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DER SPIEGEL

MEDIKAMENTE„Pillen wie Bonbons“

Isabella Heuser, 56, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, über die leichtfertige Verschreibung von Antidepressiva
SPIEGEL: In den USA werden Medikamente gegen Depressionen häufig bei alltäglichen Stimmungsschwankungen eingesetzt. Gibt es diesen Trend auch bei uns?
Heuser: Wir beobachten ihn schon seit Jahren mit Sorge. Wer unter Verstimmungen oder milden Befindlichkeitsstörungen leidet, braucht in aller Regel keine Antidepressiva.
SPIEGEL: Wer verordnet die Mittel?
Heuser: Vor allem Hausärzte. Sie verschreiben die Medikamente oft, obwohl ihre Patienten nie einen Facharzt für Psychiatrie gesehen haben. Da werden potente Pillen wie Bonbons verteilt.
SPIEGEL: Helfen die Präparate denn bei schlechter Laune oder zu viel Stress?
Heuser: Sie sind bei Beschwerden, die auch von selbst wieder vergehen, völlig fehl am Platz. Das Ganze erinnert an die unsägliche Tendenz, bei jedem leichten Schnupfen Antibiotika zu verschreiben.
SPIEGEL: Und wie steht es mit den Nebenwirkungen?
Heuser: Anders als viele Beruhigungsmittel machen sie zumindest nicht abhängig. Aber wer zusätzlich zu den Antidepressiva andere Medikamente nimmt, etwa wegen Diabetes, muss durchaus mit unangenehmen Nebenwirkungen rechnen. Außerdem gibt die Solidargemeinschaft Geld für etwas aus, das nichts nützt.
SPIEGEL: Können die Mittel nicht immerhin verhindern, dass aus leichten Depressionen schwere werden?
Heuser: Doch, aber dazu müsste sicher sein, dass die Patienten tatsächlich unter einer Depression leiden. Und eine solche Diagnose sollte nur ein Psychiater stellen.

DER SPIEGEL 40/2011
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