwungene Ende ihrer Karriere erleben
Die Familien zerrissen, die Konten gepfändet und die Ehefrauen dem Selbstmord nah, die Statuen gekippt und dann diese Fotos vom Pöbel im eigenen Schlafzimmer: Es ist schon schwer, in diesen Wochen ein frischgestürzter Potentat zu sein.
Aus den Jägern sind Getriebene geworden. Aus den Mächtigen ohnmächtig Umherirrende, denen nichts sicher ist außer der Verachtung ihrer ehemaligen Untertanen bis zum letzten Atemzug.
Der eine, Husni Mubarak, wird auf einer Trage herumgeschoben, zwischen Krankenhaus und Gerichtssaal. Der andere, Libyens "Bruder Führer" Muammar al-Gaddafi, sollte schon unterwegs gewesen sein in einer kilometerlangen Wagenkarawane Richtung Ouagadougou, der Hauptstadt des westafrikanischen Burkina Faso - was sich aber nicht bewahrheitete.
Bis in die Nacht zum Samstag blieb er jedenfalls verschwunden. Vielleicht hat er sich ja in irgendeinem Erdloch versteckt, wie einst sein irakischer Kollege Saddam Hussein.
Per Trage, im Flieger oder im klimatisierten Allrad-Jeep - die gestürzten arabischen Diktatoren sind auf dem Weg in die Machtlosigkeit. Auf diesen Karriereknick waren sie nicht vorbereitet. Geschweige denn ihre Angehörigen.
Ein veritables Drama soll sich in der Familie von Zine el-Abidine Ben Ali abgespielt haben, Tunesiens ehemaligem Präsidenten. Mit Ehefrau und einigen Vertrauten war dieser am 14. Januar, angeblich bepackt mit Koffern voller Bargeld und Gold, ins saudi-arabische Exil geflüchtet. Nach Dschidda ans Rote Meer.
Dort soll Ben Ali sich von seiner Frau, Leila Trabelsi, getrennt haben, berichten tunesische Zeitungen. Denn Leila und ihre raffgierige Sippschaft seien schuld an dem ganzen Schlamassel. Vor einigen Wochen habe die einstige First Lady sich Gift besorgen lassen und es in ihrer Residenz eingenommen. Wegen der zu schwachen Dosis habe Leila überlebt und sei in ein Krankenhaus gebracht worden. Körperlich gehe es ihr wieder gut, so wird ein Arzt zitiert, sie leide aber unter Depressionen. Ben Ali soll seine Tage währenddessen mit Beten und dem Abfassen seiner Memoiren verbringen.
Gaddafi hat seine Frau Safia, die Tochter Aischa und zwei Söhne, Mohammed und Hannibal, über die Grenze nach Algerien bringen lassen. Auch für Mubaraks Clan stand im Februar schon eine Maschine bereit, mit Flugziel Abu Dhabi. Aber es gab keine Starterlaubnis mehr.
Die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien gelten als erste Anflugadressen, wenn es eng wird für gescheiterte Potentaten. Besonders das saudi-arabische Dschidda hat sich einen Ruf als Ruhesitz für Diktatoren erworben.
Idi Amin, der ehemalige ugandische Gewaltherrscher, hat dort die letzten 23 Jahre seines Lebens verbracht - laut seinem Sohn in einer 15-Zimmer-Marmor-Villa; das saudische Königshaus griff ihm mit monatlich 30 000 Dollar unter die Arme. Mit der Großfamilie aß er bei Kentucky Fried Chicken, mit seinen Kindern kaufte er bei Safeway ein, zu Hause spielte er schottische Militärmärsche auf dem Akkordeon.
800 Kilometer nordöstlich von Dschidda, in der Hauptstadt Riad, erholt sich gerade Jemens Präsident Ali Abdullah Salih von den schweren Verletzungen, die er bei einem Anschlag in Sanaa am 3. Juni erlitt. Ein 7,6 Zentimeter langer Granatsplitter hatte sich damals in seinen Brustkorb gebohrt, nur knapp vorbei am Herzen.
Mit seinen beiden Ehefrauen und 59 Getreuen, darunter der Parlamentssprecher und der Ministerpräsident, die bei dem Anschlag ebenfalls verletzt worden waren, wurde Salih nach Riad ins Militärkrankenhaus geflogen. Mittlerweile kann er wieder laufen, seine Wunden heilen fast so schnell, wie sein Wille zur Rückkehr wächst. Regelmäßig tritt Salih im Fernsehen auf, um seine baldige Ankunft in Sanaa anzukündigen. Ministerpräsident Ali Mohammed Mudschawar ist schon vorgeflogen.
Doch gehen bei ihm zu Hause in der Hauptstadt nach wie vor regelmäßig Zehntausende Jemeniten auf die Straße, um den Rücktritt von Salih zu fordern. Das mag der wahre Grund dafür sein, dass ihn die saudi-arabischen Ärzte noch nicht gehen lassen. Offiziell wird von rein medizinischen Gründen gesprochen.
Westliche Regierungen und das saudische Herrscherhaus werden sich derweil bereits Gedanken über eine hübsche Villa in Dschidda machen, die man dem Patienten nahelegen könnte. Das wäre auch besser für das Land. Und für die Familie.
Von Bastian Berbner und Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 37/2011
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